Wie sich traumatische Erfahrung in der Kindheit auch im Erwachsenenalter auswirkt

Wer in der Kindheit traumatische Erfahrungen durchmachen musste, ist auch im Erwachsenenalter anfälliger für psychische Krankheiten, für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, gastrointestinale Störungen, Diabetes und Krebs. Das berichtet die Deutsche Gesellschaft für klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN).

In einer deutschlandweiten Umfrage gaben 27,7 Prozent der befragten Erwachsenen an, mindestens eine Form der Misshandlung in ihrer Kindheit erfahren zu haben. „Zahlreiche Studien belegen, dass belastende Erfahrungen im Kindesalter das Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen im Erwachsenenalter erhöhen“, sagte die DGKN-Präsidentin Agnes Flöel, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Greifswald.

Grundstein für Gesundheit

Einen Pathomechanismus dazu erläutert die DGKN-Expertin Christine Heim, Direktorin des Instituts für medizinische Psychologie an der Charité in Berlin. Bildgebende Verfahren zeigten, dass die Gehirnareale, die für die Stressregulation zuständig sind, bei den Probanden verkleinert seien. Weitere Untersuchungen zeigen außerdem, dass Erwachsene, die von belastenden Erfahrungen wie körperliche oder psychische Misshandlungen in der Kindheit berichten, chronisch erhöhte Entzündungswerte aufwiesen.

„Das Immunsystem ist quasi dauerhaft im Einsatz, und damit schreitet auch die Zellalterung schneller voran“, so Heim. Diese Menschen reagierten sensibler auf Belastungssituationen, weil ihr Stressreaktionssystem möglicherweise dauerhaft sensibilisiert sei, erläuterte Heim. Der Grundstein für Gesundheit beziehungsweise für Krankheit werde also bereits sehr früh im Leben gelegt. Traumatische Erfahrungen im Kindesalter hinterließen neurobiologische Spuren, die die Betroffenen ihr ganzes Leben lang anfällig für Erkrankungen machen könnten.

Neue Diagnostik- und Therapieansätze könnten diese Kausalkette aber durchbrechen, ist Heim überzeugt. Dafür sei es nötig, Betroffene mit einem erhöhten Krankheitsrisiko früh zu erkennen und individuell zu behandeln. Zum Beispiel könnte die Hirn­stimulation gegebenenfalls künftig eingesetzt werden, um die schädlichen Veränderungen in den betroffenen Hirnstrukturen umzukehren. „Prävention und Intervention müssen frühestmöglich greifen, um die lebenslangen Auswirkungen für die Betroffenen minimieren zu können“, so Heim.

Übergewicht: Wer langsam isst, ist schlanker

Langsam essen schützt vor Übergewicht. Diesen Zusammenhang bestätigen japanische Forscher in einer Auswertung der Daten von rund 60.000 Typ-2-Diabetikern. Langsames Essen könnte dabei helfen, Übergewicht und dessen Folgeerkrankungen Diabetes, Herz-Kreislauf- und Krebs-Erkrankungen zu verhindern, schreiben die Wissenschaftler im British Medical Journal (2018; doi: 10.1136/bmjopen-2017-019589). Auch der Verzicht auf abendliche Snacks und Mahlzeiten weniger als 2 Stunden vor dem Schlafengehen schützt der Studie zufolge vor dem Dickwerden.

Wer dazu neigte, sein Essen zu verschlingen, hatte ein 29 Prozent höheres Risiko für eieinene Body Mass Index (BMI) über 25 kg/m2 im Vergleich zu denen, die mit normaler Geschwindigkeit aßen. Wer besonders langsam aß, hatte sogar ein um 42 Prozent geringeres Risiko für Adipositas. Obwohl die absoluten Verkleinerungen des Taillenumfangs gering waren, kamen sie unter den Langsam- und Normalgeschwindig­keits-Essern häufiger vor: Im Vergleich zu Schnell-Essern schrumpfte er bei Normal-Essern um 0,21 Zentimeter, bei Langsam-Essern um 0,41 Zentimeter.

Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, können keine eindeutigen kausalen Schlussfolgerungen über Ursache und Wirkung gezogen werden. Hinzu kommt, dass die Essgeschwindigkeit auf subjektiver Einschätzung beruht und die Forscher weder die Energieaufnahme noch die körperliche Aktivität beurteilt haben.

Die ausgewerteten Krankenkassendaten enthielten Informationen zu Behandlungen, Gewicht und Taillenumfang sowie die Ergebnisse von Blut- und Urintests und der Leberfunktion. Während der Kontrolluntersuchungen wurden die Teilnehmer über ihren Lebensstil befragt, einschließlich ihrer Ess- und Schlafgewohnheiten sowie Alkohol- und Tabakkonsum. Ihre Essgeschwindigkeit sollten sie in eine von drei Kategorien einordnen: schnell, normal oder langsam.

Die meisten Teilnehmer (n = 33.455) beschrieben ihre Essgeschwindigkeit als normal. 22.070 gaben an, ihre Mahlzeiten meist schnell hineinzuschaufeln. Und nur wenige (n = 4.192), vor allem Frauen, zählten zu den Langsam-Essern. Einige Teilnehmer änderten im Verlauf des Untersuchungszeitraums zwischen 2008 und 2013 ihr Essverhalten.

Schnell-Esser merken zu spät, dass sie satt sind

Als einen Grund für den Zusammenhang vermuten die Forscher, dass Schnell-Esser „über den Hunger essen“ – sie essen weiter, obwohl der Kalorienbedarf längst gedeckt und der Hunger gestillt ist. Langsam-Esser hingegen spürten rechtzeitig, dass sie satt sind, und nähmen so weniger Kalorien auf. „Das Sättigungsgefühl wird unter anderem durch die Magendehnung beim Essen ausgelöst“, ergänzt Stefan Kabisch vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam. „Allerdings entsteht es zu einem großen Teil auch im Kopf. Wer langsamer kaut und isst, schmeckt auch länger und nimmt intensiver wahr, dass er überhaupt isst.“

„Das ist die erste Studie in dieser Größe, die den Effekt der Essgeschwindigkeit untersucht“, kommentiert Kabisch. „Das Ergebnis ist grundsätzlich plausibel, allerdings wird man die Stärke des Effekts relativieren müssen.“ Fragebogendaten seien grundsätzlich mit Unsicherheiten behaftet und es gebe zahlreiche Überlappungen mit anderen Einflussfaktoren, die sich mit den vorhandenen Daten nicht berücksichtigen ließen.

Schulbasierte Programme erfolglos gegen Adipositasepidemie bei Kindern

Schulbasierte Ernährungsprogramme sind gegen die Adipositasepidemie bei Kindern chancenlos. Zwar gebe die Schule einen wichtigen Rahmen für die Unterstützung eines gesunden Lebensstils, aber Familien, lokale Gemeinschaften und die Lebensmittelindustrie haben eine größere Wirkung als jede schulische Intervention, berichten Forscher um Peymane Adab vom Institut für angewandte Gesundheits­forschung der Universität Birmingham. Ihre Untersuchung ist im British Medical Journalerschienen (2018; doi: 10.1136/bmj.k211).

Im Vereinigten Königreich sind etwa ein Viertel der Kinder übergewichtig, wenn sie in die Schule kommen. Der Anteil der sehr übergewichtigen – adipösen – Kinder verdoppelt sich in den folgenden 6 Jahren laut den Autoren von etwa 9 auf 19 Prozent.

Die Wissenschaftler wollten in ihrer Untersuchung die Wirksamkeit eines Programms für Lebensstil und gesunde Ernährung namens „West Midlands ActiVe lifestyle and healthy Eating in School children“ (WAVES) ermitteln. WAVES ist eine 12-monatige schulische Intervention, die sich auf gesunde Ernährung und körperliche Aktivität bei Grundschulkindern konzentriert.

Die Ergebnisse basieren auf Daten von rund 1.400 6- bis 7-Jährigen an 54 zufällig ausgewählten staatlichen Grundschulen in den West Midlands, die über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren beobachtet wurden. Zu Beginn der Studie wurden für jedes Kind Größe und Gewicht sowie weitere Messungen in Bezug auf Körperfett, Ernährung und körperliche Aktivität aufgezeichnet.

