Neue Technologien sollen Gesundheits­versorgung der Zukunft ermöglichen

Die Kosten für die Gesundheitsversorgung werden weltweit in den kommenden Jahren weiter steigen. Davon sind die Autoren der Expertise „Global Health Care Outlook“ des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte überzeugt. Sie gehen von einem Anstieg der weltweiten Gesundheitsausgaben pro Jahr um mehr als vier Prozent bis 2021 aus.

Grund dafür ist unter anderem eine steigende Lebenserwartung, die dann bei 74,1 Jahren liegen wird. Der Anteil der Über-65-Jährigen wächst demnach auf global 11,5 Prozent. Zudem spielen – meistens chronische – Zivilisations- und Alterskrankheiten eine zunehmende Rolle. „Alle drei Sekunden erkrankt ein Mensch durchschnittlich an Demenz, schon heute kostet die Behandlung der Krankheit und ihrer Folgen weltweit Billionen“, erläuterte Sebastian Krolop, Partner und Leiter Life Sciences & Health Care bei Deloitte.

In Westeuropa, wo die Über-65-Jährigen in drei Jahren laut dem Unternehmen rund ein Fünftel der Population ausmachen werden, steigen die Gesundheitsausgaben schätzungsweise auf mehr als zwei Billionen US-Dollar – 2015 waren es noch knapp 1,7 Billionen. In Deutschland entspreche dies rund elf Prozent des Bruttosozial­produkts. „Damit die Kosten nicht überhandnehmen und die Anbieter profitabel arbeiten können, braucht es völlig neue Strategien, die das System deutlich smarter machen“, mahnte Deloitte.

Vor allem neue technische Möglichkeiten sollen die Versorgung der Zukunft ermöglichen. Sie erlaubten laut dem Beratungsunternehmen zum Beispiel einen Wechsel vom „Reparaturansatz“ zu präventiver Versorgung. Basis dafür seien Big-Data-Technologien und die Fähigkeit, diese Informationen adäquat auszuwerten und zu nutzen. Die Patienten lieferten Daten dabei auch über smarte, mobile Einheiten, sogenannte Wearables.

„Unternehmen könnten einige der neuen Zielstellungen der Gesundheitsversorgung erreichen, indem sie die Digitalisierung des Versorgungssystems vorantreiben. Zunächst erfordert das Schritthalten mit dem raschen technologischen Fortschritt voraussichtlich erhebliche Investitionen in (unter anderem) elektronische Patientenakten, E-Health/M-Health, Interoperabilität und Big Data“, schreiben die Deloitte-Autoren.

Dies ermögliche aber mittel- und langfristig unter anderem eine engere Patientenbindung. „Krankenhäuser können bei der Gesundheitsversorgung einen höheren Personalisierungsgrad erreichen, indem sie Patienten enger an sich binden und die Patientenerfahrung verbessern – mithilfe digitaler Lösungen zur Unterstützung des Zugangs zum Patienten auf allen Kanälen, darunter Kunden-Apps, Patientenportale, personalisierte digitale Informationspakete und Self-Check-in-Schalter“, so die Berater.

Verbände fordern gesamt­gesellschaftliche Anstrengung bei Digitalisierung

Eine „inhaltlich schlüssige Agenda für die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesen“ haben sechs Verbände in einer gemeinsamen Erklärung von der Politik gefordert. „Ohne die Erwartungen dämpfen oder den Erfolg des bislang Erreichten schmälern zu wollen: Von einer konsequenten und flächendeckenden Digitalisierung des Gesundheitswesens kann keine Rede sein“, heißt es darin.

Zusammengeschlossen haben sich für den Forderungskatalog das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS), der Bundesverband Managed Care (BMC), der Bund zur Verbreitung digitaler Innovationen im Gesundheitswesen (BVdIG), das Deutsche Netzwerk Versorgungsforschung (DNVF), die Gesellschaft für Recht und Politik im Gesundheitswesen (GRPG) und der Verbandes digitale Gesundheit (VdigG).

