Spahn will Reformpläne für Digitalisierung nach dem Sommer vorlegen

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hat eine neue Initiative in der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens in der Zeit nach der parlamen­tarischen Sommerpause angekündigt. Zur Eröffnung der Digital- und Branchenmesse conhIT in Berlin erklärte der Minister, in seinem Haus werde bis zum Sommer eine „intensive Bestandsaufnahme“ des aktuellen Marktes sowie der bisherigen Digitalisierung des Gesundheitswesens stattfinden.

Dafür hat Spahn sein neues Ministerium auch breiter aufgestellt: Künftig wird eine neue Abteilung „Digitalisierung und Innovation“ dieses Thema bearbeiten. Die Leitung übernimmt Gottfried Ludewig, ein früherer CDU-Abgeordnete des Berliner Abgeordnetenhauses. Unter Minister-Vorgänger Hermann Gröhe (CDU) war die Digitalisierung in der Abteilung „Grundsatzfragen“ angesiedelt.

Noch könne er nichts Konkretes zu den künftigen Gesetzesplänen sagen, erklärte Spahn. Er nannte aber drei Punkte, die ihm bei der Digitalisierung des Gesundheits­wesens am Herzen liegen. Dazu zählt die Versorgung in ländlichen Gebieten, eine Reform des Medikationsplans sowie eine sichere und vertrauenswürdige IT-Infrastruktur.

Er bewertete auch positiv, dass immer mehr Ärzte sich gegen das Fernbehandlungs­verbot aussprechen. Dies wird auch Thema auf dem diesjährigen Ärztetag in Erfurt sein. „Und ich freue mich, vor den Ärzten dort zu sprechen“, so Spahn.

Er betonte, dass die elektronische Patientenakte der Schlüssel zur Digitalisierung sein werde. „Und ich bin der Überzeugung, dass diese auch von allen akzeptiert wird, sobald sie das Leben erleichtert“, so Spahn. Denn Digitalisierung sei mehr als das Versichertenstammdatenmanagement (VSDM). Er appellierte aber auch daran, dass bei allen Entwicklungen die Schnittstellen immer offen sein müssten.

Als zweite wichtige Entwicklung in der Digitalisierung sieht er die Forschung und die künstliche Intelligenz an. Dabei müsse auch darüber gesprochen werden, welche der gesammelten Daten künftig für die Versorgungsforschung zur Verfügung stehen. Als drittes Projekt solle darüber nachgedacht werden, wie die Produkte des sogenannten zweiten Gesundheitsmarkts – also Apps oder andere Medizinprodukte – es schneller in den deutschen Gesundheitsmarkt schaffen.

Er hoffe, so Spahn am Ende, dass sich bis zur nächsten conhIT-Messe im kommenden Jahr bereits einiges verändert habe. „Es gibt viel zu tun, viel zu entdecken, viel gegenüber anderen Nationen aufzuholen, aber auch Verbesserungen zu heben, gerade im Gesundheitswesen“, so Spahn.

DAK-Gesundheit bietet Onlinetherapie gegen Stottern

Die DAK-Gesundheit bietet Versicherten ab sofort eine Online-Therapiegegen das Stottern an. In Zusammenarbeit mit dem Institut der Kasseler Stottertherapie können Betroffene am heimischen Computer in Einzel- und Gruppensitzungen trainieren, teilte die Krankenkasse heute mit.

Das neue Angebot soll laut DAK im ersten Schritt helfen, die Scham zu überwinden, überhaupt das Sprachproblem anzugehen. Mit Hilfe eines virtuellen Therapieraumes arbeiten Therapeut und Patient am weichen und flüssigen Sprechen. Das neue DAK-Online-Angebot können Betroffene ab 13 Jahren nutzen.

