Psychisch Kranke Kinder und Jugendliche: Diagnoseprävalenz gestiegen

Der Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) hat gestern bei der Fachtagung „Psychische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen in der ambulanten Versorgung“ in Berlin neue Daten vorgestellt. Das Zi hat sich in diesem Jahr mit der Epidemiologie und der ambulanten Versorgung psychisch kranker Heranwachsender beschäftigt und dabei vertragsärztliche Abrechnungsdaten der Jahre 2009 bis 2017 herangezogen.

Die Diagnoseprävalenz sei in diesem Zeitraum um 21 Prozent angestiegen, erklärte Annika Steffen, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Zi. Mehr als jeder vierte Heran­wachsende (3,2 Millionen) erhielt demnach im Jahr 2017 in mindestens einem Quartal eine Diagnose einer psychischen Störung; jeder sechste (1,9 Millionen) in mindestens zwei Quartalen. Mit Ausnahme der Entwicklungsstörungen und affektiven Störungen habe sich die Prävalenz aber seit 2014 stabilisiert. „Die Diagnoseprävalenz ist stark geschlechts- und altersabhängig“, betonte Steffen. Jungen sind generell häufiger von psychischen Störungen betroffen.

Ärzte für Kinder- und Jugendmedizin und Hausärzte spielen nach Angaben des Zi eine zentrale Rolle in der Versorgung: 97 Prozent der Betroffenen hatten mindestens einmal jährlich Kontakt zu ihnen. 70 Prozent hatten Kontakt zu Kinder- und Jugendpsychiatern oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Die Veröffentlichung der Daten im Versorgungsatlas ist für Dezember geplant.

ADHS bei Jungen dreimal häufiger diagnostiziert

Ein spezieller Fokus des Versorgungsatlas lag auf der Prävalenz der Aufmerksamkeits­defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in der ambulanten Versorgung. „Grundsätzlich gibt es keinen ansteigenden Trend der Diagnoseprävalenz in dem untersuchten Zeitraum von 2009 bis 2016“, sagte Manas Akmatov vom Zi. Bei Jungen werde etwa dreimal häufiger ADHS diagnostiziert als bei Mädchen. Festzustellen sei aber, dass die Diagnosecodes spezifischer würden.

Kinder in dünn besiedelten ländlichen Kreisen haben dem Epidemiologen zufolge eine höhere Diagnoseprävalenz als Gleichaltrige in der Stadt. Es gebe Hinweise auf einen Rückgang der regionalen Unterschiede (raumzeitliche Cluster) in der Diagnose­prävalenz, aber die Unterschiede seien immer noch erheblich. „Es gibt Hinweise auf unterdurchschnittliche Diagnosehäufigkeit bei Kindern mit Migrationshintergrund sowie auf überdurchschnittliche Diagnosehäufigkeit in Kreisen mit höherer Facharztdichte“, betonte Akmatov.

Eine weitere Erkenntnis, die bereits der Versorgungsatlas 2015 bereithielt: Kinder, deren Geburtstag kurz vor der Einschulungsdeadline liegt und die in dem entsprechenden Schuljahr eingeschult werden, haben ein um 25 Prozent höheres Risiko für eine ADHS-Diagnose als Kinder, die ein Schuljahr zurückgestellt wurden.

Frühzeitig erkennen und koordiniert behandeln

„Psychische Erkrankungen belasten nicht nur die betroffenen Heranwachsenden, sondern auch deren soziales Umfeld. Sie können eine eingeschränkte soziale Kompetenz und einen geringeren Bildungsabschluss nach sich ziehen, sie können chronifizieren und hohe Versorgungs- und Folgekosten verursachen“, sagte Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bei der Fachtagung.

Eine frühzeitige Erkennung und koordinierte Behandlung sei deshalb entscheidend, um Leid zu reduzieren, einer Chronifizierung vorzubeugen und die langfristigen Folgen zu minimieren, betonte er.