Neue Kurzinformationen für Patienten zu Demenz erschienen

Das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) hat zwei kompakte und allgemein verständliche Informationsblätter zum Thema Demenz entwickelt. Die Kurzinformation „Demenz – mehr als nur vergesslich“ gibt einen Überblick über die Krankheit. Sie informiert über die verschiedenen Erscheinungsformen und erläutert Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten.

In der zweiten Kurzinformation „Demenz – eine Herausforderung für Angehörige“ stehen die Angehörigen im Mittelpunkt. Sie finden darin Hinweise zur Pflege und Hilfe, auf die Demenzkranke später angewiesen sind. Ärzte, Psychotherapeuten und andere Fachleute können die beiden Informationsblätter ausdrucken, an Patienten und deren Angehörige weitergeben oder im Wartezimmer auslegen.

Die zwei neuen Informationsblätter gehören zur Reihe „Kurzinformationen für Patien­ten“, die mittlerweile 70 Themen umfasst. Erstellt werden die Informationen vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Zu ausgewählten Themen liegen Übersetzungen in Arabisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch und Türkisch vor.

AOK-Bundesverband fordert Neustart bei Digitalisierung

Der Chef des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, hat die elektronische Gesundheitskarte (eGK) für gescheitert erklärt und einen Neustart bei der Digitali­sierung des Gesundheitswesens gefordert.

Seit fast 20 Jahren werde in dieses System investiert, bislang gebe es keinen Nutzen, sagte er der Rheinischen Post. „Bis Ende 2018 werden wir zwei Milliarden Euro dafür aufgewendet haben. Das ist eine Technologie aus den 1990er Jahren, die zu Monopol­preisen aufrechterhalten wird“, monierte Litsch.

Der AOK-Bundesverband-Chef forderte erneut, die Betreibergesellschaft Gematik in eine Regulierungsagentur umzuwandeln. Diese sollte nur noch die Rahmenbedin­gungen für Sicherheit, Transparenz und Anschlussfähigkeit schaffen und darauf hinwirken, dass internationale inhaltliche Standards beispielsweise für Patientenakte und Medikationsplan genutzt würden.

Es sei nicht sinnvoll, jedes Umsetzungsdetail auf einer Gesundheitskarte vorzu­schreiben. „Es ist auch unrealistisch, wie es das System der Gesundheitskarte vorsieht, dass die Patienten ihre Daten nur in Arztpraxen einsehen können“, kritisierte Litsch. Patienten müssten jederzeit Zugriff haben, auch mobil über ihre Smartphones. Die Datenhoheit liege ausschließlich beim Patienten.

Litsch richtete an den neuen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) die Erwartung, dass dieser „die Zeichen der Zeit erkennt und die Digitalisierung im Gesundheitswesen auf neue Füße stellt“. Spahnt hatte kurz nach seiner Ernennung angekündigt, er wolle die stockende Einführung einer voll funktionierenden elektronischen Gesundheitskarte beschleunigen. Er wolle, dass Patienten, Ärzte und Pflegekräfte in den nächsten dreieinhalb Jahren einen Mehrwert spüren könnten, weil es Versorgung besser mache.

Alkohol: Deutschland bleibt ein Hochkonsumland

Der Alkoholkonsum sinkt in Deutschland nur geringfügig auf jährlich 10,7 Liter Reinalkohol pro Kopf. Im internationalen Vergleich sei dies immer noch ein sehr hoher Wert, weshalb Deutschland auch weiterhin zurecht als „Hochkonsumland“ bezeichnet werden könne. Dieses Fazit ziehen die Autoren des Jahrbuchs Sucht, das heute in Berlin von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) vorgestellt wurde.

Alkoholkonsum: Zahlen und Fakten

Im Jahr 2015 betrug der Alkoholkonsum 10,7
Liter Reinalkohol pro Bundesbürgerin oder -bürger im Lebensalter ab 15 Jahren. Der Gesamtverbrauch an alkoholischen Getränken sank im Jahr 2016 gegenüber dem Vorjahr um 1,25 % auf 133,8 Liter pro Kopf der Bevölkerung. Auf den gesamten Alkoholkonsum, gemessen in Reinalkohol pro Kopf, entfallen 5,0 Liter auf Bier, 2,3 Liter auf Wein, 1,8 Liter auf Spirituosen und 0,4 Liter auf Schaumwein.

