Altersdepression: Große Studie zur Psychotherapie

Die Möglichkeiten der medikamentösen Therapie der Altersdepression sind nicht selten begrenzt. In der bislang größten klinischen Studie zu dieser Fragestellung soll nunmehr der Nutzen einer Psychotherapie bei der Depression im Alter verifiziert werden.

Die Depression im höheren bis hohen Lebensalter ist eine schwerwiegende – bisweilen lebensgefährliche und zunehmende psychische Erkrankung. Psychotherapeutische Konzepte, die spezifisch die Themen des alten Menschen aufgreifen, liegen zwar vor, wurden bisher aber nur unzureichend in klinischen Studien geprüft, heißt es in einer Mitteilung der Universitätsklinik Köln. Mit einer Gesamtsumme von mehr als 1,9 Millionen Euro fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) nunmehr die weltweit größte multizentrische Studie zur Psychotherapie der Altersdepression. Die Studie wird koordiniert von Professor Dr. Frank Jessen, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Köln zusammen mit Professor Dr. Martin Hautzinger vom Universitätsklinikum Tübingen.
„Da medikamentöse antidepressive Therapien im höheren Alter häufig aufgrund von Kontraindikationen oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten nur begrenzt eingesetzt werden können und auch in ihrer Wirksamkeit schwächer sind als im jüngeren Lebensalter, wären wirksame psychotherapeutische Strategien zur Behandlung der Altersdepression von großem Wert“, kommentiert Prof. Jessen die Bedeutung der Studie.
An dieser nehmen sieben Zentren in Deutschland teil. Es werden insgesamt 248 Personen über jeweils acht Wochen mit einer spezifisch für die Altersdepression entwickelten verhaltenstherapeutischen Intervention im Vergleich zu einer unspezifischen unterstützenden Therapie behandelt.
Vorrangiges Ziel der Studie ist es, die Depressivität sechs Monate nach Beginn zu untersuchen. „Sollte die Studie die Wirksamkeit von spezifischer Psychotherapie im Alter belegen, würde ein sofort implementierbares wirksames Behandlungsverfahren für diese häufig komplex zu therapierende Patientengruppe zur Verfügung stehen“ sagt Studienkoordinator Jessen.

Quelle: Pressemitteilung der Universitätsklinik Köln vom 2. Oktober 2017

Wissenschaftsrat empfiehlt Öffnung der Psychologie und neue Wege in der Psychotherapieausbildung

Die Psychologie in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in beachtenswerter Weise zu einer international angesehenen empirischen Wissenschaft entwickelt. Derzeit befindet sich diese akademische Disziplin, die mit die meisten Studierenden anzieht, jedoch in einer Umbruchsituation und ist mit verschiedenen strukturellen Herausforderungen insbesondere im Zusammenhang mit der künftigen Organisation der Psychotherapieausbildung konfrontiert.

Das war Anlass für den Wissenschaftsrat, sich mit den Perspektiven dieses Faches zu beschäftigen und mit seinen Empfehlungen zur erfolgreichen Bewältigung der aktuellen Situation beizutragen. Auf ihrem Weg in die Zukunft muss sich die Psychologie, so ein Kurzfazit, sowohl innerhalb der akademischen Strukturen wie auch gegenüber den Anliegen der Gesellschaft stärker öffnen.

Für die Fachvertreterinnen und -vertreter heißt das konkret, sich offener für Zusammenarbeit zu zeigen – sei es bei der Entwicklung gemeinsamer Forschungsprofile und Forschungsstrategien an den einzelnen Instituten oder aber im Zusammenhang mit Initiativen für interdisziplinäre Kooperationen und kooperative Projekte. Gleichzeitig appelliert der Wissenschaftsrat an Psychologinnen und Psychologen, noch intensiver als bisher ihrer besonderen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nachzukommen und ihren Beitrag zur Bewältigung zentraler gesellschaftlicher Herausforderungen – von der Migration bis zum digitalen Wandel – zu leisten. Er ermuntert die psychologische Fachgemeinschaft in diesem Sinne, den Austausch mit der Gesellschaft zu suchen und die dafür erforderlichen verschiedenartigen Kommunikations- und Transferprozesse auszugestalten.

Zur Öffnung gegenüber der Gesellschaft und ihren Anforderungen gehört es auch, dass die Psychologie Verantwortung für die Psychotherapieausbildung übernimmt. Deshalb sind die aktuellen Bestrebungen, diese Ausbildung künftig als zur Approbation führendes Studium mit sich anschließender fachkundlicher Weiterbildung zu gestalten, aus Sicht des Wissenschaftsrats positiv einzuschätzen. Von der engeren Verzahnung von Lehre und Praxis mit der Forschung erwartet er eine stärkere wissenschaftliche Fundierung der Psychotherapie und damit letztlich einen Qualitätssprung.

Das vom Wissenschaftsrat vorgeschlagene Standardmodell für die Psychotherapieausbildung sieht vor, diese während des ersten Studienabschnitts in ein allgemeines Psychologiestudium zu integrieren und in einem Masterstudium „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ fortzuführen. Neben diesem Regelfall soll es aber ausdrücklich möglich sein, auch alternative Studienmodelle, beispielsweise in Kooperation mit der Medizin, zu erproben und zu evaluieren. Zur Qualitätssicherung benennt der Wissenschaftsrat Grundvoraussetzungen für Hochschulen, die eine Psychotherapieaus­bildung anbieten wollen. Dazu gehören unter anderem einschlägige aktive Forschung und ein systematischer und qualitätsgesicherter Zugang zur Patientenversorgung.

