Psychotherapie: GKV-Leistungen für Menschen mit Intelligenzminderung erweitert

Menschen mit einer geistigen Behinderung, die sich in psychotherapeutischer Behandlung befinden, können künftig für eine ambulante Psychotherapie zusätz­liche Zeiteinheiten zulasten der GKV erhalten.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat die Psychotherapie-Richtlinie geändert. Künftig können Menschen mit Intelligenzminderungen bis zu zehn psychotherapeutische Sprechstunden-Einheiten je Krankheitsfall in Anspruch nehmen. Die psychotherapeutische Sprechstunde dient der Abklärung, ob ein Verdacht auf eine krankheitswertige Störung vorliegt und weitere fachspezifische Hilfen notwendig sind. Sie kann bisher als Einzelbehandlung bei Erwachsenen in Einheiten von mindestens 25 Minuten höchstens sechsmal je Krankheitsfall (insg. bis zu 150 Minuten) erbracht werden; bei Kindern und Jugendlichen als Einzelbehandlung in Einheiten von mindestens 25 Minuten maximal zehnmal je Krankheitsfall (insg. bis zu 250 Minuten).

Bei der psychotherapeutischen Behandlung und Diagnostik von Menschen mit einer geistigen Behinderung kann es auch im Erwachsenenalter nötig sein, relevante Bezugspersonen aus dem sozialen Umfeld einzubeziehen. Die Richtlinienänderung ermöglicht das, informiert der G-BA. Für das Einbeziehen dieser Bezugspersonen stünden nun weitere Therapieeinheiten bei der psychotherapeutischen Sprechstunde, der Probatorik und der Rezidivprophylaxe zur Verfügung. Klarstellend beinhaltet der Beschluss des G-BA die Definition der Patientengruppe, für die die verbesserten Behandlungsmöglichkeiten gelten sollen: Menschen, bei denen eine Diagnose entsprechend des Abschnitts „Intelligenzstörung“ (F70-F79) des ICD-10 vorliegt. Dies seien insbesondere leichte bis schwerste Intelligenzminderungen.

Unstatistik des Monats: „Erfolgreiche“ Gesichtserkennung mit Hunderttausenden Fehlalarmen

Die Unstatistik des Monats Oktober ist die Pressemitteilung des Innenministeriums über das „erfolgreiche“ Projekt zur automatischen Gesichtserkennung mit einer Trefferrate von über 80% und Falsch-Alarm-Rate von unter 0,1%.  

Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat führte im Rahmen des gemeinsamen Pilotprojektes „Sicherheitsbahnhof Berlin Südkreuz“ gemeinsam mit der Bundespolizei und der Deutsche Bahn AG einen Test von drei Gesichtserkennungssystemen am Bahnhof Südkreuz in Berlin durch. Das Bundeskriminalamt beriet hierbei. Bundesinnenminister Horst Seehofer war begeistert: „Die Systeme haben sich in beeindruckender Weise bewährt, so dass eine breite Einführung möglich ist“. tagesschau.de wiederholte am 11. Oktober  kritiklos zwei Zahlen, die den Erfolg des Projekts belegen sollten: Erstens, eine Trefferrate 80%, das heißt, von je 10 Gesuchten (Testpersonen) wurden 8 richtig erkannt und 2 nicht. Zweitens, eine Falsch-Alarm-Rate von 0,1%, das heißt, von je 1.000 Normalbürgern (die nicht als Testpersonen teilnahmen) wurden 999 als unverdächtig und einer fälschlicherweise als gesuchte Person klassifiziert.

Das klingt doch gut! Also so schnell wie möglich auf allen Bahnhöfen Kameras mit Gesichtserkennung installieren, um uns vor den rund 600 als gefährlich eingestuften Islamisten und anderen gesuchten Personen zu schützen. Oder gleich wie in China die totale Überwachung aller Bürger auf allen Straßen, öffentlichen Plätzen und Gebäuden einführen?

Als Treffer zählte schon, wenn eines der drei Systeme anschlug

Ein genauer Blick in den Abschlussbericht zeichnet ein anderes Bild. Keines der drei getesteten Systeme hat eine Trefferquote von 80% über beide Testphasen hinweg erreicht; die 80% sind auch nicht der Durchschnitt der drei Systeme. Diese Zahl bekam man nur nachträglich, indem man die Treffer aller drei Systeme addierte (d.h., wenn mindestens eines der Systeme einen Treffer hatte, galt das als Treffer). Die Bilder der „Gesuchten“, die den Systemen zur Verfügung standen, waren anders als Fahndungsfotos so gut wie perfekt: in der ersten Testphase mit 312 Freiwilligen wurden diese mit hochauflösenden Kameras aufgenommen, in der zweiten Phase, an der nur noch 201 Testpersonen weitermachten, wurden dann sogar die von den Überwachungskameras in der ersten Phase aufgenommenen Bilder verwendet, das heißt, am gleichen Ort, wo getestet wurde – damit bekam man bessere Werte als man sie in Realität (in der man keine erste Testphase hat) je erreichen könnte.  Die Zahlen beruhen auch nicht auf allen erhobenen Daten, sondern nur auf einer kleinen Auswahl, wobei nicht angegeben wurde, wie diese ausgesucht wurden. All das macht eine Bewertung unklar.

