Krisendienst für psychische Notlagen wird in Bayern aufgebaut

Für Menschen in psychischen Notlagen wird in den kommenden drei Jahren ein bayernweiter Krisendienst aufgebaut. Kern ist eine zentrale Telefonnummer, bei der sich Betroffene und deren Angehörige rund um die Uhr Hilfe holen können.

Für den Betrieb der Leitstellen stelle der Freistaat acht Millionen Euro zur Verfügung, sagte Ge­sund­heits­mi­nis­terin Melanie Huml (CSU) gestern in München. Außerdem gibt es mobile Krisenteams, die in akuten Notfällen vor Ort helfen. Sie sollen von den Regierungsbezirken finanziert werden.

Pro Regierungsbezirk soll es laut Gesetz in spätestes drei Jahren eine Leitstelle geben, besetzt mit erfahrenen Fachkräften wie Psychologen, Psychotherapeuten oder Sozialpädagogen. Außerdem muss sie über Ärzte oder Fachärzte verfügen, die sich mit Themen wie Psychiatrie oder Nervenheilkunde auskennen. Vorreiter sind die Regierungsbezirke in Mittelfranken und Oberbayern, in denen es bereits einen Krisendienst gibt.

Grundlage ist das Bayerische Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (BayPsychKHG), dessen Hilfeteil laut Ministerium am 1. August in Kraft tritt. Um das Gesetz war heftig gerungen worden. Mitte Juli hatte der Landtag einer deutlich abgeschwächten Fassung zugestimmt. So wurde unter anderem auf eine Zentraldatei zur Erfassung sämtlicher Patienten verzichtet, die zwangsweise in der Psychiatrie untergebracht werden.

Auch Väter erkranken an postnatalen Depressionen

Postnatale Depressionen treten nicht nur bei Müttern auf. Eine Studie in JAMA Pediatrics (2018; doi: 10.1001/jamapediatrics.2018.1505) zeigt, dass auch Väter nach der Geburt eines Kindes in ein „emotionales Loch“ fallen können.

Die postpartale Depression ist so häufig, dass die American Academy of Pediatrics inzwischen zu einem Screening der Mütter rät. Das allgemein anerkannte Instrument ist die Edinburgh-Postnatal-Depressions-Skala (EPDS), in dem Mütter 10 Fragen zu ihrer Befindlichkeit beantworten. In Indiana wird eine vereinfachte Form (EPDS-3) verwendet, in der nur 3 Fragen gestellt werden. Die Mütter füllen den Fragebogen in der Regel im Wartezimmer aus.

Da heute vielfach die Väter Mutter und Kind bei den Arztterminen begleiten, haben Erika Cheng von der Indiana University School of Medicine den Fragebogen den Vätern vorgelegt.

Ergebnis: Bei 2.946 von 9.572 (30,8 %) Klinikbesuchen war auch die Väter anwesend. Diese füllten in 806 Fällen (8,4 %) den Fragebogen aus. Bei insgesamt 36 Vätern (4,4 %) wurden Hinweise auf postnatale Depressionen gefunden. Der Anteil war kaum geringer als bei den Müttern, von denen 5,0 % Zeichen einer postnatalen Depression aufwiesen. Der Anteil der Väter an allen postnatalen Depressionen betrug 11,7 %.

Da Väter sich in der heutigen Zeit mehr um die Kinder kümmern als in früheren Generationen, können postnatale Depressionen negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder haben, befürchtet Cheng. Sie rät deshalb dazu, auch die Väter zu screenen. Die American Academy of Pediatrics hat das Problem erkannt und bereits 2016 einen Report zur Rolle der Väter veröffentlicht.

Referentenentwurf: Patientenfach entfällt, mobiler Zugriff wird geregelt

Der Referentenentwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) enthält auch Neuregelungen zur Telematik­infrastruktur und zu geplanten E-Health-Anwendungen.

Unter anderem werden die Krankenkassen in Paragraf 291a Sozialgesetzbuch (SGB) V verpflichtet, ihren Versicherten spätestens ab dem 1. Januar 2021 von der Gesellschaft für Telematik (gematik) zugelassene elektronische Patientenakten (ePA) zur Verfügung zu stellen. Intention des Gesetzgebers ist es, damit Patientenakten ins Gesundheits­system einzuführen, die sektorenübergreifend bei allen Leistungserbringern und auch kassenübergreifend nutzbar sind.

Zudem haben die Krankenkassen künftig zum Thema ePA eine Informationspflicht gegenüber ihren Versicherten: Sie müssen sie über die ePA und deren Funktionsweise einschließlich der Art der in ihr zu verarbeitenden Daten sowie über die verschiedenen Zugriffsrechte und -wege informieren.

Zwei-Schlüssel-Prinzip fällt weg

Das bisher vorgesehene elektronische Patientenfach wird mit der ePA begrifflich zusammengeführt, weil es sich nach den bisherigen Konzepten der gematik weitgehend um die gleichen Daten handele, „auf die nur mit unterschiedlichen Zugriffsrechten zugegriffen werden kann“. Da die Versicherten künftig auf die Daten der ePA auch ohne Heilberufsausweis (und damit ohne Anwesenheit eines Leistungs­erbringers) zugreifen können und dies der Zugriffsmöglichkeit des elektronischen Patientenfaches entspricht, ist Letzteres nach dem Entwurf als gesonderte Anwendung entbehrlich.

