Studie: Teenager leiden unter Depressionen ihrer Väter

Depressionen können von den Eltern auf die Kinder übertragen werden. Nachdem frühere Studien nur den Einfluss der Mütter beleuchtet hatten, zeigt jetzt eine Untersuchung in Lancet Psychiatry (2017; doi: 10.1016/S2215-0366(17)30408-X), dass die psychische Konstitution des Vaters mittlerweile einen gleich großen Einfluss hat.

Die Rolle der Väter in der Familie hat sich verändert. Traten sie früher vor allem als Ernährer und gelegentliche Autoritätsperson in Erscheinung, die die längste Zeit des Tages außer Haus waren, so teilen sich heute in vielen Familien beide Elternteile die Erziehung. Damit ist der emotionale Einfluss des Vaters auf die Kinder gewachsen, im positiven wie im negativen Sinn.

Zu den möglichen negativen Einflüssen gehört eine Depression des Vaters. Gemma Lewis vom University College London und Mitarbeiter haben hierzu die Ergebnisse aus zwei Langzeitstudien ausgewertet. An der „Growing Up in Ireland“-Studie (GUI) hatten 6.070 Familien und an der „Millennium Cohort Study“-Studie (MCS) 7.768 Familien teilgenommen.

In beiden Studien waren die Eltern im Alter der Kinder von sieben Jahren (MSC) beziehungsweise neun Jahren (GUI) auf depressive Symptome untersucht worden. In der GUI-Studie wurde die Kurzform des „Center for Epidemiological Studies Depression Scale“-Fragebogens benutzt. In der MCS-Studie wurde die Eltern nach der „Kessler 6-item distress scale“ bewertet. Die herangewachsenen Kinder füllten im Alter von 13 oder 14 Jahren den „Short Mood and Feelings“-Fragebogen (SMFQ) aus.

Ergebnis: Beide Studien fanden eine enge Korrelation zwischen der Depression des Vaters und depressiven Neigungen der Kinder. Wie Lewis und Mitarbeiter berichten, war ein Anstieg der väterlichen depressiven Symptome um eine Standardabweichung in der GUI-Kohorte mit einem Anstieg des SMFQ um 0,24 Punkte und in der MCS-Kohorte um 0,18 Punkte verbunden. In beiden Studien gab es nach der Berück­sichtigung von Begleitfaktoren keinen Unterschied zwischen dem väterlichen und mütterlichen Einfluss.

Lewis rät den Psychiatern, bei der Behandlung von Teenagern mit Depressionen auch auf den Einfluss der Väter zu achten. Dies sei allerdings nicht einfach, da Männer noch immer weniger als Frauen bereit seien, ihre Depressionen behandeln zu lassen.

Depression oder bipolare Störung? EKG hilft bei der Differenzialdiagnose

Chicago – Die Analyse der Herzfrequenzvariabilität in einem 15-minütigen EKG hat in einer Studie im World Journal of Biological Psychiatry (2017; doi: 10.1080/15622975.2017.1376113) die Differenzialdiagnose zwischen der depressiven Phase einer bipolaren Störung und einer Major-Depression erleichtert.

Menschen mit bipolaren Störungen leiden während der längsten Zeit unter Depressionen. Die Behandlung erfolgt in der Regel mit Antidepressiva. Diese müssen jedoch mit Stimmungsstabilisatoren wie Lithium kombiniert werden, um die manischen Phasen abzuschwächen, in denen die Patienten unter anderem durch eine erhöhte Suizidalität gefährdet sind.

Es ist deshalb wichtig, zwischen den beiden Krankheiten zu unterscheiden. Klinisch ist dies in den depressiven Phasen der bipolaren Störungen kaum möglich. Die bipolare Störung geht allerdings mit einer Dysregulation des autonomen Nervensystems einher, die auch in der depressiven Phase anhält. Eine Folge ist eine verminderte Herzfre­quenzvariabilität. Sie zeigt sich beispielsweise darin, dass die feinen Unterschiede in der Herzfrequenz, zu denen es bei der Atmung kommt, geringer werden.

Die Herzfrequenzvariabilität kann mit modernen EKG-Geräten und einer speziellen Software bestimmt werden.