Wie die Ergebnisse repräsentativer Umfragen und Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes zeigen, sind insgesamt 3,38 Mio. Erwachsene in Deutschland von einer alkoholbezogenen Störung in den letzten zwölf Monaten betroffen (Missbrauch: 1,61 Mio.; Abhängigkeit: 1,77 Mio.) 74.000 Todesfälle werden jährlich durch Alkoholkonsum oder den kombinierten Konsum von Tabak und Alkohol verursacht.

Alkohol- und Medikamenten­abhängigkeit (vor allem Benzodia­zepine) liefern sich nach wie vor ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz eins der Süchte in Deutschland. Validere Zahlen zum Pro-Kopf-Verbrauch liegen dieses Jahr erstmals zum Alkoholkonsum vor. Deren Ermittlung wurden im vorlie­genden Bericht präzisiert.

„Wir haben den Alkoholverbrauch anhand von Erzeugermeldungen an die Zollämter geschätzt“, erklärte Ulrich John, Mitglied des Wissenschaftlichen Kuratoriums der DHS.

Denn Bevöl­kerungsumfragen würden nur etwa 30 Prozent des tatsächlichen Konsums offenlegen. Dennoch müsse man davon ausgehen, dass auch die aktuelle Auswertung von 10,7 Liter den tatsächlichen Konsum unterschätze, sagte John, der das Institut für Sozialmedizin und Prävention an der Universität Leipzig leitet.

Politik soll sich an internationalen Standarsds orientieren

Der stetige aber minimale Rückgang des Alkoholkonsums seit den 1970er-Jahren um durchschnittlich ein Prozent pro Jahr geht der DHS nicht schnell genug. Sie fordern die Politik auf, tätig zu werden und sich dabei an internationalen Standards zu orientieren: Steuern erhöhen und für verschiedene Alkoholika vereinheitlichen, den Jugendschutz und Werbeverbot verbessern.

Die Freigabe von Bier, Wein und Sekt ab 16 Jahren und anderen Alkoholika ab 18 bezeichnete der DHS-Geschäftsführer Raphael Gaßmann als „absurd“ – diese Unterscheidung nach Alter entbehre jeglicher Begründung. Billigwodka für 3,99 Euro sollte zukünftig eher 10 Euro kosten.

„In Deutschland haben wir einen großen Mangel an Präventionsmaßnahmen“, sagte John. Auch Gaßmann sieht keine nennenswerten Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten – gerade beim Alkohol: „Die Politik steht still.“

Wir sollten darüber sprechen, ob Preise von weniger als 20 Cent für einen halben Liter Bier oder weniger als 4 Euro für Spirituosen sein müssen.Marlene Mortler, rogenbeauftragte der Bundesregierung (CSU)

Anlässlich des Jahrbuchs Sucht warnte auch die Drogenbeauftragte der Bundesre­gierung, Marlene Mortler vor billigem Bier und Schnaps. „Wir sollten darüber sprechen, ob Preise von weniger als 20 Cent für einen halben Liter Bier oder weniger als 4 Euro für Spirituosen sein müssen“, sagte die CSU-Politikerin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Sie will sich auch dafür einsetzen, der „Omnipräsenz von Alkohol“ entgegen zu wirken. „Permanentes Angebot schafft einfach Nachfrage“, beklagte Mortler. „Ob an der Tankstelle, bei Familienfeiern oder auf Werbeplakaten – nahezu überall wird uns Alkohol ,schmackhaft‘ gemacht.“

Empfehlungen für Ärzte

Von Ärzten wünscht sich die DHS, dass diese jeden ihrer Patienten systematisch auf ihren Alkohol- und Tabakkonsum ansprechen. Die Empfehlung sollte lauten: Egal wie viel sie trinken, weniger ist besser und die Abstinenz ist das Optimum. Hausärzte und Allgemeinmediziner würden das noch nicht in ausreichendem Maße berücksichtigen, sagte John. Dabei sei dieses Gespräch in drei bis fünf Prozent der Fälle erfolgreich.

