Gesundheitsexperten erwarten tiefgreifenden Wandel durch Digitalisierung

In den nächsten zehn Jahren wird sich das deutsche Gesundheitssystem deutlich verändern. Davon gingen Experten auf der Haupt­ver­samm­lung des Hartmann­bundes am vergangenen Freitag in Berlin aus. „Wir werden es nicht schaffen, die Babyboomer in der jetzigen Struktur zu versorgen, wenn sie ins Rentenalter kommen“, sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR), Ferdinand Gerlach. Denn der ärztliche Nachwuchs werde nicht mehr so arbeiten wie vorangegangene Ärztegenerationen. Und auch die Finanzierungsgrundlage werde sich ändern. „Dann wird es wieder zu Kosten­dämpfungs­gesetzen kommen, die die heutigen Strukturen verändern werden“, meinte Gerlach.

Auch die Digitalisierung wird seiner Ansicht nach zu tiefgreifenden Veränderungen führen. „Irgendwann werden die Systeme so viele Daten generieren, dass es ein Kunstfehler sein wird, wenn man diese künstliche Intelligenz nicht einsetzt“, prognos­tizierte Gerlach. In den digitalen Patientenakten würden genetische Informationen gespeichert werden, Informationen über den Stoffwechsel, die Nierenfunktion. „Die persönlichen Daten werden mit den klinischen Daten verknüpft, und eine künstliche Intelligenz wird wie eine Rasterfahndung über diese Daten laufen und Abweichungen erkennen“, so Gerlach. Diese Entwicklung werde sich langfristig aber nur durchsetzen, wenn es auch einen Patientennutzen habe.

Gerlach: „Die Menschen werden Diagnostik-Apps nutzen“

Auch die Diagnostik ändere sich durch künstliche Intelligenz.  Gerlach nannte die Gesundheits-App „Ada“, die heute schon weltweit 1,5 Millionen Menschen nutzten, um online eine Diagnose zu erhalten. „In einem Kreuzberger Hinterhof arbeiten 100 Menschen, darunter 30 Mediziner, an dieser App“,  sagte der SVR-Vorsitzende. Mithilfe von Algorithmen enge die App über gezielte Nachfragen die wahrscheinliche Erkrankung der Benutzer immer weiter ein. Am Ende gebe es dann ein Ergebnis und eine Empfehlung. „Das Ergebnis könnte lauten: Neun von zehn Patienten haben bei den beschriebenen Symptomen diese oder jene Erkrankung“, sagte Gerlach. In manchen Fällen werde dem Benutzer dann empfohlen, einen Arzt aufzusuchen.

„Dieses System ist zu jeder Zeit nutzbar“, so Gerlach. „Man kann es in verschiedenen Sprachen verwenden. Und zurzeit ist es noch kostenlos.“ In dieser Technologie stecke ein enormes Potenzial, das sich in den kommenden Jahren noch weiterentwickeln werde. „Dann wird keiner von uns mehr in der Lage sein, eine entsprechende Vernetzungsleistung zu erbringen“, meinte Gerlach. „Und die Menschen nutzen dieses Angebot. Ob wir das nun wollen oder nicht.“

Augurzky: „Das ärztliche Berufsbild wird sich verändern“

Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs „Gesundheit“ beim RWI –Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, warnte vor dem Problem des Fachkräftemangels. „Ab 2024 wechseln die Babyboomer die Seiten. Dann werden innerhalb von kurzer Zeit eine Million Menschen vom Berufstätigen zum Rentner“, sagte er. Das werde nicht nur finanzielle Engpässe hervorrufen, sondern vor allem einen weiteren Mangel an Fach­kräften. „Darauf kann man auf dreierlei Weise reagieren: durch weniger Nachfrage, eine höhere Produktivität oder durch mehr Ressourcen“, meinte Augurzky. Im Ergebnis werde es eine Mischung aus diesen drei Punkten geben. „Ich glaube, wir werden es schaffen“, betonte er. „Denn Not macht erfinderisch.“

Augurzky zufolge wird sich auch das ärztliche Berufsbild in der Zukunft verändern. „Wir werden ganz andere Berufe haben als heute“, meinte er. Man werde sich fragen, wie Ärzte in ihrer Arbeit entlastet werden könnten, zum Beispiel von Pflegern oder Physician Assistants. Denn dann könne sich der Arzt auf seine Kernaufgaben fokus­sieren.