Macht Ketamin abhängig? Antidepressive Wirkung beruht auf Aktivierung von Opiatrezeptoren

Die schnelle antidepressive Wirkung von Ketamin wurde in einer kleinen randomisierten Studie durch die vorherige Gabe des Opioidantagonisten Naltrexon blockiert. Die im American Journal of Psychiatry (2018; doi: 10.1176/appi.ajp.2018.180201389) vorgestellten Ergebnisse werfen die beängstigende Frage auf, ob das neue Mode-Antidepressivum möglicherweise suchterregend ist.

Berichte über die exzellente Wirkung von Ketamin bei Depressionen hat in den USA zur Gründung von „Ketamin Clinics“ geführt. Dort wird Patienten, die auf herkömmliche Antidepressiva nicht ansprechen, eine schnelle Lösung ihrer Probleme versprochen. An psychiatrischen Kliniken setzen Ärzte Ketamin auch als Notfallbehandlung bei Suizidalität ihrer Patienten ein. Beide agieren, ohne die langfristigen Auswirkungen der Ketamintherapie zu kennen.

Ketamin wurde bereits 1962 entwickelt und seit den 1970er-Jahren als Anästhetikum eingesetzt. Die Kombination aus schmerzlindernder Wirkung und Bewusstlosigkeit ermöglichte beispielsweise im Vietnamkrieg schmerzfreie Operationen ohne Beatmungsgeräte. Heute wird Ketamin in der Anästhesie wegen seiner psychotropen Nebenwirkungen (Halluzinationen, Alpträume) nur noch selten verwendet. Dafür wurde Ketamin als Straßendroge beliebt, da die dissoziative Wirkung einen Rausch erzeugen kann. Drogenexperten warnen seit einiger Zeit vor dem Abhängigkeitspotenzial von „Special K“ oder „Vitamin K“.

Vor wenigen Jahren wurde entdeckt, dass eine Ketamininfusion Patienten innerhalb kurzer Zeit von zuvor therapieresistenten Depressionen befreit, während die Wirkung von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern und anderen konventionellen Antidepressiva häufig erst nach Wochen eintritt.

Wie die rasche Wirkung zustande kommt, war bislang nicht bekannt. Wegen der guten schmerzlindernden Wirkung hatten Nolan Williams und Boris Heifets von der Stanford University in Palo Alto den Verdacht, dass Ketamin möglicherweise die Opiatrezeptoren im Gehirn aktiviert.

Um dies zu prüfen, ließen die Mediziner 30 Patienten mit therapieresistenter Depression vor einer geplanten Ketamininfusion mit dem Opioidantagonisten Naltrexon oder mit Placebo behandeln. Während die Symptome in der Placebogruppe wie erwartet um 90 % zurückgingen, blockierte Naltrexon die antidepressive Wirkung von Ketamin komplett. Die halluzinogenen und dissoziativen Effekte von Ketamin blieben dagegen erhalten. Die Studie wurde wegen der klar erkennbaren Effekte vorzeitig abgebrochen.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die antidepressive Wirkung von Ketamin nicht wie bisher angenommen auf einer Blockade der NMDA-Rezeptoren beruht, sondern durch die Aktivierung von Opioidrezeptoren zustande kommt.

Wenn dies zutrifft, dann könnte die Behandlung von Depressionen mit Ketamin eine Abhängigkeit auslösen (wovor Drogenexperten seit Längerem warnen). Da es in den USA viele Patienten gibt, die unter Depressionen leiden, könnte ein breiter Einsatz der Droge in den „Ketamin-Clinics“ eine weitere Drogenepidemie auslösen, warnt Mark George von der Medizinischen Universität von South Carolina Charleston in einem Editorial.

Belegen lässt sich diese Gefahr durch eine kleine randomisierte Studie sicherlich nicht. Die derzeitige Opiatkrise in den USA zeigt jedoch, dass der unkritische Einsatz von Medikamenten mit einer nicht erkannten Suchtwirkung schnell außer Kontrolle geraten kann. Die Tatsache, das Ketamin nicht zur Behandlung von Depressionen zugelassen ist, würde den Missbrauch vermutlich nicht verhindern, da Ärzte für andere Zwecke zugelassene Wirkstoffe grundsätzlich „off-label“ einsetzen können.