Er empfiehlt Ärzten, sich dabei an standardisierte Interventionsformen zu halten, etwa die motivierende Gesprächsführung oder auch Computersysteme, die den Arzt zeitlich entlasten. „Diese Mittel werden im Gesundheitswesen noch nicht genügend in Anspruch, was auch an der Vergütung liegt.“

Passivtrinken schädigt Unbeteiligte

Christina Rummel, stellvertretende Geschäftsführerin der DHS, machte auf das Problem des Passivtrinkens aufmerksam. Bereits der akute Konsum könne Dritte schädigen. Dramatisch ist das Passivtrinken für ungeborene Kinder. Studien zufolge trinken mehr als ein Viertel der Frauen in der Schwangerschaft in Deutschland. Hinzukommen rund 2,65 Millionen Kinder, die in einer Suchtfamilie aufwachsen. In diesen Familien kommt es überdurchschnittlich oft zu sexuellen Übergriffen, Missbrauch und körperlicher Gewalt.

Als Passivtrinker gelten zudem Unfallopfer im Straßenverkehr. Im Jahr 2016 wurden 16.770 Menschen bei einem Alkoholunfall verletzt. Etwa jeder 14. Verkehrstote stirbt, weil ein Verkehrsteilnehmer zu viel Alkohol getrunken hat. Schließlich sind alle Steuerzahler und Beitragszahler in Renten- und Krankenkassen betroffen. Die direkten und indirekten Kosten des Alkoholkonsums in Deutschland würden sich auf rund 40 Milliarden Euro belaufen, berichtete Rummel. „Dem stehen aber nur alkoholbezogene Steuereinnahmen von 3,165 Milliarden Euro gegenüber.“

Valproat: Fetale Exposition führt zu schlechteren Schulnoten

In Wales erreichten Kinder, deren Mütter während der Schwanger­schaft mit Valproat behandelt worden waren, bei landesweiten Leistungstests in der Grundschule signifikant schlechtere Ergebnisse, wie eine Untersuchung im Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry (2018; doi: 10.1136/jnnp-2017-317515) ergab.

Das seit den 1960er-Jahren verwendete Valproat gehört nach Ansicht vieler Epileptologen noch immer zu den stärksten Medikamenten zur Vorbeugung epileptischer Anfälle. Das Mittel ist jedoch teratogen und sollte deshalb nach Möglichkeit nicht an Schwangere verordnet werden.

Die negativen Auswirkungen von Valproat, die vor allem die Entwicklung des Gehirns betreffen, sind durch zahlreiche Studien belegt, in denen die als Fetus exponierten Kinder beispielsweise einen (in einer Studie um 9 Punkte) niedrigeren IQ-Wert aufwiesen. Was dies für die schulische Leistung bedeutet, war jedoch unklar.

Aarron Lacey von der Universität Swansea und Mitarbeiter haben hierzu die Daten der  „Key Stage 1“-Untersuchungen ausgewertet, an der alle Kinder in Wales (wie in ganz Großbritannien) im Alter von 7 Jahren teilnehmen. In der Datenbank SAIL („Secure Anonymous Information Linkage“) konnte Lacey 440 Kinder identifizieren, deren Mütter an einer Epilepsie litten. In der Datenbank war auch gespeichert, ob und wenn ja mit welchem Mittel die Mütter während der Schwangerschaft behandelt worden waren.

Von den 440 Kindern waren 115 während der Schwangerschaft mit Valproat exponiert worden. Diese Kinder erreichten zu 12,7 % seltener die Mindestergebnisse im Gesamttest als der Durchschnitt der walisischen Erstklässler. In Mathematik fielen sie zu 12,1 % häufiger durch, im Sprachtest verfehlten sie das Ziel zu 10,4 % häufiger und in Sachkunde zu 12,2 % häufiger.

Die Kinder waren bei 2 der 3 Tests und im Gesamtergebnis auch signifikant häufiger durchgefallen als Kinder, deren Mütter an Epilepsie litten aber in der Schwangerschaft keine Antiepileptika eingenommen hatten. Lacey wertet des als Argument dafür, dass tatsächlich die Medikation und nicht die Erkrankung für die schlechteren Startchancen der Kinder verantwortlich waren.

