Fachgesellschaft sieht Nutzen von Online­interventionen bei Depressionen und Angststörungen als gut belegt an

Der Nutzen von Onlineangeboten zur Intervention ist bei einigen psychiatrischen Indikationen gut belegt. Bisher aber fehlen einheitliche Standards zu Qualität, Patientensicherheit und Finanzierung solcher Angebote. Das berichtet die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) zusammen mit dem Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM).

Die meisten Erkenntnisse liegen danach für Interventionen bei Depressionen und Angststörungen vor. „Hier haben verschiedene Onlineprogramme in Studien ihre Wirksamkeit und nachhaltigen Effekte bewiesen – und zwar in vergleichbarer Qualität mit konventioneller Psychotherapie“, berichten die Fachgesellschaften.

Therapeutenunterstützt ist sinnvoll

Meist handle es sich dabei um therapeutenunterstützte Programme – das heißt, der Patient durchlaufe das Therapieprogramm weitestgehend selbstständig, erhalte aber regelmäßig Rückmeldung durch einen Therapeuten, der auch für Fragen zu Verfügung stehe. Digitale Anwendungen kämen außerdem ergänzend zur klassischen Therapie und in der Nachsorge zum Einsatz, etwa in der Rückfallprävention von Essstörungen und bei Adipositas.

Insbesondere für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen haben sich laut DGPM und DKPM Serious Games als wirksam erwiesen, in denen Therapieinhalte spielerisch vermittelt würden. Außerdem würden E-Mental-Health-Anwendungen für die Behandlung posttraumatischer Belastungs­störungen erforscht und vereinzelt eingesetzt. „Ungeeignet sind digitale Anwendungen, wenn sich Menschen in akuten, schweren Krisensituationen befinden“, betonte Stephan Zipfel, ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Tübingen.

Im Allgemeinen gelte: Der therapeutische Effekt bei Onlineverfahren mit therapeutischer Unterstützung sei höher als bei Programmen, die ohne Kontakt zu einem Therapeuten angelegt seien. Angebote, die eine sehr niedrige Zugangsschwelle hätten, also beispielsweise anonym und ohne vorherigen Abklärungsprozess mit einem Therapeuten gestartet werden könnten, würden zwar gerne genutzt, aber oft auch wieder abgebrochen.

Angebote mit höherer Zugangsschwelle hätten sich in Studien als nachhaltiger erwiesen, das gelte vor allem bei Programmen zur Behandlung einer Depression. „Generell ist eine vorgeschaltete Diagnostik durch einen Facharzt empfehlenswert, bei der sich dieser einen ausreichenden Eindruck vom Patienten und seinem körperlichen und psychischen Zustand und seiner sozialen Einbindung machen kann“, empfiehlt Zipfel.

Problem der Vielfalt

Die Onlinetherapie von Patienten mit psychiatrischen Störungen ist aber nicht unumstritten: So warnte die zweite stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bayerns, Claudia Ritter-Rupp, Mitte März auf einer KV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung vor einer „unüberschaubaren Angebotsvielfalt“ an psychotherapeutischen Interventionen im Onlinebereich, die momentan von einigen Krankenkassen vorangetrieben würden.

Auch wenn die ökonomischen Aspekte für Anbieter und Krankenkassen reizvoll seien, könne der fehlende reale Patientenkontakt gerade bei psychischen Erkrankungen dazu führen, dass diese nicht erkannt oder verharmlost würden. Dies könne zu einer krisenhaften Zuspitzung oder zur Chronifizierung von psychischen Leiden führen, warnte sie.

Fachgesellschaft fordert, dass systemische Therapie zur Regelleistung wird

Die systemische Therapie muss in den Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) aufgenommen werden. Das hat die Systemische Gesellschaft (SG) heute in Berlin bei einer Pressekonferenz anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Fachgesellschaft gefordert.

„Trotz hervorragender wissenschaftlicher Studienbewertungen in den letzten zehn Jahren müssen wir weiter um die Zulassung als GKV-finanziertes Verfahren kämpfen“, sagte die Vorsitzende der Systemischen Gesellschaft, Ulrike Borst. Sie rief den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) dazu auf, endlich eine Entscheidung zu treffen.

Psychisch Kranken werde ein gutes und wirksames Verfahren vorenthalten, das einen weiteren Blickwinkel auf die Symptomatik bereithält als andere Psychotherapie­verfahren: Systemische Therapie beziehe die Familie oder das nähere Umfeld des Patienten und seine soziale Situation mit ein.

Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie gibt Empfehlung

Bereits 2008 hat der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) die Wirksamkeit der systemischen Therapie (ST) für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen bestätigt und sie zur vertieften Ausbildung empfohlen. 2013 hat der G-BA das Bewertungsverfahren zur ST eröffnet; vorläufig aber nur bezogen auf die Behandlung Erwachsener. 2014 wurde das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) beauftragt, eine Nutzenbewertung als Grundlage für die endgültige Entscheidung des G-BA zu erstellen. Der Abschlussbericht des IQWIG, das damit erstmalig ein Psychotherapieverfahren bewertet hat, wurde im Juli 2017 vorgelegt.