Das Verfahren bei der Erklärung und der Dokumentation der Einwilligung des Versicherten in die medizinischen Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) wird vereinfacht. So soll der Versicherte künftig auch in die Nutzung einer ePA gegenüber dem jeweiligen Aktenanbieter einwilligen können, und seine Einwilligung muss auch nicht auf der eGK gespeichert werden. Davon unberührt bleiben die Vorgaben der datenschutzrechtlichen Einwilligung nach der EU-Datenschutzgrund­verordnung unter anderem zur Einwilligung in die Verarbeitung von Gesundheitsdaten.

Mobiler Datenzugriff

Darüber hinaus erhalten die Versicherten künftig zusätzliche Zugriffs- und Authentifizierungsmöglichkeiten, um auch mit mobilen Endgeräten, wie Tablets oder Smartphones, und ohne Einsatz der elektronischen Gesundheitskarte auf die medizinischen Daten in ihrer ePA zugreifen zu können. Bisherige Zugriffswege mittels eGK sollen aber erhalten bleiben.

Die Krankenkassen sind künftig dazu verpflichtet, die Versicherten über die unterschiedlichen Zugangswege und damit verbundene Abstufungen bei den Sicherheitskriterien zu informieren und eine darauf basierende Erklärung der Versicherten zur Nutzung des zusätzlichen Authentifizierungsverfahrens zu dokumentieren.

Die gematik wird nach Paragraf 291b SGB V verpflichtet, die Voraussetzungen für diese zusätzlichen technischen Möglichkeiten im Benehmen mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zu schaffen. Außerdem soll die gematik für handelsübliche mobile Geräte und Dienste im Benehmen mit dem BSI ein neues Zulassungsverfahren mit geeigneten Kriterien bis zum 31. März 2019 erarbeiten. Für die erforderliche Spezifizierung der Authentifizierungsverfahren ohne Einsatz der eGK setzt das BMG einen einmaligen Erfüllungsaufwand von 200.000 Euro an.

Die gematik wird außerdem verpflichtet, das BMG über Störungen, die die Sicherheit oder Funktionsfähigkeit der Tele­ma­tik­infra­struk­tur erheblich beeinträchtigen können, oder über bereits eingetretene derartige Vorfälle zu informieren.

Elektronische Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen ab 2021

Ab 2021 soll darüber hinaus ein verbindliches elektronisches Verfahren zur Übermittlung von Arbeitsunfähigkeitsdaten durch Ärzte an Krankenkassen ermöglicht werden. Die sichere Übermittlung der Daten über die Tele­ma­tik­infra­struk­tur an die Krankenkasse sieht auch eine qualifizierte elektronische Signatur durch den Heilberufsausweis vor.

Nach Paragraf 305 SGB V dürfen Krankenkassen künftig auf Wunsch des Versicherten und mit dessen Einwilligung Leistungs- und Abrechnungsdaten an Dritte, etwa für die ePA, übermitteln. Dabei muss jedoch sichergestellt sein, dass die Daten ohne ausdrückliche Einwilligung des Versicherten nicht von einem Aktenanbieter oder den Krankenkassen eingesehen werden können.

Bundes­verfassungsgericht erhöht Anforderungen für eine Fixierung

Die Fixierung von Patienten in Krankenhäusern und Psychiatrien muss von einem Richter genehmigt werden – zumindest dann, wenn sie länger als eine halbe Stunde andauert. Dies entschied der zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts heute in Karlsruhe (Az.: 2 BvR 309/15 u.a.). Die Fixierung eines Patienten sei ein Eingriff in dessen Grundrecht auf Freiheit der Person nach Artikel 104 des Grund­gesetzes, sagte der Vorsitzende des Zweiten Senats, Andreas Voßkuhle. Sie sei nur als letztes Mittel zulässig.

Die Richter gaben damit der Klage zweier Patienten recht, von denen der eine in einer Münchner Klinik acht Stunden lang an Armen, Beinen, Körper und Kopf in einer Sieben-Punkt-Fixierung am Bett gefesselt war. Der zweite Mann war in einer Klinik in Baden-Württemberg auf Anordnung eines Arztes über mehrere Tage hinweg immer wieder an Armen, Beinen und Körper bewegungsunfähig gehalten worden.

Besonders schutzbedürftig

In solch einer Situation sei der Patient besonders schutzbedürftig, heißt es in dem Urteil. Deshalb dürften solche Maßnahmen nur das letzte Mittel sein – und nicht etwa wegen Personalmangel in der Einrichtung angeordnet werden. Das Verfassungsgericht erkannte an, dass solche Fixierungen manchmal auch kurzfristig notwendig seien, wenn die Gefahr bestehe, dass der Patient sich oder andere gefährde. Trotzdem stelle die Fesselung des Körpers, wenn sie eine halbe Stunde überschreite, für den Patienten eine Freiheitsentziehung dar.

Sie muss von einem Richter angeordnet oder zumindest anschließend überprüft werden. Zudem muss für die Zeit der Fixierung eine Eins-Zu-Eins-Betreuung durch qualifiziertes Pflegepersonal sichergestellt sein. Von den beklagten Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg verlangen die Karlsruher Richter den „verfassungs­widrigen Zustand“, der derzeit herrsche, bis Juni 2019 zu beseitigen.

Bis dahin muss von den Ländern zudem ein richterlicher Bereitschaftsdienst ein­gerichtet werden, der mindestens zwischen 6 und 21 Uhr erreichbar ist und über Fixierungen entscheidet. Außerdem sind Krankenhäuser schon ab sofort verpflichtet, fixierte Patienten darauf aufmerksam zu machen, dass sie die Maßnahme bei Gericht nachträglich anfechten können.

