Depressionen: Vor allem ältere Studierende sind gefährdet

Bei Studierenden steigt mit zunehmendem Alter das Risiko für eine Depression deutlich an. Ab einem Alter von 27 Jahren übersteigt die Inzidenz der Ersterkrankungen die der Nichtstudierenden. Das ergab die Auswertung der Routinedaten aus zwölf Jahren und 822 Millionen Abrechnungsfällen der Barmer GEK, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung abdecken. Den Arztreport, der federführend vom aQua-Institut in Göttingen betreut wurde, stellte die Krankenkasse heute in Berlin vor.

Depressionen, Angststörungen oder Panikattacken bei jungen Menschen nehmen zu. Allein zwischen den Jahren 2005 bis 2016 ist der Anteil der 18- bis 25-Jährigen mit psychischen Diagnosen um 38 Prozent gestiegen.

Das vorherrschende Bild der Studieren­den, die bisher als weitgehend gesunde Gruppe galten, musste die Barmer GEK revidieren. Bei den Studierenden sei inzwischen mehr als jeder sechste (17 Prozent) von einer psychischen Dia­gnose betroffen, berichtete Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer. Das entspricht rund 470.000 Menschen. „Die absoluten Zahlen sind beunruhigend“, sagte Straub. Vieles spreche dafür, dass es künftig noch deutlich mehr psychisch kranke junge Menschen geben werde, ergänzt Straub und beruft sich auf Schätzungen der Weltgesundheits­orga­nisation.

Im 18. Lebensjahr erkrankten laut dem Arztreport 1,4 Prozent der Studierenden erstmals an einer Depression. Bei den Nichtstudierenden waren es 3,2 Prozent. Gut zehn Jahre später lag der Anteil bei den Studierenden bei 3,9 Prozent und bei den Nichtstudierenden bei 2,7 Prozent. Über den gesamten Beobachtungszeitraum (2005 bis 2016) ergab sich ein relativer Anstieg der Verordnung von Antidepressiva von 60 Prozent. Im Jahr 2016 erhielten von den gut sieben Millionen jungen Erwachsenen in Deutschland demnach 241.000 mindestens eine Antidepressiva-Verordnung.

Über die Ursachen können Straub und der Geschäftsführer des aQua-Instituts Joachim Szecsenyi nur Vermutungen äußern. „Gerade bei den angehenden Akademikern steigen Zeit- und Leistungsdruck kontinuierlich, hinzu kommen finanzielle Sorgen und Zukunfts­ängste“, sagte Straub. Ob der Bologna-Prozess oder die Digitalisierung Einfluss hatten, bleibt ungewiss. Auch, ob einige Studienfächer oder Universitätsstädte mit einem besonders hohen Risiko für Depressionen einhergehen, kann der Arztreport nicht klären.

Niedrigschwellige Angebote zur Prävention

Nach Ansicht der Barmer liegt der richtige Ansatz in der Prävention. Es seien mehr niedrigschwellige Angebote erforderlich, die psychische Erkrankungen vermeiden und junge Erwachsene frühzeitig erreichen. „Ein großes Potenzial sehen wir daher in Onlineangeboten, vor allem, wenn sie anonym sind und den Nutzungsgewohnheiten der Generation Smartphone entgegenkommen“, so Straub.

Hilfestellung bietet schon jetzt beispielsweise das von der Barmer geförderte Projekt StudieCare, in dessen Rahmen auch Einflussfaktoren für die Erstmanifestation von psychischen Erkrankungen im Studierendenalter evaluiert werden. Seit 2015 steht zudem Pro Mind zur Verfügung, ein Onlinetraining für Menschen mit leichten psychischen Beschwerden, das inzwischen 2.100 Barmer-Versicherte nutzen.