Alternativmedizin profitiert vom Glauben an Verschwörungs­theorien

Je stärker die Verschwörungsmentalität einer Person ausgeprägt ist, desto mehr befürwortet diese Person alternative Verfahren und umso mehr lehnt sie konventionelle Heilmethoden wie Impfungen oder Antibiotika ab. Das berichten Wissenschaftler um Pia Lamberty und Roland Imhoff vom Psychologischen Institut der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Lamberty untersucht derzeit die Rolle von Verschwörungstheorien für Radikalisierungsprozesse im Rahmen ihrer Dissertation.

Eine „Verschwörungsmentalität“ gilt unter Psychologen als ein stabiles Persönlichkeits­merkmal. Diese Menschen mit einer starken Tendenz, an Verschwörungstheorien zu glauben, meinen, die Welt sei von verborgenen Mächten beherrscht.

Lamberty und Imhoff befragten ihre Probanden – 392 Studienteilnehmer in Deutsch­land und 204 in den USA – über die Nutzung von 37 verschiedenen Verfahren von Aromatherapie und Bachblüten über Hypnose und Yoga bis zu Antibiotika und Bluttransfusion. Die Teilnehmer sollten beispielsweise angeben, wie häufig sie die jeweilige Therapie nutzen und wie effektiv sie ihrer Meinung nach ist. „In Deutschland fanden wir einen eindeutigen, unglaublich starken Zusammenhang zwischen Verschwörungsmentalität und Befürwortung alternativer Methoden“, so Lamberty. In den USA bestehe ebenfalls eine Korrelation, allerdings nicht so stark ausgeprägt.

Zwei weitere Studien untermauerten den Befund und zeigten laut Lamberty und Imhoff, dass die Brücke zwischen einer Verschwörungsmentalität als einer politischen Haltung und der Bevorzugung von Alternativmedizin in einem Misstrauen gegenüber Macht begründet liegt. „Alles, was mit Macht in Verbindung gebracht wird, zum Beispiel die Pharmaindustrie, wird von Verschwörungstheoretikern sehr skeptisch beurteilt“, so Lamberty.

Die Wissenschaftler heben die Bedeutung dieser Befunde für das Gesundheitswesen hervor. „Das individuelle Verständnis einer Erkrankung und die Wahl der Behandlung kann also mehr von ideologiegeprägten Persönlichkeitsmerkmalen abhängen als von rationalen Überlegungen“, berichten sie.

Eine Verschwörungsmentalität könne beeinflussen, was Patienten für die eigentliche Ursache einer Erkrankung hielten, was sie als Anfangssymptom und physiologische Reaktion ansähen und wen oder was sie für ihre Behandlung auswählten.

Die beiden Psychologen machen aber auch deutlich, dass für die Interpretation der Studienergebnisse der Umkehrschluss nicht gilt: Nicht jeder, der zu alternativen Heilmitteln greift, glaubt auch an Verschwörungstheorien!