Die Regelungen in den 16 Bundesländern sind unterschiedlich. Nur Berlin, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen haben bislang die Einschaltung eines Richters gesetzlich vorgeschrieben. Schon bei der Verhandlung hatte Verfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle betont, staatliche Freiheitsentziehung sei die schwerste Form der Freiheitsbeschränkung und nur in besonderen Fällen durch das Grundgesetz gedeckt.

Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha (Grüne) nannte die festgesetzten Fristen nach dem Urteil „ausgesprochen sportlich“. Nicht beantworten wollte der Minister die Frage, ob es sich um ein teures Urteil für das Land handele. Der Freistaat Bayern, dessen Gesetz über die Voraussetzungen zur Fesselung ans Krankenbett ebenfalls als verfassungswidrig bewertet wurde, war bei der Urteilsverkündung lediglich auf Beamtenebene vertreten. Zufrieden mit der Entscheidung des Zweiten Senats zeigten sich die Rechtsvertreter der beiden Personen, die Verfassungsbeschwerde eingelegt hatten.

1.271 Gene beeinflussen den Erfolg in Schule und Ausbildung

Welchen Schulabschluss ein einzelner Mensch erreichen kann, hängt unter anderem von seinem Erbgut ab. Eine genomweite Assoziationsstudie (GWAS) ermittelt in Nature Genetics (2018; doi: 10.1038/s41588-018-0147-3) 1.271 Genvarianten, die zusammen allerdings nur etwas mehr als ein Zehntel des Bildungserfolgs erklärten.

Einige Menschen mühen sich in der Schule vergeblich, anderen scheinen die guten Noten nur so zuzufliegen. Frühere Zwillingsstudien hatten gezeigt, dass ein Teil des Erfolgs familiär bedingt ist. Dies muss nicht automatisch genetische Ursachen haben, da auch die Erziehung, die Lernkultur und der Ehrgeiz in einer Familie den Ausbildungserfolg beeinflussen.

Gene können jedoch zweifellos eine Rolle spielen. Sie könnten die Zahl der Neurone im Gehirn und ihre synaptischen Verknüpfungen, die Freisetzung von Neurotransmittern oder auch die Leitungsgeschwindigkeiten in den Nervenfasern beeinflussen. Die in den GWAS ermittelten Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNP) könnten die zugrunde liegenden biologischen Mechanismen aufzeigen.

In einer früheren GWAS hatte ein Team um Daniel Benjamin von der University of Southern California in Los Angeles bereits 74 SNP entdeckt, die allerdings gerade einmal 3,2 % der Unterschiede in Schule und Ausbildung erklärten (Nature 2016; 533: 539–542). Die Analyse beruhte auf dem Genvergleich an 293.723 Menschen. Für die aktuelle GWAS konnten Benjamin und Mitarbeiter auf das Erbgut von 1,1 Millionen Menschen zurückgreifen. Der Anteil der SNP, die den Schulerfolg beeinflussten, stieg auf 11 bis 13 % an. Der Anteil an den Ergebnissen in kognitiven Tests lag bei 7 bis 10 Prozent.

Interessant ist die Funktion der Gene, in denen sich die SNP befinden. Viele enthalten laut Benjamin die Information für Proteine, die an der Neurotransmitter-Freisetzung, der Aktivierung von Ionenkanälen oder an Stoffwechselwegen in den Nervenzellen beteiligt sind oder die synaptische Plastizität beeinflussen.

Auf die Funktion der Gliazellen, die das Stützgewebe im Gehirn bilden, hatten die SNP wenig Einfluss. Dies ist durchaus von Bedeutung, da die Gliazellen für die Bildung der Myelinscheiden verantwortlich sind, die die Leitgeschwindigkeit in den Nervenfasern bestimmen. Hier scheint es keine (oder bisher nicht entdeckte) Einflüsse zu geben.

Die Ergebnisse der Studie wurden von Experten unterschiedlich bewertet. Für Markus Nöthen, dem Direktor des Instituts für Humangenetik am Universitätsklinikum Bonn, ist es eindrucksvoll, wie die GWAS nach und nach die biologischen Faktoren ermitteln, die den Bildungsstand beeinflussen. Auch der von Benjamin vorgeschlagene polygene Score ist nach Ansicht von Nöthen durchaus ein geeignetes Instrument, um bei einzelnen Personen die Größe des genetischen Einflusses zu bestimmen.

Elsbeth Stern von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich meint dagegen, dass die Autoren den Wert ihrer Studien überschätzen. Dass Eltern in Zukunft Gentests anfertigen lassen, um den zukünftigen Bildungsgrad ihrer Kinder vorherzusagen und diese dann spezifischer fördern zu können, glaubt die Lernforscherin nicht. Nach ihrer Ansicht gibt es geeignetere Mittel, um das intellektuelle Potenzial von Kindern zu testen. So könne man beispielsweise aus der Art und Weise, wie Babys Objekte anschauen, mehr als 13 % der späteren Intelligenzunterschiede vorhersagen.

Virtual-Reali­ty-Coach hilft bei Höhenangst

Eine psychologische Therapie in einer virtuellen Umgebung („Virtual Reality“) ohne Therapeut kann Menschen mit einer klinisch diagnostizierten Höhenangst helfen, ihre Angst zu überwinden. Das berichten Wissenschaftler der Universität Oxford in der Zeitschrift The Lancet Psychiatry (2018; doi: 10.1016/S2215-0366(18)30226-8).