Die Studie hat auch die Auswirkungen von Lamotrigin und Carbamazepin untersucht. Für beide Wirkstoffe wurde kein sicherer negativer Einfluss auf die schulischen Leistungen gefunden. Es waren jedoch nur wenige Frauen mit Lamotrigin behandelt worden, sodass nach Einschätzung von Lacey hier keine sichere Aussage möglich ist. Zu Carbamazepin waren in anderen Studien Hinweise auf negative Auswirkungen auf die kognitiven Leistungen gefunden worden. Es gebe jedoch auch Untersuchungen, in denen die Behandlung der Mütter in der Schwangerschaft den Kindern nicht geschadet habe.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat dieser Tage noch einmal bekräftigt, dass Frauen im gebärfähigen Alter nur dann mit Valproat behandelt werden sollten, wenn eine sichere Schwangerschaftsverhütung sichergestellt ist. In anderen Indika­tionen als der Prophylaxe von epileptischen Anfällen sollte Valproat bei Frauen im gebärfähigen Alter gar nicht mehr eingesetzt werden. Betroffen sind die Indikationen bipolare Störungen und die Anfallsprophylaxe von Migräne, in denen Valproat gelegentlich eingesetzt wird.

Psychotherapie­vertrag in Baden-Württemberg erfolgreich

Die Techniker Krankenkasse (TK) und der Ärzteverband Medi Baden-Württem­berg haben eine positive Bilanz für das erste Jahr des Psychotherapie­vertrages in Baden-Württemberg gezogen. Aktuell nehmen landesweit 550 Ärzte und Psycho­therapeuten und fast 5.500 TK-Versicherte an dem Vertrag teil.

„Diese Zahlen belegen, dass es richtig war, unseren Versicherten, den Ärzten und Psychotherapeuten eine Alternative zur Regelversorgung anzubieten“, sagte Andreas Vogt, Leiter der TK-Landesvertretung Baden-Württemberg. Da die teilnehmenden Ärzte und Therapeuten im ganzen Land gut verteilt seien, müssten die TK-Versicherten keine langen Anfahrtswege in Kauf nehmen.

 Der Vertrag sieht vor, dass der Erstkontakt nach Möglichkeit innerhalb von zwei Wochen nach der Anmeldung und in dringenden Fällen sogar innerhalb von drei Tagen erfolgt. Deswegen müssen die teilnehmenden Ärzte und Psychotherapeuten von Montag bis Freitag mindestens 20 Stunden erreichbar sein und für berufstätige Patienten auch Abendtermine nach Absprache vereinbaren.

„Unsere Patienten interessieren sich sehr für den Vertrag“, bilanzierte Rolf Wachendorf, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands von MEDI Baden-Württemberg. Besonders der schnelle und unkomplizierte Behandlungszugang und Folgesitzungen ohne Warte­zeiten kämen gut an. Darüber hinaus gebe es auch weniger Bürokratie als in der Regelversorgung. „Zuspruch bei den Kollegen findet auch die problemlose Abrech­nungsform“, so Wachendorf.

Hormon Oxytocin kann soziale Angst verringern

Biologen der Universität Regensburg entdecken angsthemmende Wirkung des Neuropeptids Oxytocin.

Soziale Angststörungen oder soziale Phobien sind eine weit verbreitete psychische Störung, unter der mindestens zehn Prozent der Bevölkerung leiden. Menschen mit sozialer Phobie meiden gesellschaftliche Zusammenkünfte, da sie fürchten, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, auf Ablehnung zu stoßen oder sich zu blamieren. Die Angst vor alltäglichen sozialen Situationen kann von körperlichen Symptomen wie Zittern, Herzrasen, Atemnot oder Panikattacken begleitet sein. Die Patienten zeigen ein verhängnisvolles soziales Vermeidungsverhalten, was wiederum oft zur vollständigen sozialen Isolation führt. Häufig sind negative soziale Erfahrungen und soziale Traumatisierung an der Entwicklung sozialer Angststörungen beteiligt. Neben Psychotherapie kommen bisher antidepressive und angstlösende Medikamente zum therapeutischen Einsatz, die jedoch wenig spezifisch wirken und zudem ein hohes Abhängigkeitspotenzial besitzen.

Ein Forscherteam um Prof. Dr. Inga Neumann, Lehrstuhl für Tierphysiologie und Neurobiologie der Universität Regensburg, hat an einem Tiermodell für soziale Angst entdeckt, dass das als Kuschelhormon bekannte körpereigene Neuropeptid Oxytocin soziale Angst dramatisch verringern kann. Mäusen wurde beigebracht, dass sozialer Kontakt (Beschnüffeln eines Artgenossen) bestraft wird, was zur vollständigen Meidung von sozialen Interaktionen führte. Wenn die Neurobiologen um den Doktoranden Rohit Menon, am Lehrstuhl für Tierphysiologie und Neurobiologie der Universität Regensburg, die Menge des von Nervenzellen des Gehirns freigesetzten Oxytocin erhöhten, überwanden die Tiere die soziale Angst und beschnüffelten den fremden Artgenossen während einer kurzen Testzeit wieder.