Zu viele Insellösungen

Die Verbände kritisieren zum Beispiel, dass das Potenzial der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) noch immer nicht ausgeschöpft werde. Außerdem gebe es „zu viele Insellösungen, die zwar für sich genommen funktionieren, aber nicht mit den Angeboten anderer Akteure verzahnt sind“. Sie regen zudem an, dass digitale Anwendungen und Lösungen an internationalen Standards ausgestaltet werden müssen.

„EDV-technische Insellösungen, die nicht mit anderen Anwendungen vernetzt werden können, führen in eine Sackgasse“, heißt es in der Erklärung. Außerdem sei eine bundesweit einheitliche Lockerung des Fernbehandlungsverbotes für Ärzte und andere Berufsgruppen über Pilotprojekte hinaus überfällig und die Musterberufsordnung für Ärzte entsprechend anzupassen. „Hier sollte der nächste Ärztetag ein Zeichen setzen“, erklärten die Verbände weiter.

Das informationelle Selbstbestimmungsrecht der Bürger dürfe dabei aber nicht aufgeweicht werden. „Die Digitalisierung ist für die Leistungserbringer Pflicht, für die Patienten freiwillig“, heißt es. Digitale Angebote müssten für Patienten und Bürger diskriminierungsfrei und ohne besondere technische Zugangshürden nutzbar sein. Digitale Anwendungen sollten dazu flächendeckend in ganz Deutschland verfügbar und zugänglich sein, insbesondere in ländlichen Regionen und strukturschwachen Gebieten. „Darum müssen Bund und Länder für einen flächendeckenden Breitband­ausbau und eine umfassende Internetverfügbarkeit sorgen“, so die Forderung.

Die Akteure im Gesundheitswesen benötigten ein dauerhaftes und angemessenes Innovationsbudget für digitale Versorgungsmodelle. „Patienten erwarten in erster Linie von ihrem Arzt sowie von den Heilberufen insgesamt eine entsprechende Beratung und Empfehlung hinsichtlich der für sie geeigneten digitalen Gesundheitsangebote“, stellen die Verbände klar. Hierzu seien adäquate Ausbildungs- und Weiterbildungsangebote zu schaffen, so die Forderung.

Mit der gemeinsamen Erklärung wollen die Verbände und Organisationen nicht zuletzt deutlich machen, dass eine Digitalisierung des Gesundheitswesens nur gelingen kann, wenn sich alle wichtigen Akteure dafür engagieren. Das gelte sowohl für die Politik als auch Gesundheitsberufe, Kostenträger, Industrie, Wissenschaft, Gemeinsame Selbstverwaltung, Verbände und Organisationen aus dem E-Health-Sektor bis hin zu den Bürgern beziehungsweise Patienten.

DASH-Diät könnte Depressionen vorbeugen

Die DASH-Diät, die zur Prävention einer arteriellen Hypertonie und seiner Folgekrankheiten entwickelt wurde, kann möglicherweise ältere Menschen vor einer Depression schützen. Dies zeigt eine Auswertung einer prospektiven Beobachtungs­studie, deren Ergebnisse auf der Jahrestagung der American Academy of Neurology in Los Angeles vorgestellt werden.

Das Rush Memory and Aging Project begleitete seit 1997 eine Gruppe von Senioren aus der Umgebung von Chicago, um die Ursachen für Alterserkrankungen zu ermitteln. Zu den im Alter zunehmend häufiger auftretenden Erkrankungen gehören Depressionen. Die Teilnehmer werden deshalb regelmäßig mit der „Center for Epidemiological Studies Depression Scale“ (CES-D) untersucht, in Deutschland auch als Allgemeine Depressions­skala bekannt.

Ein Team um Laurel Cherian vom Rush University Medical Center in Chicago hat die Ergebnisse des CES-D jetzt mit den Antworten in einem 144-Punkte-Fragebogen zu Ernährungsgewohnheiten in Beziehung gesetzt. Dabei ging es um die Frage, ob der westliche Ernährungsstil mit seinem hohen Anteil an raffiniertem Zucker und gesättigten Fetten die Entwicklung einer Depression im Alter fördern könnte. Dem westlichen Ernährungsstil wurde die DASH-Diät gegenüber gestellt, die den vermehrten Verzehr von Obst und Gemüse empfiehlt und Lebensmittel, die reich an gesättigten Fetten und Zucker sind, durch fettfreie oder fettarme Milchprodukte ersetzt.