Kassen schlagen Fristverlängerung bis Juni 2019 für Anbindung der Arztpraxen an Telematik­infrastruktur vor

Der GKV-Spitzenverband hat heute Verständnis für die Forderungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gezeigt, eine Fristverlängerung für die Anbindung der Arztpraxen an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) zu verlangen. Die Frist bis Ende des Jahres einzuhalten, sei „bisher faktisch nicht möglich“, sagte Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands bei der heutigen Verwaltungsrats­sitzung in Berlin.

Es habe bisher nur einen Anbieter gegeben und auch der könne mit dem Rollout nicht so schnell vorankommen. Zwar gebe es zwischenzeitlich einen zweiten Konnektor am Markt. Durch die Verzögerungen in der Vergangenheit seien die KBV-Forderungen allerdings „durchaus nachvollziehbar“.

Pfeiffer regte eine Fristverlängerung bis zum 30. Juni 2019 an. „Hier müsste das Ministerium eine entsprechende Verlängerung der Frist in Gang setzen, weil ansonsten ab dem 1. Januar eine Sanktionierung der Ärzte, die nicht an die TI angeschlossen sind, erfolgt“, so Pfeiffer.

Die KBV hat wiederholt darauf hingewiesen, dass eine Anbindung der Praxen an die TI bislang nicht möglich war, weil die notwendigen Kompo­nenten wie Konnektor und Kartenterminal noch nicht zur Verfügung standen. Der Anschluss ist erforderlich, damit Praxen die Daten des Versicherten auf der elektro­nischen Gesundheitskarte (eGK) abgleichen und aktualisieren können.

„Wir haben stets vehement darauf hingewiesen, dass die Frist angesichts der noch immer fehlenden Technik zu kurz ist“, betonte KBV-Vorstandsmitglied Thomas Kriedel mehrfach. Zudem würden die damit verbundenen Honorarkürzungen die Falschen treffen.

Die Alkohol-in-Maßen-Lüge

Alkohol ist nicht gesund, auch nicht in Maßen. Das ist das ernüchternde Ergebnis einer weltweiten Meta-Analyse zum Alkoholkonsum und seinen gesundheitlichen Folgen. Zahlreicher Expertenaussagen zum Trotz tut uns das tägliche Glas Rotwein wohl doch nicht so gut.

Obwohl die Wissenschaft Alkoholkonsum als maßgeblichen Risikofaktor für frühzeitigen Tod sowie Behinderungen anerkennt, gibt es auch immer wieder Aussagen, ein niedriger Konsum von Alkohol könne auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Gestern wurde im Lancet eine Studie veröffentlicht, in der das Gegenteil behauptet wird. Die Autoren stellen die Aussagekraft von wissenschaftlicher Thesen, in denen moderater Alkoholkonsum unkritisch oder sogar positiv bewertet wird, infrage.

So wurde untersucht

Die großangelegte Meta-Analyse ist ein von der Bill & Melinda Gates Foundation finanziertes Projekt. Es wurden 694 unterschiedliche Datenquellen zu individuellem und bevölkerungsbezogenem Alkoholkonsum untersucht, sowie weitere 592 prospektive und retrospektive Studien zu Risiken von Alkoholkonsum. Die Auswertung wurde im Global Burden of Disease Report aus dem Jahr 2016 zusammengefasst. Die Werte beziehen sich auf Männer und Frauen im Alter von 15 bis 95 Jahren und älter (gruppiert in 5-Jahres-Abständen) von 195 verschiedenen Orten im Zeitraum von 1990 bis 2016.

Anhand dieser Daten wurden folgende Werte ermittelt:

Im Rahmen der Analyse wurde ein „Standard-Drink“ mit 10 g oder 12 Milliliter purem Ethanol pro Getränk definiert. Bei der Häufigkeit des Trinkens setzten die Forscher strenge Maßstäbe an: Als Gelegenheitstrinker galten Personen bereits, wenn sie in den vergangen 12 Monaten ein oder mehr alkoholische Getränke zu sich genommen hatten.