In die Studie haben die Forscher um Daniel Freeman 100 Personen mit klinisch diagnostizierter Höhenangst einbezogen. Diese erhielten entweder die neue automatisierte Virtual-Reality-Behandlung (49 Personen) oder keine Behandlung (51 Personen). Im Durchschnitt hatten die Teilnehmer seit 30 Jahren Höhenangst. Alle Teilnehmer haben zu Beginn der Studie, am Ende der Behandlung zwei Wochen später und bei der Nachsorge nach vier Wochen Fragebögen zur Schwere ihrer Höhenangst ausgefüllt.

Die Teilnehmer der Virtual-Reality-Behandlung hatten etwa sechs 30-minütige Sitzungen über zwei Wochen, in denen sie ein Virtual-Reality-Headset trugen. In der ersten Sitzung diskutierten die Teilnehmer ihre Höhenangst mit dem virtuellen Coach und erklärten, was ihre Angst auslöste, während der virtuelle Coach grundlegende Informationen über Höhenangst gab. Die Teilnehmer betraten dann einen virtuellen Bürokomplex mit zehn Stockwerken, wo sie an Aktivitäten teilnahmen, die ihre Ängste herausforderten und ihnen halfen zu lernen, dass sie sicherer waren, als sie dachten.

Von den 49 Teilnehmern, die die Virtual-Reality-Behandlung anboten, nahmen 47 an mindestens einer Sitzung teil und 44 absolvierten die komplette Behandlung. Die drei Personen, die die Intervention nicht abgeschlossen haben, fanden die Sitzungen entweder zu schwierig (zwei Personen) oder konnten nicht an weiteren Terminen teilnehmen (ein Teilnehmer).

Am Ende der Behandlung und bei der Nachsorge bewerteten die Teilnehmer der Kontrollgruppe ihre Höhenangst als ähnlich wie vorher, aber alle Teilnehmer der Virtual-Reality-Behandlungsgruppe gaben an, dass ihre Höhenangst abgenommen hatte.

Die Forscher werten die Ergebnisse als Konzeptbeleg dafür, wie einige psychologische Interventionen in Zukunft angeboten werden könnten. „Virtual-Reality-Therapien, die keinen Therapeuten benötigen, haben das Potenzial, den Zugang zu psychologischen Interventionen drastisch zu verbessern“, sagte Freeman. Wie aus der klinischen Studie hervorgehe, hätten Virtual-Reality-Behandlungen das Potenzial, für viele Patienten effektiver, schneller und attraktiver zu sein als herkömmliche Face-to-Face-Therapien.

Die Autoren stellen aber auch einige Einschränkungen ihrer Studie fest, unter anderem, dass sie die neue Therapie nicht mit den derzeit zur Behandlung von Phobien verwendeten psychologischen Therapien wie Beratung, Psychotherapie oder kognitive Verhaltenstherapie verglichen habe. Die Autoren stellen außerdem fest, dass sie sich bei der Beurteilung der Höhenangst der Teilnehmer auf Fragebögen stützten und diese nicht in realen Szenarien getestet haben.

Neues Computersystem erkennt Persönlichkeit eines Menschen anhand seiner Augenbewegungen

Menschen erkennen Gesten und deuten Blicke blitzschnell und nahezu automatisch. Computer und Roboter schaffen dies nicht. Daher forschen Wissenschaftler weltweit daran, wie man die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Computer sozialer, effizienter und flexibler gestalten kann. Informatiker aus Saarbrücken und Stuttgart haben nun zusammen mit Psychologen aus Australien einen wichtigen Meilenstein erreicht. Das von ihnen entwickelte Softwaresystem verarbeitet die Augenbewegungen einer Person, um zu berechnen, ob diese verletzlich, gesellig, verträglich, gewissenhaft oder neugierig ist.

„Mit unseren Augen erfassen wir nicht nur die Umgebung, sie sind auch das Fenster zu unserer Seele. Denn sie verraten, wer wir sind, wie wir uns fühlen und was wir machen“, erklärt Andreas Bulling, der in Saarbrücken am Max-Planck-Institut für Informatik und am Exzellenzcluster der Universität des Saarlandes die Forschungsgruppe „Perceptual User Interfaces“ leitet. Mit Wissenschaftlern in Stuttgart und Australien hat Bulling ein eigenes Softwaresystem so trainiert, dass es Augenbewegungen auswerten und darüber auf die Charakterzüge einer Person schließen kann. Das Forscherteam verwendete dafür spezielle Rechenverfahren des Maschinellen Lernens.

Um die Daten für das Training und die Evaluierung zu erhalten, wirkten an der Flinders University in Australien 50 Studenten, darunter 42 Frauen und acht Männer, im Durchschnittsalter von 22 Jahren mit. Nach ihrer Ankunft im Labor statteten die Forscher die Studenten mit einem sogenannten „Eye Tracker“ aus. Dieser filmte die Augenbewegungen der Probanden, während sie rund zehn Minuten über den Campus schlenderten und sich einen Kaffee oder andere Artikel im Campus-Laden kauften. Danach baten die Wissenschaftler die Studenten, die Brillen abzulegen und spezielle Fragebögen auszufüllen, um so auf herkömmliche Art und Weise die Persönlichkeit und den Grad der Neugierde zu bestimmen.