Das Programm beinhaltete täglich Möglichkeiten zur körperlichen Betätigung in den Schulen, ein Bewegungs- und Ernährungsprogramm in Verbindung mit lokalen Sportlern, regelmäßige Information der Eltern über lokale Bewegungsmöglichkeiten und Workshops zum gesunden Kochen für Familien in den Schulen.

Aber die Forscher fanden keinen signifikanten Unterschied im Gewichtsstatus und keinen signifikanten Einfluss auf Körperfettmessungen, Ernährung oder körperliche Aktivität bei Kindern, die an dem Programm teilnahmen, im Vergleich zu Kindern, die nicht teilnahmen. Die Forscher weisen in diesem Zusammenhang auf die große Zahl der beteiligten Schulen und die lange Nachbeobachtungszeit hin. Sie kommen zu dem Schluss, dass schulische Motivations- und Bildungsansätze „die Adipositasepidemie im Kindesalter wahrscheinlich nicht stoppen werden“.

„Diese Ergebnisse könnten dazu beitragen, den Kreislauf der politischen Entscheidungsträger zu durchbrechen, die mit ineffektiven pädagogischen Präventionsansätzen fortfahren, welche die Adipositasepidemie nicht stark beeinflussen werden“ schreibt Melissa Wake, Kinderärztin und aus Victoria, Australien, in einem verbundenen Editorial. Es sei an der Zeit, neue, lösungsorientierte Ansätze zu entwickeln, „die den Nutzen für die Gesundheit maximieren und rigoros und schnell getestet werden können“, so Wake.

Verhaltenstherapie in virtueller Realität kann Paranoia und Angst reduzieren

Eine kognitive Verhaltenstherapie, die mit der Technik der virtuellen Realität (VR) arbeitet, kann Paranoia und Angst bei Menschen mit psychotischen Störungen reduzieren. Das berichten niederländische Wissenschaftler in der Zeitschrift The Lancet Psychiatry (2018; doi: 10.1016/ S2215-0366(18)30053-1).

An der Studie beteiligten sich 116 Patienten mit Psychosen in 7 niederländischen Zentren. „Bis zu 90 % der Menschen mit Psychose haben paranoide Gedanken, wie den Glauben, dass es eine Bedrohung für sie gibt oder dass andere Menschen ihnen Schaden zufügen wollen. Das hat zur Folge, dass viele Menschen mit Psychose öffentliche und soziale Aktivitäten meiden, wenige soziale Kontakte haben und mehr Zeit allein verbringen als Menschen ohne Psychose“, berichten die Forscher.

116 Probanden

Alle 116 Teilnehmer setzten ihre Behandlung wie gewohnt fort, einschließlich antipsychotischer Medikamente, regelmäßigem Kontakt mit einem Psychiater und einer psychiatrischen Krankenschwester zur Verbesserung der Selbstversorgung, der Tagesaktivitäten sowie der sozialen und kommunikativen Funktionen. Die Hälfte der Studienteilnehmer (58 Personen) praktizierte soziale Übungen in einer virtuellen Umgebung mit einem Therapeuten.

Die Intervention bestand aus 16 einstündigen Sitzungen über einen Zeitraum von 8 bis 12 Wochen, in denen der Therapeut den Teilnehmer mit den sozialen Hinweisen vertraut machte, die in vier virtuellen Umgebungen – Straße, Bus, Café und Supermarkt – Angst, paranoide Gedanken und Sicherheitsverhalten auslösten. Der Therapeut konnte die Anzahl der Avatare, ihr Aussehen, ihre Reaktion auf den Teilnehmer (neutral oder feindselig) ändern und sie dazu bringen, vorab aufge­zeichnete Sätze zu sagen. Der Therapeut sprach während der Therapie auch direkt mit den Teilnehmern und half ihnen dabei, ihre Gefühle in den virtuellen sozialen Situationen zu erforschen.