Im Zuge der Studie fand man heraus, dass im Jahr 2016 weltweit etwa 2,4 Milliarden Menschen gelegentlich oder häufiger Alkohol tranken. Davon sind 25 Prozent Frauen, die täglich durchschnittlich 0,73 alkoholische Getränke zu sich nehmen. Bei den Männern sind es 39 Prozent, die durchschnittlich 1,7 Drinks am Tag trinken.

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Tod durch Alkohol: Länder- und Gendervergleich

Alkohol war im Jahr 2016 der führende Risikofaktor für Erkrankungen und frühzeitigen Tod weltweit bei Männern und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren. Weltweit war Alkohol für 2,2 Prozent der Todesfälle bei Frauen und 6,8 Prozent der Männer verantwortlich, so das Ergebnis der Studie.

Für die Altergsgruppe 50 plus waren Krebserkrankungen der Hauptgrund alkoholbedingter Tode, in der Gruppe der 15- bis 49-Jährigen waren es Verkehrsunfälle, Selbstverletzungen und Tuberkulose. Bezogen auf alle Altersgruppen wurde der Konsum von Alkohol in diesem Jahr mit 2,8 Millionen Toden asoziiert, dazu zählen neben den genannten Gründen mit Alkohol in Verbindung stehende Herzerkrankungen, Gewalteinwirkung sowie Brandunfälle oder Ertrinken.

Wenig überraschend aufgrund der Einwohnerzahlen führen China, Indien und Russland die weltweite Liste der alkoholbedingten Tode bei Frauen und Männern an. Die USA sind bei Männern an fünfter und bei Frauen an siebter Stelle, Großbritannien an 21. Stelle bei den Männern, dafür an neunter bei den Frauen. Deutschland befindet sich sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen auf dem achten Platz, wie aus einer von CNN erstellten Tabelle hervor geht.

Am besten ist kein Alkohol

„Die gesundheitlichen Risiken, die mit Alkohol assoziiert werden, sind massiv,“ wird Seniorautorin Dr. Emmanuela Gakidou in der Pressemitteilung des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) zitiert. „Unsere Ergebnisse decken sich mit anderen aktuellen Forschungen, die klare und überzeugende Korrelationen zwischen Alkoholkonsum und frühzeitigem Tod, Krebs und kardiovaskulären Problemen nahelegen. Ein Verzicht auf Alkohol minimiert das allgemeine Risiko für gesundheitliche Schäden.“

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Besonders überrascht waren sie darüber, dass auch kleine Mengen an Alkohol nicht zu verharmlosen sind. „Für gewöhnlich hört man, dass ein Drink oder zwei pro Tag in Ordnung sind. Aber Beweise sind Beweise,“ betont Gakidou. Verglichen mit Menschen, die gelegentlich oder öfter Alkohol trinken, ist bei Menschen, die gar keinen Alkohol trinken, das relative Risiko für gesundheitliche Beeinträchtigungen minimiert. Das Risiko stieg monoton mit steigender Menge an täglich konsumiertem Alkohol, berichten die Autoren.

Häufiger Wohnungswechsel erhöht Psychoserisiko bei Kindern und Jugendlichen

Ein häufiger Wohnungswechsel der Familie ging in einer prospektiven Kohortenstudie in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2018.2233) mit einem erhöhten Psychoserisiko von Kindern einher, das im Teenageralter besonders ausgeprägt war. Die Forscher vermuten die Ursache in einer sozialen Isolierung der Betroffenen während einer für die Persönlichkeitsbildung wichtigen Lebensphase.

Frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass jugendliche Flüchtlinge ein erhöhtes Risiko haben, an einer Psychose zu erkranken. Neben der internationalen Migration gibt es jedoch in den meisten Ländern auch eine innerstaatliche: Wenn die Eltern eine bessere Wohnung in einem anderen Stadtteil gefunden haben oder aus beruflichen Gründen umziehen, müssen auch die Kinder und Jugendlichen den Wohnort wechseln.

Der Umzug ist meistens mit einem Wechsel der Schule verbunden. Die Kinder und Jugendlichen müssen sich einen neuen Freundeskreis suchen. Dies kann rasch zu einer Verschlechterung der schulischen Leistungen führen, und die Kinder geraten in einer Lebensphase, in der Freunde als „Peer-group“ von großer Bedeutung für die Entwicklung von Selbstwertgefühl und Persönlichkeit sind, schnell in eine soziale Isolation.

