Peter Fiedler: Komplexe Krisen erfordern „Existenzielle Psychotherapie“

Störungskritische Lebensereignisse können sich zu existenziellen Krisen ausweiten. Gleitet einer Person diese Krise aus der Hand, nimmt das Leiden Merkmale einer psychischen Störung an. Wie eine darauf abzielende Existenzielle Psychotherapie und die entsprechende therapeutische Beziehung aussehen sollten und welche Entwicklungen zukünftig dafür nötig sind, untersuchte Prof. Dr. Peter Fiedler (Universität Heidelberg). Seine Ergebnisse sind nachzulesen in der aktuellen Ausgabe „Verhaltenstherapie & Verhaltensmedizin“ (1/18).

Existenzielle Krisen erlebt jeder – zu unterschiedlichen Lebenszeitpunkten und in unterschiedlicher Intensität. Hier stehen Fragen der Endlichkeit des Lebens, der Freiheit und Unfreiheit, der Vereinsamung und Isolation und das Erleben von Sinnlosigkeit im Mittelpunkt. Ob sich daraus psychische Störungen entwickeln, liegt aber nicht an der Häufigkeit oder am Ausmaß der Krise. Wichtig für die psychische Gesundheit ist, wie man sie nutzt, um sie rasch überwinden zu können. Je länger eine Krisensituation andauert, desto schwieriger ist es, wieder aus ihr herauszukommen.

Hier kommt die Existenzielle Psychotherapie zum Einsatz: bei schwer lösbaren Konflikten und existenziellen Krisen. Weit über die Behandlung von störungsspezifischen Symptomen setzt sie am ungelösten und unreflektierten Konflikt zwischen ambivalenten Ansprüchen an. Dabei arbeitet sie schulenübergreifend: Zentral ist vor allem die Ausgestaltung der therapeutischen Beziehung. Der Therapeut sollte von Anfang an optimistisch sein, dem Klienten aus seiner Krise heraushelfen zu können – und dies auch dem Patienten spiegeln. Mut und Zuversicht stehen hier im Vordergrund. Gemeinsam wird die Sinnhaftigkeit der Krise herausgearbeitet. Es muss ein klares Bild der Beziehungen und kollektiv-gesellschaftlichen Verhältnisse des Patienten entstehen. In einer wertschätzenden Akzeptanz sollten alle Handlungsalternativen transparent gemacht werden.

Wenn Patienten um ihre Existenz kämpfen, wenn es nicht um eine klar erkennbare psychische Störung geht, wenn sie vor zahlreichen, nur kompliziert zu lösenden Problemen stehen, dann ist es mit der Anwendung einer psychotherapeutischen Technik oder einer bestimmten, am Symptom ansetzenden Behandlung nicht getan. Die Therapie muss dann „ein extrem variierendes ‚Sich-Annehmen‘ sein, variabel je nach Zeitpunkt und Fall, fähig zur Solidarität mit dem Patienten und zur mutigen Neuorientierung“ – eben eine „Existenzielle Psychotherapie“.

>>Peter Fiedler: Existenzielle Psychotherapie. Die Gestaltung der therapeutischen Beziehung in der Behandlung von existenziell bedeutsamen Problem- und Lebenslagen. Verhaltenstherapie & Verhaltensmedizin, Ausgabe 1/2018, Seite 114–131. Pabst Science Publishers.

Apps können Schmerzpatienten helfen

Das Feld der Telemedizin ist nach Ansicht von Experten besonders bei der Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen ein wichtiger Zukunftsmarkt. „Bei Schmerzpatienten gibt es keine so große Notwendigkeit ständiger körperlicher Untersuchungen oder bildgebender Diagnostik“, sagte Carla Nau, Präsidentin des Deutschen Schmerzkongresses, der derzeit in Mannheim tagt.

Die weitere Therapie fuße vielmehr auf Faktoren, die beispielsweise von Apps sehr gut unterstützt werden könnten. „Dazu gehört, dass Apps dabei helfen, ein Schmerztagebuch zu führen oder Patienten daran erinnern, bestimmte Übungen zu machen“, erklärte die Medizinerin.

Gerade bei chronisch schmerzgeplagten Menschen setze die Therapie eben nicht in erster Linie auf die medikamentöse Behandlung. Sondern es gehe um die Begleitung bestimmter Techniken durch digitale Konzepte – ähnlich wie bei Sport- und Fitnessapps, sagte Nau, die in Lübeck die Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin leitet.

Der Markt von Schmerz-Apps ist nach Ansicht der Expertin allerdings unübersichtlich. „Alles kann auf den Markt kommen“, warnte Nau. Es gebe keine Regularien, viele der digitalen Angebote seien nicht zusammen mit Experten erstellt und würden nicht wissenschaftlich begleitet. „Wir brauchen letztendlich Qualitätssicherungsmaßnahmen“, sagte die Professorin.

In App-Stores gebe es mehrere Tausend Produkte zum Thema Schmerz. Klinische Studien lägen nur für eine geringere zweistellige Zahl vor. Unabdingbar sei, dass der Arzt sich gemeinsam mit dem Patienten in die Nutzung von Apps einbringe, gegebenenfalls eine Auswahl trifft und damit arbeite.

Die Veränderungen der Schmerztherapie durch digitale Angebote ist eines der Schwerpunktthemen des diesjährigen Kongresses.

Zwischen Kümmerer und Burn-out

Berlin – Die Struktur der niedergelassenen Ärzte in Deutschland verändert sich: Die Zahl der angestellten Haus- und Fachärzte steigt, in der jüngeren Generation von niedergelassenen Ärzten sind es überwiegend Ärztinnen, die in der Versorgung arbeiten. Die Wochenarbeitszeit sinkt – von 56,4 Stunden (2012) auf inzwischen 51,1 Stunden.

