Zwischen Kümmerer und Burn-out

Berlin – Die Struktur der niedergelassenen Ärzte in Deutschland verändert sich: Die Zahl der angestellten Haus- und Fachärzte steigt, in der jüngeren Generation von niedergelassenen Ärzten sind es überwiegend Ärztinnen, die in der Versorgung arbeiten. Die Wochenarbeitszeit sinkt – von 56,4 Stunden (2012) auf inzwischen 51,1 Stunden.

Dazu war die Zahl der Angestellten in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) war noch nie so hoch, die Zahl der Ärzte in Einzelpraxen noch nie so niedrig. Diese Daten aus dem Ärztemonitor 2018 haben heute die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der NAV-Virchowbund gemeinsam vorgestellt.

Aus dem vierten Ärztemonitor, den die Körperschaft und er Verband seit 2012 erstellen lassen, ergibt sich erneut, dass niedergelassene Ärzte mit ihrer beruflichen Tätigkeit hoch zufrieden sind. In der Telefonbefragung stimmten 81 Prozent der Teilnehmer „voll und ganz“ zu, dass ihre Arbeit nützlich und sinnvoll sei.

Unter den befragten Psychotherapeuten war die Berufszufriedenheit noch höher: Hier sehen 90 Prozent ihre Arbeit als „nützlich und sinnvoll“ an. Ihre Entscheidung für den Beruf zweifeln sie nicht an. So würden 65 Prozent der Ärzte sich definitiv wieder für das Arzt-sein entscheiden, 68 Prozent der Psychotherapeuten sehen dies für sich genauso.

So mancher Arzt fühlt sich ausgebrannt

„Erschreckend“ sei allerdings die Zahl der Ärzte, die angeben, sie fühlten sich durch ihre Arbeit ausgebrannt. So stimmten acht Prozent „voll und ganz“ zu, sie seien ausgebrannt, 25 Prozent sagten, sie stimmten eher zu. Bei den Psychotherapeuten ist die Zahl deutlich geringer: Hier erklärten 16 Prozent, sie stimmten einem Gefühl von ausgebrannt sein, zu, nur ein Prozent sagte „voll und ganz.“

Die Zufriedenheit mit dem Arztberuf spiegelt sich auch in den Antworten zur wirtschaftlichen Situation der Praxen wieder: So bewerten 69 Prozent aller befragten Ärzte ihre wirtschaftliche Situation als positiv, 14 Prozent sind sehr zufrieden, 55 Prozent eher zufrieden. 27 Prozent zeigten sich eher oder sehr unzufrieden.

Dabei fällt auf, dass besonders Hausärzte zufriedener mit den wirtschaftlichen Daten ihrer Praxis sind als Fachärzte. Bei den Psychotherapeuten sind 51 Prozent eher zufrieden sowie neun Prozent sehr zufrieden mit der wirtschaftlichen Situation, 32 Prozent sind eher unzufrieden sowie acht Prozent sehr unzufrieden.

„Wir sind eine Berufsgruppe, die sich sehr stark mit ihrer Arbeit identifiziert und sie gerne ausübt – obgleich die Rahmenbedingungen durchaus Anlass zur Kritik bieten“, kommentierte KBV-Vorstandsvorsitzender Andreas Gassen die Ergebnisse der Studie.

Für den Bundesvorsitzenden des NAV-Virchow-Bundes, Dirk Heinrich, zeigt sich: „Die Arbeitsbelastung wird einerseits durch eine hohe Berufszufriedenheit ausgeglichen, andererseits auch durch überdurchschnittliche Einkommensmöglichkeiten“, sagte Heinrich. Grund für die hohe Zufriedenheit sei auch die Freiberuflichkeit der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, so Heinrich.

Vor allem die deutlichen Veränderungen der ärztlichen Arbeitszeit bereiten Gassen und Heinrich Sorge. Zwar seien die 51 Wochenarbeitsstunden noch über denen der anderen Berufsgruppen, aber es sei immerhin ein Rückgang von zehn Prozent in den vergangenen sechs Jahren. „Es mag daran liegen, dass die Neigung zur Selbstausbeutung auch unter Ärzten heutzutage nicht mehr so ausgeprägt ist, wie noch vor zwanzig Jahren“, so Gassen.

Neben dem Generationswechsel und veränderten Lebensmodellen, steigt auch die Zahl der angestellten Ärzte. Diese arbeiteten in den MVZ laut Gassen oftmals in Teilzeit sowie aufgrund des Arbeitszeitgesetzes generell weniger als Selbstständige. „Wir haben es also in absehbar weniger mit einem Mangel an Ärzten, sondern in erster Linie mit einem Mangel an ärztlicher Arbeitszeit zu tun“, so Gassens Fazit.

Angestellte arbeiten deutlich weniger

Nach den Ausführungen von NAV-Chef Heinrich arbeiten in Einzelpraxen 90 Prozent der Ärzte in Vollzeit, im MVZ seien es nur 50 Prozent. „Mit MVZ und angestellten Ärzten allein kann die Versorgung nicht aufrechterhalten werden. Die selbstständig geführte Praxis muss demnach gefördert werden, um bei gleichbleibender Arztzahl die Versorgung sicherzustellen“, fordert Heinrich.

Auch aus diesem Grund warnt Gassen die Gesundheitspolitiker, nicht stärker in die Arbeit der Vertragsärzte einzugreifen. „Wenn es nicht gelingt, diesen Teufelskreis aus Arbeitszeitverknappung, Zerschlagung selbstständiger Strukturen und Madigmachen eines im Grunde geschätzten und vor allem gebrauchten Berufs zu durchbrechen, wird das System der ambulanten Versorgung früher oder später implodieren“, so Gassen vor Journalisten.

Ein Thema, das viele Ärztinnen und Ärzte in den verschiedenen Versorgungsebenen bewegt, ist die verbale und körperliche Gewalt, die ihnen immer öfter im Arbeitsalltag begegnet. Für den Ärztemonitor wurde in diesem Jahr auch gefragt, ob es persönliche Erfahrungen mit verbaler und körperlicher Gewalt im Berufsumfeld gab.

Hier antworteten 39 Prozent der Ärzte und 21 Prozent der Psychotherapeuten, dass sie in den vergangenen 12 Monaten verbale Gewalt erlebt hätten. Körperlicher Gewalt haben 26 Prozent der Ärzte einmal in ihrem gesamten Berufsleben erfahren, vier Prozent davon geben an, diese auch in den vergangenen zwölf Monaten erlebt zu haben.

Unter den Psychotherapeuten sind die Werte niedriger: Hier geben 18 Prozent an, Gewalt im Berufsleben erlebt zu haben, zwei Prozent in den vergangenen zwölf Monaten. „Statistisch gesehen kommt es täglich zu mindestens 75 Fällen von körperlicher Gewalt gegen niedergelassene Ärzte und ihre Praxisteams“, sagte Heinrich. „Körperliche Gewalt findet gegen Ärztinnen genauso häufig statt wie gegenüber männlichen Kollegen. Das erschreckt mich besonders“, erklärte Heinrich.

Befragt wurden für die Studie 11.000 Ärzte und Psychotherapeuten zwischen Januar und Mai 2018. Aktuelle politische Diskussionen, beispielsweise über die Erweiterung der Sprechstundenzeiten, sind in den Ergebnissen daher nicht enthalten, betonte Studienleiter Johannes Leinert vom IFAS Institut aus Bonn.