Deutschlandweit stottern etwa 800.000 Menschen. Männer sind etwa fünfmal so oft betroffen wie Frauen. „Stottern ist eine Störung des Redeflusses. Es ist sehr individuell  und kann eine erhebliche seelische Belastung bedeuten“, erläuterte DAK-Ärztin Susanne Bleich. „Viele Menschen schämen sich wegen ihres Sprachproblems. Deshalb ist eine Online-Therapie ideal für den Start in den eigenen vier Wänden.“

Die Online-Therapie beinhaltet eine Kombination aus regelmäßigen Einzel- und Gruppensitzungen über den Zeitraum von einem Jahr. Sie beginnt mit einer Intensivphase von zehn Tagen. In diesem Zeitraum finden an fünf bis sechs ausgewählten Tagen mehrere Stunden Einzeltherapie statt. Im Anschluss an die Intensivphase geht es in kleinen Gruppen und mit einem Therapeuten weiter.

Depressionen: EEG zeigt Wirksamkeit der Therapie an

Kann eine spezielle Analyse des Elektroenzephalogramms (EEG) die Wirksamkeit einer medikamentösen Therapie der Major-Depression voraussagen? Nach einer Studie in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2018.0252) hatten Patienten mit einer hohen Theta-Aktivität im rostralen Abschnitt des anterioren Gyrus cinguli (ACC) die besten Aussichten, auf eine Behandlung mit einem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) anzusprechen.

Der vordere rostrale Abschnitt ACC, der zum limbischen System gehört, wird seit Längerem mit der Pathogenese der Major-Depression in Verbindung gebracht. Die genauen Zusammenhänge sind nicht bekannt, frühere Studien haben jedoch gezeigt, dass eine vermehrte Aktivität in dieser Regionen den Patienten helfen könnte, sich von einer Depression zu erholen.

Ein Team um Diego Pizzagalli vom McLean Hospital in Boston hat hierzu die Ergebnisse der EMBARC-Studie ausgewertet. Die Studie war an vier US-Kliniken mit dem Ziel durchgeführt worden, Prädiktoren für das Ansprechen einer Therapie zu finden. Dazu wurden 296 Patienten auf eine Behandlung mit dem SSRI Sertralin oder mit Placebo randomisiert. Vor Behandlungsbeginn und nach einer Woche wurde bei den Patienten ein EEG durchgeführt. Pizzagalli setzte die Ergebnisse mit dem Ansprechen von Sertralin in Verbindung.

Ergebnis: Patienten, bei denen vor Beginn der Behandlung und nach einer Woche vermehrt Thetawellen aus dem Bereich des rostralen ACC aufgezeichnet wurden, erzielten unter der Therapie mit Sertralin tatsächlich häufiger eine Remission ihrer Depression. Zusammen mit einigen klinischen und demographischen Daten konnte die EEG-Analyse 39,6 % der Unterschiede im Ansprechen auf die Therapie erklären. Der direkte Anteil der EEG-Anlyse war jedoch gering. Die vermehrte Thetawellen-Aktivität erklärte gerade einmal 8,5 % des Therapieerfolgs.

Dennoch könnte für Pizzagalli das EEG ein wichtiger Bestandteil für die Vorhersage eines Therapieerfolgs sein. Der Bedarf an einem solchen Test ist groß, da die Psychiater derzeit erst nach etwa acht Wochen wissen, ob ein Medikament wirkt. Häufig erhalten die Patienten nacheinander mehrere Wirkstoffe, bis ein geeignetes Mittel gefunden wird. Pizzagalli hofft, dass eine EEG-Analyse in Zukunft die Suche verkürzen kann.

KBV lobt schnellen und niederschwelligen Zugang zur psychothera­peutischen Versorgung

Ein Jahr nach Inkrafttreten der Strukturreform der ambulanten Psychotherapie zieht die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) eine positive Bilanz. „In kürzester Zeit haben die Psychotherapeuten die Vorgaben der Psychotherapierichtlinie aus dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz umgesetzt und die neuen Leistungen – Sprech­stunden zur Erstberatung sowie die Akutbehandlung in besonders dringenden Fällen – eingeführt. Damit haben wir einmal mehr bewiesen, wie gut die Selbstverwaltung funktioniert“, sagte der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen heute in Berlin.