„Der Bedarf an Erkenntnissen über Phänomene des menschlichen Erlebens und Verhaltens ist größer denn je und wächst auch in neuen Feldern, wie sie sich beispielsweise mit den Schlagworten „User Experience“ oder „Industrie 4.0“ verbinden. Mit seinen Empfehlungen möchte der Wissenschaftsrat dazu beitragen, dass die Psychologie in Zukunft eine noch bedeutendere Rolle im inner- wie außerakademischen Raum einnehmen und zudem die psychotherapeutische Versorgung verbessert werden kann“, so Martina Brockmeier, Vorsitzende des Wissenschaftsrates.


Weitere Informationen:

https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/6825-18.pdf – Perspektiven der Psychologie in Deutschland (Drs. 6825-18)

Patienten schätzen „Dr. Googles“ Vielseitigkeit

Mehr als die Hälfte der Patienten sind mit den im Internet gefundenen Gesundheitsinformationen zufrieden. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung. Diese bringt ans Licht, wie vielfältig die Gründe für die Besuche bei „Dr. Google“ sind. Ob es darum geht, einen Arzttermin vorzubereiten, Therapien zu vergleichen oder sich mit anderen auszutauschen: Patienten finden,
wonach sie suchen – neben harten Fakten auch Trost und Zerstreuung. Doch nutzen Ärzte und Patienten das Potenzial des Internets aus?

Gütersloh, 26. Januar 2018. Wenn Patienten „Dr. Google“ um Rat fragen, geht es keineswegs nur um rationale Bedürfnisse. Das belegen Tiefeninterviews, die das Marktforschungsinstitut Rheingold im Auftrag der Bertelsmann Stiftung geführt hat. Diese qualitative Studie zur Frage, wie Patienten nach Informationen im Netz suchen und diese nutzen, wurde durch eine repräsentative Bevölkerungsbefragung von Kantar Emnid ergänzt. Sie offenbart eine große Zufriedenheit der Patienten mit den Antworten aus dem Netz. Gemeinsam zeichnen die Untersuchungen ein Bild darüber, wie Patienten in Deutschland „Dr. Google“ nutzen, welche Chancen das Internet für das Arzt-Patienten-Verhältnis bietet und welche Herausforderungen zu meistern sind.

Das Internet ist ein besserer Ratgeber als häufig angenommen
Die Motive der Online-Suchenden sind sehr vielfältig, das decken die Tiefeninterviews auf. Patienten nehmen „Dr. Google“ in Anspruch, um ärztliche Empfehlungen zu überprüfen, sich über Behandlungsalternativen zu informieren, sich mit anderen auszutauschen und emotionale Unterstützung zu erhalten. Die Recherche gibt ihnen ein Gefühl von Sicherheit, Beruhigung oder auch Zerstreuung.
So verschieden die Suchmotive, so groß ist die Zufriedenheit mit den Treffern. 52 Prozent sind „immer zufrieden“ oder „meistens zufrieden“, 44 Prozent sind „teils, teils zufrieden“, „selten zufrieden“ sind nur zwei Prozent der Befragten. Niemand, so zeigen die repräsentativen Ergebnisse, ist mit den eigenen Suchergebnissen „immer unzufrieden“.

„Anders als vielfach behauptet, ist das Internet ein geschätzter Ratgeber. Patienten finden, wonach sie suchen“, so Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. „Dr. Google“ ist einfach zu kontaktieren, immer und überall erreichbar, hat unbegrenzt Zeit, bietet Expertenwissen für Laien. Und: Die Suchenden finden in vielen reichweitenstarken Portalen Informationen von solider bis sehr guter Qualität, wie die Universität Frankfurt am Main 2017 für das Magazin Ökotest ermittelte. Dass Patienten bei ihrer Suche auch auf Fehlinformationen treffen und unseriösen Websites vertrauen, ist dabei unbestritten. „Um Patienten vor gezielten Falschinformationen zu schützen, muss im Sinne einer Marktwächterfunktion konsequent dagegen vorgegangen werden. Bislang gibt es dafür wenig Konzepte und Verantwortlichkeiten. Die Entwicklung erfolgversprechender Strategien ist daher eine Aufgabe, die dringend angegangen werden muss“, so Mohn.

Potenzial des Internets wird nicht ausgeschöpft
Die Analyse zeigt: Das Internet zählt nach Gesprächen mit Ärzten und Angehörigen oder Freunden zu den drei am häufigsten herangezogenen Informationsquellen in Gesundheitsfragen. Aus Sicht der Befragten haben einige Mediziner die Bedeutung von „Dr. Google“ für Patienten bereits erkannt: Gut 60 Prozent der Ärzte gehen laut Patienten auf die selbst recherchierten Infos ein. Bislang verweisen allerdings nur 40 Prozent der Ärzte auf gute Informationsquellen und nur ein Fünftel ermutigt ihre Patienten, sich selbst zu informieren. 14 Prozent raten sogar davon ab. „In den Praxen wird das Potenzial von Dr. Google häufig noch verschenkt. Patienten sollten offen über selbst gefundene Informationen sprechen, Ärzte und Therapeuten verlässliche Websites oder Apps empfehlen können“, so Marion Grote-Westrick, Gesundheitsexpertin der Bertelsmann Stiftung. Noch verschweigen 30 Prozent der Patienten ihrem Arzt den Besuch von „Dr. Google“.