Die soziale Teilhabe wurde durch Messung der Zeit, die mit anderen Menschen verbracht wurde, der momentanen Paranoia, der wahrgenommenen sozialen Bedrohung und der momentanen Angst bewertet. Die Teilnehmer wurden zu Beginn der Studie, unmittelbar nach der Behandlung und nach 6 Monaten beurteilt.

Bei der Auswertung zeigte sich, dass die Kontrollgruppe nach 6 Monaten viel weniger Zeit mit anderen verbrachte als zu Beginn der Untersuchung, während die Teilnehmer in der VR-Gruppe ihre Zeit mit anderen leicht erhöhten. Außerdem hatten die Teilnehmer der VR-Gruppe nach 3 und nach 6 Monaten weniger Ängste in sozialen Situationen.

„Kognitive Verhaltenstherapie über VR zusätzlich zur Standardbehandlung reduziert paranoide Gefühle, Ängste und die Verwendung von Sicherheitsverhalten in sozialen Situationen im Vergleich zur Standardbehandlung allein“, so das Fazit des Hauptautors Roos Pot-Kolder.

Die Autoren merken allerdings an, dass die Studie keine aktive Kontrollgruppe enthielt, sodass nicht ausgeschlossen werden könne, dass die zusätzliche Behandlung allein zu den Verbesserungen in der VR-Gruppe führte.

Kristiina Kompus, Bergen University, Norwegen, schreibt in einem verknüpften Kommen­tar: „Mit der Entwicklung von Virtual Reality und mobiler Technologie erweitert sich die Palette der in der Psychotherapie verfügbaren Werkzeuge. Der Einsatz von Virtual-Reality-Umgebungen, in denen die Teilnehmer mit computer­gesteuerten Situationen oder Avataren interagieren, ermöglicht einen feiner abgestimmten Ansatz zur Exposition im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie.“

Mehr Hilfe für Kinder mit suchtkranken Eltern

Auf ein Angebot für Kinder von suchtkranken Eltern weist die Drogen­beauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) hin. Das Onlineprojekt „KidKit networks“ bietet Kindern und Jugendlichen von zehn bis 18 Jahren Beratung per E-Mail und Chat und stellt bei Bedarf den Kontakt zu lokalen Hilfsangeboten her. Eine digitale Landkarte ermöglicht Betroffenen zudem, selbst geeignete Hilfsangebote zu finden. Träger von KidKit networks sind die Drogenhilfe Köln und der Verein KOALA.

„Kaum etwas überfordert Kinder und Jugendliche so sehr wie die Suchterkrankung eines Elternteils. KidKit networks soll es Kindern und Jugendlichen so leicht wie möglich machen, Kontakt mit professionellen Helfern aufzunehmen“, sagte Mortler.

Kinder können selbst aktiv werden
„Stets dreht sich alles um den kranken Vater oder die kranke Mutter, die Kinder bleiben häufig ungesehen. Sie sind quasi der Kollateralschaden der familiären Suchter­krankung“, sagte Thomas Hambüchen, Geschäftsführer der Drogenhilfe Köln. Das müsse sich ändern, nötig seien mehr Öffentlichkeit und entsprechend finanzierte Angebote . „Mit Hilfe von Kidkit networks und unserer digitalen Landkarte können Kinder und Jugendliche selbst aktiv werden und für sich und ihre Geschwister die notwendigen Hilfen anfordern“, sagte der Geschäftsführer der Drogenhilfe Köln.

Rund sechs Millionen Erwachsene in Deutschland sind als Kinder in Suchtfamilien aufgewachsen. Kinder von Suchtkranken (Children of Alcoholics/ Children of Addicts, COA) sind Risikokandidaten, selber eine stoffliche Sucht oder eine psychische oder soziale Störung zu entwickeln. Die Forschung zeigt, dass bislang etwa ein Drittel der Kinder suchtbelasteter Eltern ebenfalls suchtkrank wird und ein weiteres Drittel andere psychische Krankheiten entwickelt.

Eine Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien – die „COA-Aktionswoche“ – lenkt jedes Jahr in der Woche um den Valentinstag am 14. Februar die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Medien auf die mehr als 2,6 Millionen Kinder, die in Deutschland unter einem Suchtproblemen ihrer Eltern leiden.