Der eigentlich interessante Punkt ist aber: Das Problem bei Massenüberwachungssystemen sind Fehlalarme, das heisst, Normalbürger, die vom Gesichtserkennungssystem für Gesuchte gehalten werden. Eine Person betritt einen Bahnhof und wird vom System als „Verdächtiger“ gemeldet. Was ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich der Verdächtige ist? Eben nicht 80%. Und auch nicht 0,1%.

Eine Überschlagsrechnung kann diese Frage beantworten. Die Deutsche Bahn berichtet, dass rund 11,9 Millionen Menschen täglich mit der Bahn reisen. Der Abschlussbericht der Studie gibt an, es gäbe derzeit etwa 600 Verdächtige, die als islamistische Gefährder eingestuft werden, welche das System erkennen sollte. Um die Rechnung einfach zu machen, nehmen wir an, dass sich davon täglich 100 an Bahnhöfen aufhalten (etwa der gleiche Anteil wie bei der Normalbevölkerung).

Von den 100 Verdächtigen erwarten wir, dass etwa 80 (80%) erkannt werden, und von den rund 11,9 Millionen anderen Menschen werden täglich nochmals etwa 11.900 (0,1%) fälschlicherweise als gesuchte Person eingestuft. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine gesuchte Person ist wenn die Kamera Alarm schlägt, ist etwa 80/11.980, also rund 7 in 1.000, oder 0,7%. In anderen Worten, etwa 99,3% der Einschätzungen des Systems sind falsch.

Monatlich mehr als 350.000 unnötige Personenkontrollen durch Fehlalarme

Jedem Alarm solle ein Einsatz der Polizei zur Abklärung folgen. Da eine flächendeckende Überwachung an Bahnhöfen jedoch 11.900 falsche Alarme pro Tag erwarten ließe, müssten jeden Monat über 350.000 Personen unnötigerweise kontrolliert werden. Das wäre nicht nur enorm aufwändig und teuer, unsere Bahnhöfe würden auch bald wie die Kontrollen an Flughäfen aussehen. Falls statt 600 nach doppelt so vielen Personen gefahndet wird, ändert sich das Ergebnis nur gering: etwa 98,7% der Einschätzungen des Systems sind falsch.

Es gibt noch eine dritte irreführende Zahl im Bericht und der Pressemitteilung: Es wird uns gesagt, dass sich die Falsch-Alarm-Rate durch Zusammenführung aller drei Systeme auf „bis zu 0,00018%“ reduzieren lässt. Was uns nicht gesagt wird, ist, dass dadurch die Trefferrate deutlich reduziert würde. Der ängstliche Bürger merkt’s ja nicht.

Diese Unstatistik zeigt, wie ein bisschen statistisches Denken Politikern, Ministerialen, Journalisten und Bürgern helfen könnte, sich nicht durch verdrehte Zahlen beeindrucken zu lassen. Dass das Gesichtserkennungssystem 99,3% der Verdächtigten zu Unrecht verdächtigt, ist mit der Regel von Bayes (ein Satz aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung) berechnet, die in Bayern inzwischen jeder Schüler der 11. Klasse lernt. Im Bericht und der Pressemitteilung ist sie nicht zu finden.

Wohin der Schutz des Bürgers durch den Staat führen kann, zeigen die über 300 Millionen Überwachungskameras mit Gesichtserkennungssoftware in China.

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Ansprechpartner:

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,                         Tel.: (030) 82406-0
Sabine Weiler (Pressestelle RWI),           Tel.: (0201) 8149-213

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de .

Digitalverband regt Gleichstellung des digitalen Arztbesuchs an

Der Digitalverband Bitkom plädiert im Hinblick auf Leistungsumfang und Vergütung für eine Gleichstellung des digitalen Arztbesuchs mit der Versorgung vor Ort. In einem Positionspapier vom 26. Oktober verweist er auf entsprechende Digitalisierungsfortschritte in Ländern wie Frankreich, Großbritannien und mehreren skandinavischen Ländern.

Danach hat etwa Frankreich seit dem 15. September Konsultationen vor Ort in der Praxis und virtuelle Arztbesuche gleichgestellt. Dagegen kämen digitale Lösungen in Deutschland nicht über den Status von Modellprojekten und Selektivverträgen hinaus. Auch die Aufnahme telemedizinischer Leistungen in die Regelversorgung habe aufgrund budgetärer Einschränkungen und bürokratischer Hürden nicht zum erhofften Durchbruch geführt, heißt es.

Identische Abrechnungsmöglichkeiten

Die Gleichstellung würde Bitkom zufolge bedeuten, dass die Konsultation eines Arztes grundsätzlich sowohl vor Ort in der Praxis als auch digital, etwa per Video­sprechstunde, möglich ist und dabei die Abrechnungsmöglichkeiten für den Arzt identisch sind.

Danach müssten die Regeln für die Vergütung ärztlicher Leistungen wie das Auslösen der Quartalspauschale oder die Abrechnung spezifischer Einzelleistungen analog zur Sprechstunde vor Ort auch im Rahmen eines digitalen Arztbesuchs anwendbar sein. Dies würde aus Sicht des Verbandes zugleich „eine angebotsinduzierte Nachfrage nach Versorgungsleistungen verhindern, da die Vergütung nach bestehenden Regeln erfolgt“.