„Das IQWIG hat belegt, dass die systemische Therapie sehr wirksam ist: in sieben Diagnosebereichen wurde der Nutzen festgestellt“, betonte Borst. Die ST wirke nachhaltig im Kindes- und Jugendalter bei schweren Störungen des Sozialverhaltens, Drogenkonsumstörungen und Essstörungen. Bei Erwachsenen sei die ST bei Depression und Angststörungen, aber auch bei Schizophrenie, Substanzkonsumstörungen sowie psychischen Störungen, die aufgrund einer somatischen Grunderkrankung wie Krebs, Diabetes oder Schmerz auftreten, wirksam.

IQWIG bemängelte methodisch schlechte Studien

Das IQWiG hat in seinem Abschlussbericht aber gleichzeitig auch die Aussagekraft der 33 untersuchten Studien bemängelt: Diese hätten zu kleine Patientenzahlen eingeschlossen und seien methodisch schlecht, was aber als generelles Problem der Psychotherapieforschung angesehen wurde. Insgesamt sei es deshalb nicht möglich gewesen, Nutzen und möglichen Schaden der systemischen Therapie abzuwägen, hieß es 2017 aus dem Institut.

„Die in der Arzneimittelforschung übliche Doppelverblindung ist in der Psychotherapie kaum möglich“, erklärte die SG-Vorsitzende Borst in Bezug auf den Vorwurf methodischer Studienmängel. „Wie sollte man in einer therapeutischen Sitzung eine Ahnungslosigkeit auf beiden Seiten durchsetzen?“

Beratungen des G-BA im sechsten Jahr

„Der Abschlussbericht des IQWIG, der aus unserer Sicht positiv ausgefallen ist, liegt dem G-BA nun seit einem knappen Jahr vor und eine Entscheidung ist nicht in Sicht“, kritisierte der Vorstandsbeauftragte Psychotherapie der SG, Sebastian Baumann. Statt der vorgeschriebenen drei Jahre zögen sich die Beratungen des obersten Gremiums der Selbstverwaltung nun schon ins sechste Jahr. „Wir begrüßen deshalb die Ankündigung im Koalitionsvertrag, die Abläufe im G-BA straffen zu wollen.“

Warum sich der G-BA mit der Entscheidung so schwer tut, darüber kann der Psychologische Psychotherapeutnur mutmaßen: Die Geldgeber auf den Bänken des G-BA scheinen zu bremsen. „Wir wollen keine Ausweitung kassenfinanzierter Psycho­therapien, sondern eine sinn­volle Wahlmöglichkeit für die Betroffenen“, stellte Baumann klar.

Neben den Richtlinienverfahren (Psychoanalytische Psychotherapie, tiefenpsycholo­gisch fundierte Psycho­therapie, Verhaltenstherapie) sei die ST eine wichtige Ergänzung. Auch weil sie durch die Arbeit im Mehr­personen-Setting Systemgrenzen zwischen Gesundheitswesen, Jugendhilfe, Schule und Justiz überwinden könne. „Zudem ist die Anzahl der notwendigen Sitzungen vergleichs­weise gering und damit nicht kostenintensiv“, erklärte er.

Schwierige Rahmenbedingungen in der Ausbildung

Deutschlandweit absolvieren nach Angaben der SG rund 200 Teilnehmer an drei Instituten die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten im Vertiefungsverfahren Systemische Therapie. Die ersten Absolventen haben 2016 ihre Approbation erhalten.

Die geringe Anzahl ergibt sich daraus, dass diese Ausbildungen erst seit 2008 nach der wissenschaftlichen Anerkennung durch den WBP möglich sind. Hinzu kommen schwierige Rahmenbedingungen in der Ausbildung, wegen der fehlenden Refinanzierung der ambulanten Behandlungsstunden durch die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung.

Rund 300 bis 500 Psychotherapeuten, die in einem anderen Psychotherapieverfahren approbiert sind, haben nach Schätzungen der SG seit 2011 eine Weiterbildung in systemischer Therapie absolviert und tragen den entsprechenden Zusatz in ihrem Titel. 2011 hat die Bundes­psycho­therapeuten­kammer die Musterweiterbildungsordnung um die systemische Therapie erweitert.

Jeder zehnte alte Mensch in Bayern hat Demenz

Einem Bericht der bayerischen Staatsregierung zufolge leidet mehr als jeder zehnte gesetzlich versicherte alte Mensch im Freistaat an Demenz. 10,3 Prozent der ambulant behandelten Männer und Frauen über 65 Jahren erhielten demnach 2015 diese Diagnose, wie aus dem Bericht zur Seniorengesundheit hervorgeht, den das bayerische Ge­sund­heits­mi­nis­terium heute in München veröffentlichte. Das sind rund 230.000 Menschen im Freistaat.