Bis zu einer Milliarde Kinder und Jugendliche erleben Gewalt

Bis zu einer Milliarde Kinder und Jugendliche weltweit sind der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zufolge körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt ausgesetzt oder werden vernachlässigt. Damit sei jeder zweite Minderjährige zwischen zwei und 17 Jahren im vergangenen Jahr betroffen gewesen, berichtete die Organisation heute in Genf. Bei einer Konferenz mit WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus, Königin Silvia von Schweden und 30 Ministern sollen am 14. und 15. Februar in Stockholm Lösungen gesucht werden.

Nach Angaben der WHO erlebt jedes fünfte Kind irgendwann im Leben körperliche Gewalt, jedes dritte Kind emotionale Misshandlung. 18 Prozent der Mädchen und acht Prozent der Jungen erlebten sexuelle Gewalt. Missbrauchte Kinder rauchten und tränken mehr Alkohol als andere, nähmen höhere Risiken in Kauf und seien später anfälliger für Krankheiten wie Angststörungen, Depressionen, Krebs und HIV-Infektionen, so die WHO. Die Organisation benutzt den Begriff „Kinder“ für alle Minderjährigen.

Kinderschutzgesetze seien wichtig, sagte Etienne Krug von der WHO, aber das reiche nicht. „Wir brauchen einen Kulturwandel, es muss Null Toleranz bei Gewalt gegen Kinder geben.“ Regierungen könnten etwa Eltern bei der Erziehung unterstützen, Kindern Sozialverhalten, emotionale Kontrolle und Selbstbewusstsein vermitteln, den Schulbesuch wenn nötig durch finanzielle Zuwendung an die Eltern sichern und in Problem-Stadtteilen Spannungen abbauen.

Akne erhöht Risiko auf Depressionen

Eine Akne bedeutet für viele jüngere Menschen eine erhebliche psychische Belastung. Die Analyse eines Patientenregisters im British Journal of Dermatology (2018; doi: 10.1111/bjd.16099) ergab, dass die Patienten in den ersten 5 Jahren der Behand­lung häufiger an einer Major-Depression erkranken.

Ein Team um Isabelle Vallerand von der Universität von Calgary hat die Daten von „The Health Improvement Network“ (THIN) ausgewertet, einer der weltweit größten Sammlungen von elektronischen Krankenakten. Sie verglichen die Daten von 134.427 Männern und Frauen mit Akne und mit 1.731.608 Kontrollen, die wegen anderer Krankheiten vom Hausarzt oder einem Spezialisten betreut wurden.

Die Gruppe der Aknepatienten war jünger und hatte einen höheren Frauenanteil als die Kontrollgruppe. Sie wiesen einen höheren sozioökonomischen Standard auf, rauchten seltener, tranken seltener Alkohol und waren seltener fettleibig. Sie hatten aber häufiger Begleiterkrankungen.

In den folgenden 15 Jahren erkrankten 18,5 % der Patienten an Akne, aber nur 12 % der Kontrollgruppe an einer schweren Depression. Das Risiko war vor allem im ersten Jahr der Behandlung am höchsten. Vallerand ermittelt eine Hazard Ratio vom 1,63 ( 95-%-Konfidenzintervall 1,33–2,00). In den Jahren danach nahm das Risiko auf eine Major-Depression langsam wieder ab. Patienten, die bereits seit 5 Jahren in Behandlung waren, hatten kein erhöhtes Risiko mehr. Ob dies eine Folge der erfolgreichen Therapie war oder ob sich die Patienten mit der Krankheit abgefunden haben oder diese sich mit der Zeit von selbst wieder abschwächte, konnte die Studie nicht klären.

Werther-Effekt: Dem Suizid von Robin Williams folgte ein Anstieg der Selbstmorde

Die mediale Berichterstattung über den Selbstmord des Schauspielers Robin Williams im Jahr 2014 könnte viele Menschen zur Nachahmung veranlasst haben. Forscher an der Mailman School of Public Health der Columbia University dokumentierten eine Zunahme von zehn Prozent der Selbstmorde in den Monaten nach dem Suizid des Schauspielers. Was damals noch nicht bekannt war und erst 2015 nach der Autopsie von den Medien berichtet wurde – Williams litt an einer Lewy-Körperchen-Demenz.