Um die Potenziale von Gesundheitsinformationen im Netz besser für gute Behandlungsergebnisse zu nutzen, empfehlen die Studienmacher:
1. Alle Akteure im Gesundheitssystem sollten die Vielfalt von Gesundheitsinformationen anerkennen: Sie erfüllt die unterschiedlichen Bedürfnisse der Patienten. Darüber hinaus sollten die in Entstehung befindlichen Elektronischen Patientenakten als Plattform in Betracht gezogen werden, um Gesundheitsinformationen für Patienten bereitzustellen.
2. Ärzte sollten Patienten bestärken, sich selbst zu informieren. Zudem sollten Ärzte gute Infoquellen kennen und empfehlen, um Praxisbesuche und Krankenhausaufenthalte gezielt vor- oder nachzubereiten.
3. Patienten sollten offen mit ihrem Arzt über eigene Rechercheergebnisse sprechen.

Zusatzinformationen
Die Bertelsmann Stiftung hat untersucht, wie sich die Bevölkerung online über Gesundheitsthemen informiert. Dafür haben Psychologen des Rheingold-Instituts 36 Tiefeninterviews geführt. Die qualitative Studie wird ergänzt durch eine repräsentative Bevölkerungsbefragung und einen Literaturüberblick über die Nutzung und Verbreitung von Gesundheitsinformationen. Die Untersuchungen entstanden im Rahmen des neuen Projekts „Patient mit Wirkung“, das sich dafür einsetzt, das Konzept der gemeinsamen Entscheidungsfindung von Arzt und Patient im Versorgungsalltag zu integrieren. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse bietet die Publikation „Spotlight Gesundheit“.

Unsere Expertinnen:
Claudia Haschke, Telefon: 0 52 41 81 81 542
E-Mail: Claudia.Haschke@bertelsmann-stiftung.de

Marion Grote-Westrick, Telefon: 0 52 41 81 81 271
E-Mail: Marion.GroteWestrick@bertelsmann-stiftung.de


Weitere Informationen:

http://www.bertelsmann-stiftung.de/patient-mit-wirkung

Fördern westliche Gesellschaften die Ausprägung von Narzissmus?

Wie Wissenschaftler der Charité – Universitätsmedizin Berlin zeigen konnten, weisen Menschen, die in den alten Bundesländern Deutschlands aufgewachsen sind, höhere Narzissmus-Werte auf als Menschen, die in den neuen Ländern sozialisiert wurden. In der jungen Generation gleichen sich die Werte seit der deutschen Einheit an, wie in der aktuellen Fachzeitschrift PlosOne* veröffentlicht ist.

Wie Wissenschaftler der Charité – Universitätsmedizin Berlin zeigen konnten, weisen Menschen, die in den alten Bundesländern Deutschlands aufgewachsen sind, höhere Narzissmus-Werte auf als Menschen, die in den neuen Ländern sozialisiert wurden. Während zwischen 1949 und 1989/90 der Westen der Republik von einer eher individualistischen Kultur bestimmt war, bestand im Osten Deutschlands eine eher kollektivistische Ausrichtung. Niederschlag findet die jeweilige gesellschaftliche Prägung im Selbstwertgefühl der Menschen, aber auch in der Ausprägung des Persönlichkeitsmerkmals Narzissmus. In der jungen Generation gleichen sich die Werte seit der deutschen Einheit an, wie in der Fachzeitschrift PlosOne* veröffentlicht ist.

Narzissmus bezeichnet eine übersteigerte Selbstliebe und Ichbezogenheit. Zu einem Krankheitsbild wird das Phänomen dann, wenn die betroffene Person unter den Auswirkungen leidet und Symptome einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung entwickelt. Wie Wissenschaftler um Prof. Dr. Stefan Röpke und Dr. Aline Vater von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin nun zeigen konnten, hat das gesamtgesellschaftliche Umfeld Auswirkungen auf das Entstehen einer übermäßigen Selbstüberschätzung. „Moderne westliche Gesellschaften fördern die Ausprägung von Narzissmus. So weisen Menschen, die in den Bundesländern westlich der innerdeutschen Grenze aufgewachsen sind, höhere Narzissmus-Werte auf als Menschen, die eine Erziehung in der ehemaligen DDR erlebt haben“, erklärt Prof. Röpke. „Gezeigt hat sich dies in unserer Studie vorrangig für den sogenannten grandiosen Narzissmus, der durch starke Selbstüberschätzung gekennzeichnet ist“, stellt der Wissenschaftler fest.

Ein genau gegenteiliges Bild zeigt sich hinsichtlich des Selbstwertgefühls. Dieses ist im Osten des Landes höher ausgeprägt als im Westen. Für ihre aktuelle Untersuchung haben die Forscher Daten aus einer anonymen Internetumfrage in der deutschen Bevölkerung herangezogen. Mehr als eintausend Personen beantworteten einen Fragenkatalog, wobei knapp 350 von ihnen in der ehemaligen DDR geboren waren und etwa 680 Studienteilnehmer in der alten Bundesrepublik aufgewachsen sind. Unterschieden wurde bei der Auswertung in subklinischen, unterschwelligen Narzissmus, der zur Persönlichkeit gehört und oft als gesunder Narzissmus bezeichnet wird. Daneben gibt es die pathologische Selbstüberschätzung, die über das gesunde Maß hinausgeht. Der Selbstwert der befragten Personen ist anhand einer in der Forschung etablierten Selbstwertskala ermittelt worden.

