Nebenwirkungen – die am häufigsten verdächtigten Arzneimittelgruppen

Spitzenreiter unter den Arzneimittelgruppen, die verdächtigt wurden, Neben­wirkungen ausgelöst zu haben, sind antithrombotische Mittel (8,4 %), Antibiotika zur systemischen Anwendung (8,4 %) und dämpfend wirkende Psychopharmaka (7,9 %). Zu diesem Ergebnis kommen Bernhardt Sachs und Co-Autoren vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in der aktuellen Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes (Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 393–400) nach einer Analyse von 345.662 Verdachtsmeldungen über Nebenwirkungen, die beim BfArM in den Jahren 1978 bis 2016 eingegangen sind.

In diesen sogenannten Spontanberichten wurde beispielsweise im Zusammenhang mit Antithrombosemitteln am häufigsten über Blutungen und eine zu geringe Thrombo­zytenzahl, bei Anwendung von Antibiotika über Durchfall, Ausschlag und Juckreiz sowie beim Einsatz von Psychopharmaka über Arzneimittelabhängigkeit, eine vermin­derte Anzahl weißer Blutkörperchen und Fieber berichtet. 4 der 10 am häufigsten im Zusammenhang mit Nebenwirkungen genannten Arzneimittelgruppen lassen sich den „Arzneimitteln zur Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems“ (23,1 %) zuordnen.

Die 3 im gesamten Beobachtungszeitraum insgesamt am häufigsten berichteten Nebenwirkungen sind Übelkeit, Juckreiz und Schwindelgefühl. Unter den 15 häufigsten Nebenwirkungen finden sich viele weitere unspezifische Allgemeinsymptome (zum Beispiel Erbrechen, Kopfschmerz, Fieber oder Hautveränderungen), die – so die Vermutung der Autoren – assoziiert mit der führenden Nebenwirkung auftreten und mitgemeldet würden, daher in der Auswertung übermäßig häufig erschienen.

Die Gesamtzahl der pro Jahr beim BfArM eingehenden Spontanberichte, die zumeist (64,1 %) von Ärzten stammten, habe seit 1978 kontinuierlich zugenommen, berichten die Autoren. Dies sei insbesondere darauf zurückzuführen, dass die pharmazeutischen Unternehmen zunehmend verpflichtet worden seien, ihnen zugehende Meldungen an das BfArM weiterzuleiten.

Künftig neue Warnhinweise auf Schmerzmittel­packungen

Bei Schmerzmitteln wie Paracetamol, Ibuprofen Diclofenac oder Acetyl­salicylsäure, die ohne Rezept in der Apotheke zu erhalten sind, sollen neue Hinweise vor einer zu langen Einnahme warnen. „Bei Schmerzen oder Fieber ohne ärztlichen Rat nicht länger anwenden als in der Packungsbeilage vorgegeben“, muss künftig auf der Außenpackung aufgedruckt werden. Das sieht die Analgetica-Warnhinweis-Verordnung von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) vor, die der Bundesrat heute billigte.

„Nicht zu lange anwenden! #Schmerztabletten wie #Paracetamol, #Ibuprofen und #ASS gibt es künftig nur noch mit #Warnhinweis“, twitterte der Bundesrat heute. Der ver­pflichtende Warnhinweis solle Verbraucher davon abhalten, die Medikamente über die empfohlene Höchstdauer hinaus einzunehmen, hieß es vom Bundesrat.

Studien zufolge würden ein Fünftel der Frauen und fast ein Drittel der Männer solche Analgetica länger als die vorgegebenen vier Tage einehmen. Dies könne zu Magen­darmblutungen und Nierenschäden führen, aber auch Schlaganfälle verursachen. Darauf wird bisher schon auf dem Beipackzettel hingewiesen.