Die Analyse umfasst 964 Senioren, die zu Beginn der Studie im Durchschnitt 81 Jahre alt waren und über sechseinhalb Jahre beobachtet wurden. Während dieser Zeit entwickelten die Senioren mit einem überwiegend westlichen Ernährungsstil häufiger eine Depression. Die DASH-Diät war indes mit einer niedrigeren Erkrankungsrate assoziiert. Die Unterschiede waren nicht groß. So erkranken die Teilnehmer im oberen Drittel einer DASH-Diät zu 11 Prozent seltener an einer Depression als die Teilnehmer im unteren Drittel. Die Unterschiede waren jedoch signifikant, so dass sich die Frage nach der Wirkungsweise stellt.

Die DASH-Diät (Dietary Approaches to Stop Hypertension) war entwickelt worden, um die Entwicklung einer arteriellen Hypertonie zu verhindern. Sie zielt in erster Linie auf die Vermeidung einer Atherosklerose, die sich auch negativ auf das Gehirn auswirkt. Zu den bekannten Folgen zählt ein erhöhtes Risiko von Demenzen. Dass jetzt auch Depressionen über die DASH-Diät mit der Ernährung in Verbindung gebracht wurden, wirft deshalb die Frage auf, ob die Atherosklerose der Hirnarterien die Entwicklung von mentalen Erkrankungen wie der Depression fördern könnte.

Künftige Staatsministerin für Digitales mahnt modernen Datenschutz a

Die designierte Staatsministerin für Digitales im Kanzleramt, Dorothee Bär (CSU), sieht in der Digitalisierung im Gesundheitsbereich viele Chancen. „Könnten Daten deutscher Patienten mit weltweiten Datenbanken abgeglichen werden, wäre eine Diagnose oft schneller da, als sie zehn Ärzte stellen können“, erklärte sie heute der Bild-Zeitung.

Dem stünde aber der derzeitig geltende Datenschutz entgegen. „Wir brauchen deshalb endlich eine smarte Datenkultur vor allem für Unternehmen. Tatsächlich existiert in Deutschland aber ein Datenschutz wie im 18. Jahrhundert“, so Bär.

Grundsätzlich mahnte die künftige Staatsministerin für Digitales bei der Digitalisierung Deutschlands mehr Tempo an. Insbesondere den Unternehmen wolle sie helfen, „Championsleague zu spielen, Weltmeister zu sein“, und dabei wolle sie „ein Taktgeber“ sein, sagte die CSU-Politikerin gestern in den ARD-Tagesthemen. Ihr gehe das „viel, viel zu langsam“.

Bär sieht auch in einzelnen Fachministerien Defizite bei der digitalen Entwicklung. Sie habe in den vergangenen Jahren festgestellt, „dass wir auch in unseren Ministerien unterschiedliche Geschwindigkeiten haben“, sagte sie. Es gebe welche, die viel, viel weiter seien, andere leider noch nicht. Jedes Ministerium in Deutschland müsse „ein Digitalministerium sein“, forderte die künftige Staatsministerin.

Weißer Ring sieht Versorgungslücke bei Therapie von Kriminalitätsopfern

Die Opferhilfeorganisation Weißer Ring hat eine „eklatante Versorgungslücke“ bei der psychotherapeutischen Behandlung von Kriminalitätsopfern beklagt. „Es gibt noch viel zu tun“, sagte die Bundesvorsitzende Roswitha Müller-Piepenkötter gestern beim 26. „Opferforum“ in Mainz. Die Organisation fordert neben einer Verkürzung der Wartezeit auf einen Therapieplatz auch den Ausbau eines speziellen Versorgungs­angebots bei psychischen Traumafolgen.

Bei der zweitägigen Fachtagung stand der Einfluss einer traumaspezifischen Psycho­therapie auf die Zeugenaussagen von Opfern im Mittelpunkt. Die Frage sei, ob sich Aussagen durch Einordnung und Verarbeitung in einer Therapie in der Erinnerung des Opfers so verändern, dass sie letztendlich vor Gericht nicht mehr zu verwenden seien, sagte Müller-Piepenkötter.