Der Arzt würde dabei zusammen mit dem Patienten über die Art der Leistungs­erbringung entscheiden. Neben einheitlichen Qualitätsstandards seien hierfür Lösungen notwendig, die den Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit entsprechen.

Zudem müssten in durchgängige digitale Prozesse unter anderem auch das elektronische Rezept, die Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung und die Überweisung zum Facharzt einbezogen sowie Möglichkeiten für das Einlesen der elektronischen Gesundheitskarte aus der Ferne geschaffen werden, fordert der Verband.

Die Grundlage für derartige Versorgungsformen hat der Beschluss des Deutschen Ärztetags zur Ermöglichung ausschließlicher Fernbehandlungen im Mai 2018 gelegt. Inzwischen haben die Ärztekammern in Schleswig-Holstein, Sachsen, Westfalen-Lippe, Bremen, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Niedersachsen, Berlin und Bayern bereits ihre jeweiligen Berufsordnungen für Ärzte angepasst. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern ist die ausschließliche Fernbehandlung erst einmal nicht möglich. Dort wurde die Berufsordnung nicht angepasst.

 

Bayerischer Ärztetag macht Weg für ausschließliche Fernbehandlung frei

Der 77. Bayerische Ärztetag hat sich dafür ausgesprochen, die ausschließ­liche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien von Patienten ohne bisherigen Arzt-Patzienten-Kontakt im Einzelfall zu erlauben. Dazu beschlossen die Delegierten eine Änderung der Berufsordnung für die Ärzte Bayerns (BO) im Paragraf 7 Absatz 4.

Voraussetzung ist, dass die ausschließliche Fernbehandlung ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt insbesondere durch die Art und Weise der Befunderhebung, Beratung, Behandlung sowie Dokumentation gewahrt wird. Zudem muss der Patient über die Besonderheiten der ausschließlichen Beratung und Behandlung über Kommunikationsmedien aufgeklärt sein.

Die Techniker Krankenkasse (TK) begrüßte die Entscheidung. 28 Prozent der Bayern wünschten sich, Arztgespräche per Video von zu Hause aus führen zu können. „Der Freistaat liegt damit über dem bundesweiten Wert von 25 Prozent“, teilte TK-Landeschef Christian Bredl mit.

In einem Flächenstaat wie Bayern könnten vor allem ältere und weniger mobile Menschen auf dem Land von der Lockerung profitieren. Ihnen bleibe im Idealfall der beschwerliche Weg in die Praxis öfters erspart. Überfüllte Ambulanzen und Wartezimmer werde dies entlasten.

Der Ärztetag forderte zudem unter anderem, die Zahl der Studienplätze für Humanmedizin auf mindestens 17.000 pro Jahr zu erhöhen – so viele habe es deutschlandweit vor der Wiedervereinigung gegeben. Im vergangenen Jahr seien nur 10.750 Plätze für Studienanfänger angeboten worden. Gleichzeitig müssten die medizinischen Fakultäten mehr Geld bekommen, um dem Ärztemangel entgegenzuwirken.

Der Präsident der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer (BLÄK), Gerald Quitterer, hatte auf dem Ärztetag seine Forderung nach mehr universitären Studienplätzen wiederholt. „Als wichtigste Maßnahme müssen die Studienplätze im Bereich Humanmedizin in Deutschland vermehrt und die dafür notwendigen Finanzmittel durch die Länder bereitgestellt werden“, sagte Quitterer.

Er machte darüber hinaus deutlich, dass die Chancen der Digitalisierung nicht in einem Datensammeln enden dürfen. „Der geschützte und vertraute Raum der persönlichen Beziehung zwischen Arzt und Patient droht dadurch aufgebrochen zu werden“, sagte er. Ärzte stünden jedoch für diesen geschützten Raum und seien Ansprechpartner nicht nur in Fragen der Gesundheit, sondern auch der Prävention.

Bayerns Ge­sund­heits­mi­nis­terin Melanie Huml (CSU) nutzte den Ärztetag, um auf Anstrengungen im Kampf gegen den Landarztmagel hinzuweisen. Das bayerische Landarzt-Förderprogramm befinde sich weiter auf Erfolgskurs, sagte sie. Inzwischen habe man 472 Mediziner bei ihrer Praxisgründung unterstützt – darunter 380 Hausärzte.

Ersatzkassen fordern Zertifizierung von Onlineangeboten für psychische Störungen

Mehr Transparenz bei onlinebasierten Smartphone-Applikationen (Apps) und Programmen für psychische Störungen fordern die Ersatzkassen. „Unter den über 100.000 Gesundheits-Apps die geeignete Anwendung herauszufiltern, ist ein schwieriges Unterfangen, der Patientennutzen zudem oft nicht belegt“, sagte die Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen (vdek), Ulrike Elsner.

Die Ersatzkassen haben daher in einem Eckpunktepapier dargelegt, was aus ihrer Sicht notwendig ist, um das Potenzial der neuen technischen Möglichkeiten zu nutzen.  „Zahlreiche Studien zeigen, dass onlinebasierte Interventionen für ein breites Spektrum psychischer Störungen mit unterschiedlichen Schweregraden wirksam sein können und somit das Potenzial haben, die Versorgung von psychisch Kranken maßgeblich zu verbessern“, betonen die Autoren des Eckpunktepapiers zunächst.

