Meditation: Studie widerlegt Hoffnung auf ein besseres Selbst

Aggressionen, Vorurteile oder soziale Kompetenzen lassen sich mittels Meditation nicht beeinflussen. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forscherteam aus Europa und Neuseeland in einer Übersichtsarbeit, die in Scientific Reports publiziert wurde (2018; doi: 10.1038/s41598-018-20299-z). Gegenteilige Erkenntnisse früherer Studien führen die Forscher auf methodische Schwächen zurück.

Die Wissenschaftler der Coventry University in Großbritannien, der Massey Universität in Neuseeland und der Radboud Universität in den Niederlanden haben mehr als 20 Studien ausgewertet. Diese ausschließlich randomisiert kontrollierten Studien analysierten die Wirkung verschiedener Arten der Meditation auf prosoziale Gefühle und Verhaltensweisen. In ihrer Übersichtsarbeit identifizierten die Forscher fünf Arten sozialen Verhaltens: Mitgefühl, Empathie, Aggression, Verbundenheit und Vorurteil.

Zwar zeigten erste Analysen, dass Meditation sich positiv auswirkt. Sie führe dazu, dass sich die Menschen moderat barmherziger oder empathischer fühlen. Jedoch zeigten weitere Analysen, dass weder Aggressionen oder Vorurteile durch Meditation signi­fikant abnehmen. Wie sozial jemand war, konnte das Meditieren ebenfalls nicht beeinflussen.

Methodische Schwächen verzerren Einfluss der Meditation

Zudem waren positive Ergebnisse für Mitgefühl durch methodische Mängel verfälscht. Das Mitgefühl stieg in einigen Studien nur an, wenn der Meditationslehrer gleichzeitig Autor des veröffentlichten Berichts war. Das zeige, dass die Forscher unbeabsichtigt ihre Ergebnisse verzerrt haben könnten, erklärt Ko-Autor Miguel Farias vom Centre for Advances in Behavioral Science der Coventry University.

Er und seine Kollegen gehen davon aus, dass die moderaten Verbesserungen, über die Psychologen in früheren Studien berichtet haben, das Ergebnis von methodischen Schwächen und Verzerrungen sein könnten. „Die meisten der anfänglich positiven Ergebnisse verschwanden, wenn die Meditationsgruppen mit anderen Gruppen verglichen wurden, die Aufgaben ohne Bezug zur Meditation hatten“, sagt Farias.

Alle untersuchten Studien verwendeten säkulare Meditationstechniken, die aus dem Buddhismus stammen. Zu diesen nicht religiösen Techniken zählen etwa Achtsam­keitstraining, Modelle von achtsamkeitsbasierter Stressreduktion (MBSR) oder Liebende-Güte-Meditation, aber keine anderen verwandten Aktivitäten, wie Yoga oder Tai-Chi.

Dennoch sind unsere Forschungsergebnisse weit entfernt von vielen populären Behauptungen von Meditierenden und einigen Psychologen.Miguel Farias, Centre for Advances in Behavioral Science der Coventry University, England

Bisher dominiert die Vorstellung, dass Meditation das Bewusstsein positiv beeinflusst, indem man lernt die eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu steuern. Auf Facebook, Twitter und anderen Online Foren kursieren Äußerungen, die dem aktuellen Dalai Lama zugeschrieben werden: „Wenn jeder Achtjährige in der Welt meditieren würde, wäre die Welt innerhalb einer Generation ohne Gewalt.“ In seinem Buch „Appell des Dalai Lama“ schreibt er, dass Meditation „gut für körperliche und psychische Gesundheit“ sei. Zudem könne man durch Meditation lernen, dass „Geduld das wichtigste Gegenmittel gegen die Wut ist, Zufriedenheit gegen Gier wirkt und Mut gegen Angst.“

Viele dieser Erwartungen dürften die neuen Erkenntnisse zerstören. „Die Popu­la­risierung von Meditationstechniken, wie Achtsamkeit, scheinen vielen immer noch die Hoffnung auf ein besseres Selbst und eine bessere Welt zu geben“, sagt Farias. Die Forscher betonen aber auch, dass ihre Ergebnisse die Überzeugung des Buddhismus oder anderer Religionen über moralische Werte und ihr lebensveränderndes Potenzial nicht widerlegen. „Dennoch sind unsere Forschungsergebnisse weit entfernt von vielen populären Behauptungen von Meditierenden und einigen Psychologen“, ist der Psychologe Farias überzeugt.