Der Weiße Ring unterstützt neben der Verbesserung der rechtlichen und sozialen Situation von Kriminalitätsopfern auch die Kriminalitätsvorbeugung. Ihm gehören knapp 50.000 Mitglieder an.

Psycho­therapie-Richtlinie bringt weniger Bürokratie, aber keine neuen Therapieplätze

Vor einem Jahr hat der Gemeinsame Bundes­aus­schusses (G-BA) mit der geänderten Psychotherapie-Richtlinie eine Strukturreform der ambulanten psycho­therapeutischen Versorgung angestoßen. Beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) in Berlin zogen die Psychotherapeuten nun eine überwiegend positive Bilanz zur praktischen Umsetzung. Sie übten aber auch Kritik.

Zum Beispiel habe die Strukturreform „keine neuen Kapazitäten geschaffen“, skizzierte Dieter Best. Der Psychologische Psychotherapeut war langjähriges Mitglied in der Vertreter­versammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und auch im dortigen Fachausschuss Psychotherapie tätig. Er bemängelte, dass durch das Verhalten der Krankenkassen, Anträge auf Kostenerstattung wegen der Reform abzulehnen, die Kapazitäten eher noch zurückgegangen seien.

Zur Erinnerung: Mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz hatte der Gesetzgeber den G-BA beauftragt, die Psychotherapie-Richtlinie zu reformieren. Das Therapieangebot wurde durch eine psychotherapeutische Sprechstunde, frühzeitige diagnostische Abklärung, eine Akutversorgung und Möglichkeiten zur Rezidivprophylaxe flexibilisiert. Außerdem wurden das Antrags- und Gutachterverfahren vereinfacht sowie Gruppen­therapien gefördert. Verpflichtet wurden Psychotherapeuten auch zu einer persön­lichen telefonischen Erreichbarkeit (200 Minuten pro Woche) und dazu, diese Zeiten an die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) zu melden.

Die Verpflichtung, zu festgelegten Zeiten persönlich erreichbar zu sein, statt den Anrufbeantworter einzusetzen, habe unmittelbar nach der Reform große Proteste bei den Psychotherapeuten ausgelöst, erinnerte Best, der auch viele Jahre Bundesvor­sitzender der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) war. Inzwischen hätten die meisten Praxisgemeinschaften, wie die, in der er selbst arbeitet, eigens eine Kraft dafür eingestellt. Schwieriger sei es für Einzelpraxen gewesen, doch auch die hätten inzwischen ihre Praxisorganisation angepasst.

Niedrigere Hemmschwelle in die Psychotherapie

Die psychotherapeutische Sprechstunde (100 Minuten pro Woche) sei in jedem Fall „ein Beitrag zur Entstigmatisierung, weil die Hemmschwelle, einen Psychotherapeuten aufzusuchen, dadurch deutlich niedriger ist“, sagte Best. Weil die Patienten die Sprech­stunde jedoch anscheinend als unverbindlicher wahrnehmen als einen Termin zur Richtlinienpsychotherapie, würden sie häufiger ohne Terminabsage nicht erscheinen.

„Das ist ein Ärgernis“, so der Psychotherapeut. Notwendig sei in der Sprechstunde zudem „eine größere klinische Distanz“, wenn aufgrund fehlender Therapieplätze keine Weiterbehandlung in der eigenen Praxis möglich sei.

Geringerer bürokratischer Aufwand bei der Akutbehandlung

Das neue Element der Akutbehandlung bei besonderer Dringlichkeit schaffe für die Patienten einen schnelleren Zugang zur Versorgung. Die Psychotherapeuten „profi­tieren von dem geringeren bürokratischen Aufwand“, der sich aus dem Wegfall des Konsiliarberichts und dem Verzicht auf das Gutachterverfahren ergebe, berichtete Best. Bei der Akutbehandlung sind die Therapeuten den Krankenkassen gegenüber nur anzeigepflichtig.

Die mit der Reform einhergegangene Vereinfachung des Antrags- und Gutachter­verfahrens insgesamt findet Best sehr sinnvoll. Hier sind insbesondere die Bewilligungsschritte größer geworden. Das obligatorische Gutachterverfahren bei Therapiefortführungen ist entfallen, ebenso wie das für die Kurzeittherapie (KZT). Die Zweiteilung der KZT in zwei Therapieeinheiten à zwölf Stunden sei allerdings eine „unnötige bürokratische Hürde“, kritisierte Best. Das werde ihm von vielen Seiten zugetragen.