Dazu war die Zahl der Angestellten in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) war noch nie so hoch, die Zahl der Ärzte in Einzelpraxen noch nie so niedrig. Diese Daten aus dem Ärztemonitor 2018 haben heute die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der NAV-Virchowbund gemeinsam vorgestellt.

Aus dem vierten Ärztemonitor, den die Körperschaft und er Verband seit 2012 erstellen lassen, ergibt sich erneut, dass niedergelassene Ärzte mit ihrer beruflichen Tätigkeit hoch zufrieden sind. In der Telefonbefragung stimmten 81 Prozent der Teilnehmer „voll und ganz“ zu, dass ihre Arbeit nützlich und sinnvoll sei.

Unter den befragten Psychotherapeuten war die Berufszufriedenheit noch höher: Hier sehen 90 Prozent ihre Arbeit als „nützlich und sinnvoll“ an. Ihre Entscheidung für den Beruf zweifeln sie nicht an. So würden 65 Prozent der Ärzte sich definitiv wieder für das Arzt-sein entscheiden, 68 Prozent der Psychotherapeuten sehen dies für sich genauso.

So mancher Arzt fühlt sich ausgebrannt

„Erschreckend“ sei allerdings die Zahl der Ärzte, die angeben, sie fühlten sich durch ihre Arbeit ausgebrannt. So stimmten acht Prozent „voll und ganz“ zu, sie seien ausgebrannt, 25 Prozent sagten, sie stimmten eher zu. Bei den Psychotherapeuten ist die Zahl deutlich geringer: Hier erklärten 16 Prozent, sie stimmten einem Gefühl von ausgebrannt sein, zu, nur ein Prozent sagte „voll und ganz.“

Die Zufriedenheit mit dem Arztberuf spiegelt sich auch in den Antworten zur wirtschaftlichen Situation der Praxen wieder: So bewerten 69 Prozent aller befragten Ärzte ihre wirtschaftliche Situation als positiv, 14 Prozent sind sehr zufrieden, 55 Prozent eher zufrieden. 27 Prozent zeigten sich eher oder sehr unzufrieden.

Dabei fällt auf, dass besonders Hausärzte zufriedener mit den wirtschaftlichen Daten ihrer Praxis sind als Fachärzte. Bei den Psychotherapeuten sind 51 Prozent eher zufrieden sowie neun Prozent sehr zufrieden mit der wirtschaftlichen Situation, 32 Prozent sind eher unzufrieden sowie acht Prozent sehr unzufrieden.

„Wir sind eine Berufsgruppe, die sich sehr stark mit ihrer Arbeit identifiziert und sie gerne ausübt – obgleich die Rahmenbedingungen durchaus Anlass zur Kritik bieten“, kommentierte KBV-Vorstandsvorsitzender Andreas Gassen die Ergebnisse der Studie.

Für den Bundesvorsitzenden des NAV-Virchow-Bundes, Dirk Heinrich, zeigt sich: „Die Arbeitsbelastung wird einerseits durch eine hohe Berufszufriedenheit ausgeglichen, andererseits auch durch überdurchschnittliche Einkommensmöglichkeiten“, sagte Heinrich. Grund für die hohe Zufriedenheit sei auch die Freiberuflichkeit der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, so Heinrich.

Vor allem die deutlichen Veränderungen der ärztlichen Arbeitszeit bereiten Gassen und Heinrich Sorge. Zwar seien die 51 Wochenarbeitsstunden noch über denen der anderen Berufsgruppen, aber es sei immerhin ein Rückgang von zehn Prozent in den vergangenen sechs Jahren. „Es mag daran liegen, dass die Neigung zur Selbstausbeutung auch unter Ärzten heutzutage nicht mehr so ausgeprägt ist, wie noch vor zwanzig Jahren“, so Gassen.

Neben dem Generationswechsel und veränderten Lebensmodellen, steigt auch die Zahl der angestellten Ärzte. Diese arbeiteten in den MVZ laut Gassen oftmals in Teilzeit sowie aufgrund des Arbeitszeitgesetzes generell weniger als Selbstständige. „Wir haben es also in absehbar weniger mit einem Mangel an Ärzten, sondern in erster Linie mit einem Mangel an ärztlicher Arbeitszeit zu tun“, so Gassens Fazit.

Angestellte arbeiten deutlich weniger

Nach den Ausführungen von NAV-Chef Heinrich arbeiten in Einzelpraxen 90 Prozent der Ärzte in Vollzeit, im MVZ seien es nur 50 Prozent. „Mit MVZ und angestellten Ärzten allein kann die Versorgung nicht aufrechterhalten werden. Die selbstständig geführte Praxis muss demnach gefördert werden, um bei gleichbleibender Arztzahl die Versorgung sicherzustellen“, fordert Heinrich.

Auch aus diesem Grund warnt Gassen die Gesundheitspolitiker, nicht stärker in die Arbeit der Vertragsärzte einzugreifen. „Wenn es nicht gelingt, diesen Teufelskreis aus Arbeitszeitverknappung, Zerschlagung selbstständiger Strukturen und Madigmachen eines im Grunde geschätzten und vor allem gebrauchten Berufs zu durchbrechen, wird das System der ambulanten Versorgung früher oder später implodieren“, so Gassen vor Journalisten.

Ein Thema, das viele Ärztinnen und Ärzte in den verschiedenen Versorgungsebenen bewegt, ist die verbale und körperliche Gewalt, die ihnen immer öfter im Arbeitsalltag begegnet. Für den Ärztemonitor wurde in diesem Jahr auch gefragt, ob es persönliche Erfahrungen mit verbaler und körperlicher Gewalt im Berufsumfeld gab.