Unterschwelligem wie auch krankhaftem Narzissmus liegt in der Regel ein geringes Selbstwertgefühl zugrunde. Daher haben die Berliner Wissenschaftler die Ausprägung von Narzissmus und Selbstwert in der deutschen Bevölkerung verglichen. Sie konnten dabei einen klaren Alterskohorten-Effekt ausmachen: „Keinen Unterschied sehen wir in der jungen Generation, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls noch nicht geboren oder noch nicht in der Schule war und somit unter gleichen westlichen Bedingungen aufgewachsen ist. Hier sind Narzissmus und Selbstwert in Ost und West gleich ausgeprägt“, konstatiert Dr. Vater, Erstautorin der aktuellen Studie. Der deutlichste Effekt lässt sich in der Generation beobachten, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls sechs bis 18 Jahre alt war, also im Alter des Schuleintritts bis hin zur Volljährigkeit. In der ältesten Kohorte, 19 Jahre und älter zum Zeitpunkt des Mauerfalls, war ein Unterschied zumindest noch für den subklinischen, also unterschwelligen, Narzissmus zu finden. „Insgesamt sprechen die Ergebnisse der Untersuchung dafür, dass gesellschaftliche Faktoren die Ausprägung von Narzissmus und Selbstwert beeinflussen. Westliche Gesellschaften scheinen erhöhte Narzissmus-Werte in der Bevölkerung zu fördern“, schließt Prof. Röpke.

*Aline Vater, Steffen Moritz, Stefan Roepke. Does a narcissism epidemic exist in modern western societies? Comparing subclinical narcissism, pathological narcissism, and self-esteem in East and West Germany. PLOS ONE. 2018 Jan. doi: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0188287

Kontakt:
Prof. Dr. Stefan Röpke
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Campus Benjamin Franklin
t: +49 30 450 517 545
Email: stefan.roepke@charite.de


Weitere Informationen:

http://www.charite.de
https://psychiatrie.charite.de/

Sprachanalyse-Soft­ware sagt Psychose voraus

Eine computergestützte Sprachanalyse könnte künftig für die Früh­erkennung einer Psychose genutzt werden. In einer Studie in World Psychiatry (2018; doi: 10.1002/wps.20491) sagte die Software recht gut vorher, welche Patienten mit Prodromalsymptomen später an einer manifesten Psychose erkranken werden.

Schon Emil Kraepelin, einer der Begründer der modernen Psychiatrie, hatte bemerkt, dass eine „Sprachverwirrtheit“ und „Zerfahrenheit“ ein frühes Zeichen einer Dementia praecox sind, die heute als Schizophrenie bezeichnet wird. Unlogisches Denken, Inkohä­renz, gelockerte Assoziationen und Verarmung der Sprache fallen vor allem auf, wenn die Patienten gebeten werden, eine Geschichte nachzuerzählen oder selbst zu erfinden.

Normalerweise werden die formalen Sprachstörungen der Patienten von den Ärzten beurteilt, etwa mit der „Kiddie Formal Thought Disorder Rating Scale“. Cheryl Corcoran und Mitarbeiter von der Icahn School of Medicine in New York fütterten stattdessen einen Computer mit den Transkripten von Patienten. Die Software analysiert die Texte der Patienten anhand von 4 Kategorien. Die ersten 3 betrafen die Semantik (maximale semantische Kohärenz, Varianz der semantischen Kohärenz und minimale semantische Kohärenz). Die 4. Kategorie war die Benutzung von Possessivpronomen, die bei Patienten mit Schizophrenie häufig von den Regeln abweicht.

Diese 4 Kategorien reichten der Software, um nach einer Phase des maschinellen Lernens die Entwicklung einer manifesten Schizophrenie zu prognostizieren. In einer Kohorte von 34 Patienten aus New York erkannte die Software 3 der 5 Patienten, die später eine Psychose entwickeln sollten, während bei 24 von 29 Patienten eine bevorstehende Erholung richtig vorhergesagt wurde. Die diagnostische Genauigkeit betrug 83 Prozent. In einer 2. Kohorte von 59 Patienten mit Prodromalsymptomen, von denen 19 später eine Psychose entwickelten, wurde eine Treffsicherheit von 79 Prozent erreicht. Hier konnten Patienten mit Psychose und gesunde Menschen mit der Textanalyse mit 72-prozentiger Genauigkeit unterschieden werden.

Die Sprache ist neben dem Verhalten der Patienten die wichtigste Informationsquelle für einen Psychiater, um die Diagnose einer Psychose zu stellen. Da Sprache einfach aufzuzeichnen ist und vom Computer heute in Text umgesetzt werden kann, könnte sich eine computergestützte Sprachanalyse zu einem wichtigen Hilfsmittel für den Psychiater erweisen.