Ab einem Alter von 85 Jahren ist dem Bericht zufolge sogar knapp jeder Vierte (24,3 Prozent) betroffen. Bei Frauen (26,2 Prozent) kommt die Erkrankung häufiger vor als bei Männern (19,5 Prozent). 6.000 Menschen starben dem Report zufolge 2015 an Demenz. Damit ist die Erkrankung bei Senioren in Bayern die dritthäufigste Todesursache.

Herz-Kreislauf-Probleme am häufigsten

Die Rangliste der häufigsten Erkrankungen und Todesursachen bei älteren Menschen führen den Angaben zufolge Herz-Kreislauf-Probleme wie Bluthochdruck oder Schlaganfälle an. Diese wurden 2015 bei 85 Prozent der behandelten Senioren im Freistaat diagnostiziert. Jeder Fünfte (20 Prozent) litt an einer affektiven Störung und bei elf Prozent hieß die Diagnose Krebs.

Wie der Bericht weiter zeigt, steigt auch die Zahl der multimorbiden Menschen im Freistaat an. Während in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen etwa 35 Prozent mindestens drei Erkrankungen haben, sind es zwischen 80 und 85 Jahren rund 60 Prozent.

Im Freistaat leben derzeit 12,8 Millionen Menschen, rund 20 Prozent sind im Seniorenalter. Tendenz weiter steigend: „Bereits heute sind 2,6 Millionen Männer und Frauen in Bayern älter als 65 Jahre“, sagte Ge­sund­heits­mi­nis­terin Melanie Huml (CSU). In wenigen Jahren, wenn die Generation der „Babyboomer“ dieses Alter erreicht habe, werde jeder Vierte „Ü 65“ sein. Das wären dann etwa 3,6 Millionen Menschen in Bayern.

Zugleich habe sich die Lebenserwartung innerhalb eines Jahrhunderts mehr als verdoppelt und liege heute in Bayern bei 78,9 Jahren für Männer und 83,5 Jahren für Frauen, so Huml weiter.

Der Bericht greift auf unterschiedliche Datenquellen zurück – darunter sind Werte des Robert-Koch-Instituts und Daten von gesetzlich Krankenversicherten. Eine systematische Erhebung zur Gesundheit älterer Menschen in Deutschland ist demnach erst im Aufbau.

Merkel kündigt neues „Sofortprogramm“ in der Gesundheitspolitik an

In ihrer ersten Regierungserklärung in der vierten Amtszeit hat Angela Merkel heute Nachmittag ein „Sofortprogramm zur Verbesserung der Versorgung gesetzlich Versicherter“ angekündigt. Dabei müsse es nun schnell gehen mit den Verbesserungen bei den Terminservicestellen, der Vergütung von Hausärzten sowie der Landarztquote im Medizinstudium, erklärte die Bundeskanzlerin im Bundestag.

Sie habe festgestellt, dass viele Menschen sich in Deutschland fragten, ob eine flächendeckende Versorgung überhaupt noch möglich sei. Dagegen wolle die Bundesregierung nun dieses Sofortprogramm auf den Weg bringen. Bislang war nur ein „Sofortprogramm“ für die Altenpflege bekannt und von den Gesundheitspolitikern angekündigt worden. Die dafür vorgesehenen 8.000 Stellen, die im Koalitionsvertragangekündigt werden, verteidigte die Kanzlerin.

Sie sind die stillen Helden der Gesellschaft.Angela Merkel

„Es ist natürlich nicht genug, aber ein erster wichtiger Schritt.“ Lob sprach Merkel an all die Menschen aus, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen. „Sie sind die stillen Helden der Gesellschaft“, sagte die Kanzlerin und fügte hinzu: „Sie zeigen die Menschlichkeit der Gesellschaft.“

In der folgenden Generalaussprache über das Regierungsprogramm des neuen Kabinetts mahnte Andrea Nahles, Vorsitzende der SPD-Fraktion, Gesundheits- und Pflegepolitik schnell anzugehen. „Gesundheitspolitik und Pflege braucht die volle Aufmerksamkeit des Ministers“ – ein Seitenhieb auf die bisherigen Äußerungen des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ters Jens Spahn (CDU) zu anderen Politikbereichen. Nahles erklärte, sie erwarte zügig erste Gesetzesinitiativen. Spahn wird am Freitag sein Arbeitsprogramm vor dem Bundestag vorstellen.

Am Vormittag hatte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) vor den Mitgliedern des Ausschusses für Gesundheit im Bundestag die Herausforderungen für die ambulante Versorgung darstellen können. Dabei warb KBV-Chef Andreas Gassen dafür, Klinkstandorte künftig umzuwidmen, um eine bessere sektorenübergreifende Versorgung zu organisieren. 

Besonders angesichts der demografischen Herausforderungen bei der Entwicklung der Patientenzahlen sowie dem steigenden Alter der niedergelassenen Ärzte sei es weiter das Ziel, die Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung in strukturschwachen Gebieten zu erhalten. Das geht aus einem Bericht im Informationsdienst des Bundestages hervor, die Sitzung des Gesundheitsausschusses ist nicht öffentlich.

