Elektronische Patientenakte: Einigung über die Zukunft der Aktenmodelle

In einer Absichtserklärung haben sich Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), GKV-Spitzenverband, Vertreter von Krankenkassen, Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik) weitgehend hinter verschlossenen Türen auf ein gemeinsames Vorgehen bei der elektronischen Patientenakte (ePA) verständigt.

Der Versicherte hat die Hoheit über seine Daten

GKV-Versicherte sollen künftig lebenslang eine standardisierte ePA nutzen können, um die eigenen Gesundheitsdaten und medizinischen Dokumente unabhängig von Leistungserbringern verwalten zu können. Der Versicherte hat die Hoheit über die Daten in seiner Akte und bestimmt, wer darauf zugreifen darf. Die Portabilität sämtlicher Daten in der ePA muss zudem auch bei einem Kassenwechsel gewährleistet werden.

Zentrale Datenhaltung der Anbieter.

Als Grundlage aller Aktenmodelle sollen perspektivisch – wie geplant – die ePA-Spezifikationen der gematiknach § 291a Sozialgesetzbuch (SGB) V dienen, die bis Ende 2018 vorliegen sollen. Das Modell der gematikberuht insbesondere auf der Erteilung von Zugriffsberechtigungen und einer zentralen Datenhaltung der Anbieter. Die Daten sollen dabei an die Akte des Versicherten nach dessen Zustimmung direkt aus dem Primärsystem des Leistungserbringers übermittelt werden können.

Für die elektronische Gesundheitsakte nach Paragraf 68 SGB V, die derzeit mehrere große Krankenkassenkonsortien erproben, sollen entsprechende Übergangs- und Migrationsregelungen entwickelt werden. Die Krankenkassen sollen ihre derzeitigen Aktivitäten fortsetzen und ihren Versicherten digitale Angebote machen, um Erfahrungen im Datenaustausch zwischen den an der Versorgung Beteiligten zu sammeln.

Zudem wurde eine Aufgabenverteilung verabredet. Danach ist die gematik weiterhin für die technische Infrastruktur im Hinblick auf Sicherheit, Interoperabilität und Praktikabilität zuständig. Sie legt die Standards und Schnittstellen der ePA fest und erteilt zudem die Zulassungen für Betreiber und Anbieter von ePA-Lösungen.

Die Krankenkassen sollen die grundsätzliche Aktenstruktur definieren und sich um die nicht medizinischen ePA-Inhalte kümmern. Neben einem standardisierten Bereich für medizinische Informationen soll es dabei künftig einen spezifischen Bereich für Informationen der Krankenkassen und einen Bereich für vom Versicherten bereitgestellte Daten geben.

KBV verantwortet technische und semantische Datenstruktur

Die KBV soll die technischen und semantischen Anforderungen an die medizinischen Daten verantworten – im „Benehmen“ mit den anderen Leistungserbringern, den Krankenkassen und der gematik sowie auf Basis internationaler Standards, heißt es.

„Uns ist es wichtig, dass wir uns auf eine klare Aufgabenteilung verständigt haben“, betonte KBV-Vorstand Thomas Kriedel. Wichtig sei jetzt, dass alle Beteiligten am gleichen Strang zögen und es in die gleiche Richtung gehe.

Die wichtige Patientenperspektive bei der Digitalisierung

Die Perspektive der Patienten findet häufig noch zu wenig Gehör, wenn es darum geht, Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzubringen. Dabei ist etwa die elektronische Patientenakte (ePA) für viele Menschen inzwischen als Thema präsent. Das machte Gerlinde Bendzuck von der Landesvereinigung Selbsthilfe Berlinbeim 3. Deutschen Interoperabilitätstag am 8. Oktober in Berlin deutlich.

Bendzuck verwies auf eine Umfrage des ePatient Survey unter 10.000 deutschen Bürgen, wonach der Begriff etwa bei der Hälfte der Bevölkerung bekannt ist und zwei Drittel von 10.000 Befragten sich eine ePA-Nutzung vorstellen können. In der Praxis sei das Thema Interoperabilität von der Patientenrealität aber noch weit entfernt, wie das Beispiel von nicht miteinander kompatiblen Wearables, die inzwischen vielfach im Gebrauch sind, zeige.

Interoperabilität ist ein Menschenrecht

„Interoperabilität ist ein Menschenrecht“, betonte Bendzuck. Sie präsentierte einen Katalog aus fünf Forderungen aus Patientensicht, um die Akzeptanz digitaler Akten und die Vernetzung im Gesundheitswesen voranzutreiben: „Das Wichtigste ist die Aufklä­rung von Patienten und Ärzten und sämtlichen anderen in der Behandlung mit Involvierten.“

Schließlich werde es langfristig einen Unterschied machen, ob es „nur“ zehn Prozent Aktenverweigerer oder aber 15 bis 18 Prozent Drop-outs im digitalen Gesundheits­system gebe. Zudem sei auch die Aufklärung der Ärzte und der Pflegenden nötig, denn im Patientenalltag erlebe man auf der Seite der Behandler häufig eine Verweigerungs­haltung, von Patienten generierte Daten überhaupt ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Darüber hinaus sei eine „konsequente Strategie für die Usability der Endprodukte“ erforderlich, so Bendzuck. „Das gilt im Bereich der Akten zum Beispiel auch für die Barrierefreiheit.“ Wenn etwa die Betaversion der Gesundheitsakte TK-Safe der Techniker Krankenkasse nicht barrierefrei für behinderte oder nicht einwilligungsfähige Personen sei, dann „ist das einfach zu kurz gedacht, gerade bei Referenzprojekten“.