Hier antworteten 39 Prozent der Ärzte und 21 Prozent der Psychotherapeuten, dass sie in den vergangenen 12 Monaten verbale Gewalt erlebt hätten. Körperlicher Gewalt haben 26 Prozent der Ärzte einmal in ihrem gesamten Berufsleben erfahren, vier Prozent davon geben an, diese auch in den vergangenen zwölf Monaten erlebt zu haben.

Unter den Psychotherapeuten sind die Werte niedriger: Hier geben 18 Prozent an, Gewalt im Berufsleben erlebt zu haben, zwei Prozent in den vergangenen zwölf Monaten. „Statistisch gesehen kommt es täglich zu mindestens 75 Fällen von körperlicher Gewalt gegen niedergelassene Ärzte und ihre Praxisteams“, sagte Heinrich. „Körperliche Gewalt findet gegen Ärztinnen genauso häufig statt wie gegenüber männlichen Kollegen. Das erschreckt mich besonders“, erklärte Heinrich.

Befragt wurden für die Studie 11.000 Ärzte und Psychotherapeuten zwischen Januar und Mai 2018. Aktuelle politische Diskussionen, beispielsweise über die Erweiterung der Sprechstundenzeiten, sind in den Ergebnissen daher nicht enthalten, betonte Studienleiter Johannes Leinert vom IFAS Institut aus Bonn.

Drogenbeauftragte für mehr Prävention gegen Alkohol- und Tabakkonsum

Berlin – Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), hat eine stärkere auch gesamtgesellschaftliche Prävention vor allem gegen den übermäßigen Konsum von Alkohol und Tabak angemahnt. Alkohol werde in Deutschland noch deutlich zu viel und „viel zu gedankenlos“ getrunken, sagte sie heute bei der Vorstellung des neuen Drogen- und Suchtberichts in Berlin.

Übermäßiger Alkoholkonsum habe Folgen für die gesamte Gesellschaft, nicht nur aufgrund der volkswirtschaftlichen Kosten in Höhe von knapp 40 Milliarden Euro. „Die Diagnose ‚Psychische Störungen und Verhaltensstörungen durch Alkohol‘ ist bei Männern inzwischen der häufigste Grund für eine Aufnahme im Krankenhaus“, stellte Mortler heraus.

120.000 Tabaktote im Jahr sind zu viel

Auch bei der Reduzierung der Raucherquote dürfe man nicht „auf halber Strecke stehen bleiben“, betonte die Drogenbeauftragte. „Rund 120.000 Tabaktote im Jahr sind immer noch deutlich zu viel“, wenngleich der Anteil der Raucher bei Erwachsenen in den letzten 15 Jahren um rund 30 Prozent gesunken sei und der Anteil rauchender Jugendlicher sich in dieser Zeit um zwei Drittel verringert habe.

Mortler will sich deshalb weiter und verstärkt für ein Verbot der Tabakwerbung auf Plakaten und im Kino einsetzen. Ein entsprechender Gesetzentwurf zum Verbot von Tabakaußenwerbung war 2016 unter anderem am Widerstand der Unionsfraktionsführung unter dem Vorsitz von Volker Kauder gescheitert, der diesen vor kurzem abgeben musste. „Diesen Gesetzentwurf wollen wir nun wieder herausholen“, sagte sie.

Aufwärtstrend beim Konsum von E-Zigaretten

Bei den neuen Rauchprodukten wie E-Zigaretten und IQOS gebe es einen „klaren Aufwärtstrend“ beim Konsum sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen. „Von diesen Produkten geht ein gesundheitliches Risiko aus, auch wenn sie zum Teil weniger Schadstoffe als herkömmliche Tabakprodukte haben“, sagte Mortler. Man könne deshalb keine Entwarnung geben, auch nicht zu ihrem Einsatz zur Tabakentwöhnung.

Hinsichtlich der illegalen Drogen ist nach Angaben der Drogenbeauftragten seit längerem ein leichter Rückgang der Drogentoten festzustellen. Deren Zahl sank im vergangen Jahr auf 1272. Hauptursache für einen Drogentod sind nach wie vor Überdosierungen von Opioiden wie Heroin und Morphin. „In Bayern habe ich einen Modellversuch zur Abgabe von Naloxon (Opioid-Antagonist) durch geschulte Laien bei Überdosierung initiert“, berichte Mortler. Auf die Ergebnisse in eineinhalb Jahren sei sie gespannt.

Cannabiskonsum häufigster Grund für Suchtbehandlung

Besorgt zeigte sich die Drogenbeauftragte über den Anstieg des Cannabiskonsums bei Jugendlichen und Erwachsenen, vor allem auch weil der THC-Gehalt der Pflanze in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen sei.

„Die gesundheitlichen Folgen des Konsums sind immens und deshalb auch der häufigste Grund für eine Suchtbehandlung“, sagte Mortler. Hinsichtlich der Prävention verwies sie auf eine neue Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) zum Umgang mit Cannabis in der Schule.

Die landesweite Legalisierung von Marihuana in Kanada kritisierte Marlene Mortler ausdrücklich: „Das ist eine Kapitulation und ein Schritt in die falsche Richtung“, sagte sie.

Verbesserte Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit einer geistigen Behinderung

Berlin, 18. Oktober 2018 – Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat seine Richtlinie, die die Durchführung einer Psychotherapie zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung regelt, um zusätzliche Regelungen für Menschen mit einer geistigen Behinderung am Donnerstag in Berlin ergänzt. Menschen mit Intelligenzminderungen, die sich in psychotherapeutischer Behandlung befinden, können zukünftig für die Durchführung einer ambulanten Psychotherapie auch zusätzliche Zeiteinheiten zulasten der Krankenkassen erhalten. Darüber hinaus sind die Möglichkeiten, Bezugspersonen in die ambulante Psychotherapie dieser Patientengruppe einzubeziehen, erweitert worden.