Positiv hinsichtlich der mit der Reform geförderten Gruppentherapie ist für Best die flexiblere und insgesamt im Vergleich zu vorher höhere Vergütung sowie der geringere bürokratische Aufwand bei der Kombination von Einzel-und Gruppentherapie. „Unklar finde ich hingegen, ob durch die neuen Regelungen tatsächlich mehr Patienten in Behandlung kommen, denn nur vier bis fünf Prozent sind tatsächlich für eine Gruppentherapie geeignet“, erläuterte er.

Kassen lehnen Anträge auf Kostenerstattung ab

Verärgert zeigte sich der Psychotherapeut bei der Veranstaltung der DGVT darüber, „dass die Krankenkassen versuchen, die Reform gegen Patienten und Psycho­thera­peuten zu wenden“, indem sie Anträge auf Kostenerstattung bei approbierten aber nicht kassenzugelassenen Psychotherapeuten verstärkt ablehnten.

Eine Umfrage der DPtV hatte vor Kurzem gezeigt, dass seit dem 1. April vergangenen Jahres deutlich weniger Anträge genehmigt wurden, als zuvor. 422 in Privatpraxen tätige Psychotherapeuten, vor allem aus Hamburg, Berlin und Nordrhein-Westfalen hatten sich an der Umfrage beteiligt.

Als Hauptgrund für die Ablehnung gaben die Krankenkassen den befragten Therapeuten zufolge an, dass die Terminservicestellen der KVen seit der Reform Therapieplätze vermitteln. Diese vermitteln jedoch nur in die Sprechstunde und in die Akutbehandlung.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer hat eine umfassende Evaluation der Psychotherapiereform durchgeführt, deren Ergebnisse spätestens auf dem 32. Deutschen Psychotherapeutentag am 20. und 21. April in Bremen vorgestellt werden sollen.

Warum Alkohol Menschen aggressiver macht

Australische Forscher um Thomas Denson von der University of New South Wales haben mittels Magnetresonanztomographien (MRT), die den Blutfluss im Gehirn messen, untersucht, warum Menschen oft aggressiv und gewalttätig werden, nachdem sie Alkohol getrunken haben. Nach nur zwei Drinks stellten die Forscher Verän­derungen in der Funktionsweise des präfrontalen Kortex des Gehirns fest, dem Teil, der normalerweise an der Regulierung der Aggressionsniveaus einer Person beteiligt ist. Die Studie ist in der Zeitschrift Cognitive, Affective, & Behavioral Neuroscience erschienen (2018; doi: 10.3758/s13415-017-0558-0).

„Nach den meisten Theorien wird die alkoholbedingte Aggression durch Verän­derungen im präfrontalen Kortex verursacht. Allerdings fehlte es an substanziellen Belegen, um diese Ideen zu untermauern“, berichten die Wissenschaftler. In dieser Studie rekrutierten Denson und sein Team, zu dem auch Wissenschaftler aus Lübeck gehörten, 50 gesunde junge Männer. Die Teilnehmer erhielten entweder 2 Getränke mit Wodka oder Placebogetränke ohne Alkohol. Während die Teilnehmer in einem MRT-Scanner lagen, mussten sie eine Aufgabe bewältigen, die in den letzten 50 Jahren regelmäßig genutzt wurde, um Aggressionen als Reaktion auf Provokationen zu beobachten.

Die funktionelle Magnetresonanztomographie ermöglichte es den Forschern zu sehen, welche Hirnareale bei der Durchführung der Aufgabe besonders aktiviert wurden. Sie stellten fest, dass die Provokation allein zunächst keinen Einfluss auf die neuronalen Reaktionen der Teilnehmer hatte. Bei aggressivem Verhalten kam es jedoch zu einem Rückgang der Aktivität im präfrontalen Kortex des Gehirns derjenigen, die alkoholische Getränke konsumiert hatten. Diese dämpfende Wirkung zeigte sich auch in den Bereichen des Gehirns, in denen die Belohnung beteiligt ist.