„Um die aufgenommenen Augendaten unabhängig von der jeweiligen Dauer der Aufnahme zu analysieren, haben wir mit einem verschiebbaren Zeitfenster gearbeitet, da so keine Charakteristika abgeschwächt werden“, erklärt Bulling. Aus jedem der sich ergebenden Zeitfenster gewannen die Forscher 207 Merkmale. Zu diesen gehörten Statistiken über Blickfixierungen ebenso wie die Blinzel-Rate. Basierend darauf und auf den Informationen aus den Fragebögen fassten die Forscher pro Persönlichkeitszug rund 100 Entscheidungsbäume zu einem Klassifikator zusammen und trainierten diesen. Das Ergebnis: Im anschließenden Test mit bisher noch nicht verwendetem Datenmaterial konnten sie nachweisen, dass das Softwaresystem sicher Charakterzüge wie emotionale Labilität, Geselligkeit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit erkennt.

„Das so gewonnene Wissen über nonverbales Verhalten können wir auch auf Roboter übertragen, so dass diese sich wie Menschen benehmen. Solche Systeme würden dann auf eine viel natürlichere Weise mit Menschen kommunizieren und wären dadurch effizienter und flexibler einsetzbar“, erklärt Bulling den Nutzen der Forschungsergebnisse. Gemeinsam mit Sabrina Hoppe von der Universität Stuttgart, Tobias Loetscher von der University of South Australia im australischen Adelaide und Stephanie Morey von der Flinders University, ebenfalls in Adelaide, hat Andreas Bulling die Ergebnisse in dem Aufsatz „Eye Movements During Everyday Behavior Predict Personality Traits“ diskutiert, den die Forscher im Journal „Frontiers in Human Neuroscience“ veröffentlicht haben. Das Projekt wurde finanziert aus Mitteln des australischen Forschungsrates, des Exzellenzclusters „Multimodal Computing and Interaction“ an der Universität des Saarlandes und durch ein Promotionsstipendium der Stiftung des deutschen Volkes.

Fragen beantwortet:

Redaktion:
Gordon Bolduan
Kompetenzzentrum Informatik Saarland
Saarland Informatics Campus E1.7
Tel .: +49 681 302 70741
E-Mail: bolduan@mmci.uni-saarland.de

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Andreas Bulling
Perceptual User Interfaces Group
Exzellenzcluster „Multimodal Computing and Interaction“
Saarland Informatics Campus E1 4
Tel.: +49 681 932 52128
E-Mail: bulling@mpi-inf.mpg.de

Originalpublikation:
Aufsatz „Eye Movements During Everyday Behavior Predict Personality Traits“:
https://doi.org/10.3389/fnhum.2018.00105
Daten und Quellcode:
https://github.molgen.mpg.de/sabrina-hoppe/everyday-eye-movements-predict-person…
Die neue Software, die auf dem Saar-Uni-Campus entstanden ist, wertet Augenbewegungen aus, um auf die Charakterzüge einer Person zu schließen.
Die neue Software, die auf dem Saar-Uni-Campus entstanden ist, wertet Augenbewegungen aus, um auf die Charakterzüge einer Person zu schließen.

Warum starke Schmerzmittel ihre Wirkung verlieren

Ein internationales Wissenschaftlerteam aus Jena, Sydney, Melbourne und Marburg hat weitere molekulare Details der Toleranzentwicklung gegen Opiate aufklären können. In seiner Studie beschreibt es für Morphin und synthetische Opioide in Ablauf und Geschwindigkeit unterschiedliche Mechanismen, die zur Desensibilisierung der Opioidrezeptoren führen. Die jetzt in „Science Signaling“ veröffentlichten Ergebnisse liefern wichtige Ansätze für die Entwicklung synthetischer Wirkstoffe mit geringer Toleranzentwicklung und reduziertem Suchtpotenzial.

Für die Behandlung starker Schmerzen, zum Beispiel nach Operationen oder bei Krebserkrankungen, sind Opiate wie Morphin oder synthetische Opioide nach wie vor die wichtigsten Schmerzmittel. Ihr Nutzen wird jedoch stark eingeschränkt durch eine Verlangsamung der Atmung und das große Suchtpotential. Vergrößert wird die Gefahr dieser Nebenwirkungen noch durch einen Gewöhnungseffekt. Die Toleranzentwicklung kann eine Verzehnfachung der Dosis notwendig machen, um die gewünschte Schmerzlinderung zu erzielen. Dies sind die Schlüsselfaktoren für Todesfälle infolge einer Opioidüberdosis, deren Zahl vor allem in den USA im letzten Jahrzehnt dramatisch gestiegen ist.

Die Arbeitsgruppe von Stefan Schulz am Universitätsklinikum Jena erforscht seit Jahren die molekularen Mechanismen der Regulation von Opiodrezeptoren, der spezifischen Andockstellen für diese Wirkstoffe auf der Oberfläche von Nervenzellen. „Es ist ein eigentlich sinnvoller Schutzmechanismus der Zelle vor einer Dauerreizung, dass sie bei einem Überangebot von Botenstoffen die Rezeptoren weniger empfindlich macht“, beschreibt der Professor für Pharmakologie und Toxikologie den Prozess, der die Wirkung der eigentlich effektiven Schmerzmittel immer mehr abschwächt. Nach der Aktivierung des Rezeptors durch den Wirkstoff sorgen Enzyme dafür, dass Phosphatgruppen an Bereiche des Rezeptormoleküls gebunden werden, die im Zellinneren liegen. Dann wird das Gerüstprotein Arrestin an den Rezeptor gebunden, welcher schließlich in die Zelle aufgenommen wird. „In früheren Arbeiten konnten wir zeigen, dass dieser Prozess bei synthetisch hergestellten hochwirksamen Opioiden wesentlich ausgeprägter ist als beim natürlich vorkommenden Wirkstoff Morphin“, so Stefan Schulz, „die Signalwege für die Toleranzentstehung unterscheiden sich für diese Wirkstoffgruppen.“