So können künftig Menschen mit einer geistigen Behinderung bis zu zehn psychotherapeutische Sprechstunden-Einheiten je Krankheitsfall in Anspruch nehmen. Mit der psychotherapeutischen Sprechstunde soll den Patienten zeitnah ein niedrigschwelliger Zugang zur ambulanten psychotherapeutischen Versorgung ermöglicht werden. Sie dient der Abklärung, ob ein Verdacht auf eine krankheitswertige Störung vorliegt und weitere fachspezifische Hilfen im System der gesetzlichen Krankenversicherung notwendig sind. Die Sprechstunde kann bisher als Einzelbehandlung bei Erwachsenen in Einheiten von mindestens 25 Minuten höchstens sechsmal je Krankheitsfall (insgesamt bis zu 150 Minuten) durchgeführt werden; bei Kindern und Jugendlichen als Einzelbehandlung in Einheiten von mindestens 25 Minuten höchstens zehnmal je Krankheitsfall (insgesamt bis zu 250 Minuten).

Bei Menschen mit einer geistigen Behinderung bestehen häufig spezifische Bedingungen bei der Wahrnehmung, der Problemerkennung, der Problemlösung und -umsetzung sowie der Beziehungsgestaltung und ggf. notwendigen Unterstützung im Alltag. Insofern kann es bei der psychotherapeutischen Behandlung und Diagnostik dieser Patientengruppe auch im Erwachsenenalter nötig sein, für die Behandlung der Störung relevante Bezugspersonen aus dem sozialen Umfeld einzubeziehen. Mit der Richtlinienänderung wird dies möglich. Für die Einbeziehung dieser Bezugspersonen von erwachsenen Menschen mit einer geistigen Behinderung stehen nun weitere Therapieeinheiten im Rahmen der Psychotherapeutischen Sprechstunde, der Probatorik und der Rezidivprophylaxe zur Verfügung.

„Der heutige Beschluss berücksichtigt die besonderen Belange von Menschen mit einer geistigen Behinderung und verbessert ihre psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten“, sagte Dr. Monika Lelgemann, unparteiisches Mitglied im G-BA und Vorsitzende des Unterausschusses Psychotherapie, heute in Berlin. „Wir haben uns im Zuge der Beratungen auch intensiv mit der Begrifflichkeit ‚geistige Behinderung‘ befasst, was schon allein deshalb notwendig war, weil viele Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung diese Formulierung als diskriminierend ablehnen. Es gibt aber derzeit noch keine alternative Begrifflichkeit, die innerhalb von Wissenschaft, Gesellschaft und Politik Konsens findet, in der erforderlichen Klarheit und Transparenz das Krankheitsbild beschreibt und die etablierte Bezeichnung ersetzen könnte. Sobald dies der Fall ist, prüfen wir die Terminologie erneut“, so Lelgemann weiter.

Klarstellend beinhaltet der Beschluss zunächst die Definition der Patientengruppe, für die die verbesserten Behandlungsmöglichkeiten gelten sollen: Menschen, bei denen eine Diagnose entsprechend des Abschnitts „Intelligenzstörung“ (F70-F79) nach der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) vorliegt. Dies sind insbesondere leichte bis schwerste Intelligenzminderungen.

Unabhängige Empfehlungen zur Therapie der Multiplen Sklerose

Das Qualitätshandbuch des KKNMS ist eine Handreichung für Ärzte, die MS-/ NMOSD-Patienten behandeln. Es enthält Informationen zu Indikation und Kontraindikationen sowie Empfehlungen zu Untersuchungen vor, während und nach der Therapie mit Glatirameracetat, Interferon-beta, Dimethylfumarat, Teriflunomid, Alemtuzumab, Daclizumab, Fingolimod, Mitoxantron, Natalizumab sowie zur Schubtherapie und zur Therapie in Spezialsituationen (u. a. Schwangerschaft, Reisen, Impfungen). Neu hinzugekommen ist das Kapitel NMOSD mit Diagnoseinformationen und Therapieempfehlungen zu Rituximab und Azathioprin.

Das Qualitätshandbuch können Sie hier als PDF abrufen. Derzeit wird es aktualisiert, daher findet kein Versand der Druckausgabe mehr statt. Das überarbeitete Handbuch erscheint zum diesjährigen DGN-Kongress (ab 30.10.2018) in digitaler Version.

Zusätzlich ist im Januar 2018 ein Kapitel zu Cladribin erschienen, das Sie hierabrufen können. Es wird in die nächste Druckausgabe des Qualitätshandbuchs aufgenommen.

Patientenaufklärungsbögen

Außerdem stellt das KKNMS Patientenaufklärungsbögen zu den einzelnen MS-Therapien bereit, die Sie hier herunterladen können:

Patietenaufklärungsbögen zu den NMOSD-Therapien können Sie hier herunterladen:

Patientenhandbücher

Seit Mai 2018 stellt das KKNMS gemeinsam mit der DMSG leicht verständliche Patientenhandbücher zu den vier Immuntherapeutika Alemtuzumab, Cladribin, Dimethylfumarat und Teriflunomid zur Verfügung. Nähere Informationen sowie die PDF-Dateien der Broschüren finden Sie hier. Printversionen für Ihre Patienten können Sie über unser Bestellformular beziehen.

App rundet Service-Angebot ab

Das KKNMS hat in Ergänzung zum gedruckten Handbuch eine App für Smartphones und Tablet PCs entwickelt. Alle Inhalte der Druckversion sind darin enthalten. Zusätzlich umfasst die App eine interaktive Umsetzung der Workflowtabellen, die SOP zur MS-Erstdiagnose, das Stufentherapieschema und eine automatische Berechnung des Behinderungsgrads (EDSS) nach Kurtzke. Die App ist kostenfrei und sowohl im App Store als auch bei Google Play verfügbar.