„Obwohl es einen insgesamt dämpfenden Effekt von Alkohol auf die präfrontale Kortikalis gab, beobachteten wir selbst bei niedriger Alkoholdosis eine signifikante positive Beziehung zwischen dorsomedialer und dorsolateraler präfrontaler Kortexaktivität und alkoholbedingter Aggression“, erklärte Denson.

Die Wissenschaftler empfehlen jetzt weitere umfangreichere Untersuchungen zu den neuronalen Grundlagen alkoholbedingter Aggressionen. „Dies könnte letztendlich die alkoholbedingten Schäden erheblich reduzieren“, so Denson.

Niedriger Blutdruck assoziiert mit Selbstmordgedanken

Ein niedriger Blutdruck könnte im Zusammenhang mit häufigeren Selbstmord­gedanken stehen. Das fanden Forscher von der Seoul National University in Südkorea in einer Beobachtungsstudie heraus, die in BMC Public Health publiziert wurde (2018; doi: 10.1186/s12889-018-5106-5). Es wurden Daten aus den Jahren 2010 bis 2013 aus dem Korean National Health and Nutrition Examination Survey ausgewertet.

Von 10.708 Studienteilnehmern hatte jeder Vierte einen systolischen Blutdruck von weniger als 100 mmHG und 1.199 (11,2 %) Suizidgedanken. Diese Gedanken traten bei jenen mit niedrigem Blutdruck häufiger auf als bei Teilnehmern mit normalem Blut­druck (Odd-Ratio = 1,29; n = 320 [12,5 %]). Noch weiter stieg die Wahrscheinlichkeit, sich gedanklich mit Selbstmord zu beschäftigen, wenn der systolische Blutdruck unter 95 oder unter 90 mmHG lag (OR = 1,44 und OR = 1,71 bzw. n = 149 [13,7 %] und n = 53 [16,6 %] versus n = 879 [10,8 %] bei normalem Blutdruck).

Dieses Ergebnis zeigte sich unabhängig von möglichen Einflussfaktoren wie dem Geschlecht, dem Body-Mass-Index, Cholesterinlevel, Haushaltseinkommen, Bildungs­niveau, Familienstand, Zigaretten- und Alkoholkonsum. Die Daten aus der landes­weiten Umfrage zum Gesundheits- und Ernährungszustand der koreanischen Bevölkerung zeigten auch, dass Frauen häufiger an Selbstmord dachten als Männer (12,9 % versus 7,8 %). Am häufigsten beschäftigten sich nach eigenen Angaben ältere Menschen mit diesen Gedanken (20,8 % bei Personen ab 70 Jahren).

Bluthochdruck hatte keine Auswirkung auf Suizidgedanken

Keine signifikante Assoziation fanden die Autoren zwischen einer Prähypertonie oder Hypertonie und Suizidgedanken. „Obwohl eine Prähypertonie einen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellen kann und gemanagt werden sollte, scheint es sich nicht negativ auf die psychische Gesundheit auszuwirken. Unsere Studie stellt die Ansicht in Frage, dass niedriger Blutdruck in Bezug auf psychische Gesundheit die bessere Alternative ist“, erläutert Ko-Autor Sung-il Cho von der Seoul National University.

Zwar haben schon frühere Studien nahegelegt, dass niedriger Blutdruck mit neuro­psychologischen Problemen verbunden ist. Inwiefern dieser mit Suizidgedanken einhergeht, wurde bisher aber noch nicht untersucht. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die gesundheitlichen Auswirkungen von niedrigem Blutdruck evaluiert werden sollten, um negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit zu berücksichtigen“, sagt Sung-il Cho.

Die Studie kann keinen kausalen Zusammenhang zwischen niedrigem Blutdruck und Suizidgedanken nachweisen. Die selbstberichteten Umfragedaten könnten zudem die Ergebnisse verzerrt haben. Da nur der systolische Blutdruck zur Bestimmung des niedrigen Blutdrucks verwendet wurde, sind weitere Studien erforderlich, um die Beziehung zwischen Suizidgedanken und diastolischem Blutdruck zu untersuchen.