Vor allem Männer zwischen 30 und 44 Jahren sollen unter den Suizidenten nach Williams Tod gewesen sein. Am stärksten war der Anstieg der Suizide durch Ersticken (32 Prozent). Auch Williams Todesursache lautete „Ersticken durch Erhängen“. Im Vergleich dazu beobachteten die Forscher bei allen anderen Methoden des Selbst­mords nur einen Anstieg von drei Prozent. Die Ergebnisse sind in Plos One erschienen (2018; doi: 10.1371/journal.pone.0191405).

Den Forschern zufolge wären von August bis Dezember 2014 16.849 Selbstmorde zu erwarten gewesen. Es waren jedoch weit mehr. Dem US-amerikanischen Center for Disease Control wurden 18.690 gemeldet, und der Anstieg pro Monat schien in diesem Zeitraum konstant zu bleiben. „Williams Tod könnte den US-Bürgern mit erhöhtem Suizidrisiko, insbesondere verzweifelten Männern mittleren Alters, den notwendigen Anreiz geboten haben, die Selbstmordgedanken in die Tat umzusetzen“, vermutet David S. Fink aus der Abteilung für Epidemiologie.

Medienempfehlungen der WHO

  • Begriffe und eine Sprache vermeiden, die Suizide zur Sensation aufbauschen, als Normalität hinstellen oder als Problemlösung ausgeben
  • Schlagzeilen und eine auffällige Platzierung von Suizidgeschichten vermeiden, Geschichten nicht wiederholen
  • die genaue Beschreibung der Methode und des Orts eines versuchten oder vollendeten Suizids vermeiden
  • mit Fotos und Filmmaterial sensibel und verantwortungsvoll umgehen
  • sich beim Berichten über den Suizid berühmter Personen zurückhalten
  • die Gefühle der Hinterbliebenen respektieren und schonen
  • Informationen über Hilfsangebote

Quelle: PP 15, Ausgabe November 2016

Medien sollen von WHO-Leitlinien abgewichen sein

Einen kausalen Zusammenhang mit der medialen Berichterstattung können die Autoren aber nicht eindeutig nach­weisen. Die Vermutung liegt aber nahe. Denn die Medien berichteten über den Selbstmord Robin Williams ausführlich und wichen dabei auch tendenziell von den etablierten Leitlinien für die Selbstmordberichterstattung der Welt­gesund­heits­organi­sation ab, so die Kritik in der Autoren der Columbia University. Als Beispiel nennen sie Schlagzeilen aus der Washington Post(„Robin Williams’s death shows the power of depression and the impulsiveness of suicide“) und der New York Times („Robin Williams Died by Hanging, Official Says“). Es folgte eine erhöhte Anzahl von Onlinebeiträgen im SuicideWatch-Forum, häufiger ging es in den Posts um Suizidgedanken.

Erst Monate später wurde in den Medien auch über die fortgeschrittene Lewy-Körperchen-Demenz berichtet, an der Williams litt. Zum Zeitpunkt seines Todes waren bereits 40 Prozent der dopaminbildenden Nervenzellen zerstört, fast keine Nervenfaser war nicht von Lewy-Körperchen umgeben, berichtet die Witwe Susan Schneider 2016 in Neurology.

Dass die Zahl der Selbstmorde nach der Berichterstattung und Diskussion in sozialen Medien über prominente Suizide steigt, konnten schon andere Beispiele nahelegen, unter anderem der Fall des Torwarts Robert Enke. Eine Metanalayse im Journal of Epidemiology Community Health kommt 2012 zu dem Schluss, dass in den Wochen nach dem Suizid eines Prominenten die Selbstmordrate in der Bevölkerung um durch­schnittlich 0,26 pro 100.000 Einwohner ansteigt. Kaum einen Anstieg verursachte hingegen der Suizid von Kurt Cobain 1994. Allerdings untersuchten die Studien nur die Selbstmorde in der Gegend um Seattle und in Australien.