Partner kann Depressionsrisiko senken

Psychologen der Universität Jena erforschen Paarbeziehungen in Langzeitstudie „Pairfam“

Wie finden Paare zueinander? Wie gestalten sie ihre Beziehung? Warum bleiben einige zusammen und andere nicht? Seit zehn Jahren untersuchen Forschende verschiedener deutscher Universitäten innerhalb der auf 14 Jahre angelegten Längsschnittstudie „Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics“ (Pairfam) diese und andere Fragen zur Gestaltung von Partnerschaft und Familie in der Bundesrepublik. Dazu befragen sie jährlich 12.000 Personen, deren Partner sowie deren Eltern und Kinder. Nun hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Finanzierung für das Projekt verlängert und eine Unterstützung von rund 7,6 Millionen Euro für die kommenden zwei Jahre zugesagt – 1,6 Millionen Euro davon gehen an die Friedrich-Schiller-Universität Jena.

„Wir freuen uns sehr, dass die DFG dieses herausragende Forschungsunternehmen weiterhin finanziert, das nicht nur die Wissenschaftler im Projekt sondern auch viele Kollegen im In- und Ausland mit wertvollen Daten und Informationen versorgt“, sagt Prof. Dr. Franz J. Neyer, der seit 2014 mit Kollegen aus Bremen, Chemnitz, Köln und München an Pairfam beteiligt ist. Gemeinsam mit seiner Kollegin Dr. Christine Finn und einigen Nachwuchswissenschaftlern der Universität Jena hat er bereits in den vergangenen zwei Jahren im Rahmen von Pairfam spannende Forschungsergebnisse erzielt.

„Zusammen mit kanadischen Kooperationspartnern ist es uns beispielsweise gelungen, die Wechselwirkung zwischen Selbstwertgefühl und Depression innerhalb einer Paarbeziehung stärker offenzulegen“, informiert Neyer. „So verstärkt ein niedriges Selbstwertgefühl zwar häufig die Depressivität einer Person, ein Partner mit einem größeren Selbstwertgefühl aber kann durchaus eine positive Wirkung auf sie haben und das höhere Risiko, an einer Depression zu erkranken, abpuffern.“ Mit Informationen wie dieser lässt sich möglicherweise die Entstehung psychischer Krankheiten besser verstehen.

Trennungsgrund Uneinigkeit

Ein weiteres Ergebnis liefert Antworten auf eine der wohl wichtigsten Fragen für Beziehungen: Warum bleiben manche Paare ein Leben lang zusammen, während sich andere wieder trennen? „Ohne eine Langzeitstudie wie Pairfam lässt sich eine solche Problemstellung kaum näher beleuchten“, erklärt Christine Finn. „Denn nur so können wir die Entwicklung einer Beziehung vom Beginn bis zum Scheitern betrachten – und zwar aus der Perspektive beider Partner.“ Genau das hat sie getan und dabei festgestellt, dass die Wahrnehmung der Bedürfnisse des Einzelnen innerhalb einer Beziehung entscheidend ist für den Verlauf des gemeinsamen Weges. „Wenn eine Person innerhalb einer Beziehung beispielsweise darauf bedacht ist, ihre Unabhängigkeit zu bewahren, dann ist es von Vorteil, wenn das auch der Partner so sieht“, erklärt die Jenaer Psychologin. „Wenn aber hier ein Ungleichgewicht vorliegt und jemand das Gefühl hat, er komme zu kurz, dann wird das höchstwahrscheinlich nicht lange funktionieren.“ Paare, die sich einig sind, entwickeln sich synchron und „schaukeln sich nach und nach ein“. Nicht etwa einschneidende Krisensituationen seien also in der Regel verantwortlich für Trennungen, sondern eher persönliche Eigenschaften, die von Beginn an feststehen.

Insgesamt helfen solche wissenschaftlichen Erkenntnisse dabei, die Vielfalt der Partnerschaftsverhältnisse genauer zu erforschen und dabei gleichzeitig die Gesellschaft mitzugestalten. So hätten beispielsweise Kollegen an den Informationen aus der Langzeitstudie Pairfam abgelesen, dass sich nach der Einführung des Elterngeldes auch die Ansichten zur Arbeitsteilung innerhalb einer Partnerschaft verändert haben, erläutert Neyer. Für die Daten aus den Befragungen in den kommenden Jahren erhoffen sich die Jenaer Psychologen ähnlich aufschlussreiche Ergebnisse – nicht zuletzt, da es mit der weiteren Finanzierung durch die DFG möglich ist, nun auch Personen aus den Geburtenjahrgängen um die Jahrtausendwende befragen zu können. Diese Generation liefert aufschlussreiche Einblicke, zum Beispiel welchen Einfluss das Internet auf Partnerschaften hat.

Kontakt:
Prof. Dr. Franz J. Neyer, Dr. Christine Finn
Institut für Psychologie der Universität Jena
Humboldtstraße 11, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945161, 03641 / 945163
E-Mail: franz.neyer[at]uni-jena.de, christine.finn[at]uni-jena.de


Weitere Informationen:

http://www.uni-jena.de
http://www.pairfam.de/

Gefühle entscheiden, von welcher Seite wir uns umarmen

In emotional aufgeladenen Situationen umarmen wir uns öfter linksseitig als in neutralen Zusammenhängen. Das haben Biopsychologen der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Julian Packheiser, Noemi Rook und Privatdozent Dr. Sebastian Ocklenburg herausgefunden, indem sie über 2.500 Umarmungen auswerteten. Sie erklären sich dieses Seitenverhältnis mit der Verarbeitung von Gefühlen in den jeweiligen Hirnhälften. Darüber hinaus stellten sie fest, dass auch die Händigkeit und Füßigkeit der Beteiligten Voraussagen zulässt, welche Hand bei der Umarmung oben ist. Ihre Ergebnisse sind im Journal „Psychological Research“ vom 18. Januar 2018 veröffentlicht.

