Behandlung der Unipolaren Depression in Deutschland: eine Bestandsaufnahme

Konstant steigende Patientenzahlen – wem wird eigentlich wie geholfen?

Die aktuellen Zahlen zu Patienten mit Unipolarer Depression sind besorgniserregend. Zwischen 2005 und 2013 hat sich die Zahl der Krankenhausaufenthalte um 37 Prozent erhöht. Da tut sich natürlich die Frage der langfristigen Wirksamkeit der angebotenen Therapien auf.

Ungefähr 260.000 werden jedes Jahr wegen depressiver Erkrankungen vollstationär behandelt, dabei liegen die Kosten jährlich bei rund 2 Milliarden Euro. Deutschlandweit gibt es über 60 psychiatrisch-psychotherapeutischer Fachklinken mit Depressionsstationen. Im State of the Art-Symposium „Unipolare Depression“ auf dem World Congress of Psychiatry führte Max Schmauß durch den aktuellen Stand Pharmakotherapie der unipolaren Depression. Mathias Berger wiederum beleuchtete die Psychotherapie in der Depressionsbehandlung.

Antidepressiva – keine nennenswerte Entwicklung seit den 1960ern

Aktuell sind ganze 28 Subtanzen als Antidepressiva für die Behandlung von Personen von leichter über mittelgradige bis hin zu schwerer Depression zugelassen. Es sei allerdings ernüchternd, so Schmauß, dass trotz einer Vielzahl an Antidepressiva seit fast 60 Jahren kein nennenswerter Fortschritt erzielt werden konnte, weder bei den Response- und den Remissions-Raten noch bei der Wirklatenz. Vorwiegend gab es Entwicklungen in der Eindämmung der Nebenwirkungen.

In punkto Suizidalität gelten die 18-25-Jährigen als Risikogruppe. Hier sind Suizidhandlungen in der Anfangsphase nicht auszuschließen. Die Ursachen sind, dass nach der Ersteinnahme von Antidepressiva oft eine „Jitterness“ auftritt, also eine starke innere Unruhe, ein Gefühl als hätte man acht Tassen Kaffee getrunken. Die Antriebssteigerung bezieht sich dann oft eher auf die depressiven Gedanken, als dass die Stimmung verbessert wird. Es sollte also bei diesen Patienten darauf geachtet werden, die Medikation „schleichend“ zu verabreichen, also sich im Verlauf der Behandlung steigernd und bei nicht mehr als einer Gabe pro Tag. Je älter der Patient ist, desto geringer ist generell das Risiko der Suizidalität.

Ketamin scheint nun einen neuen Ansatz zu bieten. Aktuell wird der aus der Partyszene bekannte Tranquilizer stationär mit Infusionen verabreicht. Ketamin bewirkt eine sogenannte dissoziative Anästhesie. Ketamin bindet sich an eine spezifische Glutamatrezeptorart, dem NMDA-Rezeptor und blockiert dabei den Wirkmechanismus dieses Rezeptors. Dadurch verharren Nervenzellen in einem inaktiven Zustand, sodass Schmerzen nicht mehr weitergeleitet und auch nicht mehr wahrgenommen werden. Obwohl das Anästhetikum seit 40 Jahren verfügbar ist, ist es nun in aller Munde. Das Problem mit Ketamin ist, dass es zwar schnell wirkt, aber nicht lang anhält. Nach einigen Tagen lässt der antidepressive Effekt bereits nach. Bald soll die Substanz aber auch per Nasenspray verfügbar sein.

Psychotherapie – nachweislich effektiver, aber kostenintensiver

Die Leitlinien besagen, dass bei einer mittel- bis schwerwiegenden Depression Psychotherapie in der Kombination mit Antidepressiva erfolgen soll. Generell gilt die Psychotherapie als nachhaltiger als die Therapie mit Medikamenten. Das liegt vor allem daran, dass den Patienten „Werkzeuge“ an die Hand gelegt werden sollen, die sie langfristig auch selbstständig nutzen können. Da die Psychotherapie jedoch mit hohen Kosten verbunden ist, sollte sich der Aufwand in den Resultaten widerspiegeln. Studien belegen, dass die Behandlung allein mit Psychotherapie im Vergleich zur Behandlung mit Antidepressiva nach 3-12 Monaten einen gewaltigen Unterscheid macht. Allerdings muss dazu gesagt werden, dass die kombinierte Behandlung fast an die positiven Zahlen der Psychotherapie herankommt.