Die Strukturreform ist mit der geänderten Psychotherapierichtlinie des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) am 1. April 2017 in Kraft getreten. Das Therapieangebot wurde durch eine psychotherapeutische Sprechstunde, eine Akutbehandlung und Möglichkeiten zur Rezidivprophylaxe flexibilisiert. Außerdem wurden das Antrags- und Gutachterverfahren vereinfacht sowie Gruppentherapien gefördert. Verpflichtet wurden Psychotherapeuten auch zu einer persönlichen telefonischen Erreichbarkeit. Darüber hinaus wurde beschlossen, dass die Terminservicestellen (TSS) der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) auch Termine zu Psychotherapeuten vermitteln.

Mehr Sprechstundenzeit als verlangt

Nach Angaben der KBV haben Psychotherapeuten allein im zweiten Quartal 2017 rund 346.000 Patienten die psychotherapeutische Sprechstunde ermöglicht, rund 28.900 Patienten in akuten psychische Krisen erhielten eine Akutbehandlung. Im Folgequartal (3/2017) nahmen rund 430.000 Patienten die Sprechstunde in Anspruch, knapp 60.000 wurden in der Akutbehandlung versorgt.

„Das Ziel eines schnellen und niederschwelligen Zugangs zu psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten ist nun gegeben. Vor allem Dank des Engagements der niedergelassenen Psychotherapeuten. Diese bieten seit Inkrafttreten der neuen Richtlinie bereits weit mehr Sprechstundenzeit pro Woche an, als die Richtlinie verlangt“, betonte Gassen.

Zustande kommen die Termine dieser neuen Leistungen nach Angaben der KBV überwiegend durch den direkten Kontakt mit der jeweiligen Praxis. Nur rund fünf Prozent der in den ersten zwei Quartalen nach der Reform realisierten Termine seien über die Terminservicestellen vermittelt worden. Diese Zahl hatte gestern auch die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) bei der Vorstellung ihrer Wartezeitenstudiegenannt.

Wartezeiten auf eine Richtlinienpsychotherapie lang

Ein Ziel der neuen Leistungen der Psychotherapiereform, den Patienten einen schnelleren Zugang zu ermöglichen, sei erreicht worden. „Die Wartezeiten auf eine reguläre Richtlinienpsychotherapie können sich dadurch allerdings nicht verkürzen“, betonte der KBV-Vorstandsvorsitzende.

Auf ein Erstgespräch im Rahmen der Sprechstunde müssen Patienten laut BPtK-Wartezeitenstudie im bundesweiten Durchschnitt 5,7 Wochen warten. Bei Vermittlung über eine Terminservicestelle (TSS) dauert es im Durchschnitt nur drei Wochen. Eine Akutbehandlung bieten Psycho­therapeuten innerhalb von zwei bis drei Wochen an. Bis zum Beginn einer Richtlinienpsychotherapie dauert es aber durchschnittlich immer noch 20 Wochen.

Umsetzung des Bundesschiedsamtsbeschlusses gefordert

Der Verband der Ersatzkassen (vdek) sieht indes die Kassenärztlichen Vereinigungen in der Pflicht, Patienten auch zeitnahe Termine für die Richtlinienpsychotherapie anzubieten. „Die KVen dürfen sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Sie sind laut Gesetz verpflichtet, betroffenen Patienten Termine über die Servicestellen innerhalb von vier Wochen anzubieten“, erklärte Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des vdek heute.

Nach Ansicht des Verbands bezieht sich diese Vorgabe nicht nur auf die Vermittlung in Sprechstunden und Akutbehandlung – die erfüllt wird –, sondern auch auf die Vermittlung von Terminen für probatorische Sitzungen, also faktisch für die Richtlinienpsychotherapie.

Elsner fordert die KVen auf, den umstrittenen Beschluss des Bundesschiedsamtes vom 7. November 2017 umzusetzen, der ihrer Ansicht nach keine aufschiebende Wirkung hat. Das Gericht hatte auf Antrag des GKV-Spitzenverbands und gegen die Stimmen der KBV entschieden, dass die TSS künftig auch Termine für probatorische Sitzungen vermitteln sollen, wenn ein Psychotherapeut zuvor bestätigt hat, dass dies zeitnah erforderlich ist.