Ein Team um Angelos Halaris vom Loyola University Medical Center in Maywood bei Chicago hat die Herzfrequenzvariabilität bei 64 Erwachsenen mit Major-Depression und 37 Erwachsenen mit bipolarer Störung verglichen. Bei allen Patienten wurde nach einer Ruhephase von 15 Minuten ein 15-minütiges EKG aufgezeichnet und mit einer speziellen Software ausgewertet.

Ergebnis: Die Patienten mit bipolaren Störungen hatten eine signifikant verminderte Herzfrequenzvariabilität. Auch die respiratorische Sinusarrhythmie war abgeschwächt. Eine weitere Beobachtung war ein Anstieg der beiden Entzündungsparameter Inter­leukin 10 und MCP-1 (Monocyte Chemoattractant Protein-1) im Blut. Er weist auf eine mögliche entzündliche Komponente in der Pathogenese von bipolaren Störungen hin, deren Ursache bisher nicht geklärt ist.

Thalamus für das Lernen vielleicht wichtiger als gedacht

Der Thalamus könnte bei Lernvorgängen eine größere Rolle spielen als bislang angenommen. Das berichten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie in der Zeitschrift Nature Neuroscience (2017; doi: 10.1038/s41593-017-0021-0).

Der Kortex gilt bekanntlich als Sitz von Intelligenz und Bewusstsein. Vorgeschaltete Hirnregionen wie der Thalamus leiten Informationen von den Sinnesorganen an die entsprechenden Kortexregionen weiter und filtern die Signale gegebenenfalls. So steht es meist in den Lehrbüchern. Die Münchner Wissenschaftler vermuten nun, dass dieses Bild teilweise revidiert werden muss. Denn zumindest im Mausgehirn scheint der Thalamus eine deutlich aktivere Rolle bei Lernvorgängen im Bereich der Sehverarbei­tung zu spielen als angenommen.

Zellen im visuellen Kortex verbinden sich während der Entwicklung, um visuelle Umweltreize bestmöglich zu verarbeiten. Dabei kann es vorkommen, dass sich die Signale aus einem Auge nicht mit denen des anderen Auges decken, zum Beispiel bei schielenden Kindern. Die daraus entstehende Sehschwäche kann jedoch bekanntlich oft durch das zeitweise Abdecken des dominanten Auges korrigiert werden. Diese gut untersuchten Vorgänge im visuellen Kortex gelten seit vielen Jahren als Modell für die Untersuchung von Lernmechanismen in der Großhirnrinde am Beispiel der Maus.

Die Wissenschaftler aus der Abteilung von Tobias Bonhoeffer setzten diese Versuchs­anordnung an, aber sie untersuchten während eines temporären Augenverschlusses die Aktivität von Thalamus-Nervenzellen im Maushirn. Sie entdeckten, dass diese Zellen die Informationen aus den Augen nicht einfach an den Kortex weitergaben, sondern ihre Signale in Reaktion auf den Augenverschluss durch Stärkung ihrer Verbindungen veränderten.

„Das war vollkommen unerwartet, denn seit über 50 Jahren gilt, dass der Thalamus nur weiterleitet und nicht aktiv an Lernvorgängen beteiligt ist“, berichtet der Erstautor der Studie, Tobias Rose. Frühere Untersuchungen auf diesem Gebiet hatten laut der Arbeitsgruppe keine Veränderungen im Thalamus gezeigt. „Vielleicht verhält sich der Thalamus der Maus anders als der der damals untersuchten Säugetiere, oder die Methoden waren einfach noch nicht empfindlich und präzise genug“, so Rose.

Durch eine Reihe weiterer Untersuchungen konnten die Wissenschaftler zeigen, dass es unwahrscheinlich ist, dass die beobachteten Änderungen erst durch Rückmeldung aus dem Kortex in den Thalamuszellen entstehen. „Wir wissen anscheinend weniger als gedacht und müssen die Rolle des Thalamus bei Lernvorgängen im Gehirn nun neu überdenken“, so Bonhoeffers Fazit.