Obwohl die Verweildauer von Patienten mit einer Unipolaren Depression in Kliniken durchschnittlich 53 Tage beträgt, erhalten nur 20 Prozent der Patienten eine Psychotherapie. Das liegt vor allem an der Psych-Personalverordnung, die 70 Minuten pro Woche pro Patient vorschreibt. In der Zeit ist es allerdings unmöglich, eine effektive Psychotherapie vorzunehmen. Die 20 Prozent der mit Psychotherapie behandelten Patienten kommen wahrscheinlich aus Kliniken mit Psychischen Institutsambulanzen (PIAs), in denen Ärzte in der Ausbildung die Zeit dafür haben. „Man zwingt uns zum Kunstfehler“, klagt Berger, denn für eine effektive Psychotherapie sind mindestens 20 Stunden pro Woche pro Patient notwendig. Ein weiteres Problem scheint auch die eigentliche Ausbildung zu sein: Wie und wo können sich Psychiater und Therapeuten über die neuesten Therapieansätze weiterbilden? Unterstützung gibt es hier seit kurzem im Internet.

Psychotherapie via Webseminar – neue Modelle im Internet

Obwohl es im Bereich der Antidepressiva fast nichts Neues zu berichten gibt, tut sich bei der Psychotherapie einiges. Nimmt man zum Beispiel die Angebote der Freiburger Fortbildungsakademie für Psychotherapie. Sie bietet einen guten neuen Ansatz, um möglichst viel Personal kosteneffektiv zu schulen. Über Online-Webinare werden zum Beispiel Problemlösetrainings für die Primärversorgung angeboten. Das ist nicht nur modern, sondern auch effektiv. Der „Problemsolving“-Therapieansatz ist besonders für Klinken relevant, da er in wenigen Stunden zu Ende zu bringen ist. In sechs Sitzungen wird über ein systematisches Vorgehen die Lösung eines Problems gesucht. Dabei wird Selbstvertrauen vermittelt, durch die Erkenntnis wieder ein Problem lösen zu können.

Da 75 Prozent aller Depressionsfälle von Hausärzten behandelt werden, sollte man sich auch um diese kümmern. Hausärzte sowie Internisten, Allgemeinmediziner und Gynäkologen sollten auf die Behandlung von Patienten mit Depressionen ausreichend geschult werden. Denn Nervenärzten und Psychotherapeuten können die Vielzahl der Fälle nicht behandeln, wodurch es zu einer Unterversorgung in diesem Bereich kommt. Gerade die Problemlösungsschulung wäre hier relevant, da Patienten in wenigen Stunden schon geholfen werden kann. Doch es gibt Probleme in der Finanzierung dieser „Extra-Leistung“ über die Kassen. Allerdings bieten Neuheiten wie Selektivverträge der Krankenkassen hier Incentives für (Haus-)Ärzte, Patienten innerhalb einer Woche einen Termin zu geben und innerhalb eines Monats die Behandlung zu starten.

Fazit

Die Patienten werden den Ärzten und Therapeuten in den kommenden Jahren auf jeden Fall nicht wegbrechen. Nun liegt es auch an der Politik, für eine Situation zu sorgen, in der alle Patienten adäquat und vor allem langfristig behandelt werden können. Dabei ist es unabdingbar, die teilweise absurden Wartezeiten von bis zu fünf Monaten auf einen Therapieplatz für Patienten mit Depressionen zu verkürzen.

Referenz:
Symposium „Unipolare Depression“, World Congress of Psychiatry, 12.10.2017, 13:30-15:00, Hall A8; Messe Berlin.

Neue Metaanalysen kratzen am Selbstverständnis der Psychotherapeuten:

Ist das psychotherapeutische Verfahren irrelevant für die Wirksamkeit? Haben Medikamente einen stärkeren Effekt bei Angststörungen?