Gemeinsam mit Kollegen aus Sydney, Melbourne und Marburg konnten die Jenaer Forscher jetzt weitere Details der an der Toleranzentwicklung beteiligten Mechanismen aufklären. In ihren Untersuchungen konzentrierten sie sich dabei auf die genauen räumlichen und zeitlichen Abläufe der Bindungsprozesse. „Wir fanden Phosphorylierungsmuster, die hochspezifisch für die verschiedenen Wirkstoffe sind und ein ausgeklügeltes Zusammenspiel der Enzyme und Gerüstproteine ansteuern. Im Vergleich zu Morphin bewirken synthetische Opioide eine höhere Enzymaktivität und eine schnellere Desensibilisierung der Rezeptoren“, fasst die Erstautorin der Studie, Dr. Elke Miess zusammen. Neben den molekulargenetischen Standardverfahren, die in der Zellkultur zum Einsatz kamen, nutzen die Wissenschaftler auch hochempfindliche biooptische Methoden für ihre Untersuchungen. Den Nachweis, dass im Einzelfall eine Bindung des Proteins Arrestin an den Rezeptor stattgefunden hatte, führten sie mit gleich drei voneinander unabhängigen Verfahren.

„Wir konnten wesentliche molekulare Details der Toleranzentstehung gegen Opioid-Analgetika aufklären“, wertet Stefan Schulz die Ergebnisse der Arbeit. „Sie liefert hilfreiche Ansätze für weiterführende Entwicklung von Opioiden, die weniger Toleranz und Abhängigkeit auslösen.“

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Stefan Schulz
Institut für Pharmakologie und Toxikologie, Universitätsklinikum Jena
Tel.: 03641/9395651
E-Mail: stefan.schulz@med.uni-jena.de

Originalpublikation:
Miess E, et al. Multisite phosphorylation is required for sustained interaction with GRKs and arrestins during rapid µ-opioid receptor desensitization. Sci. Signal. 17 Jul 2018,
DOI: 10.1126/scisignal.aas9609

Dr. Elke Miess vom Uniklinikum Jena konnte in Kooperation mit einem Wissenschaftlerteam aus Sydney, Melbourne und Marburg weitere molekulare Details der Toleranzentwicklung gegen Opiate aufklären.
Dr. Elke Miess vom Uniklinikum Jena konnte in Kooperation mit einem Wissenschaftlerteam aus Sydney, Melbourne und Marburg weitere molekulare Details der Toleranzentwicklung gegen Opiate aufklären

In der Fremdsprache lügt sich’s besser

Eine Lüge zu erkennen, ist nicht leicht. Noch schwerer fällt das, wenn der potenzielle Lügner nicht in seiner Muttersprache spricht. Warum das so ist, haben Psychologen der Universität Würzburg untersucht.

In einer Fremdsprache zu lügen, fällt den meisten Menschen nicht schwerer als in ihrer Muttersprache. Bei wahrheitsgemäßen Aussagen sieht das hingegen anders aus: Diese gehen vielen Menschen in einer ungewohnten Sprache deutlich schwerer über die Lippen als in ihrer Muttersprache. Dieser seltsam klingende Befund ist das Ergebnis einer Studie zweier Psychologen der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU): Dr. Kristina Suchotzki, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Psychologie I, und Matthias Gamer, Professor für Experimentelle Klinische Psychologie. In der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift Journal of Experimental Psychology stellen die Beiden ihre Arbeit jetzt vor.

Die Ergebnisse ihrer Arbeit könnten für viele Prozesse von Bedeutung sein, in denen es darum geht, die Glaubwürdigkeit bestimmter Personen zu beurteilen – beispielsweise in Asylverfahren. Dann nämlich wirken Aussagen in einer Fremdsprache schneller unglaubwürdig, auch wenn sie der Wahrheit entsprechen. Und noch ein Phänomen lässt sich mit dieser neuen Entdeckung erklären: die Tatsache, dass Menschen, die in einer anderen als ihrer Muttersprache kommunizieren, generell, aber möglicherweise auch fälschlicherweise als weniger glaubwürdig eingeschätzt werden.

Wenig Forschung zum Lügen in einer Fremdsprache

„In unserer globalisierten Welt findet immer mehr Kommunikation in einer Sprache statt, die nicht die Muttersprache einiger oder aller Gesprächsteilnehmer ist“, schildert Kristina Suchotzki den Hintergrund ihrer Untersuchung. Dabei gebe es durchaus Situationen, in denen es sich lohnen kann zu lügen. Beispielsweise bei Geschäftsverhandlungen, wenn es darum geht, das Gegenüber von den Vorteilen eines Produktes zu überzeugen. Oder in einer Vernehmung, in dem der Mordverdächtige versucht, die Polizei von seiner Unschuld zu überzeugen.