Demnach machten die drei KBV-Vorstände deutlich, dass ein gewisser Reformdruck durch die „Generation App“ entstehe. Da sich Menschen immer im Internet informieren, suchten sie auch einfache Zugänge zur medizinischen Beratung. Um den Andrang in den Wartezimmern zu reduzieren, stellte die KBV Ideen zu einer Vermittlungsplattform vor, die eine erste Orientierung über Krankheitsbilder geben könne.

Ferndiagnosen und Fernbehandlungen mithilfe des Internets solle es nicht geben, sinnvoll seien aber Fernkonsultationen, heißt es vom Bundestag weiter. Zwar komme die Digitalisierung der Praxen voran, problematisch sei derzeit aber weiterhin, dass die Industrie keine einsatzfähigen Geräte zum Ausbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur anbieten könne. Als „digitalfeindlich“ sieht die KBV die niedergelassenen Ärzte allerdings nicht.

Übermäßige Tagesmüdigkeit möglicherweise früher Hinweis auf Demenz

Eine Studie unter der Leitung von Prashanthi Vemuri von der Radiologie-Abteilung der Mayo-Klinik in Rochester deutet darauf hin, dass ältere Menschen, die tagsüber mit übermäßiger Schläfrigkeit zu kämpfen haben, von der Alzheimerkrankheit bedroht sein könnten. Die Arbeit ist in der Zeitschrift JAMA Neurology erschienen (2018; doi: 10.1001/jamaneurol.2018.0049).

Mehrere Längsschnittstudien haben laut den Forschern gezeigt, dass eine übermäßige Tagesschläfrigkeit bei älteren Erwachsenen mit einem erhöhten Risiko eines kognitiven Rückgangs verbunden sein könnte. Was das Team interessierte, waren die zugrunde liegenden Mechanismen, die den Zusammenhang zwischen Neurodegeneration und exzessiver Schläfrigkeit erklären könnten.

Produktion von Beta-Amyloid

Die Wissenschaftler vermuteten, dass die Antwort darauf in der Produktion von Beta-Amyloid liegen könnte. „In dieser Arbeit haben wir die Hypothese aufgestellt, dass exzessive Tagesschläfrigkeit in der älteren Bevölkerung mit einer erhöhten Anfälligkeit für die Akkumulation von Beta-Amyloid assoziiert werden kann. Frühere Forschungen haben ergeben, dass ein guter Nachtschlaf dazu beitragen könnte, Beta-Amyloid aus dem Hirngewebe zu entfernen. Dies kann bedeuten, dass ein regelmäßig gestörter Schlafzyklus, der zu Ermüdung während des Tages führt, den gegenteiligen Effekt haben kann, so dass sich diese schädliche Verbindung aufbauen kann“, erläutern die Forscher.

Sie analysierten Daten von 283 Teilnehmern im Alter von 70 Jahren oder älter, die durch die Mayo Clinic Study of Aging rekrutiert wurden. Keiner der Teilnehmer hatte eine bestehende Demenzdiagnose. Bei der Rekrutierung schlossen alle Teilnehmer Umfragen ab, in denen sie über ihren Grad der Tagesschläfrigkeit berichteten.

Die Teilnehmer stimmten zu, dass sie sich zwischen 2009 und 2016 mindestens 2 aufeinanderfolgenden Positronen-Emissions-Tomographie-Hirnscans unterziehen würden. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass 63 Teilnehmer eine exzessive Tagesschläfrigkeit empfanden. Bei diesen Menschen war dieser Zustand abnormaler Somnolenz auch mit erhöhten Beta-Amyloid-Spiegeln in 2 relevanten Regionen des Gehirns assoziiert.

„Unsere Studie hat gezeigt, dass exzessive Tagesschläfrigkeit bei älteren Menschen ohne Demenz möglicherweise mit einer Anhäufung von Beta-Amyloid assoziiert werden kann“, berichten die Forscher. Dieser Befund stütze frühere Literatur, die darauf hindeute, dass übermäßige Tagesschläfrigkeit ein Risikofaktor für kognitiven Rückgang oder Demenz sei.

Sie geben jedoch zu, dass die Studie einige Einschränkungen aufweise, darunter die Tatsache, dass es ihr an objektiven Maßstäben für Schlafstörungen fehle und dass sie nicht genau einschätze, wie viel Schlaf die Teilnehmer pro Nacht erhielten.

Bundesärzte­kammer kritisiert Arbeitsentwurf zur Reform der Psychotherapeuten­ausbildung

Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) fordert Nachbesserungen an dem vom Bundes­ministerium für Gesundheit (BMG) vorgelegten Arbeitsentwurf zur Reform der Psycho­therapeutenausbildung. Die Reform dürfe nicht dazu führen, „dass voneinander getrennte Versorgungsbereiche entstehen oder die Versorgung von Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen aus dem medizinischen Versor­gungs­system ausgegliedert wird“, warnt die BÄK in einer Stellungnahme.