Zertifizierung schaffen

Die Ersatzkassen halten es aber für nötig, eine Zertifizierungsmöglichkeit beispielsweise als „eGesundheitsmittel“ zu schaffen. Der primäre Fokus dieser „eGesundheitsmittel“ liege dabei nicht auf Angeboten, die die klassische psychotherapeutische Behandlung lediglich mit digitalen Anwendungen ergänzten, sondern vor allem auf neuen Behandlungsformen mit eigenständigem Behandlungsansatz, heißt es in dem Eckpunktepapier.

Für die Zertifizierung sollte geklärt werden, ob die App zur Indikation überhaupt passt. Weitere Fragen sind, ob sie den Schweregrad der Krankheit berücksichtigt,  und ein Prozedere für Notfälle vorsieht. Außerdem sollte die Zertifizierung erfassen, ob es Studien zur Wirksamkeit des Onlineangebotes gibt und ob der Datenschutz gesichert ist. Welches zertifizierte eGesundheitsmittel die Krankenkassen erstatten wollen, sollten sie selbst entscheiden können, betonen die Ersatzkassen.

Sollte mein Therapeut mir ähnlich sein?

Psychotherapie wirkt besser, wenn man sich dem Behandler nahe fühlt – oberflächliche Gemeinsamkeiten spielen dafür aber wohl keine große Rolle.

Sollten Frauen lieber zu Psychotherapeutinnen gehen statt zu männlichen Kollegen, ältere Patienten besser zu Behandlern mit größerer Lebenserfahrung? Und macht es für den Erfolg des Verfahrens einen Unterschied, ob Therapeut und Klient einen ähnlichen sozioökonomischen Hintergrund haben? Das versuchte ein chilenisches Forscherteam in einer neuen Studie herauszufinden.

Die Psychologen um Alex Behn von der Päpstlichen Katholischen Universität in Santiago de Chile untersuchten 547 Klienten und 28 Therapeuten, die im Rahmen einer ambulanten Psychotherapie zusammengefunden hatten. Die Vermittlung erfolgte durch ein Gesundheitszentrum vor Ort – die Patienten wurden dabei nicht nach ihren Wünschen gefragt, sondern zufällig einem Behandler zugeteilt. Die Therapeuten arbeiteten mit verschiedenen Verfahren, darunter sowohl Verhaltenstherapie als auch psychodynamische und systemische Ansätze.

Ab der zweiten Sitzung füllten die Klienten jedes Mal einen Fragebogen aus, der die Qualität der Beziehung zwischen ihnen und dem Therapeuten erfassen sollte, mit Statements wie »Ich spüre, dass mein/e Therapeut/in mich schätzt« oder »Mein/e Therapeut/in und ich arbeiten auf Ziele hin, über die wir uns einig sind«.

Die Qualität der therapeutischen Beziehung nahm nach der zweiten Sitzung im Durchschnitt erst einmal ab. Mit der Zeit besserte sie sich aber wieder und überstieg ab dem sechsten oder siebten Treffen das Ausgangsniveau. Ob sich Klient und Therapeut in einem der untersuchten Merkmale ähnlich waren, spielte hierfür keine Rolle. Allerdings schien es vorteilhafter zu sein, wenn die Therapeuten sich in einer etwas jüngeren Altersgruppe befanden als die Klienten. Auch wenn die Behandler ökonomisch bessergestellt waren als ihre Schützlinge, kam das der therapeutischen Beziehung zugute.

Die psychische Gesundheit der Probanden wurde nur am Anfang erfasst, der Ausgang der Therapie floss also nicht in die Analyse ein. Wie Patienten die Allianz mit ihrem Therapeuten einschätzen, hat sich jedoch schon in zahllosen Studien als einer der wichtigsten Faktoren für den Behandlungserfolg entpuppt. Die Ähnlichkeit der demografischen Daten hat diesen Ergebnissen zufolge aber darauf keinen Einfluss. In früheren Studien wurde beispielsweise untersucht, ob es günstig ist, wenn Therapeut und Klient derselben Ethnie angehören – auch hier fanden sich damals keine Vorteile für die therapeutische Beziehung und den Behandlungserfolg.

Versteckte Depression

Bei Männern sind Aggression und Gereiztheit typische Zeichen einer Depression. Diese kommt bei beiden Geschlechtern gleich häufig vor.

Sie gelten mitunter immer noch als typisch männliche Attribute: aggressiv, gereizt, grantig und nervös. Dabei sind sie auch charakteristische Merkmale einer männlichen Depression. Natürlich kennen auch Männer das Gefühl von Unlust und Sinnlosigkeit oder Traurigkeit. Doch am Anfang steht beim depressiven Mann sehr oft die Gereiztheit, die Aggression. „Das geht bis zum Mord. Nicht selten werden Aggressionsdelikte von Männern während einer Depressionsphase ausgeübt“, sagt der bekannte Kriminalpsychiater Reinhard Haller. Die gefährliche Zeit sei jedenfalls nicht der Tiefpunkt einer Depression – da sind auch Männer eher antriebslos –, sondern der Anfang, wenn die Antriebslähmung noch nicht eingesetzt hat.

