Benzodiazepine: Anstieg der Todesfälle in den USA

Droht den USA nach der Opioid-Epidemie bereits die nächste iatrogen mitverantwortete Drogenkrise? US-Mediziner weisen in einem Perspektiv-Artikel im New England Journal of Medicine (2018; 378: 693-595) auf eine steigende Zahl von Todesfällen durch Benzodiazepin-Überdosierungen hin, für die sie eine unkritische Verordnung der Schlaf- und Beruhigungsmittel verantwortlich machen.

In den Jahren 1996 bis 2013 stieg die Zahl der Erwachsenen, die ein ärztlich verordnetes Benzodiazepin einnahmen, von 8,1 Millionen auf 13,5 Millionen, was einem Anstieg von 67 Prozent entspricht. Die Gesamtmenge der verordneten Benzodiazepine hat sich sogar verdreifacht. Zuletzt kamen auf 100.000 Erwachsene 3,6 kg Lorazepam-Äquivalente pro Jahr. Etwa zur gleichen Zeit (1999-2015) stiegen die Todesfälle durch Benzodiazepin-Überdosierung von 1.135 auf 8.791.

Dies sei vielleicht nur deshalb übersehen worden, weil ein Viertel der Benzodiazepin-Toten gleichzeitig Opiate eingenommen hatte, schreiben Anna Lembke und Jennifer Papac von der Stanford University School of Medicine in Kalifornien. Tatsächlich hat die gleichzeitige Verschreibung beider Medikamente zwischen 2001 und 2013 von 9 auf 17 Prozent zugenommen.

Hinzu kommt, dass Benzodiazepine immer häufiger als „Chemikalien aus der Forschung“ illegal über das Internet vertrieben werden. Einige der dort angebotenen Substanzen sind deutlich stärker als die zugelassenen Arzneimittel. Clonazolam, ein Analogon von Clonazepam, wirkt so stark, dass es auf Mikrogrammebene mit einer hochpräzisen Skala dosiert werden muss, was den Konsumenten meist nicht bewusst ist – mit tödlichen Folgen. Lembke und Papac sehen hier eine Parallele zum illegalen Handel mit Fentanyl und anderen hochpotenten Opiaten, denen ein wesentlicher Anteil am Anstieg der Todesfälle zugeschrieben wird.

US-Ärzte verschreiben Benzodiazepine zu sorglos, schreiben die beiden Gesundheits­forscher. Die Regel, dass die Mittel nur vorübergehend verordnet werden sollen, werde immer wieder missachtet. Die Gefahren, die mit einer chronischen Verordnung von Benzodiazepinen verbunden seien, seien vielen Ätzten offenbar nicht bewusst. Zu diesem Risiko gehört laut Lembke und Papac, dass sie bei längerfristiger Einnahme die Symptome verstärken, die sie lindern sollen, nämlich Schlafstörungen und Ängste.

Neben einer Abhängigkeit gefährden eine Reihe von Benzodiazepin-Nebenwirkungen die Gesundheit der Patienten. Dazu gehören Stürze, Frakturen, Autounfälle sowie kognitive Störungen.

Eine Untersuchung zu den Verordnungszahlen in Nordamerika und Australien, die Jonathan Brett von der University von New South Wales in Sydney kürzlich im Journal of the American Geriatrics Society (2018; doi: 10.1111/jgs.15292) publiziert hat, scheint der Einschätzung von Lembke und Papac zunächst zu widersprechen.

Danach sind die Verordnungen von Benzodiazepinen an ältere Menschen in den USA (Veteranen) und in Kanada (Provinz Ontario) seit 2010 zurückgegangen, während sie sich in Australien kaum verändert haben. Die absoluten Verordnungszahlen sind jedoch weiterhin hoch.

In den USA hatten 2016 noch 7,3 Prozent aller Senioren ein Rezept für Benzodiazepine erhalten, in Kanada waren es 13,4 Prozent und in Australien sogar 16,8 Prozent. Die Häufigkeit der Verordnungen stieg mit dem Alter, und vor allem bei den über 85-Jährigen ist die Rate von Benzodiazapin-Verordnungen unangemessen, schreibt Brett. Die sinkenden Verordnungszahlen bedeuten allerdings nicht unbedingt, dass die Patienten weniger Schlafmittel einnehmen. In den USA hat zuletzt die Verordnung der „Z-drugs“ mit den Wirkstoffen Zopiclon und Zolpidem zugenommen. Dass diese Mittel frei von Sicherheitsrisiken sind, wird von vielen Experten mittlerweile bezweifelt.