Die KBV hat gegen diesen Schiedsspruch inzwischen Klage beim Landessozialgericht Berlin-Brandenburg eingereicht, verbunden mit einem Antrag auf aufschiebende Wirkung der Entscheidung. Nach Angaben der KBV hat sich das Gericht dazu bisher noch nicht geäußert.

Spahn ermahnt G-BA wegen Bedarfsplanung der Psychotherapie

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hat sich für eine zügige Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung ausgesprochen. Er habe den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) zu Reformen für eine bedarfsgerechte Versorgung im Sinne der Patienten aufgefordert, sagte Spahn den Zeitungen heute der Funke Mediengruppe. Durch eine Anpassung der Bedarfsplanung soll demnach der Bedarf besser abgebildet und eine flächendeckende, wohnortnahe Versorgung erreicht werden.

Hintergrund der Reaktion des Ministers ist dem Bericht zufolge unter anderem die Untersuchung der Bundes­psychotherapeutenkammer, die zeigt, dass Patienten im Schnitt fünf Monate auf den Beginn einer Therapie warten müssen.

Pychotherapeuten für grundlegende Reform der Bedarfsplanung

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) fordert eine grundlegende Reform der psychotherapeutischen Bedarfsplanung, um die Wartezeiten auf eine Richtlinien-Psychotherapie deutlich zu verkürzen. Diese betragen nach der aktuellen Wartezeiten-Studie 2018, die die BPtK heute in Berlin vorgestellt hat, im bundesweiten Durchschnitt 20 Wochen.

Die Bundesregierung hatte in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünenmitgeteilt, dass nach ihrer Kenntnis der G-BA mit der Vorlage des Gutachtens zur psychotherapeutischen Bedarfsplanung im zweiten Quartal 2018 rechne. Die anschließende Überarbeitung der Bedarfsplanung hänge vom Zeitpunkt der Abnahme des Gutachtens, den Auswertungen und den Umsetzungsmaßnahmen des G-BA ab.

Die Grünen im Bundestag riefen Spahn heute dazu auf dafür zu sorgen, dass die Reform der Bedarfsplanung „nicht um weitere Jahre verschleppt wird“. Wie deren Sprecherin für Gesundheitspolitik, Maria Klein-Schmeink, betonte, sei es „nicht zumutbar, dass psychisch erkrankte Menschen so lange auf eine Therapie warten müssen“. Die Grünen verlangten zusätzliche Kassenzulassungen für Psychotherapeuten. Patienten müssten zudem zu ihrem Recht einer Kostenerstattung für eine Therapie in einer Privatpraxis kommen, wenn sie bei zugelassenen Psychotherapeuten keinen schnellen Therapieplatz erhalten.

Neue Open-Source-Platt­form für die Analyse von Big Data in den Lebens­wissenschaften

Einen neuer Server namens „usegalaxy.eu“ hat die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in Betrieb genommen. „Galaxy“ ist eine Open-Source-Plattform für die Analyse von Big Data in den Lebenswissenschaften, die Wissenschaftler über einen Internetbrowser benutzen können.

Galaxy wurde an der US-amerikanischen Penn State University initiiert und an der Universität Freiburg im Sonderforschungsbereich „Medizinische Epigenetik“ sowie als Teil des Deutschen Netzwerks für Bioinformatik-Infrastruktur (de.NBI) weiterentwickelt. Der neue Europaserver befindet sich im Rechenzentrum der Universität Freiburg.

Die Möglichkeiten von Big Data verändern viele Forschungsprozesse in den Lebens­wissenschaften grundlegend: An die Stelle überschaubarer Versuchsanordnungen treten oft Analysen, die Hunderttausenden einzelner Experimente entsprechen.

„Um in der weltweiten Spitzenforschung dabei zu sein, braucht es statistische Methoden, eine qualitativ hochwertige Datenanalyse und hohe Rechenkapazitäten“, erläuterte Björn Grüning, der das Freiburger Galaxy-Team leitet. Er gehört zur Arbeitsgruppe von Rolf Backofen am Institut für Informatik.