Lustlos, freudlos. Wolfgang B. entspricht nicht dem typischen männlichen Depressionspatienten. „Ich war eigentlich nie aggressiv“, sagt er. Er erinnert sich daran, dass er irgendwie nichts mehr tun wollte. „Nicht mehr außer Haus gehen, kochen, fernsehen, essen“, erzählt der heute 56-Jährige. Die „Losigkeit“ der Depression hatte ihn im Griff: lustlos, antriebslos, freudlos, aussichtslos. „Ich wollte gar nicht mehr aus dem Bett. Ich war nur noch leer, und mein Körper fühlte sich an wie eine leblose Hülle“, schildert der gelernte, heute pensionierte Tierpräparator.

Das sind alles Anzeichen einer schweren Depression, viel häufiger sind leichte bis mittelschwere Formen. Und davon sind Männer und Frauen gleichermaßen betroffen, die Lebenszeitprävalenz beträgt bei beiden Geschlechtern zehn bis 15 Prozent. „Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Frauen häufiger Depressionen haben. Männer sind nur unterdiagnostiziert“, sagt Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien.

Denn auch ein Arzt, der nicht vom Fach ist, verkennt häufig die Zeichen einer männlichen Depression. Ärgerattacken und Wutausbrüche bei der geringsten Kleinigkeit bringt man eben nicht so leicht mit einer Depression in Verbindung. Kasper weiß aus der Praxis: „Wenn eine depressive Frau in eine Arztpraxis kommt, wird sie um Hilfe bitten, tut dies ein Mann mit Depressionen, wird er den Arzt eher kritisieren.“

Der Mann sucht Kampf oder Flucht

Frauen neigen eher zum Totstellreflex, Männer mehr zu Alkoholexzessen und ausgeprägtem Risikoverhalten: Sie unternehmen waghalsige Bergtouren oder lassen sich auf riskante Autorennen ein. „Wenn es einem Mann schlecht geht, ist er auf Kampf und Flucht aus, eine Frau will eher reden und sich helfen lassen“, sagt Kasper. Freilich leiden auch Männer unter depressiver Verstimmung. Doch diese können sie oft sehr gut verstecken, sodass keiner etwas merkt. Kasper zählt viele erfolgreiche Anwälte, Manager oder Ärzte zu seinen Patienten, die im Job aber einwandfrei funktionieren. „Viele erwischt es zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr, da gibt es auch beim Mann biologische Veränderungen.“ Dabei sei häufig auch Machtverlust ein Auslöser für männliche Depression. „Job- und Partnerverlust spielen ebenfalls eine Rolle.“

So war es auch bei Wolfgang B. Sein Beruf als Verwaltungsleiter in einem Museum hatte ihm großen Spaß gemacht. „Ich bin aufgegangen in meinem Job.“ Noch wichtiger war nur noch Christiana, seine Lebensgefährtin, „mein absoluter Lebensmensch“. Doch seine Partnerin erkrankte an Krebs und starb nach langer, harter Therapie. Anfangs stürzte sich Wolfgang B. noch mehr in die Arbeit, entwickelte eine regelrechte Arbeitswut. Das ging eine Zeit lang gut. Doch in den Nächten, an den Sonntagen ließen ihn die negativen Gedanken nicht los. „Körperlich ging es mir immer schlechter, es blieb immer mehr Arbeit liegen, und plötzlich schaffte ich nichts mehr, blieb im Bett liegen, hatte null Tagesstruktur.“

Das war 2009. Reden wollte er mit niemandem darüber, „ich habe alles in mich hineingefressen.“ An Suizid dachte er aber nicht.

In der Pubertät nehmen sich depressive junge Männer doppelt so häufig das Leben wie Mädchen, ab 60 sind es dreimal so viele Männer und ab 70 viermal. Suizidversuche sind bei beiden Geschlechtern etwa gleich häufig, nur machen es Frauen „sanfter“ (Tabletten), werden daher öfter gerettet. Männer gehen „endgültiger“ vor (mit Schusswaffe oder Strick) und nehmen öfter andere mit – wie der Germanwings-Pilot Andreas Lubitz, der in selbstmörderischer Absicht ein Flugzeug zum Absturz brachte und dabei nicht nur sich, sondern 150 Menschen tötete.

Medikamente und Therapie

Depressionspatient Wolfgang B. lebt heute wieder gern. Medikamentöse und Psychotherapie halfen und helfen ihm, sie sind die Hauptpfeiler der Behandlung. Bei den Antidepressiva steht eine breite Palette zur Verfügung, darunter die modernen SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer): „Man muss den männlichen Patienten gleich von Vorneherein sagen, dass diese Medikamente die Libido drücken, aber das gibt sich meist wieder“, sagt Kasper.

Wolfgang B. ist heute mit Engagement im Behindertenbeirat tätig und engagiert sich ehrenamtlich bei Pro Mente. Dort hat er nicht nur ein „neues Zuhause gefunden“, er leitet auch eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen. „Das mache ich mit Begeisterung. Als ich damit vor zwei Jahren begonnen habe, waren 80 Prozent Frauen und 20 Prozent Männer, heute ist es umgekehrt.“

Konzept für mehr Schutz vor sexualisierter Gewalt

Kinder und Jugendliche in Deutschland sollen künftig besser vor sexualisierter Gewalt und Ausbeutung geschützt werden. Darauf zielt ein neues Konzept ab, das Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Franziska Giffey jetzt vorgelegt hat, und dass die Strukturen verbessern soll.

