Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie lehnt Humanistische Psychotherapie ab

Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) erkennt die Humanistische Psychotherapie nicht als zur Krankenbehandlung geeignetes Psychotherapieverfahren entsprechend den Kriterien seines Methodenpapiers an. Zu diesem Ergebnis kommt der WBP in einem Gutachten, das am Freitag auf der Homepage des abwechselnd bei der Bundes­ärzte­kammer und der Bundes­psycho­therapeuten­kammer angesiedelten Gremiums veröffentlich worden ist.

Damit kann die Humanistische Psychotherapie (HP) nicht als Verfahren für die vertiefte Ausbildung zum Psychologischen Psychothera­peuten empfohlen werden. Auch die Zulassung als GKV-finanziertes Verfahren durch den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) ist der HP damit verwehrt.

Im Oktober 2012 hatte die Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT) einen Antrag auf Anerkennung der zehn psychotherapeutischen Ansätze beim WBP gestellt, die unter dem Dachbegriff „Humanistische Psychotherapie“ firmieren. Diese historisch heterogenen Ansätze sind: Gesprächspsychotherapie, Gestalttherapie, Emotionsfokussierte Therapie, Psychodrama, Logotherapie, Existenzanalyse, Körper­psychotherapie, Pesso Boyden System Psychomotor, Integrative Therapie und Transaktions­analyse.

Hochwertige Studien für die Wirksamkeit bei Angststörungen fehlen

„Für eine wissenschaftliche Anerkennung als Psychotherapieverfahren fehlen den zehn psychotherapeutischen Ansätzen insbesondere qualitativ hochwertige Studien für ihre Wirksamkeit bei Angststörungen“, erläuterte der erste Vorsitzende des WBP, Gereon Heuft, in einer Pressemitteilung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer.

Einzig für die Gesprächspsychotherapie, die von den Antragstellern der Humanis­tischen Psychotherapie zugeordnet wurde, hat der WPB jetzt die wissenschaftliche Anerkennung für die Anwendungsbereiche „Affektive Störungen, „Anpassungs- und Belastungsstörungen“ sowie „Psychische und soziale Faktoren bei somatischen Erkrankungen“ bei Erwachsenen festgestellt.

Nach den Kriterien des Methodenpapiers nach § 11 Psychotherapeutengesetz werden jedoch nur solche Verfahren für die vertiefte Ausbildung empfohlen, die bei „Affektiven Störungen“ sowie „Angst- und Zwangsstörungen“ – die beide eine besondere Versorgungsrelevanz haben – wirksam sind. Zusätzlich muss das Verfahren noch in mindestens ein bis zwei weiteren (von insgesamt 18) Anwendungsbereichen mit geringer Versorgungsrelevanz wirksam sein. Diese Kriterien erfüllen nach dem Gutachten weder die Gesprächspsychotherapie, noch weniger die übrigen neun Ansätze der HP aufgrund der vorhandenen Studien.

Keine Vermittlung der HP in gemeinsamer Aus-, Weiter- und Fortbildung

Der WBP konnte bei den Ansätzen der Humanistischen Psychotherapie insgesamt zwar „eine übergeordnete psychotherapeutische Grundorientierung, die im internationalen Schrifttum repräsentiert ist“, feststellen. Für eine Anerkennung als Psychotherapie­verfahren fehle es jedoch insbesondere an einer systematischen und differenzierten Vermittlung der zehn Ansätze in einer gemeinsamen Aus-, Weiter- und Fortbildung. Auch mangele es der HP an einem Konzept der differenziellen Indikationsstellung.

„Die Beurteilung aller Kriterien erlaubt es somit nicht, von der Humanistischen Psychotherapie als von einem Psychotherapieverfahren im Sinne des Methodenpapiers des Wissenschaftlichen Beirates Psychotherapie zu sprechen“, heißt es in dem Gutachten.

Vorwurf der „machtpolitischen und lobbyistischen Interessen“

Aus Sicht des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie, Manfred Thielen, haben nicht wissenschaftliche Kriterien den Ausschlag für die Ablehnung der HP gegeben, sondern „machtpolitische und lobbyistische Interessen“. „Es geht schließlich um den großen Markt der Approbationsausbildungen, der von verhaltenstherapeutischen und psychodynamischen Instituten beherrscht wird“, heißt es in einer vorläufigen Stellungnahme der AGHPT, die dem Deutschen Ärzteblattvorliegt. Alle Vertreter des WBP gehörten zudem den Richtlinienverfahren an, niemand einem humanistischen Ansatz.

Enttäuschend ist das Votum des WBP nach Thielens Ansicht nicht nur für Psychothera­peuten, die seit Jahrzehnten mit humanistischen Ansätzen arbeiten, sondern auch für die Patienten. Sie könnten künftig nur noch in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken sowie in Privatpraxen mit Humanistischer Psychotherapie behandelt werden.

Die Bewertungen des WBP für „in hohem Maße sachwidrig“ hält auch Jürgen Kriz, emeritierter Professor der Universität Oldenburg, der den Antrag der AGHPT 2012 federführend ausgearbeitet hat. Man habe „über 300 Wirkstudien vorgelegt, die ganz überwiegend in internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften mit wissenschaft­lichen Gutachtern publiziert worden waren. Von diesen hat der WBP letztlich nur 29 als Wirksamkeitsnachweise nach seinen aktuellen Kriterien anerkannt“, schreibt er in einer Stellungnahme.