Die meisten Kinder und Jugendlichen überwinden die Krise nach einiger Zeit. Bei einer fragilen Persönlichkeit kann es jedoch zum Ausbruch einer Psychose kommen. Ein Team um James Kirkbride vom University College London hat den Einfluss der innerstaatlichen Migration auf das Psychoserisiko durch einen Abgleich der Einwohnermelderegister mit dem nationalen Krankenhausregistern untersucht. Die Forscher führten die Untersuchung in Schweden durch, weil dort die Einwohner eine Personalnummer haben, die in allen Registern verwendet wird.

Die Untersuchung umfasst 1,4 Millionen Schweden, die zwischen 1982 und 1995 ihren 16. Geburtstag hatten. Von diesen sind 4.537 wegen einer nichtaffektiven Psychose später in einer Klinik behandelt worden. Die Erkrankung trat im Mittel im Alter von 21 Jahren auf. Der Stessor Wohnungs- und Umgebungswechsel lag da meist schon viele Jahre zurück.

Am meisten gefährdet waren Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren. Schon ein einziger Umzug war in dieser Lebensphase mit einem um 45 Prozent erhöhten Psychoserisiko verbunden. Kinder, die in dieser Zeit 4-mal oder noch häufiger den Wohnort wechselten, hatten sogar ein 4-fach erhöhtes Risiko.

Es ließ sich zwar häufig auf andere Faktoren wie frühere Umzüge oder schlechtere schulische Leistungen zurückführen (wobei letztere auch eine Folge des häufigeren Ortswechsels gewesen sein könnten). Es blieb jedoch ein signifikant erhöhtes Risiko übrig, dass mit der Zahl der Umzüge von 28 % bei einem Umzug auf 99 % bei 4 oder mehr Umzügen anstieg.

Am zweitgrößten war der Einfluss bei jüngeren Kindern im Alter von 5 bis 15 Jahren. Das Psychoserisiko stieg hier (nach Berücksichtigung anderer Risikofaktoren) um 22 %, wenn die Eltern einmal umgezogen waren, beziehungsweise um 95 % bei 4 oder mehr Umzügen.

Selbst bei Vorschulkindern waren die Umzüge der Eltern mit einem 13 bis 83 % (nach 1 oder nach 4 oder mehr Umzügen) erhöhten Psychoserisiko verbunden. Kirkbride rät deshalb den Psychiatern, bei ihren jugendlichen Patienten immer auch nach Umzügen der Eltern zu fragen und die entsprechenden Probleme durch Isolation und gestörter Selbstwertfindung zu thematisieren.

Computerspiele können bei Kleinhirnpatienten Koordination verbessern

Auf die Möglichkeiten von Health Games hat das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen hingewiesen. „Unsere Studien haben ergeben, dass Patienten, die durch Schäden am Kleinhirn unter Bewegungsstörungen leiden, durch das Training mit speziellen Videospielen ihre Beweglichkeit verbessern können“, erläuterte Matthis Synofzik aus dem HIH anlässlich der Computerspielemesse Gamescom in Köln.

Die Arbeitsgruppe um Synofzik und den Bewegungswissenschaftler Winfried Ilg entwickelt an dem Institut spezielle Videospiele für Menschen mit einer degenerativen Ataxie, die durch genetisch bedingte Schäden am Kleinhirn entsteht. Die Betroffenen leiden vor allem unter Bewegungsstörungen wie ungelenken Armbewegungen, Gangunsicherheit und häufigen Stürzen.

Regelmäßige Krankengymnastik kann eine Verschlechterung hinauszögern. Doch vor allem Kinder und junge Erwachsene sind laut Synofzik oft nicht ausreichend für eine Physiotherapie zu begeistern und trainierten nicht so häufig, wie sie sollten. Zudem reiche die von der Krankenkasse verschriebene Physiotherapie für diese Patienten nicht aus und werde auch Zuhause oft nicht fortgeführt. „Um das Motivationsproblem zu lösen kamen wir auf die Idee, Videospiele zu verwenden, die mit ganzem Körpereinsatz gesteuert werden und die man zum Training verwenden kann, sogenannte Exergames“, erläuterte Synofzik.