Kern des Vorhabens ist es, den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in Zukunft als Amt dauerhaft einzurichten. Er soll die Bundes­regierung bei der Verbesserung von Schutz und Hilfen unterstützen, Handlungsbedarfe identifizieren und Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit leisten. Der Unabhängige Beauftragte soll einen festen Arbeitsstab erhalten. Die Beschäftigten erhielten damit eine dauerhafte Perspektive, hieß es weiter.

Giffey plant außerdem, einen ehrenamtlich tätigen Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten einzurichten. Der Rat soll die strukturierte Beteiligung von Betroffenen auf Bundesebene gewährleisten. Darüber hinaus ist vorgesehen, die Laufzeit der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland bis Ende 2023 zu verlängern. Die Kommission hat ihre Arbeit im Januar 2016 begonnen, um Ausmaß, Ursachen und Folgen von sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige aufzuklären.

„Opfer von sexualisierter Gewalt brauchen starke Strukturen, die sich auf allen Ebenen für sie einsetzen und für ihre Rechte einstehen. Das ist eine dauerhafte Aufgabe“, sagte Giffey. Das jetzt vorliegende Drei-Punkte-Konzept des Bundesfamilienministeriums soll der Ministerin zufolge in den kommenden Wochen vom Bundeskabinett beschlossen und anschließend in die Praxis umgesetzt werden.

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, begrüßte die Pläne der Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin. „Damit sind wir dem zentralen Anliegen, dass der Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und deren Folgen dauerhaft und konsequent geführt wird, einen großen Schritt näher gekommen“, sagte er.

Zustimmung signalisierte auch die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, forderte aber weitergehende Maßnahmen. „Die drei von der Ministerin genannten Punkte sind wichtig, aber nicht ausreichend“, sagte die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Nadine Schön. Wichtig sei, Aspekte der Prävention, des Schutzes der Kinder und der konsequenten Strafverfolgung der Täter hinzuzunehmen. Schön kündigte einen 20-Punkte-Plan der CDU/CSU an, den die Union gemeinsam mit der SPD auf den Weg bringen wolle.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik wurden 2017 13.500 Kinder und Jugendliche Opfer von sexualisierter Gewalt und Ausbeutung. 1.600 Opfer waren unter sechs Jahren. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) geht für Deutschland allerdings von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben. Das sind pro Schulklasse ein bis zwei betroffene Kinder.

Das Böse im Menschen – Der dunkle Faktor der Persönlichkeit

Die dunkle Seite des Menschen hat viele Facetten. Psychologen aus Ulm, Landau und Kopenhagen haben nun gezeigt, dass Egoisten, Machiavellisten, Narzissten, Psychopathen und Sadisten mehr gemeinsam haben, als sie trennt. Den Forschern gelang es, viele dieser problematischen Persönlichkeitseigenschaften auf wenige grundlegende Prinzipien zurückzuführen: den „dark factor“ (D-Faktor) der Persönlichkeit. Veröffentlicht wurde die Studie in der international renommierten Fachzeitschrift Psychological Review.

Die dunkle Seite des Menschen hat viele Facetten. Psychologen aus Ulm, Landau und Kopenhagen haben nun gezeigt, dass Egoisten, Machiavellisten, Narzissten, Psychopathen und Sadisten mehr gemeinsam haben, als sie trennt. Den Forschern gelang es, viele dieser problematischen Persönlichkeitseigenschaften auf wenige grundlegende Prinzipien zurückzuführen: den „dark factor“ (D-Faktor) der Persönlichkeit. Veröffentlicht wurde die Studie in der international renommierten Fachzeitschrift Psychological Review.

„Kernbestandteil dieses dunklen Faktors der Persönlichkeit ist ein übertriebener Egoismus, der negative Auswirkungen auf andere oder die Gesellschaft im Allgemeinen hat. Dieser wird begleitet von Überzeugungen, die Schuldgefühle, Gewissensbisse und moralische Skrupel verhindern“, erklärt Professor Morten Moshagen. Der Leiter der Abteilung psychologische Forschungsmethoden an der Universität Ulm hat die Studie gemeinsam mit Professor Benjamin Hilbig von der Universität Koblenz-Landau und Professor Ingo Zettler von der Universität Kopenhagen durchgeführt. Explizit sprechen die Wissenschaftler beim D-Faktor von einer extremen Form der individuellen Nutzenmaximierung, die sprichwörtlich über Leichen geht; also einen Schaden für andere bereitwillig in Kauf nimmt oder sogar absichtlich herbeiführt. Begleitet wird diese Tendenz von der Neigung, das eigene Verhalten vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen.

Bei ihren Analysen haben die drei Wissenschaftler neun Persönlichkeitseigenschaften untersucht. Dazu zählen Egoismus, Gehässigkeit, Machiavellismus, moralische Enthemmung, Narzissmus, Psychopathie, Sadismus, Selbstbezogenheit und übertriebene Ansprüchlichkeit. Die Forscher fanden dabei heraus, dass sich praktisch alle diese Eigenschaften auf den D-Faktor als dunklen Persönlichkeitskern zurückführen lassen. Praktisch bedeutet dies, dass beispielsweise Menschen mit einer hohen Narzissmus-Tendenz mit großer Wahrscheinlichkeit auch ausgeprägte machiavellistische und psychopatische Persönlichkeitszüge zeigen. „Außerdem ist bei Menschen mit einem starken D-Faktor statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit hoch, kriminell oder gewalttätig zu werden oder anderwärtig gegen soziale Regeln zu verstoßen“, so die Forscher.