Doch wie kann das körpereigene Oxytocin-System aktiviert werden? Hierfür diente den Neurobiologen als Modell der weibliche Organismus während der Laktationszeit (Stillzeit), denn das Oxytocin-System ist in dieser Zeit nach der Geburt hoch aktiv: Das Hormon Oxytocin wird während des Säugens aus der Hirnanhangsdrüse in die Blutbahn freigesetzt, wo es die Milchfreisetzung aus den Milchdrüsen gewährleistet. Die Neurobiologen wissen aus früheren Studien, dass Oxytocin auch in jenen Regionen des Gehirns freigesetzt wird, die für mütterliches Verhalten wichtig sind, aber auch Angst- und Furcht-Reaktionen regulieren.

In Kooperation mit Prof. Valery Grinevich, Universität Heidelberg, gelang dem Team um Prof. Neumann nun der Nachweis, dass laktierende Tiere resistent gegen soziale Angstkonditionierung sind. Dies ist auf eine begrenzte Population von Oxytocin-Nervenzellen zurückzuführen, die Verbindungen zum limbischen System haben. „Auch das synthetische Oxytocin, das beim Menschen z. B. durch Nasenspray verabreicht werden kann, verringert sehr effizient soziale Angst und erhöht die soziale Motivation im Tiermodell“, so Neumann. „Daher sind zahlreiche therapeutische Einsatzmöglichkeiten im Zusammenhang mit sozialen Störungen denkbar, die aktuell untersucht werden.“ Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Current Biology publiziert: http://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(18)30229-X

Ansprechpartner für Medienvertreter:
Prof. Dr. Inga Neumann
Lehrstuhl für Tierphysiologie und Neurobiologie
Universität Regensburg
Tel.: 0941 943-3053
E-Mail: Inga.neumann@ur.de
Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(18)30229-X

Gewalttätige Computerspiele machen Erwachsene nicht aggressiv

Das Spielen von Gewaltspielen am Computer hat in einer Studie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) das Aggressionsverhalten von Erwachsenen nicht nachhaltig oder langfristig beeinflusst. „Erforscht werden muss noch, ob diese Ergebnisse auch auf das Verhalten von computerspielenden Kindern oder Jugendlichen übertragen werden können“, schreiben die Forscher im Fachmagazin Molecular Psychiatry (2018; doi: 10.1038/s41380-018-0031-7).

Die in den Debatten über Gewaltspiele bisher genutzten Argumente stützten sich im Wesentlichen auf Studien, in denen die Teilnehmenden nur zwischen Minuten und Stunden ein Gewaltspiel gespielt haben. „Außerdem wurde das Verhalten der Spieler in den bisherigen Studien lediglich unmittelbar nach dem Spielen untersucht“, berichten die Wissenschaftler um Simone Kühn aus der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des UKE.

An der Studie der UKE-Wissenschaftler haben 90 Erwachsene teilgenommen, die in ihrem Alltag nicht regelmäßig Videospiele spielen und für die Studie in 3 Gruppen aufgeteilt worden sind. Eine Gruppe spielte in einem Zeitraum von 2 Monaten das gewaltverherrlichende Spiel Grand Theft Auto, in dem die Spieler für ihr aggressives Verhalten belohnt werden. Die Teilnehmenden der anderen Gruppe spielten im gleichen Zeitraum das Videospiel Sims, in dem die Spieler virtuelle Figuren kreieren, deren Aussehen sowie Personalität sie individuell anpassen und die sie dann in ihren sozialen Netzwerken begleiten können. Eine 3. Gruppe spielte keine Videospiele.

Die Spieler nutzten die Spiele über 2 Monate jeweils rund 33 Stunden. Sie wurden vor und unmittelbar nach diesen 2 Monaten untersucht und außerdem ein weiteres Mal 2 Monate nach dem letzten Videospiel. Die Wissenschaftler verwendeten für die Tests Fragebögen, aber auch Verhaltenstests für Agressionen. Auch Tests, um das Sozial­verhalten einzuschätzen – insbesondere die Empathie – kamen zum Einsatz.