„Wir haben mit einem Tischtennisspiel begonnen, dort waren die Anforderungen auf einfachster Stufe so gering, dass auch Patienten mit Koordinationsstörungen Erfolgserlebnisse hatten“, berichtet Ilg, Leiter des Klinischen Bewegungslabors der Abteilung Kognitive Neurologie am HIH. Weitere Spiele, in denen die Kinder und jungen Erwachsenen in anspruchsvoller Körperhaltung virtuelle Wassertanks abdecken oder mit dynamischem Ausfallschritt auf Leuchtflächen reagieren müssen, kamen hinzu.

Selbst bei schwer betroffenen Patienten konnten die Wissenschaftler die Symptomatik verbessern. „Eine Ataxie wird bei einem Erkrankten auf einer Skala von 0 bis 40 im Mittel um 1,2 Punkte pro Jahr schlechter. Durch vier bis sechs Wochen Training haben unsere Patienten zwei Punkte gewonnen. Das heißt salopp gesagt: Sie haben ungefähr eineinhalb Jahre Krankheit wettgemacht“, berichtet Synofzik.

Die Arbeitsgruppe weist darauf hin, dass das Kleinhirn aufgrund vieler Erkrankungen geschädigt sein könne, zum Beispiel durch einen Tumor, Schlaganfall, Multiple Sklerose oder durch altersbedingten Abbau. „Da wird der Markt auf einmal riesig. Vielleicht erreichen diese Videospiele irgendwann sogar die Marktreife als zugelassenes Medizinprodukt. Das wäre dann Gaming auf Rezept“, so Synofzik.

Weltweit jährlich 2,8 Millionen Todesfälle durch Alkoholkonsum

Der Alkoholkonsum ist weltweit für 2,2 % aller Todesfälle bei Frauen und 6,8 % bei Männern verantwortlich. In der Altersgruppe der 15 bis 49-jährigen ist laut einer systematischen Analyse im Lancet(2018: doi: 10.1016/S0140-6736(18)31310-2) sogar jeder zehnte vorzeitige Todesfall auf den Alkoholkonsum zurückzuführen. Auch ein geringer Alkoholkonsum schadet nach Einschätzung der Autoren, da die günstigen Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System und die Vermeidung eines Typ 2-Diabetes durch ein erhöhtes Risiko auf Krebserkrankungen mehr als aufgehoben werden.

Die Analyse, die 694 Datenquellen zum Alkoholkonsum in 195 Ländern mit den Ergebnissen aus 592 prospektiven und retrospektiven Studien zu den Risiken des Alkoholkonsums in Beziehung setzt, wurde vom Institute for Health Metrics and Evaluation in Seattle durchgeführt, das von der Bill & Melinda Gates Foundation gesponsert wird. Mehr als 500 Forscher aus über 40 Nationen waren an der Studie beiteiligt, die damit das mit Abstand größte epidemiologische Forschungsprojekt zum Einfluss des Alkoholkonsums auf die Gesundheit der Weltbevölkerung ist.

Das Team um Emmanuela Gakidou von der Universität des Staates Washington in Seattle hat recherchiert, dass 2,4 Milliarden (erwachsene) Menschen, das ist ein Drittel der Weltbevölkerung, Alkohol konsumiert. Darunter sind 1,5 Milliarden Männer und 900 Millionen Frauen.

Am höchsten ist die durchschnittliche Prävalenz mit 72 Prozent in hochentwickelten Ländern, die sich eher in den polnäheren kälteren Regionen befinden. Deutschland liegt mit einer Prävalenz von 94,3 Prozent bei den Männern nach Dänemark, Norwegen und Argentinien an der vierten Stelle. Bei den Frauen beträgt die Prävalenz 90,0 Prozent. Das ist Position drei nach Dänemark und Norwegen.

Der tägliche Konsum ist bei den Männern in Rumänien mit 8,2 Drinks pro Tag am höchsten (Deutschland ist hier nicht unter den ersten zehn Ländern vertreten). Frauen trinken in der Ukraine mit 4,2 Drinks pro Tag am meisten (Deutschland mit 2,9 Drinks pro Tag an Position 9).