Kenntnisse im Programmieren sind für die Nutzung von Galaxy laut den Freiburgern nicht erforderlich: Alle Einstellungen lassen sich über eine grafisch aufbereitete Oberfläche vornehmen. Das Freiburger Galaxy-Team organisiert regelmäßig Trainingskurse für Nutzer, Administratoren und Entwickler. Das Material ist kostenlos und online frei zugänglich.

Epigenetik: Lernfähigkeit vererbt sich auf die nächste Generation

Körperliche und geistige Übungen sind nicht nur für das eigene Gehirn von Vorteil. Sie können auch die Lernfähigkeit der Nachkommen beeinflussen. Das zeigten Versuche bei Mäusen, die Forscher um André Fischer vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Göttingen und München und der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) in Cell Reports publiziert haben (2018; doi:
10.1016/j.celrep.2018.03.059).

Epigenetische Veränderungen gehen nicht mit einer veränderten DNA-Sequenz einher. Stattdessen wirken sich bestimmte RNA-Moleküle auf die Genaktivität aus, indem sie sowohl im Gehirn als auch in den Keimzellen nach körperlicher und geistiger Aktivität akkummulieren. So können etwa eine schlechte Ernährung, Stress oder ein Trauma die Gesundheit der nächsten Generation beeinflussen. Es ist auch bekannt, dass körperliche und geistige Aktivität die Lernfähigkeit verbessern und das Risiko von Krankheiten wie Alzheimer reduzieren.

Bei Mäusen zeigten die Wissenschaftler vom DZNE jetzt, dass die Lernfähigkeit durch epigenetische Vererbung an die nächste Generation weitergegeben wurde. Sie setzten Mäuse einer stimulierenden Umgebung aus, in der sie viel Bewegung hatten. Im Vergleich zu den Mäusen einer Kontrollgruppe erzielten sie bessere Ergebnisse in Tests, die die Lernfähigkeit beurteilen. Auch die synaptische Plastizität im Hippocampus, einer für das Lernen wichtigen Region, sei besser, berichteten die Autoren.

Sperma-RNA entscheidend

Im Sperma der Mäuse fanden die Forscher einen Mechanismus, den sie für das positive Lernergebnis mitverantwortlich machen. Sie extrahierten RNA aus dem Sperma der körperlich und geistig aktiven Mäuse und injizierten diese in bereits befruchtete Eizellen. Der so gezeugte Nachwuchs entwickelte ebenfalls eine erhöhte synaptische Plastizität und Lernfähigkeit. Die Forscher schlussfolgern, dass sich die körperliche und geistige Aktivität über die RNA positiv auf die kognitiven Fähigkeiten der Nachkommen ausgewirkt hat.

Hier verändern sie vermutlich sehr subtil die Gehirnentwicklung, sodass die Nervenzellen besser vernetzt sind und die Nachkommen einen kognitiven Vorteil haben.André Fischer, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)

In weiteren Experimenten identifizierten die Wissenschaftler erstmals einen Teil der für die epigenetische Vererbung verantwortlichen RNAs: die microRNA-Moleküle, miRNA212 und miRNA132. Die beiden Komponenten miRNA212 und miRNA132 sammelten sich im Gehirn und in Spermien von Mäusen an, nachdem diese körperlich und geistig aktiv waren. Es war zuvor nicht nur bekannt, dass MicroRNAs die Genaktivität kontrollieren, sondern auch, dass sie die Bildung von Synapsen im Gehirn stimulieren und so die Lernfähigkeit verbessern. Über die Spermien werden die erworbenen Fähigkeiten auf die Nachkommen übertragen. „Hier verändern sie vermutlich sehr subtil die Gehirnentwicklung, sodass die Nervenzellen besser vernetzt sind und die Nachkommen einen kognitiven Vorteil haben“, sagt Fischer.

