Forscher finden „läsionales Netzwerk“ für kriminelles Verhalten im Gehirn

Hirnverletzungen führen manchmal dazu, dass Menschen, die bisher nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, Straftaten verüben. Eine Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2017; doi: 10.1073/pnas.1706587115) führt dies auf Störungen in einem „läsionalen Netzwerk“ von Hirnverbindungen zurück, die moralische Entscheidungen beeinflussen. Die Ergebnisse konnten in einer zweiten Kohorte bestätigt werden. Es ist jedoch unklar, welchen Anteil sie insgesamt am kriminellen Verhalten haben.

Es gibt 2 prominente Beispiele von Menschen, die nach Hirnverletzungen von unbe­schol­tenen Bürgern zu Straftätern wurden. Das erste ist der kalifornische Eisenbahn­arbeiter Phineas Gage, dessen Hirnschädel 1848 nach einer Explosion von einer 3 cm dicken Eisenstange aufgespießt wurde. Gage überlebte die Beschädigung seines medialen Frontallappens ohne intellektuelle Einbußen. Doch aus dem freundlichen und ausgeglichenen Gage soll ein impulsiver und unzuverlässiger Mensch geworden sein. Bei dem Marineinfanteristen und Architekturstudenten Charles Whitman, der 1966 insgesamt 16 Menschen erschoss und 32 weitere verletzte, bevor die Polizei ihn erschoss, wurde bei der Autopsie ein Glioblastom im rechten Temporallappen gefunden, das nach Ansicht der Hirnforscher seine Wesensänderung erklärt, über die er sich zuvor bei einem Arzt beklagt hatte.

Gage und Whitman sind nicht die einzigen Menschen, die nach einer Hirnverletzung zu einem kriminellen Verhalten neigten. Ein Team um Michael Fox vom Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston (BIDMC) fand in einer Literaturrecherche in PubMed insgesamt 40 Fälle, von denen 17 von den Autoren als eindeutig betrachtet wurden. Die Hirnläsionen befanden sich bei den 17 Patienten jedoch an den unter­schiedlichsten Stellen des Gehirns. Ein gemeinsamer Nenner, der den Wandel zum Kriminellen erklären könnte, war nicht zu erkennen.

Die BIDMC-Forscher haben jedoch ein Verfahren entwickelt, das sie als „Lesion Network Mapping“ bezeichnen. Es beruht auf der Untersuchung von 1.000 gesunden Menschen und beschreibt das Netzwerk, das die einzelnen Hirnzentren miteinander verknüpft. In früheren Untersuchungen hatten sie das „Lesion Network Mapping“ bereis auf Halluzinationen, unwillkürliche Bewegungen, Wahnvorstellungen und Bewusst­seinsverluste angewendet und nach eigener Auskunft wichtige Erkenntnisse über deren Pathogenese gewonnen.

Jetzt hat das Team die „Lesion Network Mapping“-Analyse bei den 17 Patienten durch­geführt, die – nach Einschätzung anderer Forscher – aufgrund einer Hirnschädigung kriminell geworden sind. Bei allen 17 Personen waren die Läsionen funktionell mit Regionen des Frontal- und Temporallappens verbunden, in denen der menschliche Verstand („exekutive Funktionen“) beheimatet ist und die für moralische Entschei­dungen zuständig sind. Weitere Verbindungen bestanden zum Nucleus accumbens, einem Teil des limbischen Systems, das das Gefühlsleben des Menschen bestimmt und über das Belohnungssystem das Verhalten steuern kann.

Störungen in dem „Lesion Network Mapping“ könnten nach Ansicht von Fox plausibel erklären, warum Menschen nach Hirnverletzungen auf die „schiefe Bahn“ geraten und zu kriminellem Verhalten neigen. Eine Bestätigung fanden die Forscher in der anschlie­ßenden Analyse von 23 Fällen, in denen sich die Autoren nicht ganz sicher gewesen waren, ob die Hirnverletzungen tatsächlich das kriminelle Verhalten ausgelöst haben.

Die retrospektive Analyse von insgesamt 40 Fällen, die die Forscher selbst nur aus der Literatur kennen, lässt sicherlich keine Rückschlüsse über den quantitativen Einfluss von Hirnläsionen auf die Kriminalität in der Gesellschaft zu. Fox betont selbst, dass Hirnläsionen allein Menschen vermutlich nicht zum Straftäter werden lassen.

Es sei jedoch bekannt, dass Menschen mit bestimmten Hirnerkrankungen häufiger kriminell werden. Am deutlichsten ist dies bei Patienten mit frontotemporaler Demenz, die nach anderen Untersuchungen zu 57 Prozent wegen krimineller Aktivität auffällig werden. Bei Frontallappen-Verletzungen beträgt der Anteil 14 Prozent. Eine Analyse schwedischer Register zeigt, dass 8,8 Prozent aller Menschen nach Hirnverletzungen mit dem Gesetz in Konflikt geraten, mehr als 3-mal soviel wie der Rest der schwedi­schen Bevölkerung (PLoS Med 8(12): e1001150).