In ärmeren, zumeist wärmeren Ländern trinken dagegen nur 8,9 Prozent der Bevöl­kerung Alkohol und wenn, dann meist in geringen Mengen. In diesen Regionen sind Religionen wie der Islam oder der Hinduismus, die Alkohol strikt ablehnen, stärker verbreitet.

Teilweise gibt es große Unterschiede zwischen den Geschlechtern wie in Nepal, wo 21 Prozent der Männer, aber nur 1,5 Prozent der Frauen Alkohol trinken, während der Anteil in Schweden mit 87 Prozent bei Männern und 86 Prozent bei Frauen praktisch identisch ist.

Nach den Berechnungen von Gakidou verursachte der Alkoholkonsum im Jahr 2016 weltweit 2,8 Millionen Todesfälle. Das entspricht den genannten 2,2 Prozent der Todesfälle bei Frauen und 6,8 Prozent bei Männern. Der Alkoholkonsum war weltweit für 1,6 Prozent aller durch Krankheit oder Behinderung verlorenen Lebensjahre (DALY) verantwortlich. Bei Frauen waren es 6,0 Prozent.

Bei jungen Erwachsenen (15 bis 49 Jahre) war der Alkoholkonsum der weltweit führende Risikofaktor für einen vorzeitigen Tod mit 8,9 Prozent aller DALYs bei Männern und 2,3 Prozent bei Frauen. Bei Frauen waren in dieser Altersgruppe 3,8 Prozent und bei Männern 12,2 Prozent aller Todesfälle auf Alkohol zurückzuführen.

Alkohol erhöht das Risiko einer Reihe von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dazu gehören Vorhofflimmern und -flattern, Schlaganfall, hypertensive Herzkrankheit, ischämische Herzkrankheit und die alkoholische Kardiomyopathie.

Alkohol ist auch mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden. Dazu gehören Karzinome in Brustdrüse, Dick- und Enddarm, Leber, Speiseröhre, Kehlkopf, Lippen, Mundhöhle und Nase.

Alkohol ist eine wichtige Ursache für die Leberzirrhose, es hat jedoch einen einen Anteil an Typ 2-Diabetes, Epilepsie und Pankreatitis. Alkohol kann außerdem zur Sucht führen.

Alkohol begünstigt laut Gakidou Infektionen der unteren Atemwege und eine Tuber­kulose. In ärmeren Ländern sterben alkohol-bedingt sogar mehr Menschen an einer Tuberkulose als in Verkehrsunfällen.

Alkohol ist häufig die Ursache zwischenmenschlicher Gewalt und von Selbstverletzungen. Schließlich erhöht Alkohol aufgrund der Trunkenheit das Risiko von Unfällen im Straßenverkehr sowie von Verletzungen aller Arten.

Alkohol kann in Maßen konsumiert jedoch auch vor Krankheiten schützen, zu denen ischämische Herzerkrankungen und mit Einschränkungen auch der Typ 2-Diabetes zählt. Gakidou fand für beide Erkrankungen eine J-förmige Dosis-Wirkungskurve, die für eine protektive Wirkung eines mäßigen Alkoholkonsums spricht. Diese Schutzwirkung wird jedoch durch ein erhöhtes Risiko vor allem von Krebserkrankungen überlagert, so dass Gakidou abschließend zu dem Ergebnis kommt, dass die Grenze für eine schädliche Wirkung von Alkohol bei Null Drinks pro Tag liegt.

Computerspielsucht ist auch Problem in Betrieben

Die Computerspielsucht beschäftigt zunehmend auch die Personalabteilungen der Betriebe in Deutschland. Das geht aus einer Onlinebefragung durch die Technische Universität (TU) München hervor.

„Rund zwei Millionen Deutsche, fast alle im arbeitsfähigen Alter, sind gefährdet“, sagte Volker Nürnberg von der TU München. Er hat die Unternehmensbefragung zur Internet- und Spielsucht im Auftrag der DAK-Gesundheit durchgeführt.

„Es ist für die Unternehmen ein massives Problem, aber ein Tabuthema“, so der Experte. Eine solche Sucht beeinträchtige nicht nur das Privatleben, sondern auch die Arbeit. Betroffene Mitarbeiter hätten mehr Fehlzeiten und Probleme mit Aufmerksamkeit und Konzentration.