Auch beim Menschen weiß man, dass körperliche Aktivität und geistiges Training die Lernfähigkeit steigern. Ob Lernfähigkeit epigenetisch vererbt wird, lässt sich beim Menschen jedoch nicht ohne Weiteres untersuchen. Die Forscher planen nun, zu überprüfen, ob auch in menschlichen Spermien die Moleküle miRNA212 und miRNA132 nach Phasen körperlicher oder geistiger Aktivität angereichert werden.

Gesetzlich Krankenversicherte warten im Schnitt 20 Wochen auf Psychotherapie

Gesetzlich Krankenversicherte müssen im Schnitt rund 20 Wochen auf eine Behandlung beim Psychotherapeuten warten. Die Wartezeit ging nach einer Umfrage der Bundes­psychotherapeutenkammer seit 2011 nur leicht von damals 23,4 Wochen auf jetzt 19,9 Wochen zurück, wie der NDR heute berichtete.

Am längsten warten demnach Patienten in Thüringen und im Saarland auf den Beginn der Behandlung – und zwar fast 24 Wochen. Am schnellsten geht es in Berlin (13 Wochen), Hessen (17 Wochen) und Hamburg (18 Wochen).

Wartezeit unzumutbar

„20 Wochen Wartezeit sind unzumutbar“, sagte Dietrich Munz, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), heute dem NDR. Das bedeute eine zusätzliche Belastung für die Patienten. Als Ursache sieht er eine veraltete Bedarfsplanung, die zuletzt 1999 aktualisiert wurde. Um eine ausreichende Versorgung der Patienten zu gewährleisten, fehlen nach Meinung der Kammer bundesweit 7.000 Kassensitze für Psychotherapeuten.

Der Gesetzgeber hatte einen überarbeiteten Bedarfsplan bis Anfang 2017 gefordert. Der dafür zuständige Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) erstellt derzeit ein Gutachten. Die neue Bedarfsplanung soll 2019 in Kraft treten.

Um lange Wartezeiten zu vermeiden, beantragen viele Patienten bei ihren Krankenkassen die Erstattung einer Behandlung durch Privattherapeuten. Doch offenbar sind die Kassen dabei jetzt restriktiver. Nach einer ebenfalls noch unveröffentlichten Umfrage mehrerer Landespsychotherapeutenkammern wird etwa jeder zweite dieser Anträge auf Kostenerstattung abgelehnt, 2016 war es nur jeder fünfte.

Die vor einem Jahr in Kraft getretene Strukturreform der psychotherapeutischen Versorgung soll Patienten den Zugang zur Behandlung erleichtern. Seitdem können Menschen in psychischen Krisen – auch auf Vermittlung von Terminservicestellen – schneller ein Erstgespräch bei einem Therapeuten führen und in akuten Fällen rascher behandelt werden. Bis allerdings eine ambulante Regeltherapie beginnt, vergehen immer noch mehrere Monate.

Jeder Zweite fühlt sich von Burnout bedroht

Jeder zweite Bundesbürger fühlt sich von Burnout bedroht. Sechs von zehn Befragten klagen zumindest gelegentlich über typische Burnout-Symptome wie anhaltende Erschöpfung, innere Anspannung und Rückenschmerzen. Dies zeigt eine Umfrage der pronova BKK.

Fast neun von zehn Deutschen fühlen sich demnach von ihrer Arbeit gestresst. Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer leidet zumindest hin und wieder unter Rückenschmerzen, anhaltender Müdigkeit, innerer Anspannung, Lustlosigkeit oder Schlafstörungen. Je 61 Prozent der Menschen in Deutschland klagen über Rückenschmerzen oder Erschöpfung – 23 Prozent jeweils sogar häufig. 59 Prozent fühlen sich manchmal innerlich angespannt. 54 Prozent der Befragten grübeln über ihre Arbeit, 53 Prozent schlafen nach eigenen Angaben schlecht.