Die Deutsche Schmerzgesellschaft begrüßte die Verordnung als richtigen Ansatz zum Verbraucherschutz. Mit der Verordnung würden die „in Bezug auf die Dosis und Anwendungsdauer auch rezeptfreier Arzneien sensibilisiert und von einer Einnahme­dauer ohne ärztlichen Rat von über vier Tagen abgehalten“, sagte Martin Schmelz, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft. Er betonte, vielen Menschen sei nicht klar, dass auch rezeptfreie Schmerzmittel gefährlich sein könnten. Die Fachgesellschaft mahnt an, zu evaulieren, wie und ob der Warnhinweis seine beabsichtigte Schutz­wirkung entfaltet.

iDoc: Unterstützung, aber kein Ersatz

Löst der Computer den Arzt ab? Mit dieser Frage beschäftigten sich Gesundheitsexperten im Rahmen einer Podiumsdiskussion auf dem diesjährigen Hauptstadtkongress. Einigkeit bestand darüber: Big Data kann den denkenden Arzt nicht ersetzen, ihn aber in seiner täglichen Arbeit unterstützen.

Peter Noack, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg, betonte, dass die Technik bereits Einzug in den Arztalltag gehalten hat und bestimmte Aufgaben durchaus übernehmen kann – beispielsweise Kameras, die den diabetischen Status einer Person über Fotoaufnahmen des Auges erkennen. Er verwies aber auch darauf, dass Empathie als wichtige und wesentliche Grundlage des Arzt-Patienten-Verhältnisses noch von keinem Computersystem ersetzt werden kann. Der Computer werde den Arzt daher auch künftig bei der Diagnosestellung und der Therapiekontrolle unterstützen, ihn aber nicht ersetzen.

Rechner sollen Routineaufgaben übernehmen

Eng in Zusammenhang mit der Frage, ob der Arzt durch Technologie ersetzt wird, steht nach Meinung von Jens Härtel, Geschäftsführer der VILUA – Arvato Healthcare, die Frage, ob der Arzt von der digitalen Transformation überrollt wird. Dabei sieht er eher eine Chance darin, Routineaufgaben zu automatisieren und beispielsweise aus 24/7-Beobachtungen neue Erkenntnisse zu ziehen. Dies gäbe Ärzten wieder mehr Zeit, um mit den Patienten in die Interaktion zu gehen.

Auch Jesko Bartelt, Direktor für Deutschland, Österreich und die Schweiz von Health Bridge Limited, sieht nicht, dass der Arzt durch den Computer ersetzt werde. Health Bridge Limited hat „Dr. Ed“ ins Leben gerufen, eine Online-Arztpraxis mit Sitz in Großbritannien. Auch wenn dieses Angebot den Eindruck vermitteln könnte, dass es den Arzt zu ersetzen versucht – Bartelt betonte, dass hinter Dr. Ed ebenso Ärzte stehen und die Patienten behandeln.

„Wir benötigen den Arzt weiterhin, um gesunden Menschenverstand darauf anzu­wenden, welches medizinische Problem vorliegt, und um den empathischen Kontakt mit dem Patienten aufrechtzuerhalten“, so Bartelt. Gleichzeitig prognostiziert er, dass sich sowohl die Aufgaben des Arztes als auch die eingesetzten Medien ändern werden.

Technologie werde künftig standardmäßig eingesetzt, um bessere Behandlungs­entscheidungen zu treffen. Beispielhaft nannte er die Hautkrebserkennung: Studien zeigen bereits heute, dass Algorithmen eine präzisere Vorhersagekraft als Hautärzte haben. Auch sei die Bereitschaft der Patienten, telemedizinische Leistungen in Anspruch zu nehmen, von 2016 bis 2018 von 37 Prozent auf etwa die Hälfte der Befragten gestiegen. Sein Fazit: „Die Aufgaben des Arztes werden später einsetzen in der Kette der Gesundheitsfürsorge.“

Veränderungen schafft die Digitalisierung auch aus Sicht von Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. So könne der Arzt durchaus ein Stück weit ersetzt werden – nämlich da, wo es um Routinetätigkeiten oder auch eine Ersteinschätzung durch geschultes medizinisches Personal wie Krankenschwestern oder Physician Assistants geht.

Ärzte entlasten

Wichtig sei zudem, dass Ärzte entlastet würden, beispielsweise bei den bildgebenden Verfahren – das teilweise ermüdende Sichten von Daten könnten Computer über­nehmen. Die dritte Veränderung sieht Kriedel in der Arzt-Patienten-Beziehung. Es würden mehr vorinformierte Patienten in die Praxen kommen und Ärzte müssten sich auf Veränderungen wie „shared decision making“ einstellen. Auch sei es wichtig, dass sie sich technisch weiterbildeten, um Patienten darüber aufklären zu können, was verschiedene Anwendungen und Programme leisten können.