Die bisherige Forschung auf diesem Gebiet habe sich vor allem auf die Vertrauenswürdigkeit von Menschen konzentriert, die in ihrer Muttersprache oder einer Fremdsprache sprechen. Die Ergebnisse aus diesen Untersuchungen zeigen, dass Beobachter Aussagen von Muttersprachlern eher als wahrheitsgemäß beurteilen verglichen mit Aussagen von Nicht-Muttersprachlern. „Nur wenige Experimente haben jedoch untersucht, ob Menschen tatsächlich in einer Fremdsprache weniger gut lügen“, so die Psychologin.

Zwei widersprüchliche Theorien

Ob Lügen in einer Fremdsprache leichter oder schwerer fallen: Dazu gibt es in der Psychologie zwei Theorien, die sich widersprechen. So legt die Cognitive Load Theory – auf Deutsch „Theorie der kognitiven Belastung“ – den Schluss nahe, dass sich Lügner in einer Fremdsprache schwerer tun. „Lügen ist im Vergleich zum Wahrheitssagen schon für sich gesehen eine kognitiv anspruchsvolle Aufgabe“, erklärt Kristina Suchotzki. Komme die Fremdsprache hinzu, mache die zunehmende kognitive Belastung das Lügen noch schwieriger.

Lügen fällt in einer Fremdsprache leichter: Das müsste gelten, wenn die Emotional Distance Hypothesis zutrifft. Diese Theorie geht von der Beobachtung aus, dass Lügen mit mehr Emotionen verbunden ist als ein Bei-der-Wahrheit-Bleiben. Wer lügt, steht unter Stress und ist angespannt. Den Kontrast dazu bilden Befunde aus der Linguistik, Psychologie und Psychophysiologie, die zeigen, dass das Sprechen in einer zweiten Sprache im Vergleich zum Sprechen in einer Muttersprache weniger emotional erregend ist. „Ausgehend von der emotionalen Distanzhypothese würde man daher erwarten, dass Lügen in einer Fremdsprache geringere emotionale Erregung auslöst“, sagt Suchotzki. Diese verminderte emotionale Erregung würde demnach das Lügen erleichtern.

Experimente und Ergebnisse

Um die Frage zu klären, welche der Theorien zutrifft, haben die Würzburger Psychologen in einer Reihe von Experimenten jeweils bis zu 50 Versuchspersonen spezielle Aufgaben erledigen lassen. Sie sollten eine Vielzahl von Fragen beantworten – mal wahrheitsgemäß, mal gelogen, mal in ihrer Muttersprache, mal in einer Fremdsprache. Ein Teil dieser Fragen waren neutral formuliert, wie etwa „Berlin liegt/liegt nicht in Deutschland“; andere hatten eindeutig emotionalen Charakter, beispielsweise „Haben Sie jemals illegale Drogen konsumiert?“ oder „Würden Sie als Nacktmodell arbeiten?“. Währenddessen haben die Wissenschaftler die Geschwindigkeit gemessen, in der die Versuchspersonen Antworten gaben, und deren Hautleitfähigkeit und Herzrate.

Stichpunktartig zusammengefasst sehen die Ergebnisse wie folgt aus:

Die Beantwortung emotionaler Fragen dauert im Vergleich zu neutralen Fragen in der Regel länger.

Antworten in der Fremdsprache benötigten ebenfalls mehr Zeit als Antworten in der Muttersprache.

Prinzipiell dauert es länger, eine Lüge auszusprechen als die Wahrheit.

In einer Fremdsprache fallen die zeitlichen Unterschiede zwischen gelogenen und wahrheitsgemäßen Antworten allerdings geringer aus in der Muttersprache.

Der geringere Unterschied resultiert allerdings nicht aus einer schnellen Antwort, die gelogen ist. Vielmehr kommt in der Fremdsprache auch die Wahrheit langsamer über die Lippen als in der Muttersprache.

Egal, ob neutrale oder emotionale Frage: In einer Fremdsprache sind die zeitlichen Unterschiede zwischen Wahrheit und Lüge prinzipiell geringer.

In diesen Ergebnissen spiegeln sich nach Ansicht der Psychologen „entgegengesetzt wirkende Effekte von emotionaler Distanz und kognitiver Belastung“ wider. „Ausgehend von der kognitiven Belastungstheorie hätte man einen erhöhten Aufwand für das Wahrheiten-Sagen und Lügen in einer Fremdsprache erwartet, wobei der erhöhte Aufwand für das Lügen ausgeprägter gewesen wäre“, sagt Kristina Suchotzki. Tatsächlich legen es die Daten nahe, dass der erhöhte kognitive Aufwand für die Verlängerung der Wahrheitsreaktion in der Fremdsprache verantwortlich ist.

Wieso diese Verlängerung beim Lügen nicht oder nur geringfügig zu sehen ist, lässt sich mit Hilfe der Emotional Distance Hypothesis erklären: Die stärkere emotionale Distanz in der Fremdsprache kompensiert demnach quasi die erhöhte kognitive Belastung beim Lügen.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Kristina Suchotzki, Lehrstuhl für Psychologie I
T: +49 931 31-82861, kristina.suchotzki@uni-wuerzburg.de

Originalpublikation:
The Language of Lies: Behavioral and Autonomic Costs of Lying in a Native Compared to a Foreign Language. Kristina Suchotzki and Matthias Gamer, Journal of Experimental Psychology: General.
Weitere Informationen finden Sie unter
Zur Originalpublikation

Dr. Kristina Suchotzki, seit März 2015 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Psychologie I der Universität Würzburg.
Dr. Kristina Suchotzki, seit März 2015 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Psychologie I der Universität Würzburg.