Zur Erinnerung: Der Arbeitsentwurf für ein „Psy­cho­thera­peuten­aus­bildungs­reform­gesetz“ vom 25. Juli 2017 sieht ein fünfjähriges Hochschulstudium der Psychotherapie vor, das aus einem Bachelor- und einem Masterstudiengang besteht und nach einem Staatsexamen die Approbation ermöglicht. In der anschließenden Weiterbildung sollen sich die Absolventen auf die Behandlung von Erwachsenen oder Kindern und Jugend­lichen spezialisieren und die Fachkunde in einem Psychotherapieverfahren erwerben. Danach dürfen sie gesetzlich Krankenversicherte eigenverantwortlich versorgen.

Finanzielle Situation veränderungsbedürftig

Die Bundes­ärzte­kammer unterstreicht in ihrer Stellungnahme die Notwendigkeit, die Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung zu reformieren sowie die Zugangsvoraussetzungen und die Qualifikationswege akademischer Heilberufe zu vereinheitlichen. „Insbesondere die finanzielle Situation der Ausbildungsteilnehmer bedarf dringend der Veränderung.“

Zum einen bestehe für die vorgeschriebene praktische Tätigkeit in einer psychia­trischen oder psychosomatischen Klinik kein Anspruch auf Vergütung. „Ausgesprochen problematisch“ sei außerdem, dass obwohl bereits ein berufsqualifizierender akade­mischer Abschluss vorliegt, angehende Psychotherapeuten die Kosten für die postgra­duale Qualifizierung an privaten oder universitären Ausbildungsinstituten im Wesentlichen selbst tragen müssten.

Der vorliegende Arbeitsentwurf aus dem BMG erreiche diese Ziele aber nur einge­schränkt. Dies zeige sich beispielsweise an der unzureichenden strukturellen Anpassung der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung an die ärztliche Aus- und Weiterbildung. Aus dem Entwurf würden sich „vielfältige offene und ungelöste Fragen“ ergeben. Notwendig seien Aussagen zur Weiterbildung sowie zur Finanzierung der weit­reichenden Änderungen. Beides fehle in dem Entwurf.

Psychologie statt Psychotherapie im grundständigen Bachelor

Zudem sei es notwendig, die grundlegenden Erkenntnisse der Psychologie auch weiterhin in der ganzen Breite für die Versorgung zu nutzen. Daher lehnt die BÄK es ab, bereits das grundständige Bachelorstudium allein auf die Psychotherapie zu beschrän­ken. Vielmehr sollte insbesondere die Psychologie als grundlegende Wissenschaft, aber auch Nachbardisziplinen, wie bisher vermittelt werden. Nur eine „breite wissenschaft­liche Grundlage“ könne die Patientenversorgung stärken und weiterentwickeln.

Im Hinblick auf das vorgesehene Masterstudium hält die BÄK umfangreiche praktische Ausbildungsanteile für zwingend erforderlich, wenn die Approbation folgen soll. Neben Pflichtpraktika während des Masterstudiums sollte daher ein praktisches Jahr zwischen Masterstudium und abschließendem Staatsexamen und Approbation vorgesehen werden. „Diese Struktur hat sich bei der Ausbildung von Ärzten bewährt“, heißt es in der Stellungnahme.

Nachdrücklich fordert die Bundes­ärzte­kammer überdies den Verzicht auf Modell­studiengänge, die Kompetenzen zur Feststellung, Verordnung und Überprüfung von psychopharmakologischen Maßnahmen vermitteln sollen. Die für eine sichere Anwendung der Psychopharmaka erforderlichen Kenntnisse könnten allein in einem Medizinstudium mit anschließender Facharztweiterbildung vermittelt werden.

DPtV begrüßt sachlichen Beitrag zur Diskussion

Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) bezeichnete die Stellungnahme der BÄK als „wohltuend sachlichen Beitrag zur Diskussion“. „Wir sind uns mit der BÄK einig, dass sowohl die wissenschaftliche Qualifikation als auch eine umfangreiche praktische Ausbildung notwendig ist“, betonte die DPtV-Bundesvorsitzende Barbara Lubisch. So unterstütze ihr Verband beispielsweise auch den Vorschlag, vor Staats­examen und Approbation ein Praktisches Jahr anzusetzen. Wahrscheinlich reiche aber ein halbes Jahr aus.

Ebenso wie die Bundes­ärzte­kammer lehnt die DPtV die im Arbeitsentwurf vorge­sehenen Modellstudiengänge zur Vermittlung psychopharmakologischer Kenntnisse ab. Diese seien so umfangreich, dass sie nicht neben einem fundierten Studium der klinischen Psychologie und Psychotherapie vermittelt werden könnten. Auch gelte es, „das psychotherapeutische Handeln mittels Sprache, Beziehungsarbeit und spezifischer Interventionen zu schützen“, so Lubisch.

In der vergangenen Woche hatte sich bereits der Bundesverband der Vertragspsycho­therapeuten eindeutig gegen die Möglichkeit zur Verordnung von Psychopharmaka ausgesprochen. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer hat sich noch nicht eindeutig zu den Modellstudiengängen positioniert.