Bereits 1774 soll der fiktionale Suizid in Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ für zahlreiche Nachahmungen gesorgt haben. Trotz begrenzter epidemiologischer Beweise hierfür und der Abwesenheit von Onlinenachrichten und sozialen Medien zur damaligen Zeit, steht der Werther-Effekt heute für den Zusammenhang zwischen der Berichterstattung über Suizide prominenter Personen und der Suizidrate in der Bevölkerung.

Im Vergleich zu 1774 hat sich in den Medien einiges geändert. „Dies ist die erste Studie, die unseres Wissens die Auswirkungen eines prominenten Selbstmordes auf die Bevölkerung im Zeitalter der Rund-um-die-Uhr Berichterstattung untersucht hat“, sagt Fink. Noch nicht abschließend ausgewertet sind die Auswirkungen einer 2017 ausgestrahlten Netflix-Serie, die den Selbstmord einer Schülerin ausführlich thematisiert. Die Serie sorgte für viel Kritik, einige Experten forderten, die Serie abzusetzen, um Nachahmung zu verhindern. Was inzwischen belegt ist: Laut einer Studie in JAMA sollen die Google-Anfragen zum Thema Selbstmord seit Austrahlung der Serie gestiegen sein.

Werther-Effekt: Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ provoziert Interesse an Suizid

San Diego – Die Netflix-Serie „13 Reasons Why“, in Deutschland „Tote Mädchen lügen nicht“, könnte einen Werther-Effekt ausgelöst haben. Eine Studie in JAMA Internal Medicine (2017; doi: 10.1001/jamainternmed.2017.3333) belegt, dass nach der Ausstrahlung in den USA die Google-Anfragen zum Thema Suizid angestiegen sind. Der Werther-Effekt bezieht sich auf Goethes Roman „Die Leiden des jungen (…)

Die zweite Staffel „13 Reasons Why“ wurde inzwischen trotz Warnungen von Experten abgedreht und soll noch 2018 ausgestrahlt werden.

Neuer Trend unter Jugendlichen: Selbstverletzung im Netz

US-amerikanische Kinder- und Jugendärzte machen auf einen neuen, besorgniserregenden Trend bei Jugendlichen aufmerksam: „Digital self-harm“, selbstverletzendes Verhalten im Netz, bei dem Jugendliche anonym gemeine Dinge über sich selbst ins Netz stellen oder in sozialen Medien posten.

So hatten in einer Umfrage unter knapp 6.000 amerikanischen Schülern rund sechs Prozent der Jugendlichen angegeben, sie hätten sich im Internet schon einmal selbst bloßgestellt (Journal of Adolescent Health 2017, doi: 10.1016/j.jadohealth.2017.06.012). Als Grund dafür gaben sie vorwiegend Selbsthass, den Wunsch nach Aufmerksamkeit und Depressionen an.

Bislang ist noch nicht umfassend und sicher geklärt, was Teenager dazu bewegt, sich selbst online zu mobben. Experten vermuten jedoch, dass digitale Selbstverletzung zumindest zum Teil Ähnlichkeiten mit körperlichem selbstverletzendem Verhalten wie Ritzen aufweist: Es ist ein Mittel, um mit psychischen Schmerzen und Problemen umzugehen und dient vermutlich auch dazu, im schlechten Selbstbild bestätigt zu werden.

„Wenn Eltern von ihrem Kind erfahren, dass es über soziale Medien gemobbt wird, sollten sie nicht zögern, eine gründliche Untersuchung einzuleiten, um den Ursprung des Cybermobbings aufzuklären“, rät Harald Tegtmeyer-Metzdorf vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Sollte sich ein Jugendlicher zusätzlich aber auch selbst online beschimpft haben, gelte es, dies als Hilferuf zu verstehen und umgehend geeignete Maßnahmen zu ergreifen.

Nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter

Deutschland gehört mit 25–35 % Lebenszeitprävalenz von zumindest einmaligem nichtsuizidalen selbstverletzenden Verhalten (NSSV) unter Jugendlichen innerhalb Europas zu den Ländern mit den höchsten Prävalenzraten (1, 2). Diese Thematik besitzt daher für Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachdisziplinen eine hohe Relevanz. In den letzten Jahren haben drei Leitlinien und ein Cochrane Review den

Diagnose „Essstörung“ hat deutlich zugenommen

Einen deutlichen Anstieg der Essstörungsdiagnosen unter den 6- bis 54-jährigen AOK-Versicherten meldet das Gesundheitswissenschaftliche Institut Nordost (GeWINO) der AOK Nordost. Im Jahr 2010 wurde im Nordosten noch bei rund 3.500 Versicherten eine psychogene Essstörung wie Bulimie, Anorexie oder Binge Eating (Esssucht) diagnostiziert. Im Jahr 2016 waren es bereits mehr als 6.100 Versicherte.

Die GeWINO-Studie erfasst die Jahre 2010 bis 2016. Grundlage der Analysen waren die anonymisierten Abrechnungsdaten von rund 750.000 Versicherten der AOK Nordost im Alter von 6-54 Jahren. Als essgestört galten alle Personen, bei denen im Analysejahr mindestens eine gesicherte ambulante oder eine stationäre Haupt- oder Nebendiagnose mit einem ICD-Code des Typs F50 – also Essstörung – abgerechnet wurde.

Die Anzahl der Diagnosen stieg damit innerhalb von sechs Jahren nordostweit um 74 %. In Berlin ist das Niveau der Diagnosen und die Steigerung der Diagnoserate besonders hoch: 2016 war in Berlin die Diagnoserate mit 1,1 % ungefähr doppelt so hoch wie in Brandenburg (0,6 %) und Mecklenburg-Vorpommern (0,6 %). Außerdem ist die Steigerung in Berlin mit 80 % im Vergleich zu Brandenburg (53 %) und Mecklenburg-Vorpommern (37 %) laut der Untersuchung ausgeprägter. „Die Dunkelziffer dürfte jedoch um einiges höher liegen, da wir lediglich Personen auswerten können, die vom Arzt eine Diagnose gestellt bekommen haben“, sagte der GeWINO-Versorgungsforscher Jan Breitkreuz.

Diesen Trend bestätigte die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Laut Daten der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) liegt die Zwölf-Monats-Prävalenz für Essstörungen bei knapp 1 %. In absoluten Zahlen etwa 600.000 Menschen. Frauen sind dabei fast dreimal so häufig betroffen. In der Vorläuferstudie,  dem „Bundesgesundheitssurvey 98“ lag die Prävalenz noch bei 0,3 %. Insofern ist in den letzten Jahren auch epidemiologisch eine Steigerung der Fallzahlen zu beobachten“, teilt die Fachgesellschaft mit.

„DEGS“ ist Teil des Gesundheitsmonitorings am Robert Koch-Institut und liefert repräsentative Daten zur Gesundheit der Erwachsenen in Deutschland.

Klassischerweise sind gerade die Anorexie und Bulimie Erkrankungen, die in erster Linie in der Adoleszenz entstehen.DGPPN

Die GeWINO weist in ihrer Auswertung ausdrücklich auf einen hohen Anteil diagnos­tizierter Essstörungen bei den 35- bis 54-jährigen AOK Nordost-Versicherten hin. Laut der DGPPN liegt nahe, hier von chronischen Verläufen auszugehen. „Im mittleren Lebensalter kommt es zum Beispiel durch einschneidende Lebensereignisse zu einem Rückfall. Klassischerweise sind gerade die Anorexie und Bulimie Erkrankungen, die in erster Linie in der Adoleszenz entstehen“, teilte die Fachgesellschaft mit.

Die AOK-Auswertung ergab zudem, dass sich nur rund zehn Prozent der rund 5.000 Versicherten mit einer zwischen 2012 und 2014 neu festgestellten psychogenen Essstörung innerhalb von drei Jahren nach der Diagnose psychotherapeutisch behandeln ließen. „Das Gros der diagnostizierten Essgestörten bleibt leider unbehandelt. Die Analysen haben ferner gezeigt, dass die Bereitschaft, sich in Therapie zu begeben, mit fortschreitender Krankheitsdauer deutlich abnimmt“, so Breitkreuz.