Wissenschaftlich betrachtet erlebt die Psychotherapie mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen gerade spannende Zeiten. In mehreren Symposien des Weltkongresses der Psychiatrie, der in diesem Jahr in Berlin ausgetragen wurde, ging es um ihren Stellenwert und um Wirksamkeitsvergleiche. So auch beim State-of-the-Art-Symposium zu Angststörungen, bei dem sich Prof. Jürgen Hoyer von der Technischen Universität Dresden mit der Psychotherapie und ihren Wirkmechanismen auseinandersetzte.

Ist die Medikation der Psychotherapie überlegen?

Die internationale Literatur zu Angst und kausaler Mediation ist dünn gesät. Bei seiner Recherche im Web of Science stieß Hoyer nur auf 18 Einträge. Allerdings gibt es einige rezente Publikationen, die in Fachkreisen für Furore sorgen. Ist etwa die Psychotherapie bei Angststörungen weniger wirksam als die Pharmakotherapie? Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2015 mit Studiendaten von über 37.000 Patienten ermittelte als Prä-Post-Effektstärken für die Pharmakotherapie 2,02 und für die Psychotherapie 1,22. „Ich dachte eigentlich, die Psychotherapie sei der Mercedes unter den Behandlungsverfahren“, kommentierte Hoyer dieses Ergebnis.

Anschließend rückte er die vermeintliche Überlegenheit der Medikamente zurecht: Einerseits ist der Vergleich von Prä-Post-Effektstärken in Metaanalysen methodisch nicht zuverlässig. Andererseits sind es gerade die als höchst problematisch zu bewertenden Benzodiazepine, die zu einer hohen pharmakologischen Effektstärke beitragen. Interessant ist auch die Tatsache, dass die Effektstärke (ES) von Placebo-Pillen in den letzten Jahren gestiegen ist. Den Grund dafür sieht Hoyer im verbesserten Studienmanagement, bei dem vermehrtes Kümmern auch zu einem stärkeren Placebo-Effekt führt. Zieht man die Placebo-ES von der Medikations-ES ab, landet Letztere bei < 1.

In der Praxis punkten die Medikamente allerdings mit ihrer überragenden Verfügbarkeit. Das sieht bei der Psychotherapie viel schwieriger aus, weshalb Hoyer in diesem Zusammenhang auf das Potenzial internetbasierter Interventionen verwies. Psychopharmaka sollten allerdings nur kurzfristig gegeben werden und nur, wenn es die Schwere der Erkrankung tatsächlich erfordert. Offen bleibt bisher die Frage, unter welchen Voraussetzungen eine vorausgehende Pharmakotherapie die langfristig meist indizierte Psychotherapie jeweils fördert oder behindert.

Ein „Knüller“: Psychotherapie wirkt unabhängig vom Verfahren

„Jetzt ein Knüller“ – mit diesen Worten leitete Hoyer zur nächsten Fragestellung über, die das Selbstbild der Psychotherapeuten tangiert:  Ist das psychotherapeutische Verfahren bei Angststörungen irrelevant? In einer ganz aktuellen Metaanalyse mit 23 randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) zeigte sich bei insgesamt 2.751 Patienten verfahrensunabhängig überall die gleiche Effektstärke. Ein direkter Vergleich von psychodynamischer Psychotherapie (PDT) versus kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) wurde allerdings nur in vier Studien vorgenommen.

Hoyer gab auch zu bedenken, dass hier manualisierte Formen von psychodynamischer Psychotherapie am Start waren, die in der Praxis noch nicht verbreitet sind und auch zu neuem Verhalten (Exposition) ermuntern – also eine Überlappung zwischen den eher existenzialistisch und den eher mechanistisch orientierten Konzepten.

Im Unterschied zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie mit ihrem „Leuchtturm-Problem“ ist die Verhaltenstherapie flächendeckend und weltweit verbreitet. Eine aktuelle Studie belegt zudem, dass die Wirksamkeit der KVT in der Routineversorgung keineswegs schlechter ist als in der kontrollierten Welt der universitären RCTs.