Immer mehr Studien widerlegen Adipositas-Paradoxon

Im European Heart Journal publizierten schottische Forscher diese Woche eine weitere Studie, die das Adipositias-Paradoxon widerlegen soll (2018; doi: 10.1093/eurheartj/ehy057). Schon wenige Kilo zuviel erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen lautet das Fazit. Im Umkehrschluss könne schon die Abnahme weniger Kilo die Gesundheit fördern, betonen die Autoren. Ob die Ergebnisse sich auch auf andere Krankheiten, wie etwa Krebs, übertragen lassen, bleibt offen.

Dem Adipositas-Paradoxon zufolge ist Übergewicht mitunter vorteilhaft, vor allem bei älteren Menschen, die sich fit halten. Die neue Studie widerspricht dem, zumindest mit Blick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen – die mit Abstand häufigste Todesursache hierzulande. Das Team um Stamatina Iliodromiti von der Universität Glasgow schloss fast 300.000 Menschen in die Analyse ein, die zu Beginn der Studie (2006 bis 2010) 40 bis 69 Jahre alt und gesund waren. Bis Sommer 2015 verfolgten die Forscher das Schicksal der Teilnehmer. Bei der Auswertung der Daten berücksichtigten sie andere Einflussfaktoren wie Rauchen oder Bluthochdruck.

Linearer Anstieg

Das geringste Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) zwischen 22 und 23 – also deutlich unter dem Wert für Übergewicht (ab BMI 25). Die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen stieg demnach linear: Ein Anstieg des BMI-Wertes um 5,2 Punkte geht bei Frauen mit einem um 13 % erhöhten Risiko einher. Bei Männern reicht ein BMI-Unterschied von 4,3 Punkten für einen gleichen Risikoanstieg.

Eine wichtige Rolle spielt vor allem der Taillenumfang: Das geringste Risiko fanden die Forscher bei Frauen mit einem Umfang von 74 Zentimetern, bei Männern mit 83 Zentimetern. Bei Frauen stieg die Gefahr für Herz-Kreislauf-Probleme für jeden Zuwachs um 12,6 Zentimeter um 16 %. Bei Männern stieg das Risiko pro 11,4 Zentimeter um 10 %. Bauchfett gilt als besonders problematisch, weil es im Gegensatz zu Fettpolstern direkt unter der Haut verstärkt entzündungsfördernde Botenstoffe freisetzt, die die Blutgefäße schädigen.

„Das ist die größte Studie, die dem Adipositas-Paradoxon bei gesunden Menschen widerspricht“, sagt Iliodromiti. „Möglicherweise kann das aber bei Menschen mit bestimmten Erkrankungen anders sein.“ So gebe es Belege dafür, dass leichtes Übergewicht bei Krebspatienten mit einem geringen Risiko verbunden ist, vor allem weil Chemotherapien zu einem bedenklichen Gewichtsverlust führen können.

„Die Studie greift einen Aspekt auf, der seit Jahren durch die Literatur geistert“, sagt Nikolaus Marx, Leiter der Kardiologie am Uniklinikum Aachen. „Anhand dieser Daten kann man das Adipositas-Paradoxon so nicht mehr stehen lassen.“ Um das Adipositas-Paradox endgültig zu widerlegen, müsse das Resultat jedoch in weiteren großen Studien bestätigt werden. „Die wird es geben, und dann ist die Behauptung vom Tisch“, sagt Marx.

Weitere Studien sprechen gegen das Adipositas-Paradoxon

Nicht nur die neue Studie widerspricht dem Adipositas-Paradoxon. Erst kürzlich hatten Forscher von der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago eine Studie in JAMA Cardiology publiziert, die das Adipositas-Paradoxon widerlegen sollte (n = 190.672). Adipöse Menschen überleben Herzerkrankungen nicht länger, sie erkranken nur früher, so die Vermutung. Und bereits 2016 berichtete das Deutsche Ärzteblatt über eine Studie im Lancet, die ebenfalls Daten präsentierte, die gegen das Adipositas-Paradoxon sprechen.

Jedes siebte Kind in Deutschland zu dick oder fettleibig

Etwa jedes siebte Kind in Deutschland ist zu dick oder sogar fettleibig. Das zeigt eine aktuelle Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, die das Robert-Koch-Institut (RKI) heute vorstellte. Demnach sind 15,4 Prozent der Mädchen und Jungen im Alter zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig. Fast sechs Prozent davon haben Adipositas.

Damit sind genauso viele Kinder und Jugendliche übergewichtig oder fettleibig wie vor zehn Jahren, als es im Zeitraum von 2003 bis 2006 erstmals eine solch großangelegte Untersuchung zur Kinder- und Jugendgesundheit (Kiggs) gab. Der Anstieg von Übergewicht und Adipositas ist dem RKI zufolge zwar gestoppt, es gebe aber eine „Stabilisierung auf hohem Niveau“. Deshalb könne auch keine Entwarnung gegeben werden.

Unterschiede zwischen Einkommensklassen

Während sich zwischen Mädchen und Jungen keine Unterschiede zeigten, sind Kinder aus sozial benachteiligten Familien jedoch rund viermal häufiger stark übergewichtig als Gleichaltrige mit hohem sozialökonomischen Status. Die Daten der jüngsten Studie stammen aus den Jahren 2014 bis 2017.