Bei der Usability ist ihr zufolge auch die Datenmigration „extrem wichtig“. Wenn sich der Patient etwa für die „Vivy“-Akte entscheide, später aber auf ein anderes Datensystem wechseln wolle, müsse er die Gewähr haben, dass nicht nur die Basisdaten ohne Aufwand migrierbar sind, sondern dass auch die Trackerdaten oder andere eingespielte Daten auf einen Klick oder über einen vertrauenswürdigen Dienstleister ohne Mühe für den Patienten übernommen werden können.

Das Thema Selbstbestimmung mit Schreib- und Leserechten erfordere differenzierte, auch temporäre Freigabemöglichkeiten, die anwenderfreundlich gestaltet sein müssten. Die Austauschbarkeit einzelner Komponenten müsse von der Datenstruktur her grundsätzlich möglich sein, um beispielsweise die Wahlfreiheit zwischen Hausnotrufsystemen oder anderen Dienstleistern zu haben.

Der Umgang mit Daten soll zu mehr Patient Empowerment führen. Daher müsse der Patient die Möglichkeit haben, seine eigenen Daten einzupflegen und gut in die Akte zu integrieren. Darüber hinaus hängt aus Sicht der Patentenvertreterin nicht zuletzt auch die Bereitschaft zur Datenspende von der Usability ab.

Schweregradgestuftes sektoren­übergreifendes Versorgungsnetzwerk für psychisch Kranke gefordert

Auf die Bedeutung psychischer Erkrankungen als Volkskrankheit hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nerven­heilkunde (DGPPN) gestern Abend vor Gesundheitspolitikern, Vertretern von Selbstverwaltung und Fachverbänden sowie Wissenschaftlern in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft (DPG) am Berliner Reichstaggebäude hingewiesen.

„Rund 17,8 Millionen Menschen in Deutschland sind von einer psychischen Erkrankung betroffen, doch nur 19 Prozent befinden sich in professioneller Behandlung“, erklärte Arno Deister, Präsident der DGPPN. Psychische Erkrankungen stünden an zweiter Stelle der Ursachen für Arbeitsunfähigkeitstage, Frühberentungen aus diesem Grund seien seit Beginn der 90er-Jahre um 80 Prozent angestiegen.

Neue Faktensammlung und Standpunktepapier

Die Fachgesellschaft will dem entgegenwirken und präsentierte gestern eine neue Faktensammlung zum psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgungssystem. Anhand von Daten und Grafiken, Hintergrundgeschichten und Kurzinterviews aus Sicht von Ärzten, Betroffenen und Angehörigen wird in dem Dossier versucht aufzuzeigen, welche Barrieren, aber auch welche Chancen es im Zusammenspiel der verschiedenen Sektoren gibt.

Anknüpfend daran formuliert die DGPPN in einem neuen Standpunktepapier konkrete Handlungsfelder. Anhand der vier Schwerpunktthemen Versorgung, Forschung, Nachwuchs und Qualität werden in dem Papier Weichenstellungen herausgearbeitet, „um die Psychiatrie und Psychotherapie der Zukunft patientenorientiert, zeitgemäß und nachhaltig zu gestalten“, so DGPPN-Präsident Deister.

„Das Versorgungssystem für psychisch Kranke ist kaum noch zu überschauen – selbst für Fachleute oft nicht. Behandlungsverzögerungen und -abbrüche mit allen Konsequenzen für die Betroffenen sind oft die Folge“, betonte Deister. Notwendig sei ein schweregradgestuftes sektorenübergreifendes Versorgungsnetzwerk mit verbindlichen Kooperationen und klaren Verantwortlichkeiten.

„Partialinteressen“ dürfe dabei nicht allzu sehr nachgegeben werden. „Aus unserer Sicht ist der Gesetzgeber jetzt gefordert, hierfür zu sorgen“, sagte Deister. Die neue Regelung im Kabinettsentwurf für ein Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) sei deshalb zu begrüßen, müsse aber deutlich über die Richtlinienpsychotherapie hinausgehen.

Für die psychotherapeutische Behandlung sieht der TSVG-Kabinettsentwurf vor, dass diese künftig „im Rahmen einer gestuften und gesteuerten Versorgung“ erfolgen soll.

Dagegen wandte sich die vergangene KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung mit einer entsprechenden Resolution. Diese Regelung sei in keiner Weise geeignet, die psychotherapeutische Versorgung zu verbessern und die Wartezeit auf einen Behandlungsplatz zu verkürzen, heißt es darin. Zudem stelle eine gesteuerte Zuweisung zu definierten Behandlungs­pfaden speziell für Menschen mit psychischen Erkrankungen „eine ungeheure Diskriminierung dar“, so die KBV-Vertreter.