Einig waren sich die Teilnehmer auch, dass mehr Klarheit geschaffen werden muss, wo verlässliche Gesundheitsinformationen zu finden sind. Das Überangebot im Netz erlaube Patienten keine Einschätzung darüber, woran sie sich orientieren könnten. Gute Angebote beispielsweise von der Unabhängigen Patientenberatung (UPD) würden bei den Suchmaschinen absaufen, so der Ärztliche Leiter der UPD Johannes Schenkel. Als positives Beispiel für qualitative medizinische Informationen nannte er die Stiftung Health On The Net. Solche zuverlässigen Quellen müssten genutzt werden, um die Gesundheitskompetenz der Menschen zu fördern.

Ärzte und Psychotherapeuten erfüllen Fortbildungspflicht vorbildlich

Vertragsärzte und –psychotherapeuten in Deutschland legen viel Wert auf Qualitätssicherung. Das ist das Ergebnis einer Erhebung zum Qualitätsmanagement(QM) durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Demnach setzen 90 Prozent der Praxen Maßnahmen zum Qualitätsmanagement um. Mehr als 98 Prozent der Ärzte und Psychotherapeuten bilden sich regelmäßig im vorgeschriebenen Umfang fort.

„Das verdeutlicht einmal mehr eindrucksvoll, dass gesetzlich Versicherte sich auf eine hohe Qualität der Versorgung verlassen können“, sagte KBV-Vorstandsmitglied Thomas Kriedel. So gaben die Teilnehmer der Befragung an, bevorzugt Instrumente zu nutzen, die einer guten Versorgung dienen und die Patientensicherheit fördern. Dazu zählen etwa ein professionelles Fehlermanagement sowie eine systematische Patienten­information und -aufklärung. Auch das Schnittstellenmanagement beim Wechsel der Patienten von der Praxis ins Krankenhaus oder eine Rehaeinrichtung spielt für sie eine wichtige Rolle.

„Mit 98,01 Prozent Erfüllungsquote bei der Fortbildungspflicht konnte das ohnehin stets hohe Niveau im aktuellen Nachweiszeitraum zudem noch einmal getoppt werden“, resümierte Kriedel. Der KBV zufolge waren 2017 bundesweit 14.472 Ärzte und Psychotherapeuten verpflichtet, die Erfüllung ihrer Fortbildungspflicht nachzuweisen. Nur 288 taten dies nicht.

Zertifizierte Online- und Präsenzseminare

Jeder vierte stationäre Patient mit Zeichen von Mangelernährung

Nicht nur Übergewicht und Adipositas sind ein Problem, auch Mangel­ernährung ist in Deutschland häufig. Das berichten Ärzte und Wissenschaftler der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) und des Berufsverbands Oecotrophologie (VDOE).

„Mehr als jeder vierte Patient, der in eine Klinik eingewiesen wird, zeigt Zeichen einer Mangelernährung“, umreißt der DGEM-Experte Christian Löser das Ausmaß des Problems. Deutschlandweit seien mehr als 1,5 Millionen Menschen betroffen. Besonders gefährdet seien chronisch Kranke, Tumorpatienten und ältere Menschen. „Immer häufiger sind aber auch Kinder betroffen, gerade wenn sie aus sozial schwachen Familien kommen“, hieß es aus der Fachgesellschaft.

Energie- und Nährstoffmangel beeinflussen laut Fachgesellschaft und Berufsverband Heilungsprozesse: In der Folge lägen Patienten länger im Krankenhaus, hätten eine schlechtere Lebensqualität und ein höheres Sterberisiko. „Wir dürfen Nahrung daher nicht mehr nur als Mittel zum Stillen eines Grundbedürfnisses ansehen, sondern als hochwirksamen Teil einer medizinischen Therapie“, sagte Ingrid Acker, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Berufsverbands Oecotrophologie.