ADHS: Studie sieht Zusammenhang mit Nutzung digitaler Medien

Fördert die intensive Nutzung digitaler Medien durch Jugendliche die Entwicklung einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)? Eine Längsschnittstudie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2018; 320: 255–263) liefert hierfür die bisher stärksten Indizien, ohne allerdings eine Kausalität beweisen zu können.

Digitale Medien haben zweifellos ein hohes Ablenkungspotenzial. Der Nutzer wird ständig mit Textnachrichten bombardiert, er wird mehrmals täglich aufgefordert, auf neue Social-Media-Postings zu reagieren oder eine Videospiel-Einladung anzunehmen oder abzulehnen. Die Gefahr, sich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren zu können, ist dann in jedem Lebensalter hoch.

Jugendliche könnten besonders anfällig sein, da sie auf der Suche nach einer sozialen Identität sind und damit offener als andere Menschen für neue Kontakte. Dies führt im Extremfall dazu, dass Teenager in den Messengerdiensten mit Dutzenden anderer Personen gleichzeitig kommunizieren. Darüber könnte die Fähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren, verloren gehen und die Jugendlichen könnten sich mit einer erhöhten Impulsivität ständig neuen Themen zuwenden.

Die digitalen Medien stehen deshalb im Verdacht, die Aufmerksamkeits­defizit-/Hyper­aktivitätsstörung (ADHS) zu fördern. In den letzten Jahren sind zahlreiche Studien zu dieser Frage durchgeführt worden. Bei den meisten handelte es sich jedoch nur um Querschnittstudien, die die Mediennutzung von ADHS-Patienten und anderen Jugendlichen verglichen. Eine Ursache-Wirkung-Beziehung lässt sich damit nicht herstellen.

Überzeugender sind in dieser Hinsicht Längsschnittstudien, die eine Gruppe gesunder Jugendlicher über eine längere Zeit begleiten und den Medienkonsum zu Beginn der Studie mit späteren Neuerkrankungen in Beziehung setzt. Die Ergebnisse einer solchen Studie stellen jetzt Forscher der Keck School of Medicine in Los Angeles vor.

An der „Happiness & Health Study“ hatten sich 10 Schulen in Los Angeles und Umgebung beteiligt. Über 2 Jahre füllten die Schüler der 10. und später 11. Klasse ausführliche Fragebögen zu ihren Freizeitgewohnheiten aus. Unter anderem wurden sie auch zur Nutzung von insgesamt 14 digitalen Medien befragt. Es gab auch einen Fragebogen zu jeweils 9 Symptomen der Unaufmerksamkeit und der Hyper­aktivi­tät/Impulsivität.

Das Team um Adam Leventhal setzte nun die Nutzung der digitalen Medien bei den 2.587 Teilnehmern, die zu Beginn der Studie noch unauffällig waren, mit dem späteren Neuauftreten von ADHS-Symptomen in Beziehung.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Während von den 495 Kindern, die die sozialen Medien nur selten nutzten, 4,6 % ADHS-Symptome entwickelten, waren es bei den 114 Kindern, die 7 Medien intensiv nutzten, 9,5 %. Von den 51 Kindern, die alle Plattformen intensiv nutzen, zeigten sogar 10,5 % neue ADHS-Symptome.

Auch statistisch waren die Ergebnisse signifikant. Leventhal ermittelt für jede zusätzliche digitale Medienaktivität eine Odds Ratio von 1,11 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,06 bis 1,16). Eine Kovariatanalyse, die die Nutzungsdauer der einzelnen Medien berücksichtigte, änderte nichts an dem Zusammenhang (Odds Ratio 1,10; 1,05–1,15).

Dennoch sind die Ergebnisse kein Beweis, dass die intensive Nutzung der digitalen Medien für die ADHS-Symptome verantwortlich ist. Auch in einer Langzeitstudie lässt sich nicht ausschließen, dass die ADHS am Anfang steht und die intensivere Nutzung der digitalen Medien die Folge der Erkrankung ist. Ein zentrales Kennzeichen der ADHS ist die Suche nach Ablenkungen, die sich durch die digitalen Medien leicht bedienen lässt (reverse Kausalität). Mediennutzung und ADHS könnten auch gemeinsame Wurzeln haben. So ist denkbar, dass Eltern, die selbst an ADHS leiden und die Störung auf ihre Kinder vererbt haben, in der Erziehung laxer sind, während Eltern ohne ADHS strengere häusliche Regeln für die Nutzung digitaler Medien ausgeben.

Ein Beweis ließe sich nur durch eine randomisierte kontrollierte Studie erbringen, in der einer Gruppe von zufällig ausgewählten Jugendlichen die freie Nutzung der digitalen Medien erlaubt würde, während dies einer zweiten Gruppe verboten würde. Eine solche Interventionsstudie wird es jedoch kaum geben.

Am Ende wird die Frage ebenso unbeantwortet bleiben, wie vor Jahren die Diskussion um die Auswirkungen von Gewaltvideos auf die Kriminalität von Jugendlichen oder die Folgen von Rennspielen auf das spätere Verhalten im Straßenverkehr. Während allerdings die Jugendkriminalität und die Zahl der Verkehrsunfälle (in den meisten Ländern) rückläufig sind, ist es in den letzten Jahren zu einem Anstieg der ADHS-Diagnosen gekommen (was wiederum nicht sicher einem Anstieg der Morbidität entsprechen muss).