„Der in der Öffentlichkeit oft angeführte negative Einfluss von Gewalt-Videospielen auf das Verhalten der Spieler lässt sich wissenschaftlich nicht nachweisen. In unserer Studie konnten wir keine signifikanten oder relevanten Verhaltensänderungen der erwachsenen Probanden feststellen“, erläuterte Kühn. Wichtig sei nun, die möglichen Effekte der Spiele auf Kinder und Jugendliche zu untersuchen.

Lebenserwartung in Deutschland steigt weiter

Die Lebenserwartung in Deutschland ist erneut leicht angestiegen. Ein neugeborener Junge kann im Schnitt 78 Jahre und vier Monate alt werden. Mädchen können mit einem Alter von 83 Jahren und zwei Monaten rechnen, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden heute mitteilte.

Damit hat sich die Lebenserwartung für beide Geschlechter um jeweils zwei Monate erhöht. Die Zahlen beziehen sich auf die sogenannten Sterbetafeln für die Jahre 2014 bis 2016 – im Vergleich zu den Daten für 2013 bis 2015. Dabei werden auch allgemeine Daten zur Bevölkerung mit einbezogen.

Baden-Württemberg bleibt Spitze

Wer in Deutschland als Mann die Schwelle von 65 Jahren erreicht hat, kann statistisch gesehen dann noch weitere 17 Jahre und zehn Monate leben. Für 65-jährige Frauen ergeben sich statistisch 21 weitere Lebensjahre. Damit hat der Wert der „ferneren Lebenserwartung“ bei Männern um einen Monat und bei Frauen um zwei Monate zugenommen.

Unter den Bundesländern weist Baden-Württemberg – wie schon seit vielen Jahren – die höchste Lebenserwartung Neugeborener für beide Geschlechter aus. Für Jungen beträgt sie 79 Jahre und sechs Monate, bei Mädchen 84 Jahre. Die niedrigsten Zahlen haben Sachsen-Anhalt bei Jungen (76 Jahre und 4 Monate) sowie das Saarland bei Mädchen (82 Jahre und 3 Monate).

Die Lebenserwartung in alten und neuen Bundesländern hat sich seit der Wende deutlich angeglichen. 1991/1993 gab es – zugunsten des Westens – noch eine Differenz in der Lebenserwartung bei Geburt von 3,2 Jahren bei den Männern und von 2,3 Jahren bei den Frauen. Inzwischen hat sich die Differenz bei Männern auf 1,3 Jahre eingependelt, bei den Frauen ist jetzt praktisch kein Unterschied mehr feststellbar.

Die Gründe dafür sehen die Statistiker auch in der Verbesserung der medizinischen Versorgung und der allgemeinen Lebensbedingungen in den neuen Ländern. Die bundesweit höchsten Zugewinne bei der Lebenserwartung kann seit 1993/1995 Mecklenburg-Vorpommern verzeichnen. Dort stieg die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt für Jungen um 7,9 Jahre, bei Mädchen um 5,5 Jahre.

Fernpendler häufiger psychisch krank

Mit der Entfernung zwischen Wohn- und Arbeitsort steigt bei Pendlern die Wahrscheinlichkeit für eine psychische Erkrankung. Das ist das Ergebnis einer Fehl­zeitenanalyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Demanch liegen die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen bei Arbeitnehmern, die mindestens 500 Kilometer zum Arbeitsplatz pendeln, um 15 Prozent höher als bei denjenigen, die maximal zehn Kilometer Wegstrecke zurücklegen müssen.

Laut WIdO-Analyse hatten sich 2017 elf Prozent der AOK-Versicherten, die maximal zehn Kilometer Wegstrecke zum Arbeitsplatz zurücklegen, aufgrund psychischer Erkrankungen krankgemeldet. Bei einer Wegstrecke von mindestens 50 Kilometern waren es bereits 12 und bei mehr als 500 Kilometern zur Arbeit waren es 12,6 Fälle.

„Wird die Distanz zum Arbeitsort durch einen Wohnortwechsel verkürzt, kann die relative Wahrscheinlichkeit von Fehltagen aufgrund einer psychischen Erkrankung um bis zu 84 Prozent reduziert werden“, sagte Helmut Schröder, stellvertretender WIdO-Geschäftsführer. Dies konnte mit Hilfe einer Analyse der Arbeitsunfähigkeiten der AOK-Versicherten in den vergangenen fünf Jahren ermittelt werden.