In ihrer umfassenden, von der DFG geförderten Studie, die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Psychological Review veröffentlicht wurde, haben die Psychologen mit dem D-Faktor ein Konzept etabliert, mit dessen Hilfe sich problematische Persönlichkeitszüge auf einen Nenner bringen lassen. „Der D-Faktor ist ein guter Indikator für die Vorhersage von egoistischem und unehrlichem Verhalten und weitaus aussagekräftiger als es die spezifischeren Eigenschaften wie Narzissmus sind“, sagt der Kopenhagener Psychologe Ingo Zettler.
Für die vierteilige Untersuchung wurden insgesamt mehr als 2500 Personen befragt. Die Forscher haben dabei die Studienteilnehmer mit einem umfangreichen Fragenkatalog konfrontiert, um besondere Persönlichkeitszüge strukturiert erfassen zu können. Außerdem wurden Verhaltensexperimente durchgeführt wie das so genannte Diktatorspiel, bei dem die Teilnehmer Geld an sich selbst und unbekannte Mitspieler verteilen können. Die Ergebnisse dieses Spiels gelten als Maß für egoistisches beziehungsweise altruistisches Verhalten. In einem weiteren Verteilungsexperiment hatten die Probanden zudem die Gelegenheit, durch aktives Lügen zusätzlichen Profit zu machen. Der wissenschaftliche Sinn dieses Spiels: problematische Verhaltensweisen wie Unehrlichkeit zu erfassen.

Von besonders grundsätzlichem Interesse ist in den Augen der Forscher die Analogie zum „g Faktor“ – einem Konzept des berühmten britischen Intelligenzforschers und Psychologen Professor Charles Spearman. Dieser „general factor of intelligence“ erklärt, dass Menschen, die gute Ergebnisse in einer bestimmten Form von Intelligenztests zeigen, auch bei anderen Arten von Intelligenztests gut abschneiden. „Wie der g-Faktor ist der D-Faktor ein allgemeines Konzept, das verschiedene Ausprägungen haben kann“, erläutert Professor Benjamin Hilbig von der Universität Koblenz-Landau. Dies heißt im Umkehrschluss, dass sich ein hoher Dark-Faktor in ganz verschiedenen problematischen Verhaltensweisen und Persönlichkeiten äußern kann. „Zugespitzt formuliert könnte man sagen, dass wenn ein Chef genüsslich seine Mitarbeiter herunterputzt, die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass er auch seine Geschäftspartner ausnutzt, Steuern hinterzieht oder seine Frau betrügt“, illustriert der Ulmer Psychologe Morten Moshagen.

Wer selbst herausfinden möchte, wie stark der eigene D-Faktor ausgeprägt ist, kann dies kostenlos über einen Online-Fragebogen herausfinden, den die Wissenschaftler im Internet zur Verfügung stellen. Testen kann man den eigenen dunklen Kern unter der Adresse: https://qst.darkfactor.org/

Text und Medienkontakt: Andrea Weber-Tuckermann


Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Morten Moshagen – Universität Ulm; E-Mail: morten.moshagen@uni-ulm.de;
Prof. Dr. Ingo Zettler – Universität Kopenhagen; ingo.zettler@psy.ku.dk;
Prof. Dr. Benjamin E. Hilbig – Universität Koblenz-Landau; hilbig@uni-landau.de;


Originalpublikation:

Veröffentlichungshinweis:
Moshagen, M., Hilbig, B. E., Zettler, I.: The Dark Core of Personality. In: Psychological Review, Vol 125(5), Oct 2018, 656-688;
https://dx.doi.org/10.1037/rev0000111

Problematische Persönlichkeitseigenschaften wie Machiavellismus, Narzissmus und Psychopathie haben einen gemeinsamen Kern: den dunklen Faktor der Persönlichkeit (D-Faktor)

Problematische Persönlichkeitseigenschaften wie Machiavellismus, Narzissmus und Psychopathie haben einen gemeinsamen Kern: den dunklen Faktor der Persönlichkeit (D-Faktor)

(Grafik: darkfactor.org)

Krankenkassen lehnen verstärkt Kostenerstattung von Psychotherapien in Privatpraxen ab

Die Kostenerstattung von Psychotherapien bei approbierten Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, die in Privatpraxen arbeiten wird von Krankenkassen verstärkt abgelehnt. Zu diesem Ergebnis kommt eine gemeinsame Versorgungsstudie von zehn Landespsycho­therapeuten­kammern, die gestern bei einer Pressekonferenz der Psychotherapeutenkammer Berlin vorgestellt wurde.

Die Bewilligungsquote von Anträgen auf Kostenerstattung sank danach innerhalb eines Jahres von 81 Prozent (2016) auf 47 Prozent (1. Quartal 2018) ab. Im Falle der Bewilligung sank der Umfang der genehmigten Therapiesitzungen durchschnittlich um 25 Prozent. „Durch die restriktive Handhabung der Kostenerstattung für außervertrag­liche Psychotherapien verknappen die Kassen die ohnehin unzureichenden Behandlungsmöglichkeiten für gesetzlich Krankenversicherte“, kritisierte Michael Krenz, Präsident der Berliner Kammer.