Gesundheitsexperten erwarten tiefgreifenden Wandel durch Digitalisierung

In den nächsten zehn Jahren wird sich das deutsche Gesundheitssystem deutlich verändern. Davon gingen Experten auf der Haupt­ver­samm­lung des Hartmann­bundes am vergangenen Freitag in Berlin aus. „Wir werden es nicht schaffen, die Babyboomer in der jetzigen Struktur zu versorgen, wenn sie ins Rentenalter kommen“, sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR), Ferdinand Gerlach. Denn der ärztliche Nachwuchs werde nicht mehr so arbeiten wie vorangegangene Ärztegenerationen. Und auch die Finanzierungsgrundlage werde sich ändern. „Dann wird es wieder zu Kosten­dämpfungs­gesetzen kommen, die die heutigen Strukturen verändern werden“, meinte Gerlach.

Auch die Digitalisierung wird seiner Ansicht nach zu tiefgreifenden Veränderungen führen. „Irgendwann werden die Systeme so viele Daten generieren, dass es ein Kunstfehler sein wird, wenn man diese künstliche Intelligenz nicht einsetzt“, prognos­tizierte Gerlach. In den digitalen Patientenakten würden genetische Informationen gespeichert werden, Informationen über den Stoffwechsel, die Nierenfunktion. „Die persönlichen Daten werden mit den klinischen Daten verknüpft, und eine künstliche Intelligenz wird wie eine Rasterfahndung über diese Daten laufen und Abweichungen erkennen“, so Gerlach. Diese Entwicklung werde sich langfristig aber nur durchsetzen, wenn es auch einen Patientennutzen habe.

Gerlach: „Die Menschen werden Diagnostik-Apps nutzen“

Auch die Diagnostik ändere sich durch künstliche Intelligenz.  Gerlach nannte die Gesundheits-App „Ada“, die heute schon weltweit 1,5 Millionen Menschen nutzten, um online eine Diagnose zu erhalten. „In einem Kreuzberger Hinterhof arbeiten 100 Menschen, darunter 30 Mediziner, an dieser App“,  sagte der SVR-Vorsitzende. Mithilfe von Algorithmen enge die App über gezielte Nachfragen die wahrscheinliche Erkrankung der Benutzer immer weiter ein. Am Ende gebe es dann ein Ergebnis und eine Empfehlung. „Das Ergebnis könnte lauten: Neun von zehn Patienten haben bei den beschriebenen Symptomen diese oder jene Erkrankung“, sagte Gerlach. In manchen Fällen werde dem Benutzer dann empfohlen, einen Arzt aufzusuchen.

„Dieses System ist zu jeder Zeit nutzbar“, so Gerlach. „Man kann es in verschiedenen Sprachen verwenden. Und zurzeit ist es noch kostenlos.“ In dieser Technologie stecke ein enormes Potenzial, das sich in den kommenden Jahren noch weiterentwickeln werde. „Dann wird keiner von uns mehr in der Lage sein, eine entsprechende Vernetzungsleistung zu erbringen“, meinte Gerlach. „Und die Menschen nutzen dieses Angebot. Ob wir das nun wollen oder nicht.“

Augurzky: „Das ärztliche Berufsbild wird sich verändern“

Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs „Gesundheit“ beim RWI –Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, warnte vor dem Problem des Fachkräftemangels. „Ab 2024 wechseln die Babyboomer die Seiten. Dann werden innerhalb von kurzer Zeit eine Million Menschen vom Berufstätigen zum Rentner“, sagte er. Das werde nicht nur finanzielle Engpässe hervorrufen, sondern vor allem einen weiteren Mangel an Fach­kräften. „Darauf kann man auf dreierlei Weise reagieren: durch weniger Nachfrage, eine höhere Produktivität oder durch mehr Ressourcen“, meinte Augurzky. Im Ergebnis werde es eine Mischung aus diesen drei Punkten geben. „Ich glaube, wir werden es schaffen“, betonte er. „Denn Not macht erfinderisch.“

Augurzky zufolge wird sich auch das ärztliche Berufsbild in der Zukunft verändern. „Wir werden ganz andere Berufe haben als heute“, meinte er. Man werde sich fragen, wie Ärzte in ihrer Arbeit entlastet werden könnten, zum Beispiel von Pflegern oder Physician Assistants. Denn dann könne sich der Arzt auf seine Kernaufgaben fokus­sieren.