Alkohol: Deutschland bleibt ein Hochkonsumland

Der Alkoholkonsum sinkt in Deutschland nur geringfügig auf jährlich 10,7 Liter Reinalkohol pro Kopf. Im internationalen Vergleich sei dies immer noch ein sehr hoher Wert, weshalb Deutschland auch weiterhin zurecht als „Hochkonsumland“ bezeichnet werden könne. Dieses Fazit ziehen die Autoren des Jahrbuchs Sucht, das heute in Berlin von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) vorgestellt wurde.

Alkoholkonsum: Zahlen und Fakten

Im Jahr 2015 betrug der Alkoholkonsum 10,7
Liter Reinalkohol pro Bundesbürgerin oder -bürger im Lebensalter ab 15 Jahren. Der Gesamtverbrauch an alkoholischen Getränken sank im Jahr 2016 gegenüber dem Vorjahr um 1,25 % auf 133,8 Liter pro Kopf der Bevölkerung. Auf den gesamten Alkoholkonsum, gemessen in Reinalkohol pro Kopf, entfallen 5,0 Liter auf Bier, 2,3 Liter auf Wein, 1,8 Liter auf Spirituosen und 0,4 Liter auf Schaumwein.

Wie die Ergebnisse repräsentativer Umfragen und Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes zeigen, sind insgesamt 3,38 Mio. Erwachsene in Deutschland von einer alkoholbezogenen Störung in den letzten zwölf Monaten betroffen (Missbrauch: 1,61 Mio.; Abhängigkeit: 1,77 Mio.) 74.000 Todesfälle werden jährlich durch Alkoholkonsum oder den kombinierten Konsum von Tabak und Alkohol verursacht.

Alkohol- und Medikamenten­abhängigkeit (vor allem Benzodia­zepine) liefern sich nach wie vor ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz eins der Süchte in Deutschland. Validere Zahlen zum Pro-Kopf-Verbrauch liegen dieses Jahr erstmals zum Alkoholkonsum vor. Deren Ermittlung wurden im vorlie­genden Bericht präzisiert.

„Wir haben den Alkoholverbrauch anhand von Erzeugermeldungen an die Zollämter geschätzt“, erklärte Ulrich John, Mitglied des Wissenschaftlichen Kuratoriums der DHS.

Denn Bevöl­kerungsumfragen würden nur etwa 30 Prozent des tatsächlichen Konsums offenlegen. Dennoch müsse man davon ausgehen, dass auch die aktuelle Auswertung von 10,7 Liter den tatsächlichen Konsum unterschätze, sagte John, der das Institut für Sozialmedizin und Prävention an der Universität Leipzig leitet.

Politik soll sich an internationalen Standarsds orientieren

Der stetige aber minimale Rückgang des Alkoholkonsums seit den 1970er-Jahren um durchschnittlich ein Prozent pro Jahr geht der DHS nicht schnell genug. Sie fordern die Politik auf, tätig zu werden und sich dabei an internationalen Standards zu orientieren: Steuern erhöhen und für verschiedene Alkoholika vereinheitlichen, den Jugendschutz und Werbeverbot verbessern.

Die Freigabe von Bier, Wein und Sekt ab 16 Jahren und anderen Alkoholika ab 18 bezeichnete der DHS-Geschäftsführer Raphael Gaßmann als „absurd“ – diese Unterscheidung nach Alter entbehre jeglicher Begründung. Billigwodka für 3,99 Euro sollte zukünftig eher 10 Euro kosten.

„In Deutschland haben wir einen großen Mangel an Präventionsmaßnahmen“, sagte John. Auch Gaßmann sieht keine nennenswerten Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten – gerade beim Alkohol: „Die Politik steht still.“

Wir sollten darüber sprechen, ob Preise von weniger als 20 Cent für einen halben Liter Bier oder weniger als 4 Euro für Spirituosen sein müssen.Marlene Mortler, rogenbeauftragte der Bundesregierung (CSU)

Anlässlich des Jahrbuchs Sucht warnte auch die Drogenbeauftragte der Bundesre­gierung, Marlene Mortler vor billigem Bier und Schnaps. „Wir sollten darüber sprechen, ob Preise von weniger als 20 Cent für einen halben Liter Bier oder weniger als 4 Euro für Spirituosen sein müssen“, sagte die CSU-Politikerin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Sie will sich auch dafür einsetzen, der „Omnipräsenz von Alkohol“ entgegen zu wirken. „Permanentes Angebot schafft einfach Nachfrage“, beklagte Mortler. „Ob an der Tankstelle, bei Familienfeiern oder auf Werbeplakaten – nahezu überall wird uns Alkohol ,schmackhaft‘ gemacht.“

Empfehlungen für Ärzte

Von Ärzten wünscht sich die DHS, dass diese jeden ihrer Patienten systematisch auf ihren Alkohol- und Tabakkonsum ansprechen. Die Empfehlung sollte lauten: Egal wie viel sie trinken, weniger ist besser und die Abstinenz ist das Optimum. Hausärzte und Allgemeinmediziner würden das noch nicht in ausreichendem Maße berücksichtigen, sagte John. Dabei sei dieses Gespräch in drei bis fünf Prozent der Fälle erfolgreich.

Er empfiehlt Ärzten, sich dabei an standardisierte Interventionsformen zu halten, etwa die motivierende Gesprächsführung oder auch Computersysteme, die den Arzt zeitlich entlasten. „Diese Mittel werden im Gesundheitswesen noch nicht genügend in Anspruch, was auch an der Vergütung liegt.“

Passivtrinken schädigt Unbeteiligte

Christina Rummel, stellvertretende Geschäftsführerin der DHS, machte auf das Problem des Passivtrinkens aufmerksam. Bereits der akute Konsum könne Dritte schädigen. Dramatisch ist das Passivtrinken für ungeborene Kinder. Studien zufolge trinken mehr als ein Viertel der Frauen in der Schwangerschaft in Deutschland. Hinzukommen rund 2,65 Millionen Kinder, die in einer Suchtfamilie aufwachsen. In diesen Familien kommt es überdurchschnittlich oft zu sexuellen Übergriffen, Missbrauch und körperlicher Gewalt.

Als Passivtrinker gelten zudem Unfallopfer im Straßenverkehr. Im Jahr 2016 wurden 16.770 Menschen bei einem Alkoholunfall verletzt. Etwa jeder 14. Verkehrstote stirbt, weil ein Verkehrsteilnehmer zu viel Alkohol getrunken hat. Schließlich sind alle Steuerzahler und Beitragszahler in Renten- und Krankenkassen betroffen. Die direkten und indirekten Kosten des Alkoholkonsums in Deutschland würden sich auf rund 40 Milliarden Euro belaufen, berichtete Rummel. „Dem stehen aber nur alkoholbezogene Steuereinnahmen von 3,165 Milliarden Euro gegenüber.“