Kasseler Modell

Wie ernährungsmedizinische Erkenntnisse im Klinikalltag umgesetzt werden könnten, zeigt unter anderem das „Kasseler Modell“, das unter Lösers Federführung entwickelt wurde. Zentrale Elemente sind ein Screening auf Mangelernährung, das alle Patienten routinemäßig bei Aufnahme in die Klinik durchlaufen, Standards zur effektiven ernährungs­therapeutischen Behandlung, bei Bedarf eine individualisierte, professionelle Ernährungsberatung und ein breites Speisenangebot mit speziellen hochkalorischen Menülinien.

Unter- oder mangelernährte Patienten bekommen laut Modell speziell nährstoff­angereicherte, energiedichte Gerichte und können zudem aus einer breiten Palette von Zwischenmahlzeiten, wie frisch hergestellten Shakes oder Fingerfood auswählen. „Unser Ziel ist es, den Mangel an Nährstoffen auszugleichen und die tägliche Energiezufuhr zu erhöhen, um den Ernährungszustand zu stabilisieren und so die Genesung zu fördern und weitere Komplikationen zu vermeiden“, so Löser.

DGEM und VDOE weisen darauf hin, dass die Europäische Union das Thema Mangel­ernährung bereits seit Jahren bearbeite. Sie habe dafür ein Aktionsprogramm namens „Stop Malnutrition“ eingeleitet, das jedoch im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten in Deutschland nur zögerlich realisiert werde. „Im Gegensatz zum Übergewicht kann man frühzeitig diagnostizierte Mangelernährung mit einfachen, etablierten ernährungstherapeutischen Maßnahmen effektiv und nachhaltig behandeln“, betonte Acker.

Ernährungsspezialisten forderten daher, dass die Erkenntnisse über Mangel­ernährung nachhaltig in der klinischen und ambulanten Betreuung sowie in der Pflege umgesetzt würden. „Davon profitiert zu allererst natürlich der Patient, das Modell ist aber auch unter wirtschaftlichen Aspekten ein Gewinn für die Klinik und das Gesundheitssystem“, sind sich Löser und Acker einig.

Hauptstadtkongress: Digitalisierung im Gesundheitswesen vorantreiben

Anwendungen, die Ärztinnen und Ärzte bei der Diagnose und der Therapieentscheidung unterstützen, sind die entscheidenden Entwicklungen im Gesundheitswesen der Zukunft, hieß es bei der Eröffnungsveranstaltung des diesjährigen Hauptstadtkongresses in Berlin.

Dabei stellte Martin Hirsch, einer der Gründer der Ada Health App, die Visionen seines hochbewerteten Start-up-Unternehmens vor. Das Unternehmen habe in den vergan­genen sieben Jahren intensiv an der Datenverarbeitung für Künstliche Intelligenz (KI) gearbeitet. „Wir haben hier in Berlin die weltweit führende Software zur Diagnose-Unterstützung. Und ich will, dass das so bleibt und nicht von anderen Staaten aufgekauft wird“, so Hirsch.

Unterstützung auch für Ärzte

Das Unternehmen Ada will sich künftig neben der KI auf Anwendungen für professio­nelle Nutzer konzentrieren. Dabei sieht Hirsch die Ada-App nicht nur als Vorteil für Patienten, die so mit viel Wissen und auch schon mit Gesundheitsdaten in die Praxen kommen, sondern auch als Unterstützer für Ärzte.

„Unsere Auswertungen von Daten mit Hilfe von KI können der entscheidende Tipp für den Arzt sein“, so Hirsch. Er sieht den Fortschritt der Digitalisierung im Gesundheits­wesen von drei Seiten: Zum einen sei der Start von Versorgung nun „direkt in der Hosentasche“. Durch die App werde es viel mehr personalisierte Vorsorge geben. Auch Krankenkassen und Kran­ken­ver­siche­rungen werden immer mehr Treiber sein, die hier im Interesse der Kostenträger argumentieren. Als dritten großen Akteur sieht Hirsch aber auch die Universitätskliniken, bei denen die schweren und seltenen Fälle versorgt werden. Denn eins seiner Ziele für die kommenden fünf Jahre: „Wir wollen Menschen, die an einer der 7.500 möglichen seltenen Erkrankungen leiden, besser helfen können.“

Spahn will schnellere Digitalisierung

Auch Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) will eine schnellere Digitalisierung in der Medizin. Dabei warnte er vor weiteren Verzögerungen von innovativen Ideen, bekannte sich aber noch einmal ausdrücklich dazu, an der Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) festzu­halten. „Wir setzen die Standards, aber danach muss es Freiheit für Entwicklungen am Markt geben“, so Spahn.