Umarmungen zeigen Liebe, Freude oder spenden Trost

Umarmungen begleiten menschliche soziale Interaktionen von Geburt an. Sie drücken Zuneigung und Liebe aus, und treten sowohl in positiven wie auch in negativen oder neutralen Zusammenhängen auf: Wir umarmen uns auch bei Trauer oder Angst oder einfach zur Begrüßung. „Wir wollten wissen, ob der emotionale Kontext das Umarmungsverhalten beeinflusst“, erklärt Erstautor Julian Packheiser. „Außerdem wollten wir herausfinden, ob motorische Merkmale wie Händigkeit die Richtung des Umarmens beeinflusst.“

Abschied und Flugangst – Wiedersehensfreude und Erleichterung

Die Forscher beobachteten dafür mehr als 2.500 Umarmungen. Auf einem deutschen Flughafen werteten sie je rund 1.000 Umarmungen im Abflug- und im Ankunftterminal internationaler Flüge aus. Beim Abflug gingen sie dabei von negativen Emotionen der Beteiligten Personen aus – zum einen verabschiedeten sich hier nahestehende Menschen voneinander, zum anderen leiden Studien zufolge fast 40 Prozent aller Fluggäste unter Flugangst, was sich zusätzlich negativ auswirkt. Bei der Ankunft sorgen dann Wiedersehensfreude und Erleichterung über den überstandenen Flug für positive Emotionen.

Umarmungen Fremder auf der Straße

Um neutrale Umarmungen beobachten zu können, zogen die Forscher die Videoplattform Youtube heran. Hier fanden sie Aufzeichnungen von Akteuren, die Fremden auf der Straße Umarmungen mit verbundenen Augen angeboten hatten. Über 500 solche Umarmungen konnten sie auswerten.

Gefühle werden rechts verarbeitet

Übereinstimmend mit älteren Studien stellten die Forscher fest, dass die meisten Menschen eine Vorliebe für rechtsseitige Umarmungen haben. Es zeigte sich aber, dass sowohl in positiven wie auch in negativen Situationen häufiger linksseitig umarmt wird als in neutralen Situationen. „Das ist auf den Einfluss der rechten Gehirnhälfte zurückzuführen, die die linke Körperhälfte kontrolliert und sowohl positive als auch negative Emotionen verarbeitet“, erklärt Julian Packheiser. „Bei Umarmungen interagieren emotionale und motorische Netzwerke im Gehirn und führen zu einer stärkeren Linksorientierung in gefühlsbetonten Zusammenhängen.“

Eine Schaufensterpuppe umarmen

Um den Einfluss von Händigkeit und Füßigkeit zu untersuchen, ließen die Forscher dann noch 120 Probanden im Labor eine Schaufensterpuppe umarmen, nachdem sie verschiedene positive, negative oder neutrale Kurzgeschichten über Kopfhörer angehört hatten. Händigkeit und Füßigkeit erfassten die Wissenschaftler mittels Fragebogen. „Händigkeit und Füßigkeit können tatsächlich vorhersagen, in welche Richtung eine Umarmung ausgeführt wird“, so Julian Packheiser. Rechtshänderinnen und Rechtshänder neigten also noch stärker als Linkshänder dazu, ihr Gegenüber von rechts zu umarmen.

Ein Sonderfall ist die Umarmung zweier Männer: Dabei stellten die Forscher schon in neutralen Situationen eine stärkere Linksorientierung fest. „Wir interpretieren das so, dass Männer-Umarmungen von vielen Männern als negativ angesehen und daher selbst in neutralen Situationen wie zur Begrüßung tendenziell als negativ wahrgenommen werden“, meint Sebastian Ocklenburg. Dementsprechend werde wegen der negativen Emotionen auch hier die rechte Gehirnhälfte aktiv und beeinflusse die motorische Ausführung nach links.

Förderung

Julian Packheiser wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Graduiertenkolleg „Situated Cognition“ (GRK 2185/1) gefördert.

Originalpublikation

Julian Packheiser, Noemi Rook, Zeynep Dursun, Janne Mesenhöller, Alrescha Wenglorz, Onur Güntürkün, Sebastian Ocklenburg: Embracing your emotions: affective state impacts lateralisation of human embraces, in: Psychological Research, 2018, DOI: 10.1007/s00426-018-0985-8, https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00426-018-0985-8

Pressekontakt

Julian Packheiser
Abteilung Biopsychologie
Fakultät für Psychologie
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: 0234 32 24917
E-Mail: julian.packheiser@rub.de

Antworten im Schlaf gefunden: Studien zur Bedeutung des Schlafs bei psychiatrischen Störungen

Schlafstörungen sind ein typisches Symptom vieler psychiatrischer Erkrankungen, unter anderem von Depression, Angst und bipolarer Störung. Unbehandelt erhöhen Probleme mit dem Schlaf das Risiko, an einer psychiatrischen Störung zu erkranken. Ungefähr zwei von drei Patienten, die in eine Schlafklinik überwiesen werden, leiden parallel an einer Störung der Psyche. Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychiatrie haben kürzlich zwei Studien in der renommierten Fachzeitschrift „The Journal of Neuroscience“ veröffentlicht, die mehr Aufschluss über Schlafstörungen geben.