Die Studie basiert auf einer Online-Mitgliederbefragung im 1. Quartal 2018 mit einem Rücklauf von 2.417 Teilnehmern. Hochgerechnet arbeiten nach Angaben der Studien­autoren gegenwärtig zwischen 5.500 und 6.000 meist junge Psychotherapeuten im Rahmen der Kostenerstattung.

Viele davon warten auf eine Zulassung zur vertragsärztlichen Versorgung. Genaue Daten zur Anzahl der Psychotherapien im Rahmen der Kostenerstattung gibt es nicht mehr: nach Angaben des GKV-Spitzenverbands, weil „das Konto in der amtlichen Statistik zur Kostenerstattung bei Psychotherapie ab 2013 eingestellt wurde“.

Psychotherapeuten berichten von falschen Ablehnungsgründen

„Viele Ablehnungen wurden von den Krankenkassen falsch begründet“, kritisieren die Studienautoren Katrin Jeschke, Psychotherapeutenkammer Berlin, und Rüdiger Nübling, Landepsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg. So berichten unter anderem 56 Prozent der Befragten, den Patienten sei von den Krankenkassen mitgeteilt worden, Kostenerstattung sei nicht mehr erlaubt. 82 Prozent berichten von Ablehnungen, die mit der Einführung der Vermittlung der Terminservicestellen (TSS) seit April 2017 in die psychotherapeutische Sprechstunde und Akutbehandlung begründet wurden.

„Fakt ist, dass der gesetzliche Anspruch auf Kostenerstattung unverändert geblieben ist, wenn der Versicherte keinen Psychotherapieplatz bei einem Vertragspsychotherapeuten findet“, sagte Jeschke. Paragraf § 13 Absatz 3, Sozialgesetzbuch V (SGB V) besagt: „Konnte die Krankenkasse eine unaufschiebbare Leistung nicht rechtzeitig erbringen (….) und sind dadurch Versicherten für die selbstbeschaffte Leistung Kosten entstanden, sind diese von der Krankenkasse in der entstandenen Höhe zu erstatten, soweit die Leistung notwendig war.“

Terminservicestellen ändern Sachlage nicht

„Die Einführung der Vermittlung der Terminservicestellen in Sprechstunde und Akutbehandlung hat an den Versorgungsproblemen nichts geändert“, erläuterte Nübling. Er verwies auf die Wartezeitenstudie der Bundes­psycho­therapeuten­kammer von 2018, nach der Versicherte im Durchschnitt fünf Monate auf den Beginn einer Psychotherapie warten müssen.

Bei Antragsablehnung nannten die Krankenkassen laut der Studie den Versicherten Behandlungsalternativen. Klinikambulanzen (27 Prozent) standen dabei an erster Stelle, gefolgt von stationären Maßnahmen wie Psychosomatischer Reha, stationärer Psychiatrie (24 Prozent) oder dem Rat, sich an einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie zu wenden. „Die ersten beiden Alternativvorschläge sind deutlich teurer als eine ambulante Psychotherapie und konterkarieren zudem die Vorgabe ambulant vor stationär“, kritisierte Nübling.

Bedarfsplanung am regionalen Versorgungsbedarf ausrichten

„Der Gesetzgeber muss gewährleisten, dass gemäß § 13 Absatz 3 SGB V die Kostenerstattung für Psychotherapie in Privatpraxen weiterhin bewilligt wird“, erklärte der Berliner Kammerpräsident Krenz. „Wir fordern eine an den regionalen Versorgungsbedarfen ausgerichtete Bedarfsplanung, die sich am konkreten Behandlungsbedarf  der Patienten orientiert“, betonte Heike Peper, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hamburg bei der Pressekonferenz. Chronifizierungen psychischer Störungen müssten vermieden werden.

„Es ist ein Unding, dass obwohl monatelange Wartezeiten auf Psychotherapie bestehen, der Weg der Kostenerstattung von Krankenkassen weitgehend abgelehnt wird“, kritisierte Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin von Bündnis 90 /Die Grünen. Die Bundesregierung müsse sicherstellen, dass Versicherte zu ihrem Recht kommen und „nicht aus Gründen der Kostenersparnis“ von ihren Krankkassen abgewiesen werden, forderte sie.

„Lange Wartezeiten auf einen Termin beim Psychotherapeuten sind für Patienten ärgerlich und unter Umständen problematisch. Kern des Wartezeitenproblems ist, dass viele Psychotherapeuten nur Teilzeit für die GKV arbeiten, aber eine ganze Kassenzulassung besetzen“, sagte Ann Marini, stellvertretende Pressesprecherin des GKV-Spitzenverbandes auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblatts.

Es sei die Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigungen, die ambulante Versorgung sicherzustellen. Wo ihnen dies nicht gut gelinge, seien die TSS eine Hilfe für Patienten. „Die Versicherten haben nun einen verbrieften Anspruch darauf, innerhalb von vier Wochen nach Erstkontakt einen Termin für die psychotherapeutische Sprechstunde, die Akutbehandlung und auch die probatorische Sitzung zu erhalten“, erklärte Marini.