Produktion und Versand des Qualitätshandbuchs werden durch Spenden an den KKNMS e.V. finanziert. Leisten Sie einen Beitrag, damit wir auch nächstes Jahr eine Neuauflage des Handbuchs realisieren können >> zur Onlinespende

Neue Therapieansätze ermöglichen bessere Schmerzversorgung

Jedes Jahr erkranken in Deutschland eine Million Patienten an einer Post-Zoster-Neuralgie. Mithilfe einer Impfung gegen Herpes Zoster bleibt vielen Menschen zukünftig diese schmerzhafte Folge der Virus-Erkrankung erspart. Schmerzlinderung für Migräne-Patienten verspricht zudem die präventive Gabe eines neu entwickelten CGRP-Antikörpers. „Die aktuellen Entwicklungen bedeuten einen riesigen Fortschritt bei der Versorgung unserer Patienten und sollten schnellstmöglich Einzug in den Praxisalltag erhalten“, betont Dr. med. Dipl. Lic. Psych. Johannes Horlemann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS).

Die neuen präventiven Therapieansätze bieten eine große Chance, die Schmerzversorgung vieler betroffener Patienten zu verbessern. Prävention und Prophylaxe von chronischen Schmerzen sind daher auch ein zentrales Thema bei den zertifizierten Fortbildungsveranstaltungen (DGS-Regionalkonferenzen), die in diesem Jahr erstmalig an verschiedenen Standorten in Deutschland stattfinden. „Besonders bei Herpes Zoster sind die Symptome zu Beginn der Erkrankung nicht eindeutig. Dadurch vergeht häufig viel wertvolle Zeit, wodurch das Risiko einer Post-Zoster-Neuralgie und anderer möglicher Komplikationen stark ansteigt“, erklärt DGS-Präsident, Dr. Johannes Horlemann. Während der Ausschlag meist nach ein paar Wochen abheilt, bleiben die Schmerzen in manchen Fällen über Jahre. Er betont: „Mit dem aktuell neu zugelassenen Impfstoff gegen Herpes Zoster bleibt zukünftig einem Großteil unserer Patienten die häufig sehr langwierige Schmerztherapie erspart.“

Einen weiteren Meilenstein bieten zudem die neuen Therapieansätze in der Migräneprophylaxe. „Monoklonale Antikörper zur Prävention sind eine völlig neue Option zur Migräneprophylaxe die hohe Wellen geschlagen hat“, weiß Dr. Astrid Gendolla, DGS-Vizepräsidentin, zu berichten. Aktuelle Studien zeigen, dass mit dem humanisierten Antikörper gegen das Molekül Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP) die Zahl der Migränetage pro Monat dosisabhängig um 3-4 Tage reduziert werden kann. Der Antikörper überzeugte aufgrund seiner speziellen pharmakologischen Eigenschaften in den Studien besonders in der Schmerzprävention und erhielt daher jetzt auch von der EMA die entsprechende Zulassung.

Prävention und Prophylaxe verhindern Chronifizierung

Durch die beiden neuen Ansätze kann das Potenzial der Schmerzprävention zukünftig noch besser ausgeschöpft werden, ist sich DGS-Vizepräsident PD Dr. Michael A. Überall sicher und erklärt: „Die beste chronische Schmerzerkrankung ist die, die gar nicht erst entsteht.“ Um die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Schmerzmedizin möglichst schnell in den Praxisalltag zu bringen, hat die DGS in diesem Jahr im Rahmen der „Agenda2020 plus“ die DGS-Regionalkonferenzen („Schmerzmedizin UP TO DATE 2018“) entwickelt. Bei der zertifizierten Fortbildungsreihe können sich interessierte Ärzte regelmäßig auf den neuesten Stand bringen und ihr schmerzmedizinisches Fachwissen vertiefen.

„Agenda2020 plus“ – Schmerzversorgung zukünftig sicherstellen

Trotz aller Erfolge in den letzten Jahren ist die Versorgung der 23 Millionen Schmerzpatienten in Deutschland immer noch unzureichend. Mit der bereits im vergangenen Jahr von der DGS aufgesetzten „Agenda2020 plus“ soll künftig die Versorgung von Schmerzpatienten nachhaltig sichergestellt und gefördert werden. Ein erklärtes Ziel: Jede Stadt mit mehr als 50.000 Einwohnern soll über ein regionales Schmerzzentrum verfügen. In 120 von 188 Städten wurde dieses Vorhaben bereits umgesetzt. Außerdem wird mit den DGS-Regionalkonferenzen das Fortbildungsangebot über die großen Jahrestagungen hinaus in allen Regionen erweitert und damit das schmerzmedizinische Wissen aller Ärzte in Deutschland vertieft.

Die VersorgerGesellschaft im Auftrag der Schmerzpatienten

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) e.V. ist mit rund 4.000 Mitgliedern die größte Gesellschaft praktisch tätiger Schmerztherapeuten in Europa. Sie setzt sich für ein besseres Verständnis und für bessere Diagnostik und Therapie des chronischen Schmerzes ein. Bundesweit ist sie in rund 125 regionalen Schmerzzentren organisiert, in denen interdisziplinäre Schmerzkonferenzen veranstaltet werden. Oberstes Ziel der DGS ist die Verbesserung der Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen. Dazu gehört die Qualitätssicherung in der Schmerzmedizin durch die Etablierung von Therapiestandards sowie die Verbesserung der Aus-, Fort- und Weiterbildung auf den Gebieten der Schmerzdiagnostik und Schmerztherapie für Ärzte aller Fachrichtungen.

