Missbrauchs­beauftragter fordert zusätzliche Kassenarztsitze für Traumatherapeuten

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Johannes-Wilhelm Rörig, hat angemahnt, dass es bei der Versorgung von Betroffenen sexuellen Kindesmissbrauchs noch immer viele Defizite gibt.

„Wir benötigen in Deutschland dringend zusätzliche Kassenarztsitze für spezialisierte Psychotherapeuten und spezifische Angebote für komplex traumatisierte Betroffene“, sagte Rörig. Die Kosten für alternative Therapieformen wie Kreativtherapien würden von der Kran­ken­ver­siche­rung bis heute nicht übernommen. Zudem müsse die wertvolle Arbeit der auf sexuelle Gewalt spezialisierten Fachberatungsstellen bundesweit von Ländern und Kommunen finanziell gestärkt werden.

„Je früher Kinder und Jugendliche, die sexuelle Gewalt erlitten haben, Hilfe erhalten, desto besser können sie das Erlebte in ihr Leben integrieren und sich gute Lebens­perspektiven aufbauen“, betonte Rörig. Viele Betroffene, die keine angemessene Hilfe bekommen, kämpften nicht nur mit den psychischen und physischen Folgen des Missbrauchs, sondern litten auch unter schulischen Misserfolgen und Bildungs­abbrüchen, häufig auch unter Beziehungsabbrüchen. Sie seien dadurch im späteren Leben oft von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen.

Fehlender Zugang zu adäquater Therapie

„Mehr als 60 Prozent der psychisch auffälligen und behandlungsbedürftigen Kinder und Jugendlichen, die sexuellen Missbrauch erleiden mussten, nehmen keine missbrauchsbezogene therapeutische Hilfe in Anspruch oder haben keinen Zugang zu adäquater Therapie“, erklärte Jörg M. Fegert, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm.

Er zog zur Untermauerung Ergebnisse aus dem CANMANAGE-Projekt der Universität Ulm heran (2016), das gezielt Kinder und Jugendliche nach Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung untersuchte: Zwei Drittel der rund 300 untersuchten Kinder wiesen danach eine klinisch relevante Belastung nach ICD-10 auf, doch nur 36 Prozent haben eine psychotherapeutische Versorgung erhalten. Selbst wenn therapeutische Interventionen stattgefunden hätten, seien diese nicht immer hinreichend wirksam, berichtete Fegert.

Rahmenempfehlungen von 2012 wirkungslos

Dabei sollte der Zugang zur Versorgung für Betroffene sexuellen Missbrauchs bereits seit den Rahmenempfehlungen im Jahr 2012 vorangetrieben werden, kritisierte Fegert. Damals haben die Bundes­ärzte­kammer, die Bundes­psycho­therapeuten­kammer, die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Spitzenverband Deutscher Krankenhaus­versicherungen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung anlässlich eines soge­nannten Gesundheits-Hearings des UBSKM auch beschlossen, das Informations­angebot und die Zusammenarbeit in der Versorgung von Betroffenen sexuellen Missbrauchs zu verbessern.

„Leider müssen wir aber feststellen, dass die Forderung der Betroffenen nach einem adäquaten Ausbau von Therapieangeboten und einer allgemeinen Zugänglichkeit von Hilfen im Gesundheitswesen noch lange nicht eingelöst ist“, betonte Fegert. Insbe­sondere auf dem Land und für betroffene Jungen und Männer gebe es noch erhebliche Versorgungslücken.

Hindernislauf auf der Suche nach einem Therapieplatz

„Wenn erwachsene Betroffene eine Psychotherapie in Anspruch nehmen wollen beginnt ein Hindernislauf“, berichtete Alex Stern, Mitglied im Betroffenenrat, einem politischen Fachgremium beim UBSKM. Die generell langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz verlängerten sich für von sexuellem Missbrauch Betroffene oft auf mehrere Jahre. Denn: „Viele niedergelassene Psychotherapeuten trauen sich die Behandlung komplexer Traumafolgestörungen nicht zu“, weiß Stern. Wer auf Barrierefreiheit und Fremdsprachenkenntnisse angewiesen sei oder auf dem Land wohne, habe es noch schwerer, einen passenden Therapieplatz zu finden.

Hilfe und Informationen

Die Stelle des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs bietet Betroffenen, Angehörigen, Ärzten und Psychotherapeuten zum Thema sexueller Kindesmissbrauch Hilfle und Informationen an. Es gibt ein Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (0800/2255530) und ein Hilfeportal Sexueller Missbrauch.

Seit der Strukturreform der ambulanten Psychotherapie im April vergangenen Jahres habe sich die Situation noch weiter verschärft, kritisierte Stern. „Die gesetzlichen Krankenkassen weigern sich seitdem häufiger, die Kosten für Therapien bei approbierten Psycho­therapeuten, die aber keinen Kassen­arztsitz haben, zu erstatten.“ Komplex traumatisierte Betroffene stattdessen auf Sprechstundentermine, kurze Akuttermine oder stationäre Behand­lungen zu verweisen, sei „zynisch“, so Alex Stern. Das notwendige Vertrauen in eine therapeutische Beziehung, das Betroffene brauchten, sei bei solch kurzen Begegnungen nicht gegeben.