Er mahnte, möglichst viele Entwicklungen auch in Deutschland zu starten. „Die Angebote werden von Apple, Google und Amazon kommen. Die Alternative ist, ob wir etwas gestalten oder ob wir das über uns ergehen lassen.“ Er kündigte auch ein Datengesetz zur Reform des Datenschutzes an, das innerhalb der Bundesregierung mit mehreren Ministerien geplant werde. Bei diesen Plänen sei der Gesundheitsbereich prädestiniert, da dort große Datenmengen anfielen und man müsse überlegen, wie diese Daten besser genutzt werden könnten.

Hasso-Plattner-Institut gründet Health-Cloud

Die Nutzung von Daten soll beispielsweise am Potsdamer Hasso-Plattner-Institut erforscht werden. Stifter und Namensgeber, der SAP-Gründer Hasso Plattner, wendete sich per Videobotschaft an die Teilnehmer des Hauptstadtkongresses. An dem Institut entwickeln Forscher die „Health-Cloud“, eine Anwendung, mit der an der Auswertung von Daten für die Künstliche Intelligenz geforscht werden soll.

Patienten könnten durch eine App ihre Daten an die Forscher weitergeben. Die Daten gehören dem Patienten, Ärzte können den Patienten ihre Befunde zur Verfügung stellen. Ob dies ähnlich einer elektronischen Gesundheitsakte aufgebaut sein soll, blieb unklar. „Mein eigener Beitrag zur Zukunft der Digital Health ist das Hasso-Plattner-Institut, bei dem wir bis zu drei Lehrstühle fördern werden“, sagte Plattner in dem Video. „Wir wollen an der Technik forschen, wie wir aus den Daten aus der Health Cloud medizinische Anwendungen entwickeln. Wir glauben, dass wir die Muster von Krankheiten erkennen und dann Ärzten zur Unterstützung zur Verfügung stellen“, so Plattner weiter.

Als Unterstützung zur Diagnose und Therapie verstanden auch die Ärzte auf der Podiumsdiskussion die neuen digitalen Möglichkeiten. Annette Grüters-Kieslich, Vorstandsvorsitzende und Leitende Ärztliche Direktorin am Uniklinikum Heidelberg, hält es für problematisch an, wie vielen Menschen in den vergangenen zwölf Jahren nicht geholfen werden konnte, weil die Digitalisierung des Gesundheitswesens nicht vorangebracht wurde.

Markus Münschenich, Arzt und Gründer des Flying Health Incubators, sieht viel Innovationsmöglichkeiten verspielt, die nun aber umso mehr aufgeholt werden müsse. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, forderte von der Politik, die 2004 ins Gesetz geschriebene Machtprobe zwischen Ärzten und Krankenkassen bei der Entwicklung der Gesundheitskarte zu beenden.

Algorithmen der großen Unternehmen kritisch hinterfragen

„Das Gesetz damals war als Machtinstrument gedacht, wir haben uns zwölf Jahre um die Macht gestritten und wir müssen uns nun fragen, wie wir aus dieser Macht­konstellation wieder herauskommen.“ Er bezeichnete die App Ada als gute Möglichkeit, die Ärzten hilft. „Wir haben da die Weltliteratur in der Hosentasche.“

Aber er sorge sich schon davor, welche Interessen hinter den Algorithmen der großen Unternehmen wirklich stehen. Um diese Algorithmen zu verstehen, forderte Grüters-Kieslich, mehr in das KI-Wissen auch in der Lehre zu investieren, aber auch die Unikliniken dabei finanziell zu unterstützen, in KI zu investieren. Münschenich warb dafür, dass Ärzte künftig auch den Angaben aus Apps vertrauen sollten, vor allem wenn diese mit Studien und anderen Prüfungen zertifiziert sind.