Aktuelle Fort-und Weiterbildungstermine:

DGS Regionalkonferenzen „Schmerzmedizin UP-TO-DATE 2018“
(jeweils samstags von 09:30 bis 18:00 Uhr):

– 27.10.2018: Radisson Blu Hotel Hamburg
– 10.11.2018: Mövenpick Hotel Stuttgart Airport
– 16./17.11.2018: Mercure Hotel MOA Berlin (bitte andere Uhrzeiten beachten: Fr., 14:00 – 19:00 Uhr & Sa., 08:00 – 13:00 Uhr)

Deutscher Schmerz – und Palliativtag 2019 „Im Fokus: Individualisierung statt Standardisierung“ (www.schmerz-und.palliativtag.de)

– 07. bis 09. März 2019 in Frankfurt a. M.

Kontakt:
Geschäftsstelle
Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V.
Lennéstraße 9 · 10785 Berlin
Tel. 030 – 85 62 188 – 0 · Fax 030 221 85 342
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www.dgschmerzmedizin.de

Pressekontakt:
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Nicole Zeuner
Weinsbergstr. 118a · 50823 Köln
Tel. 0221-94999-80 · Fax 0221-94999-79
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Weitere Informationen:

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Beipackzettel: Informationen zu Nebenwirkungen verwirren Patienten

ONLINESTUDIE ZEIGT, WELCHE ZUSATZINFORMATIONEN HELFEN KÖNNTEN

 

Die Beschreibungen von Nebenwirkungen in Beipackzetteln von Medikamenten sind für Patient*innen oft nicht zu verstehen, dabei könnte schon ein kleiner Zusatz helfen. Zu diesem Schluss kommt eine Onlinestudie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und der Universität Hamburg mit fast 400 Laien. Die Ergebnisse wurden im Journal PLOS ONE veröffentlicht.

Vor der Einnahme eines Medikaments sollte man den Beipackzettel lesen, um sich vor allem über die richtige Einnahme und mögliche Nebenwirkungen zu informieren. Letzteres gestaltet sich jedoch meist schwierig. Missverständnisse entstehen vor allem, weil vergleichende Angaben dazu fehlen, wie häufig unerwünschte Symptome, die als Nebenwirkungen aufgeführt werden, mit und ohne Arzneimitteleinnahme auftreten. Aktuell sind solche vergleichenden Angaben aber weder auf Beipackzetteln in Deutschland noch in anderen europäischen Ländern zu finden.

„Den wenigsten Menschen ist bekannt, dass kein ursächlicher Zusammenhang zwischen den als Nebenwirkungen gelisteten Symptomen und der Arzneimitteleinnahme bestehen muss. Eine frühe Studie zeigt, dass selbst Ärzte und Apotheker irrtümlicherweise denken, dass die gelisteten Nebenwirkungen in der genannten Häufigkeit durch das jeweilige Arzneimittel verursacht werden“, sagt Erstautorin Viktoria Mühlbauer, Apothekerin und Doktorandin an der Universität Hamburg.

Ziel der Studie war es, zu untersuchen, ob alternative Beipackzettel mit ergänzten Vergleichsinformationen Fehlinterpretationen verringern. Dafür zeigten die Wissenschaftler*innen in einer Onlinestudie 397 Teilnehmer*innen jeweils einen von vier Beipackzetteln. Alle Beipackzettel listeten dieselben vier Symptome (Nebenwirkungen) auf. Drei der vier Beipackzettel waren dabei alternative Versionen, die die entsprechende Häufigkeit der Symptome sowohl mit als auch ohne Medikament aufführten und zusätzlich Erklärungen zur Kausalität zwischen dem Auftreten der Symptome und der Medikamenteneinnahme lieferten. Der vierte genutzte Beipackzettel in der Studie entsprach dem gegenwärtig in der Praxis verwendeten Standardbeipackzettel. Dieser stellte – wie aktuell üblich – lediglich Informationen zur Häufigkeit der Symptome unter Medikamenteneinnahme dar.

Bei der anschließenden Befragung punkteten vor allem jene, die einen alternativen Beipackzettel gelesen hatten. Während nur zwei bis drei Prozent der Teilnehmer*innen mit dem Standardbeipackzettel Fragen zu kausalen Häufigkeit korrekt beantworten konnten, waren es bei den alternativen Formaten bis zu 82 Prozent. Die alternativen Beipackzettel führten somit zu weniger Fehlinterpretationen. „Das nach wie vor Informationsformate in unserem Gesundheitssystem genutzt werden, die Patienten und praktizierende Ärzte verwirren, ist ein Gesamtproblem, welches die Patienten- und Arzneimittelsicherheit gefährdet“, sagt Seniorautorin Odette Wegwarth, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich „Adaptive Rationalität“ des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Es gäbe mittlerweile eine fundierte Studienlage dazu, welche Informationsformate Patient*innen und Ärzt*innen im Verständnis von Nutzen und Schaden medizinischer Interventionen unterstützen und welche nicht. „Was wir brauchen, um diese Erkenntnisse in der Realität umzusetzen, ist der Wille und die Anstrengung aller Beteiligten im Gesundheitswesen“, so Wegwarth.

Chronifizierung psychischer Erkrankungen verhindern – ambulante Psychotherapie stärken

Die gesundheitliche Versorgung psychisch erkrankter und psychotherapiesuchender Menschen, die gesetzlich krankenversichert sind, hat sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Wie eine heute in Berlin vorgestellte Studie zeigt, lehnen die gesetzlichen Krankenkassen seit 2017, trotz gesetzlicher Verpflichtung, deutlich mehr Anträge auf Kostenerstattung von außervertraglichen Psychotherapien ab, als im Jahr 2016. Dies geht aus einer von zehn Landespsychotherapeutenkammern federführend von Dr. Rüdiger Nübling (LPK BW) und Karin Jeschke (PTK Berlin) erarbeiteten Versorgungsstudie zur aktuellen Lage der außervertraglichen ambulanten Psychotherapien in Privatpraxen hervor. Die Studie basiert auf einer Umfrage unter psychologischen PsychotherapeutInnen und Kinder- und JugendpsychotherapeutInnen im 1. Quartal 2018 mit einem Rücklauf von 2417 Teilnehmenden. Die Bewilligungsquote von Anträgen auf Kostenerstattung sank demnach bei den Befragten binnen eines Jahres von 81% auf 47%. Im Falle der Bewilligung von Anträgen sank der Umfang der genehmigten Therapiesitzungen durchschnittlich um knapp 25%. Die Bearbeitungsdauer der Anträge stieg von durchschnittlich 6,6 auf 8,4 Wochen (um 27%).