An der Befragung nahmen 108 Unternehmen teil. In 56,5 Prozent der Unternehmen ist Internet- und Spielsucht bereits ein Thema und in 58,3 Prozent der befragten Firmen treten Auffälligkeiten unter Mitarbeitern auf. Präventionsmaßnahmen bieten aber lediglich 24,1 Prozent der Unternehmen an. 72,2 Prozent der Umfrageteilnehmer würden eine Präventions-App in ihrem Unternehmen begrüßen und den Mitarbeitern zur Verfügung stellen.

Die DAK will daher jetzt mit einem Computerspiel für mehr Medienkompetenz bei Auszubildenden und jungen Arbeitnehmern sorgen. Diese können es sich als App auf ihr Smartphone installieren.

„Mit Verboten und erhobenem Zeigefinger erreicht man wenig. Wir leisten Prävention auf Augenhöhe und holen junge Menschen im Umfeld ihrer Ausbildung wirklich ab“, erklärte Andreas Storm, Vorstandschef der DAK-Gesundheit.

Unter dem Namen „Die Retter der Zukunft“ bietet die App spielerische Elemente. Erziehungsbotschaften werden über Spielhandlung, Dialoge und Spielentscheidungen transportiert. Darüber hinaus erspielen sich die Nutzer kurze Infotexte, die am Ende eine digitale Broschüre für mehr Medienkompetenz ergeben. Die Spielkonzeption stammt von der Firma „straightlabs“ aus Bayern, die auf virtuelle Lernspiele spezialisiert ist.

„Wir sehen in unserer Sprechstunde immer mehr Betroffene mit Internetsüchten und Computerspielabhängigkeit“, sagte auch der Leiter der Medienambulanz der Bochumer LWL-Universitätsklinik, Jan Dieris-Hirche, zum Auftakt der Computerspielmesse Gamescom in Köln. Er wies darauf hin, dass die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) die „Online Gaming Disorder“ im Juni 2018 offiziell als Verhaltensstörung anerkannt hat.

Ältere Pflegerinnen häufiger psychisch erkrankt

Ältere Frauen in Pflege- und Erziehungsberufen leiden häufiger unter psychischen Erkrankungen und Verhaltensstörungen. Sie sind im Vergleich zu Männern und zu jüngeren Frauen deutlich häufiger krankgeschrieben und beantragen auch häufiger eine vorzeitige Erwerbsminderungsrente. Das geht aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervorgeht, wie die Rheinische Post berichtet.

Demnach wurden Frauen 2016 bundesweit an 59 Millionen Tagen wegen psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen krankgeschrieben; bei Männern waren es 39 Millionen. In der Altersgruppe der 55- bis 60-jährigen waren Frauen doppelt so häufig wegen psychischer Belastungen arbeitsunfähig geschrieben als Frauen zwischen 25 und 30 Jahren. Männer in der gleichen Altersgruppe zwischen 55 und 60 Jahren litten ebenfalls erheblich seltener an psychischen Erkrankungen als ihre Altersgenossinnen.

Die größere Häufigkeit bei älteren Frauen ist laut den Zahlen auch auf ihre Tätigkeiten zurückzuführen. Im Gesundheits- und Sozialwesen stellen Frauen mit 78 Prozent die große Mehrheit der Beschäftigten. In der Kranken- und Altenpflege gab es der Regierungsantwort zufolge 2016 nach dem Hochbau die meisten Krankschreibungen wegen psychischer Belastungen.

Beschäftigte in der Gesundheits- und Krankenpflege waren aus diesem Grund durchschnittlich an 29,7 Tagen krankgeschrieben, in der Altenpflege an 29,4 Tagen. In einer Umfrage des Bundesinstituts für Berufsbildung gaben 68 Prozent der Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen und 71 Prozent im Erziehungswesen an, „verschiedene Arbeiten gleichzeitig betreuen zu müssen“, so die Regierungsantwort. Doppel- und Dreifachbelastungen führen oft zu psychischen Erkrankungen.

 

Max-Planck-Institut schafft Therapieangebot für Erwachsene mit selbstverletzendem Verhalten

Therapieangebote für Menschen mit selbstverletzendem Verhalten wie dem Ritzen an den Unterarmen richten sich meist an junge Betroffene. Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie (MPI) hat nun einen Schwerpunkt in Deutschland speziell für Erwachsene eröffnet.

