PKV und Krankenkassen präsentieren gemeinsame Gesundheitsakte

Es bewegt sich etwas am Markt der elektronischen Gesundheitsakten: Mehrere Krankenkassen und private Krankenversicherer haben heute in Berlin gemeinsam die elektronische Gesundheitsakte „Vivy“ vorgestellt. Unter ihnen die Allianz, die DAK-Gesundheit, die Bahn BKK, die IKK classic sowie die Barmenia und Gothaer Kran­ken­ver­siche­rung.

Nach eigenen Angaben könnte die App „Vivy“ durch den Zusammenschluss rund 25 Millionen Versicherte erreichen. Die hohe Zahl kommt auch durch die Zusammenarbeit mit dem Krankenkassen-IT-Dienstleisters Bitmarck zustande, der nach eigenen Angaben Krankenkassen aus allen „Kassenfamilien“ als Kunde hat.

Akte nicht gleich Akte

Nach der Techniker Krankenkasse, die Ende April ihre elektronische Gesundheitsakte der Öffentlichkeit präsentierte, ist dies nun die zweite große Vorstellung am Markt. Auch der AOK-Bundesverband hatte bereits erste Ideen für eine Akte vorgestellt, diese aber noch nicht als App präsentiert. Eine elektronische Gesundheitsakte (eGA) ist allerdings nicht mit der elektronischen Patientenakte (ePA) im Sinne des E-Health-Gesetzes gleichzusetzen.

In der Akte „Vivy“ sollen Versicherte künftig ihre Befunde wie Laborwerte, Röntgen­bilder, Notfalldaten, den Impfpass, Medikamente sowie Vorsorgeuntersuchungen eintragen können. An Arzttermine sowie die Einnahme von Medikamenten erinnert die App, auch warnt sie vor Wechselwirkungen bei OTC-Präparaten oder Vitamintabletten. Die Notfalldaten sollen über einen Sticker oder einen Schlüsselanhänger, den Krankenkassen ihren Versicherten zur Verfügung stellen, von Krankenhäusern oder Ersthelfern ausgelesen werden können.

Auch Gesundheitsbegleiter

Zusätzlich sei die App als eine „Gesundheitsbegleiterin“ ausgerichtet. Denn es werden aus den üblichen Wearables auch Gesundheitsdaten wie Schlafqualität, Anzahl der Schritte, Gewicht, Geistige Fitness und der Lebensstil und andere Gesundheitsdaten in die App eingespielt. Damit sollen Versicherte eine komplette Begleitung bekommen. Die App soll auch „sexy für Gesunde“ sein, und sich nicht nur auf kranke Menschen fokussieren.

Die Nutzung der App ist freiwillig und für Versicherte kostenfrei, die Daten liegen auf einem Server in Frankfurt am Main. Mit einer mehrstufigen Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, bei der nur der Versicherte den entsprechenden Schlüssel hat, sei die App besonders gesichert. Die habe auch der TÜV Rheinland sowie das Unternehmen ePrivacy entsprechend zertifiziert. „Vivy“ selbst gehört zu 70 Prozent der Allianz SE, dem Mutterkonzern der Allianz Kran­ken­ver­siche­rung. 30 Prozent gehören dem Gründer und Geschäftsführer von „Vivy“, Christian Rebernik.

Auch für Ärzte und Krankenhäuser soll die Akte zu mehr Kommunikation beitragen. Die Daten, die ein Arzt seinem Patienten zur Verfügung stellt, sollen dabei nicht veränderbar sein und bleiben in der Originaldatengröße erhalten. Auch der Patient kann einem Arzt Daten über einen Klinikaufenthalt oder von einer Untersuchung bei einem anderen Facharzt senden.

Die App soll ab Juli schrittweise von den beteiligten Krankenkassen an ihre Versicherten ausgegeben werden. „Uns war es wichtig, dass wir ein System unterstützen, das gematik-kompatibel und maßgeschneidert ist für jede Krankenkasse, die wir betreuen“, erklärte Andreas Strausfeld, Vorsitzender des IT-Dienstleisters Bitmarck.

Damit auch Ärzte Daten an ihre Patienten versenden können, entwickelt derzeit die KV Telematik, ein Unternehmen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), eine entsprechende Schnittstelle. Wenn Arztpraxen über KV Connect verbunden sind, können sie über ihre Praxisverwaltungssysteme Anfragen der Patienten über die App beantworten. Für diese Erweiterung sei der Entwicklungsprozess im Herbst abge­schlossen, hieß es am Rande der Veranstaltung. Wie Ärzte genau auf Datenabfragen von Patienten reagieren sollen, blieb allerdings unklar. Die Beteiligten erklärten auch, dass demnächst Gespräche mit dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium über die App geben soll.

Die Mitwirkung für Ärzte und Krankenhäuser sieht die Vorstandsvorsitzende der Allianz Private Kran­ken­ver­siche­rung, Birgit König, durch die Menge der Versicherten als besonders attraktiv. „Wir sind keine Insellösung. Wir brauchen eine Anwendung, die für gesunde Kunden genauso interessant sein muss wie für kranke Menschen“, so König. Auch für die Krankenkassen sei dieser Zusammenschluss eine gute Möglichkeit.

„Es gibt eine Veränderung in der Rolle des Patienten im Gesundheitssystem. Wir sehen hier die Chance, gemeinsam mit der PKV eine systemübergreifende Lösung zu schaffen“, erklärte DAK-Chef Andreas Storm. Auch Stefan Hofmeister, Vize-Vorsitzende der KBV, begrüßte die App Vivy: „Sie gibt dem Patienten das Recht über die eigenen Daten. Gleichzeitig können Daten unverfälscht gespeichert sowie vom Patienten abgerufen werden.“