iDoc: Unterstützung, aber kein Ersatz

Löst der Computer den Arzt ab? Mit dieser Frage beschäftigten sich Gesundheitsexperten im Rahmen einer Podiumsdiskussion auf dem diesjährigen Hauptstadtkongress. Einigkeit bestand darüber: Big Data kann den denkenden Arzt nicht ersetzen, ihn aber in seiner täglichen Arbeit unterstützen.

Peter Noack, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg, betonte, dass die Technik bereits Einzug in den Arztalltag gehalten hat und bestimmte Aufgaben durchaus übernehmen kann – beispielsweise Kameras, die den diabetischen Status einer Person über Fotoaufnahmen des Auges erkennen. Er verwies aber auch darauf, dass Empathie als wichtige und wesentliche Grundlage des Arzt-Patienten-Verhältnisses noch von keinem Computersystem ersetzt werden kann. Der Computer werde den Arzt daher auch künftig bei der Diagnosestellung und der Therapiekontrolle unterstützen, ihn aber nicht ersetzen.

Rechner sollen Routineaufgaben übernehmen

Eng in Zusammenhang mit der Frage, ob der Arzt durch Technologie ersetzt wird, steht nach Meinung von Jens Härtel, Geschäftsführer der VILUA – Arvato Healthcare, die Frage, ob der Arzt von der digitalen Transformation überrollt wird. Dabei sieht er eher eine Chance darin, Routineaufgaben zu automatisieren und beispielsweise aus 24/7-Beobachtungen neue Erkenntnisse zu ziehen. Dies gäbe Ärzten wieder mehr Zeit, um mit den Patienten in die Interaktion zu gehen.

Auch Jesko Bartelt, Direktor für Deutschland, Österreich und die Schweiz von Health Bridge Limited, sieht nicht, dass der Arzt durch den Computer ersetzt werde. Health Bridge Limited hat „Dr. Ed“ ins Leben gerufen, eine Online-Arztpraxis mit Sitz in Großbritannien. Auch wenn dieses Angebot den Eindruck vermitteln könnte, dass es den Arzt zu ersetzen versucht – Bartelt betonte, dass hinter Dr. Ed ebenso Ärzte stehen und die Patienten behandeln.

„Wir benötigen den Arzt weiterhin, um gesunden Menschenverstand darauf anzu­wenden, welches medizinische Problem vorliegt, und um den empathischen Kontakt mit dem Patienten aufrechtzuerhalten“, so Bartelt. Gleichzeitig prognostiziert er, dass sich sowohl die Aufgaben des Arztes als auch die eingesetzten Medien ändern werden.

Technologie werde künftig standardmäßig eingesetzt, um bessere Behandlungs­entscheidungen zu treffen. Beispielhaft nannte er die Hautkrebserkennung: Studien zeigen bereits heute, dass Algorithmen eine präzisere Vorhersagekraft als Hautärzte haben. Auch sei die Bereitschaft der Patienten, telemedizinische Leistungen in Anspruch zu nehmen, von 2016 bis 2018 von 37 Prozent auf etwa die Hälfte der Befragten gestiegen. Sein Fazit: „Die Aufgaben des Arztes werden später einsetzen in der Kette der Gesundheitsfürsorge.“

Veränderungen schafft die Digitalisierung auch aus Sicht von Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. So könne der Arzt durchaus ein Stück weit ersetzt werden – nämlich da, wo es um Routinetätigkeiten oder auch eine Ersteinschätzung durch geschultes medizinisches Personal wie Krankenschwestern oder Physician Assistants geht.

Ärzte entlasten

Wichtig sei zudem, dass Ärzte entlastet würden, beispielsweise bei den bildgebenden Verfahren – das teilweise ermüdende Sichten von Daten könnten Computer über­nehmen. Die dritte Veränderung sieht Kriedel in der Arzt-Patienten-Beziehung. Es würden mehr vorinformierte Patienten in die Praxen kommen und Ärzte müssten sich auf Veränderungen wie „shared decision making“ einstellen. Auch sei es wichtig, dass sie sich technisch weiterbildeten, um Patienten darüber aufklären zu können, was verschiedene Anwendungen und Programme leisten können.

Einig waren sich die Teilnehmer auch, dass mehr Klarheit geschaffen werden muss, wo verlässliche Gesundheitsinformationen zu finden sind. Das Überangebot im Netz erlaube Patienten keine Einschätzung darüber, woran sie sich orientieren könnten. Gute Angebote beispielsweise von der Unabhängigen Patientenberatung (UPD) würden bei den Suchmaschinen absaufen, so der Ärztliche Leiter der UPD Johannes Schenkel. Als positives Beispiel für qualitative medizinische Informationen nannte er die Stiftung Health On The Net. Solche zuverlässigen Quellen müssten genutzt werden, um die Gesundheitskompetenz der Menschen zu fördern.