Selbstverletzendes Verhalten ist laut dem Institut meist ein Symptom einer stressbedingten psychischen Erkrankung. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung, aber auch eine Posttraumatische Belastungsstörung, Essstörungen oder eine Depression können bei Patienten das Verlangen auslösen, sich am eigenen Körper zu verletzen. Betroffene schneiden oder ritzen sich, verbrühen sich absichtlich, beißen oder schlagen sich. Es geht ihnen dabei um die Verletzung selbst, sie wollen sich bewusst Schmerz zufügen.

„Sich an den Unterarmen ritzen, das ist am ehesten bekannt von Pubertierenden und Borderline-Patienten. Doch auch andere psychische Erkrankungen gehen mit diesem Verhalten einher, auch bei Erwachsenen und bei Männern gibt es dieses Muster“, hieß es aus dem Institut. Häufig beginne die Störung im Kindes- und Jugendalter. Werde sie nicht behandelt, litten Betroffene oft Jahre oder Jahrzehnte lang.

Das Verhalten lässt sich laut MPI aber in der Regel verringern, meistens mit einer kombinierten Behandlung aus Medikamenten und Psychotherapie. „Wir wenden verschiedene diagnostische, medikamentöse und psychotherapeutische Ansätze an, sie wurden überwiegend in unserer Klinik entwickelt“, erläuterte Martin Keck, Chefarzt und Direktor der Klinik am MPI.

Bevor Patienten stationär am MPI in München aufgenommen werden, sollen sie zwei Wochen lang ein Selbstverletzungstagebuch führen. So ließen sich bereits erste Muster erkennen. „Wichtig ist uns die Psychoedukation. Je besser Patienten verstehen, warum sie sich selbst verletzen und was das mit ihrer Grunderkrankung zu tun hat, desto besser können wir gemeinsam mit ihnen die Therapie gestalten“, erläuterte der zuständige Oberarzt Bastian Wollweber.

Telekom senkt Preis für Anschluss an Telematik­infrastruktur

Der Konnektor der Deutschen Telekom für die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) ist seit Kurzem zugelassen. Das bisherige Angebot des Unternehmens, um die Ärzte an die TI anzubinden, kostete allerdings mehr als die Vertragsärzte von den Krankenkassen erstattet bekommen. Nun hat das Unternehmen offenbar beim Preis nachgebessert.

Online bot die Telekom ihr „Medical Access Port-Bundle“ bisher für 2.695,12 Euro netto (3.207,20 Euro brutto) an. Die Ärzte erhalten im 3. Quartal allerdings lediglich 3.054 Euro (inklusive Starterpauschale) von den Krankenkassen. Diese Pauschale sinkt im 4. Quartal auf 1.982 Euro plus 900 Euro Starter­pauschale (2882 Euro).

Nun sollen die Kosten der Telekom für den Start der Arztpraxen in die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) 2.421,84 Euro netto (2.881,99 Euro brutto) betragen, wie dem Internetauftritt des Konzerns zu entnehmen ist. Das wäre exakt die Summe, die die Krankenkassen für die Anbindung an die TI im 4. Quartal erstatten.

Das Paket beinhaltet laut Telekom den Konnektor, ein stationäres Kartenterminal, die Einrichtung des VPN-Zugangsdiensts, die Installation vor Ort, die Geräteeinweisung und einen zugeschnittener Kundenservice. Für Betriebs- und Serviceleistungen sollen monatliche Gebühren anfallen, deren Kosten nicht zu entnehmen sind.

Mit dem Angebot hat die Telekom sich im Wettbewerb auf die Stufen der Mitbewerber begeben. So hatte die CompuGroup Medical (CGM) erst kürzlich erklärt, dass man allen Arztpraxen, die im 3. Quartal die Anbindung an die TI bestellen und erst im 4. Quartal einen Installationstermin erhalten, die Differenz zwischen Angebotspreis und der heute gültigen Erstattungspauschale für das 4. Quartal/2018 ausgleichen will. Der Betrag ist auf maximal rund 170 Euro begrenzt.