PKV und Krankenkassen präsentieren gemeinsame Gesundheitsakte

Es bewegt sich etwas am Markt der elektronischen Gesundheitsakten: Mehrere Krankenkassen und private Krankenversicherer haben heute in Berlin gemeinsam die elektronische Gesundheitsakte „Vivy“ vorgestellt. Unter ihnen die Allianz, die DAK-Gesundheit, die Bahn BKK, die IKK classic sowie die Barmenia und Gothaer Kran­ken­ver­siche­rung.

Nach eigenen Angaben könnte die App „Vivy“ durch den Zusammenschluss rund 25 Millionen Versicherte erreichen. Die hohe Zahl kommt auch durch die Zusammenarbeit mit dem Krankenkassen-IT-Dienstleisters Bitmarck zustande, der nach eigenen Angaben Krankenkassen aus allen „Kassenfamilien“ als Kunde hat.

Akte nicht gleich Akte

Nach der Techniker Krankenkasse, die Ende April ihre elektronische Gesundheitsakte der Öffentlichkeit präsentierte, ist dies nun die zweite große Vorstellung am Markt. Auch der AOK-Bundesverband hatte bereits erste Ideen für eine Akte vorgestellt, diese aber noch nicht als App präsentiert. Eine elektronische Gesundheitsakte (eGA) ist allerdings nicht mit der elektronischen Patientenakte (ePA) im Sinne des E-Health-Gesetzes gleichzusetzen.

In der Akte „Vivy“ sollen Versicherte künftig ihre Befunde wie Laborwerte, Röntgen­bilder, Notfalldaten, den Impfpass, Medikamente sowie Vorsorgeuntersuchungen eintragen können. An Arzttermine sowie die Einnahme von Medikamenten erinnert die App, auch warnt sie vor Wechselwirkungen bei OTC-Präparaten oder Vitamintabletten. Die Notfalldaten sollen über einen Sticker oder einen Schlüsselanhänger, den Krankenkassen ihren Versicherten zur Verfügung stellen, von Krankenhäusern oder Ersthelfern ausgelesen werden können.

Auch Gesundheitsbegleiter

Zusätzlich sei die App als eine „Gesundheitsbegleiterin“ ausgerichtet. Denn es werden aus den üblichen Wearables auch Gesundheitsdaten wie Schlafqualität, Anzahl der Schritte, Gewicht, Geistige Fitness und der Lebensstil und andere Gesundheitsdaten in die App eingespielt. Damit sollen Versicherte eine komplette Begleitung bekommen. Die App soll auch „sexy für Gesunde“ sein, und sich nicht nur auf kranke Menschen fokussieren.

Die Nutzung der App ist freiwillig und für Versicherte kostenfrei, die Daten liegen auf einem Server in Frankfurt am Main. Mit einer mehrstufigen Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, bei der nur der Versicherte den entsprechenden Schlüssel hat, sei die App besonders gesichert. Die habe auch der TÜV Rheinland sowie das Unternehmen ePrivacy entsprechend zertifiziert. „Vivy“ selbst gehört zu 70 Prozent der Allianz SE, dem Mutterkonzern der Allianz Kran­ken­ver­siche­rung. 30 Prozent gehören dem Gründer und Geschäftsführer von „Vivy“, Christian Rebernik.

Auch für Ärzte und Krankenhäuser soll die Akte zu mehr Kommunikation beitragen. Die Daten, die ein Arzt seinem Patienten zur Verfügung stellt, sollen dabei nicht veränderbar sein und bleiben in der Originaldatengröße erhalten. Auch der Patient kann einem Arzt Daten über einen Klinikaufenthalt oder von einer Untersuchung bei einem anderen Facharzt senden.

Die App soll ab Juli schrittweise von den beteiligten Krankenkassen an ihre Versicherten ausgegeben werden. „Uns war es wichtig, dass wir ein System unterstützen, das gematik-kompatibel und maßgeschneidert ist für jede Krankenkasse, die wir betreuen“, erklärte Andreas Strausfeld, Vorsitzender des IT-Dienstleisters Bitmarck.

Damit auch Ärzte Daten an ihre Patienten versenden können, entwickelt derzeit die KV Telematik, ein Unternehmen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), eine entsprechende Schnittstelle. Wenn Arztpraxen über KV Connect verbunden sind, können sie über ihre Praxisverwaltungssysteme Anfragen der Patienten über die App beantworten. Für diese Erweiterung sei der Entwicklungsprozess im Herbst abge­schlossen, hieß es am Rande der Veranstaltung. Wie Ärzte genau auf Datenabfragen von Patienten reagieren sollen, blieb allerdings unklar. Die Beteiligten erklärten auch, dass demnächst Gespräche mit dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium über die App geben soll.