Versicherte werden von Krankenkassen bewusst falsch informiert

Wie aus der Studie weiter hervorgeht, wurden dabei viele Ablehnungen von den Krankenkassen falsch begründet. Etwa die Hälfte der Befragten berichtet, den PatientInnen sei mitgeteilt worden, Kostenerstattung sei nicht mehr erlaubt. 82% der Befragten berichten von Ablehnungen, die mit der Einführung von Terminservicestellen begründet wurden. Dadurch seien nun alle PatientInnen versorgt. Tatsächlich vermitteln diese Stellen probatorische Sitzungen, aber nicht zwingend Therapieplätze.

Krankenkassen nutzen komplizierte Regelungen aus, um psychisch kranken Menschen die Inanspruchnahme von psychotherapeutischen Leistungen zu erschweren. So sparen die Krankenkassen Kosten, statt den PatientInnen Wege zur Therapie zu zeigen und ihnen zu helfen.

Ziel: Versorgungsplanung – orientiert am Patientinnen- Bedarf (§ 13 Abs. 3 SGB V)

Michael Krenz, Präsident der Landespsychotherapeutenkammer Berlin, kommentiert: „Durch die restriktive Handhabung der Kostenerstattung für außervertragliche Psychotherapien verknappen Krankenkassen die ohnehin unzureichenden ambulanten Behandlungsmöglichkeiten für Versicherte der gesetzlichen Krankenkassen.“ Heike Peper, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hamburg ergänzt: „Wir fordern eine an den regionalen Versorgungserfordernissen orientierte Versorgungsplanung, die sich am konkreten Behandlungsbedarf der PatientInnen orientiert.“

Pressekonfernez Kostenerstattung Berlin 16.10.2018
v.l.n.r.: Karin Jeschke, Dr. Rüdiger Nübling, Heike Peper und Michael Krenz

Unsere Forderung: Die Möglichkeiten „ambulanter vor stationärer“ Behandlung zeitnah fördern statt behindern

Die beteiligten Kammern fordern rasche Maßnahmen, um einer Chronifizierung psychischer Erkrankungen bei den PatientInnen vorzubeugen, für die eine Psychotherapieindikation aktuell gestellt ist, um einen schnellen Behandlungsbeginn „ambulant vor stationär“ zu gewährleisten. Der Gesetzgeber muss gewährleisten, dass gemäß § 13 Abs. 3 SGB V die Kostenerstattung für Psychotherapien in Privatpraxen von den Krankenkassen weiterhin bewilligt wird. Die gesetzlichen Krankenkassen sind dazu verpflichtet, eine erforderliche ambulante Psychotherapie außervertraglich im Wege der Kostenerstattung zu finanzieren, wenn die Sicherstellung der Behandlung im Rahmen der Vertragspraxen nicht gewährleistet werden kann. Voraussetzung ist die diagnostische Feststellung einer psychischen Erkrankung, bzw. das Vorliegen einer Störung mit Krankheitswert und die Indikationsstellung für eine ambulante Psychotherapie.

Für eine bessere PatientInnen-Versorgung dringend erforderlich ist nach Überzeugung der Psychotherapeutenkammern zudem die Aufhebung von Beschränkungen beim Jobsharing, bei Anstellungsverhältnissen in Praxen und bei der Nachbesetzung von (halben) Praxissitzen. Aktuell werden mögliche Kapazitätserweiterungen dadurch behindert.

Die gesetzlichen Krankenkassen finanzieren ambulante Richtlinien-Psychotherapie – also Verhaltenstherapie, tiefenpsychologischen Psychotherapie und Psychoanalyse – bei niedergelassenen TherapeutInnen in Vertragspraxen. Die ohnehin vielerorts nicht ausreichenden Kapazitäten für Richtlinienpsychotherapie in den Vertragspraxen werden durch die neu in die Psychotherapie-Richtlinie aufgenommenen Leistungen „Psychotherapeutische Sprechstunde“ und „Akutbehandlung“ weiter verknappt. Die verpflichtende Vermittlung von probatorischen Sitzungen über die Terminservicestellen seit 1.10.2018 verschärft diese Situation, da Vertragspraxen zeitliche Kapazitäten dafür freihalten müssen, auch wenn keine indizierte Anschlussbehandlung angeboten werden kann.

Rückfragen richten Sie bitte an Dr. Rüdiger Nübling (nuebling@lpk-bw.de).

Ist es jetzt Mode, transgender zu sein?

Sie lassen sich für den „Playboy“ fotografieren oder treten bei „Deutschland sucht den Superstar“ auf – Transsexuelle verstecken sich nicht mehr wie früher. Warum fühlen sich immer mehr Kinder und Jugendliche im falschen Körper geboren?

Von Nicola Zink

Ist „Trans“ eine neue Identifikationsschablone?

Die Prävalenz einer Geschlechtsdysphorie (GD) wird mit unter einem Prozent angegeben. Der Trend ist jedoch eindeutig: In den letzten Jahren nahmen sowohl in Deutschland als auch international signifikant mehr Kinder und Jugendliche entsprechende Beratungsangebote in Anspruch. Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Alexander Korte von der Universität München sprach von einer drastischen Prävalenzzunahme, ohne entscheiden zu können, ob es sich um einen echten Prävalenzanstieg oder eher um eine angebotsinduzierte Nachfragesteigerung handelt.

