Versteckte Depression

Bei Männern sind Aggression und Gereiztheit typische Zeichen einer Depression. Diese kommt bei beiden Geschlechtern gleich häufig vor.

Sie gelten mitunter immer noch als typisch männliche Attribute: aggressiv, gereizt, grantig und nervös. Dabei sind sie auch charakteristische Merkmale einer männlichen Depression. Natürlich kennen auch Männer das Gefühl von Unlust und Sinnlosigkeit oder Traurigkeit. Doch am Anfang steht beim depressiven Mann sehr oft die Gereiztheit, die Aggression. „Das geht bis zum Mord. Nicht selten werden Aggressionsdelikte von Männern während einer Depressionsphase ausgeübt“, sagt der bekannte Kriminalpsychiater Reinhard Haller. Die gefährliche Zeit sei jedenfalls nicht der Tiefpunkt einer Depression – da sind auch Männer eher antriebslos –, sondern der Anfang, wenn die Antriebslähmung noch nicht eingesetzt hat.

Lustlos, freudlos. Wolfgang B. entspricht nicht dem typischen männlichen Depressionspatienten. „Ich war eigentlich nie aggressiv“, sagt er. Er erinnert sich daran, dass er irgendwie nichts mehr tun wollte. „Nicht mehr außer Haus gehen, kochen, fernsehen, essen“, erzählt der heute 56-Jährige. Die „Losigkeit“ der Depression hatte ihn im Griff: lustlos, antriebslos, freudlos, aussichtslos. „Ich wollte gar nicht mehr aus dem Bett. Ich war nur noch leer, und mein Körper fühlte sich an wie eine leblose Hülle“, schildert der gelernte, heute pensionierte Tierpräparator.

Das sind alles Anzeichen einer schweren Depression, viel häufiger sind leichte bis mittelschwere Formen. Und davon sind Männer und Frauen gleichermaßen betroffen, die Lebenszeitprävalenz beträgt bei beiden Geschlechtern zehn bis 15 Prozent. „Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Frauen häufiger Depressionen haben. Männer sind nur unterdiagnostiziert“, sagt Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien.

Denn auch ein Arzt, der nicht vom Fach ist, verkennt häufig die Zeichen einer männlichen Depression. Ärgerattacken und Wutausbrüche bei der geringsten Kleinigkeit bringt man eben nicht so leicht mit einer Depression in Verbindung. Kasper weiß aus der Praxis: „Wenn eine depressive Frau in eine Arztpraxis kommt, wird sie um Hilfe bitten, tut dies ein Mann mit Depressionen, wird er den Arzt eher kritisieren.“

Der Mann sucht Kampf oder Flucht

Frauen neigen eher zum Totstellreflex, Männer mehr zu Alkoholexzessen und ausgeprägtem Risikoverhalten: Sie unternehmen waghalsige Bergtouren oder lassen sich auf riskante Autorennen ein. „Wenn es einem Mann schlecht geht, ist er auf Kampf und Flucht aus, eine Frau will eher reden und sich helfen lassen“, sagt Kasper. Freilich leiden auch Männer unter depressiver Verstimmung. Doch diese können sie oft sehr gut verstecken, sodass keiner etwas merkt. Kasper zählt viele erfolgreiche Anwälte, Manager oder Ärzte zu seinen Patienten, die im Job aber einwandfrei funktionieren. „Viele erwischt es zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr, da gibt es auch beim Mann biologische Veränderungen.“ Dabei sei häufig auch Machtverlust ein Auslöser für männliche Depression. „Job- und Partnerverlust spielen ebenfalls eine Rolle.“

So war es auch bei Wolfgang B. Sein Beruf als Verwaltungsleiter in einem Museum hatte ihm großen Spaß gemacht. „Ich bin aufgegangen in meinem Job.“ Noch wichtiger war nur noch Christiana, seine Lebensgefährtin, „mein absoluter Lebensmensch“. Doch seine Partnerin erkrankte an Krebs und starb nach langer, harter Therapie. Anfangs stürzte sich Wolfgang B. noch mehr in die Arbeit, entwickelte eine regelrechte Arbeitswut. Das ging eine Zeit lang gut. Doch in den Nächten, an den Sonntagen ließen ihn die negativen Gedanken nicht los. „Körperlich ging es mir immer schlechter, es blieb immer mehr Arbeit liegen, und plötzlich schaffte ich nichts mehr, blieb im Bett liegen, hatte null Tagesstruktur.“

Das war 2009. Reden wollte er mit niemandem darüber, „ich habe alles in mich hineingefressen.“ An Suizid dachte er aber nicht.

In der Pubertät nehmen sich depressive junge Männer doppelt so häufig das Leben wie Mädchen, ab 60 sind es dreimal so viele Männer und ab 70 viermal. Suizidversuche sind bei beiden Geschlechtern etwa gleich häufig, nur machen es Frauen „sanfter“ (Tabletten), werden daher öfter gerettet. Männer gehen „endgültiger“ vor (mit Schusswaffe oder Strick) und nehmen öfter andere mit – wie der Germanwings-Pilot Andreas Lubitz, der in selbstmörderischer Absicht ein Flugzeug zum Absturz brachte und dabei nicht nur sich, sondern 150 Menschen tötete.

Medikamente und Therapie

Depressionspatient Wolfgang B. lebt heute wieder gern. Medikamentöse und Psychotherapie halfen und helfen ihm, sie sind die Hauptpfeiler der Behandlung. Bei den Antidepressiva steht eine breite Palette zur Verfügung, darunter die modernen SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer): „Man muss den männlichen Patienten gleich von Vorneherein sagen, dass diese Medikamente die Libido drücken, aber das gibt sich meist wieder“, sagt Kasper.

Wolfgang B. ist heute mit Engagement im Behindertenbeirat tätig und engagiert sich ehrenamtlich bei Pro Mente. Dort hat er nicht nur ein „neues Zuhause gefunden“, er leitet auch eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen. „Das mache ich mit Begeisterung. Als ich damit vor zwei Jahren begonnen habe, waren 80 Prozent Frauen und 20 Prozent Männer, heute ist es umgekehrt.“