Die Mitwirkung für Ärzte und Krankenhäuser sieht die Vorstandsvorsitzende der Allianz Private Kran­ken­ver­siche­rung, Birgit König, durch die Menge der Versicherten als besonders attraktiv. „Wir sind keine Insellösung. Wir brauchen eine Anwendung, die für gesunde Kunden genauso interessant sein muss wie für kranke Menschen“, so König. Auch für die Krankenkassen sei dieser Zusammenschluss eine gute Möglichkeit.

„Es gibt eine Veränderung in der Rolle des Patienten im Gesundheitssystem. Wir sehen hier die Chance, gemeinsam mit der PKV eine systemübergreifende Lösung zu schaffen“, erklärte DAK-Chef Andreas Storm. Auch Stefan Hofmeister, Vize-Vorsitzende der KBV, begrüßte die App Vivy: „Sie gibt dem Patienten das Recht über die eigenen Daten. Gleichzeitig können Daten unverfälscht gespeichert sowie vom Patienten abgerufen werden.“

Angehörige und Freunde können Angst und Depressionen bei Krebskranken verstärken

Familienangehörige, Freunde und Bekannte sind für Patienten mit einer Krebserkrankung meist sehr wichtig, weil sie unterstützen und Rückhalt geben können. Allerdings kann dieser Personenkreis für die Tumorpatienten auch enttäuschend reagieren. Wissenschaftler der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz haben jetzt untersucht, ob und wie unterstützende und enttäuschende Reaktionen von Angehörigen und Freunden mit Angst und Depressionen bei Langzeitüberlebenden einer Hautkrebserkrankung zusammenhängen. Die Fachzeitschrift BMC Public Health hat die Studienergebnisse veröffentlicht (2018; doi: 10.1186/s12889-018-5401-1).

Die Studie ist Teil eines von der Deutschen Krebshilfe geförderten Forschungsprojekts zu den psychosozialen Langzeitfolgen eines malignen Melanoms. Dafür werteten die Mainzer Wissenschaftler zusammen mit dem Krebsregister in Rheinland-Pfalz Befragungen von Langzeitüberlebenden aus, die 6 bis 9 Jahre nach Diagnose einer Hautkrebserkrankung erfolgten. Die 689 Befragten waren zwischen 28 und 93 Jahre alt. 83 % von ihnen lebten in einer Partnerschaft.

Die Melanom-Überlebenden berichteten vorwiegend von positiver Unterstützung durch ihr jeweiliges soziales Umfeld. Ablehnende oder verständnislose Reaktionen wurden im Vergleich dazu weit seltener berichtet. Teilnehmer, die in einer Partnerschaft lebten, aktiv Unterstützung suchten und eine optimistische Lebenshaltung hatten, berichteten häufiger über gute Unterstützung. Getrennt Lebenden und Geschiedenen fehlte es hingegen häufiger an positiver Unterstützung.

Negative soziale Erfahrungen gingen in vielen Fällen mit der Neigung zu Selbst­vorwürfen, einer resignativen Haltung, Pessimismus sowie Müdigkeit und Motiva­tionslosigkeit einher. Das größte Maß an Depression und Angst war bei den Melanom-Überlebenden anzutreffen, die kränkende Reaktionen anderer erfuhren und gleichzeitig nur wenig positive Unterstützung erhielten.

„Manchmal entsteht ein Teufelskreis aus Enttäuschung über ausbleibende Hilfen und Rückzug. Dieser macht es beiden Seiten schwer, aufeinander zuzugehen. Es reicht daher nicht aus, Krebskranke zu ermutigen, positive soziale Unterstützung zu suchen. Es ist auch wichtig, Erfahrungen von Enttäuschung und Zurückweisung offen anzusprechen. Dies kann Betroffenen helfen, ihre Bedürfnisse klarer zu formulieren oder sich in enttäuschenden Situationen zu behaupten“, sagte die Studienleiterin Sabine Fischbeck.