Sie zeigen zum Beispiel auch, dass mehr als die Hälfte der zwei- bis sechsjährigen Kinder mit Übergewicht oder Adipositas auch als Jugendliche übergewichtig beziehungsweise fettleibig sind. Im Umkehrschluss heißt das, dass weniger als die Hälfte es später schafft, die Pfunde wieder loszuwerden. Aus Sicht der Experten bestätigt dies, wie notwendig eine frühe Vorbeugung ist.

Zu wenig Bewegung

Wie die Studie weiter zeigt, bewegen sich Kinder und Jugendliche in Deutschland entschieden zu wenig. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) empfiehlt den Heranwachsenden mindestens 60 Minuten aktive Bewegungszeit pro Tag – doch nur 22,4 Prozent der Mädchen und 29,4 Prozent der Jungen schaffen dies. Das sind weniger als bei der ersten Untersuchung vor gut zehn Jahren.

Der Konsum zuckerhaltiger Getränke sank zwar deutlich, ist aber immer noch viel zu hoch. Aktuell trinken knapp 17 Prozent der Mädchen und rund 22 Prozent der Jungen ein- oder mehrmals täglich zuckergesüßte Erfrischungsgetränke. Vor einem Jahrzehnt war der Konsum mit rund 28 Prozent bei den Mädchen und 34 Prozent bei den Jungen noch erheblich höher. Cola, Limonade und Co. gelten als Risikofaktor für die Entstehung von Übergewicht, Adipositas, Diabetes und weiteren chronischen Krankheiten.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch wies der Lebensmittelindustrie eine Mitverant­wortung zu. Neun von zehn Lebensmitteln, die etwa mit Comicfiguren für Kinder beworben würden, seien „zu süß, zu fettig, zu salzig“ und entsprächen nicht den Vorgaben der WHO für gesunde Kinderprodukte.

Foodwatch forderte die Bundesregierung zu wirksamen Maßnahmen auf. „Wir brauchen Werbebeschränkungen für ungesunde Kinderlebensmittel, eine verständliche Nährwertkennzeichnung in Ampelfarben und eine Herstellerabgabe für überzuckerte Getränke“, erklärte Luise Molling von der Verbraucherorganisation.

Weniger Frauen Rauchen in der Schwangerschaft

Die Studie wartet auch mit weiteren Ergebnissen auf. So hat zum Beispiel bei jedem neunten Kind im Alter von null bis sechs Jahren die Mutter in der Schwangerschaft geraucht. Im Vergleich zur ersten Erhebung von 2003 bis 2006 ist damit der Anteil der schwangeren Raucherinnen um die Hälfte gesunken. Weiterhin bleiben die Hauptrisikogruppen sehr junge Mütter und Frauen aus einem sozial schwachen Umfeld.

Die Kiggs-Daten seien eine wichtige Grundlage für evidenzbasierte Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung, sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar H. Wieler. „Vor allem die Frage, wann entscheidende Weichen für die körperliche und seelische Gesundheit gestellt werden, können wir mit den neuen Längsschnittdaten besser untersuchen.“

Bei rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen finden sich der Erhebung zufolge Anhaltspunkte für psychische Auffälligkeiten. Die Häufigkeit ist im Vergleich zu den letzten Erhebungen etwa gleich geblieben. Jungen haben häufiger sowohl emotionale als auch verhaltensbezogene Probleme als Mädchen. Wie aus der Erhebung weiter hervorgeht, bleibt die Mehrheit rauchender Jugendlicher (85 Prozent) auch im Erwachsenenalter Raucher. Nur 15 Prozent gelingt es, aufzuhören.

Kiggs ist die einzige umfassende Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. An der jüngsten Untersuchung beteiligten sich rund 10.800 Teilnehmer aus der ersten Befragung. Zudem gab es eine neue unter rund 15.000 Kindern und Jugendlichen. Untersucht wurden dabei etwa auch psychische Auffälligkeiten im Lebensverlauf, die Entwicklung des Rauchverhaltens und die Verbreitung von Allergien.

Wie das Gehirn die Konzentration auf Wesentliches trotz bewegter optischer Reize meistert

Mit jeder Augenbewegung ändert sich das Bild auf der Netzhaut. Die Neurowissenschaftler Tao Yao, Stefan Treue und Suresh Krishna vom Deutschen Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen haben die neuronalen Mechanismen untersucht, die es uns ermöglichen, uns auf wichtige Dinge zu konzentrieren, auch wenn sich deren Abbild auf der Netzhaut bei jeder Augen­bewegung verschiebt. Ihre Arbeit ist in der Zeitschrift Nature Communications erschie­nen (2018; doi: 10.1038/s41467-018-03398-3).

Bekanntlich kann nur der zentrale Teil der Netzhaut scharf sehen, Licht, das auf die Randbereiche fällt, nimmt das Gehirn nicht als hochaufgelöstes Bild wahr. Daher ist es notwendig, dass wir unsere Augen bewegen, in der Regel 2- bis 3-mal pro Sekunde, damit alle Objekte hin und wieder auf den zentralen Bereich der Netzhaut fallen.