Mögliche Ursachen könnten eine bessere Aufklärung, ein größeres Problembewusstsein und eine zunehmende mediale Verbreitung sein, was zu einer Zunahme der Selbstdiagnosen geführt hat. Auch die neueren Behandlungsmöglichkeiten wie die Pubertätsblockade und der „Machbarkeitsgedanke“ – dass also alles was medizinisch möglich ist, auch umgesetzt werden sollte – könnten eine Rolle spielen. „Aber auch, dass „Trans“ als neuartige Identifikationsschablone bereitsteht, könnte ein Grund sein“, sagte Korte beim Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in Leipzig.

Einfluss der Peergroup

Heute scheint bei vielen Jugendlichen die eigene Existenz beziehungsweise die Wahrnehmung der eigenen Person durch andere an die Online-Präsenz gebunden zu sein und „medial stattzufinden“. Eine aktuelle Studie von der Brown-University im US-Bundesstaat Rhode Island sieht im Internet eine Ursache für das verstärkte Auftreten von Geschlechtsidentitätsstörungen (GIS) und GD.

Die Studienautorin Lisa Littman befragte darin die Eltern von betroffenen Minderjährigen. Es stellte sich heraus, dass die Jugendlichen – in der Mehrzahl Mädchen – keine typische Vorgeschichte einer GD in der Kindheit aufwiesen, sich jedoch in der Vergangenheit auffallend viel mit sozialen Medien beschäftigt hatten. In deren Social-Media-Gruppen war es zu einem regelrechten Cluster-Outbreak gekommen.

„Das ist genau das, was wir in München auch beobachten. Wir bekommen Zuweisungen von einzelnen Schulen, wo in einer Schulklasse gleich fünf Mädchen glauben, im falschen Körper geboren zu sein“, berichtete Korte. Littman nannte das Phänomen eine „rapid-onset gender dysphoria“ und vermutete außerdem, dass es sich bei der GD um eine Coping-Strategie handele, ähnlich wie eine Anorexie oder nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten.

Im Gegensatz zu den Probanden in Littmans Studie berichten erwachsene transsexuelle Menschen mehrheitlich von geschlechtsatypischen Verhaltensweisen in ihrer Kindheit, die retrospektiv zur Vergabe der Diagnose „GD im Kindesalter“ berechtigen. Bei vielen Homosexuellen trifft dies ebenfalls zu.

Korte fragt sich: Tragen die Begriffe „genderfluid“ und „pangender“ zur „Illusion der Multioptionalität“ bei? „Anything goes“ auch beim Geschlecht? Oder sind die medial stark präsenten „Trans“-Akteure Pioniere eines neuen Verständnisses von Normalität? Vorsicht ist allerdings geboten, wenn es zu einer Vermischung mit oder starker Nähe zu Selbstoptimierung des Körpers („body enhancement“) kommt. Bei diesen Betroffenen geht es um ein Verlangen nach körpermodifizierenden Maßnahmen, die nichts mit Transsexualität zu tun haben.

Geschlechtsinkongruenz und GD funktionieren auch als Sinnangebote: Sie geben Jugendlichen die Möglichkeit, ihrem individuellen Leiden in einer zu ihrer Zeit passenden und in ihrer Kultur akzeptierten Form Ausdruck zu verleihen. „Sie verheißen gleichzeitig Aufmerksamkeit und Status des Besonderen“, sagte der Kinder- und Jugendpsychiater.

Genderdiskurs entspricht dem Zeitgeist

Handelt es sich beim aktuellen „Trans“-Boom vielleicht nur um eine Modediagnose unter Psychiatern, vergleichbar mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung in den 80er-Jahren? „Und in den 90er-Jahren war die multiple Persönlichkeitsstörung der Hype“, erklärte Korte. Viele Psychiater stürzten sich darauf, heute spricht kaum noch jemand davon. Vielleicht könnte die GD nun deren Platz eingenommen haben.

Eine GD beziehungsweise GIS kann in unterschiedlicher Ausprägung in sämtlichen Lebensaltersstufen auftreten und bereits bei sehr jungen Kindern manifest werden. Kennzeichnend und diagnostisch wegweisend ist alters- und geschlechtsübergreifend die ausgeprägte Inkongruenz zwischen der subjektiv erlebten und der zugewiesenen Geschlechtszugehörigkeit. Dieser Zustand muss mindestens sechs Monate andauern und in klinisch bedeutsamem Ausmaß Leiden oder Beeinträchtigung in sozialen, schulischen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen verursachen.

Im Kindesalter sind Jungen häufiger von klinisch relevanter GIS betroffen, wobei die Ursache dafür in der größeren Akzeptanz seitens des sozialen Umfelds gegenüber geschlechtsrollen-atypischem Verhalten bei Mädchen, dem sogenannten Tomboy-Verhalten, liegen dürfte. Im Jugendalter dagegen wurde in den letzten Jahren eine Zunahme biologischer Mädchen mit GIS verzeichnet.

Die Klärung, ob eine GD vorliegt, ist nur möglich durch einen längeren und intensiven, ausgangsoffenen diagnostisch-therapeutischen Prozess. Wichtig ist die Exploration der sexuellen Präferenzstruktur unter nativem Hormonstatus. Es schließt auch Gespräche mit Jugendlichen über ihre präorgastischen Masturbationsfantasien ein. Besondere Bedeutung kommt der mindestens einjährigen psychotherapeutischen begleitenden Alltagserprobung zu.

Quelle: www.springermedizin.de, Kongress für Kinder- und Jugendmedizin 2018