Die Arbeitsgruppe von Jan Deussing erforschte zunächst eine genetische Variante des P2X7 Rezeptors, die bis dahin mit Depression und Angst assoziiert wurde. Die Mäuse, die in der Studie gentechnisch so verändert waren, dass eine Kopie des Gens gegen diese Genvariante ausgetauscht wurde (heterozygot), zeigten Schlafstörungen sowie eine Beeinträchtigung der Rezeptorfunktion, die mit einer erhöhten Stressempfindlichkeit einherging. Danach untersuchten die Wissenschaftler die Auswirkung, die diese Variante bei Menschen hat. Sie fanden heraus, dass auch Menschen, die eine Kopie der Rezeptor-Variante in sich tragen, Störungen in ihren Schlafmustern aufweisen.

Deussing folgert daraus: “Dies ist eine interessante Entdeckung, da sie darauf hinweist, dass eine veränderte Funktion des P2X7 Rezeptors in heterozygoten Individuen den Schlaf stört. Dies wiederum könnte eine Erklärung für deren erhöhtes Risiko sein, eine Gemütsstörung zu entwickeln.“

Mayumi Kimura und Kollegen untersuchten in einer zweiten Studie, wie vor der Pubertät erworbene Fettleibigkeit den Schlaf im späteren Leben beeinflussen kann. Die Wissenschaftler wollten herausfinden, welche Auswirkungen auf die Schlafmuster sich im Erwachsenenalter bei Mäusen zeigen, die während der Pubertät eine hochkalorische Diät erhielten. Das Ergebnis: die vorübergehende Ernährungsumstellung reichte aus, um tiefgreifende und lang anhaltende Veränderungen im Schlaf hervorzurufen, die das ganze Leben lang anhielten.

Im nächsten Schritt versuchten die Forscher, die zugrunde liegenden Mechanismen zu identifizieren. Dabei fanden sie heraus, dass die Mäuse, denen die Diät verabreicht worden war, eine verminderte serotonerge Signalgebung im seitlichen Hypothalamus aufwiesen. Sie konnten diese verminderte Signalgebung umkehren, indem sie den Mäusen ein Peptid verabreichten, das normalerweise nach Sättigung durch den Darm freigesetzt wird. Dadurch konnten sie das Schlafmuster wieder umkehren und in seinen ursprünglichen Zustand versetzen.

“Diese Studien bringen uns einen bedeutenden Schritt vorwärts”, fasst Alon Chen, Geschäftsführender Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, zusammen. „So verstehen wir die funktionellen Mechanismen von Schlaf und ihre Rolle bei psychiatrischen Erkrankungen besser.“

Angsterkrankung könnte Vorläufer einer Alzheimer-Demenz sein

Eine sich verschlimmernde Angsterkrankung bei älteren Menschen könnte auf eine sich entwickelnde Alzheimer-Demenz hinweisen. Das berichten Forscher um Nancy Donovan vom Brigham and Women’s Hospital in Boston. Ihre Arbeit ist im American Journal of Psychiatry erschienen (2018; doi: 10.1176/appi.ajp.2017.17040442).

Frühere Studien deuten laut Arbeitsgruppe darauf hin, dass Depressionen und Angstzustände Indikatoren für die Alzheimerkrankheit sein könnten, da die Symptome dieser psychischen Erkrankungen häufig in den frühen Stadien der Erkrankung auftreten.

Die genauen Ursachen der Alzheimerkrankheit sind noch unklar, aber Wissenschaftler glauben bekanntlich, dass Beta-Amyloid dabei eine Schlüsselrolle spielen könnte. Die Arbeitsgruppe um Donovan versuchte in ihrer Studie jetzt herauszufinden, ob Beta-Amyloid eine Rolle bei dem Zusammenhang zwischen der Demenz und einer Angst­störung spielen könnte.

Die Studie umfasste 270 Erwachsene im Alter von 62 bis 90 Jahren mit normaler kognitiver Funktion, die sich alle einer Positronen-Emissions-Tomographie bei Studien­beginn und jährlich während der 5-jährigen Nachbeobachtungszeit unterzogen, um den Gehalt an Beta-Amyloid in ihrem Gehirn zu bestimmen.

Symptome von Angst und Depression unter den Erwachsenen wurden mithilfe der 30 Punkte umfassenden „Geriatric Depression Scale“ erfasst. Die Wissenschaftler stellten fest, dass Studienteilnehmer, die eine Zunahme der Angstsymptome über 5 Jahre des Follow-ups zeigten, auch höhere Beta-Amyloid-Werte in ihrem Gehirn hatten. Dies deutet ihrer Auffassung nach darauf hin, dass eine Ver­schlech­terung der Angst ein frühes Zeichen für die Alzheimerkrankheit sein könnte.

Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass Folgestudien erforderlich seien, um festzustellen, ob ältere Erwachsene, die eine Zunahme der Angstsymptome erfahren, tatsächlich Alzheimer entwickeln.

Angststörungen sind in den Vereinigten Staaten weit verbreitet und betreffen etwa 40 Millionen Erwachsene pro Jahr. Schätzungen zufolge leben in den USA etwa 5,5 Millio­nen Menschen mit Alzheimer, von denen etwa 5,4 Millionen über 65 Jahre alt sind.

Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie lehnt Humanistische Psychotherapie ab

Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) erkennt die Humanistische Psychotherapie nicht als zur Krankenbehandlung geeignetes Psychotherapieverfahren entsprechend den Kriterien seines Methodenpapiers an. Zu diesem Ergebnis kommt der WBP in einem Gutachten, das am Freitag auf der Homepage des abwechselnd bei der Bundes­ärzte­kammer und der Bundes­psycho­therapeuten­kammer angesiedelten Gremiums veröffentlich worden ist.

Damit kann die Humanistische Psychotherapie (HP) nicht als Verfahren für die vertiefte Ausbildung zum Psychologischen Psychothera­peuten empfohlen werden. Auch die Zulassung als GKV-finanziertes Verfahren durch den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) ist der HP damit verwehrt.

Im Oktober 2012 hatte die Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT) einen Antrag auf Anerkennung der zehn psychotherapeutischen Ansätze beim WBP gestellt, die unter dem Dachbegriff „Humanistische Psychotherapie“ firmieren. Diese historisch heterogenen Ansätze sind: Gesprächspsychotherapie, Gestalttherapie, Emotionsfokussierte Therapie, Psychodrama, Logotherapie, Existenzanalyse, Körper­psychotherapie, Pesso Boyden System Psychomotor, Integrative Therapie und Transaktions­analyse.

Hochwertige Studien für die Wirksamkeit bei Angststörungen fehlen

„Für eine wissenschaftliche Anerkennung als Psychotherapieverfahren fehlen den zehn psychotherapeutischen Ansätzen insbesondere qualitativ hochwertige Studien für ihre Wirksamkeit bei Angststörungen“, erläuterte der erste Vorsitzende des WBP, Gereon Heuft, in einer Pressemitteilung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer.

Einzig für die Gesprächspsychotherapie, die von den Antragstellern der Humanis­tischen Psychotherapie zugeordnet wurde, hat der WPB jetzt die wissenschaftliche Anerkennung für die Anwendungsbereiche „Affektive Störungen, „Anpassungs- und Belastungsstörungen“ sowie „Psychische und soziale Faktoren bei somatischen Erkrankungen“ bei Erwachsenen festgestellt.

Nach den Kriterien des Methodenpapiers nach § 11 Psychotherapeutengesetz werden jedoch nur solche Verfahren für die vertiefte Ausbildung empfohlen, die bei „Affektiven Störungen“ sowie „Angst- und Zwangsstörungen“ – die beide eine besondere Versorgungsrelevanz haben – wirksam sind. Zusätzlich muss das Verfahren noch in mindestens ein bis zwei weiteren (von insgesamt 18) Anwendungsbereichen mit geringer Versorgungsrelevanz wirksam sein. Diese Kriterien erfüllen nach dem Gutachten weder die Gesprächspsychotherapie, noch weniger die übrigen neun Ansätze der HP aufgrund der vorhandenen Studien.

Keine Vermittlung der HP in gemeinsamer Aus-, Weiter- und Fortbildung

Der WBP konnte bei den Ansätzen der Humanistischen Psychotherapie insgesamt zwar „eine übergeordnete psychotherapeutische Grundorientierung, die im internationalen Schrifttum repräsentiert ist“, feststellen. Für eine Anerkennung als Psychotherapie­verfahren fehle es jedoch insbesondere an einer systematischen und differenzierten Vermittlung der zehn Ansätze in einer gemeinsamen Aus-, Weiter- und Fortbildung. Auch mangele es der HP an einem Konzept der differenziellen Indikationsstellung.

„Die Beurteilung aller Kriterien erlaubt es somit nicht, von der Humanistischen Psychotherapie als von einem Psychotherapieverfahren im Sinne des Methodenpapiers des Wissenschaftlichen Beirates Psychotherapie zu sprechen“, heißt es in dem Gutachten.

Vorwurf der „machtpolitischen und lobbyistischen Interessen“

Aus Sicht des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie, Manfred Thielen, haben nicht wissenschaftliche Kriterien den Ausschlag für die Ablehnung der HP gegeben, sondern „machtpolitische und lobbyistische Interessen“. „Es geht schließlich um den großen Markt der Approbationsausbildungen, der von verhaltenstherapeutischen und psychodynamischen Instituten beherrscht wird“, heißt es in einer vorläufigen Stellungnahme der AGHPT, die dem Deutschen Ärzteblattvorliegt. Alle Vertreter des WBP gehörten zudem den Richtlinienverfahren an, niemand einem humanistischen Ansatz.

Enttäuschend ist das Votum des WBP nach Thielens Ansicht nicht nur für Psychothera­peuten, die seit Jahrzehnten mit humanistischen Ansätzen arbeiten, sondern auch für die Patienten. Sie könnten künftig nur noch in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken sowie in Privatpraxen mit Humanistischer Psychotherapie behandelt werden.

Die Bewertungen des WBP für „in hohem Maße sachwidrig“ hält auch Jürgen Kriz, emeritierter Professor der Universität Oldenburg, der den Antrag der AGHPT 2012 federführend ausgearbeitet hat. Man habe „über 300 Wirkstudien vorgelegt, die ganz überwiegend in internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften mit wissenschaft­lichen Gutachtern publiziert worden waren. Von diesen hat der WBP letztlich nur 29 als Wirksamkeitsnachweise nach seinen aktuellen Kriterien anerkannt“, schreibt er in einer Stellungnahme.