Insgesamt ist die durchschnittliche Fehlzeit aufgrund psychischer Erkrankungen laut WIdO von 2,9 auf 3,4 Fehltage pro AOK-Mitglied gestiegen. Besonders häufig komme die Diagnose „Reaktionen auf schwere Belastung und Anpassungsstörungen“ vor. Darunter fielen Diagnosen wie depressive Verstimmungen, Ängste, Sorgen und das Gefühl, mit dem Alltag nicht zurechtzukommen. Der Analyse hat das WIdO nach eigenen Angaben die Daten von 13,2 Millionen AOK-versicherten Arbeitnehmern zugrunde gelegt.

Expressives Schreiben: Analyse vergangener Fehler reduziert Stress bei neuen Herausforderungen

Wer sich mit Niederlagen in der Vergangenheit auseinandersetzt, könnte Stress reduzieren und künftige Entscheidungen mit mehr Sorgfalt fällen. Expressives Schreiben führte in einer in Frontiers in Behavioral Neuroscience publizierten Studie zudem zu messbar niedrigeren Cortisolwerten (2018; doi: 10.3389/fnbeh.2018.00045). Forscher von der Rutgers University-Newark konnten somit erstmals demonstrieren, dass das Schreiben und Nachdenken über früheres Versagen die Reaktion auf Stress verbessern.

Steht eine herausfordernde Aufgabe an, lautet der Ratschlag oft, „positiv zu bleiben“. Dabei weisen viele Studien darauf hin, dass gerade eine intensive Auseinandersetzung mit negativen Ereignissen oder Gefühlen zu guten Ergebnissen führt, selbst in starken Stresssituationen wie Schulprüfungen (Journal of Cognitive Psychology 2015, Science2012). Der vorteilhafte Effekt könne durch Schreiben oder eventuell auch Meditieren erreicht werden.

Aber warum ist diese kontraintuitive Vorgehensweise vorteilhaft? Brynne DiMenichi, Doktorandin ab der Rutgers University-Newark, untersuchte zusammen mit Forschern der University of Pennsylvania und der Duke University die Auswirkungen des Schreibens über frühere Fehlschläge auf zukünftige Aufgaben in 2 Gruppen mit 86 Freiwilligen.

Reduzierte Cortisolwerte trotz erneuten Stresses

Die Testgruppe schrieb 10 Minuten über frühere Fehler, während die Kontrollgruppe über einen Kinofilm schrieb, den sie kürzlich gesehen hatten. Die Cortisolspiegel im Speichel wurden gemessen, um den Stress physiologisch abschätzen zu können. Danach absolvierte ein zufällig ausgewählter Teil beider Gruppen einen Stresstest (Trier Social Stress Test, TSST). Die Testpersonen wurden aufgefordert, einen Experten in einer 5-minütigen Rede davon zu überzeugen, dass sie für ihren Traumjob qualifiziert sind. Anschließend wurde ihre Aufmerksamkeit und Leistung 30 Minuten getestet (Sustained Attention to Response Task, SART).

Die Ergebnisse zeigen, dass Schreiben und kritisches Nachdenken über ein Versagen in der Vergangenheit ein Individuum sowohl physiologisch als auch kognitiv auf neue Herausforderungen vorbereiten kann.Brynne DiMenichi, Rutgers University-Newark

Während die Cortisolwerte zu Beginn der Studie in beiden Gruppen vergleichbar waren, zeigten sich deutliche Unterschiede sowohl in der Leistung als auch bei den Cortisolspiegeln nach dieser Stresssituation. Die Cortisolspiegel in der Kontrollgruppe lagen deutlich höher, als sie die neue Herausforderung durchführte. Die Testpersonen der Interventionsgruppe trafen zudem vorsichtigere Entscheidungen. „Die Ergebnisse zeigen, dass Schreiben und kritisches Nachdenken über ein Versagen in der Vergangenheit ein Individuum sowohl physiologisch als auch kognitiv auf neue Herausforderungen vorbereiten kann“, schlussfolgert DiMenichi.

Für DiMenichi liefern die Daten den Beweis, dass die Technik des expressiven Schreibens in einem pädagogischen, sportlichen oder sogar therapeutischen Umfeld effektiv sein könnte.