„Das sind alles mögliche Symptome eines Burnouts“, sagte Gerd Herold, Beratungsarzt der pronova BKK. Der Umfrage zufolge sehen 50 Prozent der Beschäftigten daher auch für sich ein mäßiges bis hohes Burnout-Risiko. Jeder Siebte sieht bei sich selbst die Gefahr, vollkommen auszubrennen. Zu den Hauptgründen für das Gefühl völliger Erschöpfung zählen laut Umfrage ständiger Termindruck (34 Prozent), emotionaler Stress durch Kunden oder Patienten (30 Prozent), Überstunden und schlechtes Arbeitsklima (je 29 Prozent).

Burnout gilt als Zusatzdiagnose vor allem zur Depression. In der ICD-10-GM findet man das Burn-out-Syndrom als Inklusivum unter Z73 Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung. Die Weltgesundheits­organisation WHOgeht davon aus, dass weltweit mehr als 300 Millionen Menschen mit einer Depression leben. 2020 könnten Depressionen demnach bereits die zweithäufigste Volkskrankheit sein. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens daran zu erkranken, wird auf 11 bis 15 Prozent geschätzt.

Gehirne erzeugen bis ins hohe Alter neue Gedächtniszellen

Senioren, die bis ins hohe Alter geistig fit bleiben, verdanken dies der Fähigkeit ihres Gehirns, genauer des Hippocampus, weiterhin neue Zellen aus erhalten gebliebenen Stammzellen zu rekrutieren. Die Neuroplastizität, vor allem aber die Fähigkeit zur Bildung neuer Blutgefäße lässt laut den Ergebnissen einer Studie in Cell Stem Cell (2017; doi: 10.1016/j.stem.2018.03.015) dagegen nach.

Der Hippocampus entscheidet darüber, welche Informationen das Gehirn speichert und welche nicht. Hirnforscher sind sich darüber einig, dass diese Aufgabe die Neubildung von Hirnzellen aus Vorgängerzellen erfordert. Darüber, ob das Gehirn bis ins hohe Alter dazu in der Lage ist, gehen die Ansichten der Experten jedoch auseinander.

Ein Forscherteam um Alvarez-Buylla von der Universität von Kalifornien in San Francisco berichtete kürzlich in Nature, dass der Hippocampus bereits in der Kindheit die Fähigkeit verliert, neue Nervenzellen zu bilden, was nicht nur bisherige Annahmen der Hirnforschung infrage stellt, sondern auch die Frage eröffnet, wie denn ältere Menschen noch in der Lage sind, sich neue Sachen zu merken (wozu viele bis ins hohe Alter offensichtlich in der Lage sind).

Maura Boldrini von der Columbia Universität in New York kommt jetzt bei der postmortalen Untersuchung der Hippocampi von 28 zuvor gesunden Personen im Alter von 14 bis 79 Jahren zu einem völlig anderen Ergebnis. Für die Untersuchung hatten die Forscher die Gehirne von Personen ausgesucht, die nicht an Hirnkrankheiten verstorben waren und die bis zuletzt noch geistig fit waren.

Wie Alvarez-Buylla untersuchte Boldrini die einzelnen Regionen des Hippocampus, genauer des Gyrus dentatus, mit Hilfe von Antikörpern, die Neuronen in ihren verschiedenen Entwicklungsstadien markieren. Dabei wurden teilweise die gleichen Methoden verwendet. Anders als Alvarez-Buylla fand Boldrini auch bei älteren Menschen in den einzelnen Regionen des Hippocampus pro untersuchter Region noch tausende neugebildete Hirnzellen.

Ein wichtiger Unterschied zwischen den Gehirnen von jungen und alten Menschen scheint jedoch die mit dem Alter nachlassende Fähigkeit zur Bildung neuer Blutgefäße zu sein. Sie könnte der Grund sein, warum bei älteren Menschen die Migration und die Neuroplastizität der Hirnzellen nachlässt.

Hirnleistungsstörungen im Alter wären nach dieser Theorie vor allem eine Folge der verminderten Durchblutung. Sport ist laut Boldrini in der Lage, die Bildung von neuen Blutgefäßen zu fördern. Die Forscher hatten jedoch keine Informationen darüber, wie körperlich fit die Verstorbenen vor ihrem Tod noch gewesen waren.