Gleichzeitig wollen wir aber die wichtigen Dinge kontinuierlich im Fokus unserer Aufmerksamkeit behalten, beispielsweise eine Mutter ihr spielendes Kind, auch wenn sie nebenbei die Umgebung betrachtet. Sich auf das Kind zu konzentrieren bedeutet, dass die Nervenzellen besonders aktiv sind, die auf das Kind reagieren.

Bewegen die Mutter jedoch das Auge, so fällt das Bild des Kindes immer auf einen anderen Bereich der Netzhaut, der jeweils andere Nervenzellen im Gehirn anregt. Vor der Augen­bewegung reagieren also andere Nervenzellen auf das Bild des Kindes als nach der Augenbewegung. Das Gehirn muss daher einen schnellen Wechsel bewerkstelligen und zuerst die Aktivität der vor der Augenbewegung für das Kind zuständigen Nervenzellen verstärken und anschließend die Aktivität derjenigen Nervenzellen, die nach der Augenbewegung für das Kind zuständig sind.

Die Neurowissenschaftler haben die Aktivitäten mehrerer einzelner Nervenzellen im Gehirn von Rhesusaffen gemessen, während sich die Tiere auf ein Signal auf einem Bildschirm konzentrierten. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass die aufmerksam­keitsgesteuerte Verstärkung der Aktivität schnell und synchron mit den Augen­bewegungen von der 1. Gruppe von Nervenzellen auf die 2. Gruppe wechselt.

„Die aufmerksamkeitsgesteuerte Verstärkung im Gehirn ist zeitlich präzise getaktet, was es uns ermöglicht, uns auf relevante Objekte zu konzentrieren, auch wenn wir unsere Augen ständig bewegen“, erläuterte Tao Yao, Erstautor der Studie.

Die Forscher konnten zeigen, dass das visuelle Aufmerksamkeitssystem und das Augenbewegungs­system in einer synchronen, gut koordinierten Weise funktionieren. Da das visuelle System von Menschen und Affen sehr ähnlich aufgebaut sei, erwarten die Forscher, dass sich ihre Ergebnisse auf das menschliche Gehirn übertragen lassen.

Spahn will Digitalisierung zu einem Schwerpunkt machen

Die Digitalisierung soll zu einem von drei Schwerpunkten in der Arbeit des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG) werden. Das hat der neue Bundesgesundheits­minister Jens Spahn (CDU) heute bei der offziellen Amtsübernahme von seinem Vorgänger Hermann Gröhe (CDU) betont.

Mit dem E-Health-Gesetz seien erste wichtige Schritte erfolgt, aber die Digitalisierung müsse dringend weiter ausgebaut werden, sagte Spahn. Es passiere „so wahnsinnig viel“ in dem Bereich, dass es richtig sei, einen stärkeren Fokus auf dieses Politikfeld zu legen. Er regte an, einmal im Quartal Start-ups ins BMG einzuladen, „um ein Gefühl dafür zu bekommen, was sich dort alles bewegt“.

Wartezeiten ein Aspekt

Als weiteres großes Thema bezeichnete Spahn die ambulante Versorgung. Das große Aufregerthema sei dabei, wie schnell gesetzlich Versicherte einen Termin beim Arzt erhielten. Ein weiterer Schwerpunkt sei die Pflege, vor allem die Situation und die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften. Spahn betonte aber auch, dass viele weitere kleinere Themen in der Gesundheitspolitik wichtig seien.

Der neue Minister ermunterte die Mitarbeiter im BMG heute dazu, mit ihm die an­stehenden Themen gemeinsam umzusetzen und kritisch zu diskutieren. „Was ich brauche, sind kontroverse Debatten“, sagte Spahn. Diese müsse man nicht öffentlich führen, sondern intern. Wichtig sei für ihn, andere Argumente zu kennen, um abwägen zu können.

Sein Vorgänger Gröhe machte vor den Mitarbeitern des Hauses unter großem Beifall deutlich, dass ihm der Abschied nicht leicht falle. Der 57-Jährige, der das Ressort in der vergangenen Legislaturperiode leitete, scheidet aus der Bundesregierung aus. Nach Informationen des Deutschen Ärzteblattes könnte er neuer stellvertretender Fraktions­vorsitzender der Unionsfraktion werden. Er könnte damit Sabine Weiss nachfolgen, die neue Parlamentarische Staatssekretärin im BMG ist.

Der Personalratsvorsitzende des BMG, Hans-Josef Marx, erinnerte Spahn heute an die Vorhaben der neuen Großen Koalition, die sachgrundlose Befristung von Arbeits­verhältnissen zur Ausnahme zu machen. Er forderte Spahn dazu auf, sich beim nächsten Personalhaushalt für mehr Stellen einzusetzen, damit sachgrundlose Befristungen auch im BMG „zur Ausnahme“ werden. So könnten die derzeit 61 befristet Beschäftigten im BMG „eine sichere Zukunftsperspektive“ bekommen.