„Insbesondere die KVT bleibt Methode der Wahl“

Das Fazit Hoyers zum „Update Wirksamkeit“ lautete: Die Psychotherapie, insbesondere die KVT, bleibt die Methode der Wahl bei Angststörungen. Nach Auffassung des Experten sollten zukünftige Psychotherapie-Studien nicht nur gegen Wartekontrollgruppen testen. Außerdem sollten sie stärker Wirkprofile von Therapien vergleichen und nicht nur die Symptomreduktion als Outcome berücksichtigen.

Bei Angststörungen sind komplexe Prozesse betroffen. Mit einem klar definierbaren Defekt fehlt auch ein klar bestimmbarer „Heil-Mechanismus“. Eine mögliche Beliebigkeit, die daraus resultiert, lässt immerhin Raum für Therapeuten-Präferenzen, so Hoyer. Ungeachtet der Logik des Vorgehens ist die Entfaltung von Überzeugungskraft von entscheidender Bedeutung, um positive Bewältigungserfahrungen und damit assoziierte Prozesse beim Patienten, wie Veränderungswillen und Selbstkontrolle, zu ermöglichen.

Wie sieht es nun bei den neuen Applikationsformen der Psychotherapie aus, sprich bei E-Mental-Health?  Hier gibt es die internetbasierte Psychotherapie bzw. Internet-Therapie als Alternative zur schwerer zugänglichen Face-to-Face-Therapie. Bei den sogenannten Serious Games handelt es sich um „Computerspiele mit expliziter und sorgsam bedachter Bildungsabsicht“. Unter Virtual Reality Exposure wiederum versteht man die Exposition des Patienten gegenüber angstbesetzten, virtuellen Stimuli in einer computergenerierten virtuellen Umwelt.

Praxis-Methode der Zukunft: „blended therapy“

„Anxiety: There is an app for that.“ Diesen Titel trägt ein kürzlich publizierter systematischer Review. Aus 5.078 kommerziell verfügbaren Apps wurden 52 ausgewählt und analysiert. Bei über der Hälfte von ihnen liegt der Fokus auf Ängsten im Allgemeinen. Implementierte Interventionsansätze beruhen zu einem Drittel auf der KVT, bei den übrigen zwei Dritteln gibt es dazu keine Angabe. Die verwendeten Techniken decken eine große Bandbreite ab, sind aber nicht in ein therapeutisches Rationale integriert. Bei mehr als der Hälfte der mobilen Angebote fehlen Angaben zur psychologischen Ausbildung der Entwickler, nur in zwei Fällen gibt es Informationen zur empirischen Evidenz. Richtlinien zur Erstellung von Apps für die psychische Gesundheitsfürsorge und eine evidenzbasierte Überprüfung fehlen bisher.

Die Internet-Therapie hat sich bei sozialer Angststörung bereits als sehr erfolgreich erwiesen. Sie könnte das Verfügbarkeitsproblem von Psychotherapie nach Ansicht Hoyers erheblich mildern. Der Verhaltenstherapeut vermutet, dass in der Praxis „blended therapy“, also die Kombination aus Face-to-Face- und internetbasierten Angeboten, von Therapeuten und Patienten am besten angenommen werden wird. Andere neue Applikationsformen erscheinen ihm bei sozialer Angststörung dagegen weniger aussichtsreich.

Referenz: Hoyer J. Update Psychotherapie und Wirkmechanismen. Angststörungen – State-of-the-Art-Symposium. WPA XVII World Congress Of Psychiatry 2017. Berlin, 11.Oktober 2017.

Internetbasierte Akzeptanz- und Commitment-Therapie reduziert Schmerzen

Chronische Schmerzen akzeptieren – das lernen Patienten bei einer onlinebasierten Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT). Der Ansatz kann Schmerzen reduzieren und führt gleichzeitig zu einer höheren Schmerzakzeptanz, vor allem, wenn das digitale Programm durch Psychologen begleitet wird. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Universitäten Freiburg und Erlangen-Nürnberg in einer Studie (ACTonPain), die im Deutschen Ärzteblatt erschienen ist (Dtsch Arztebl Int 2017; 114 (41): 681-8).

Aufbau ACTonPain

  • sieben Module (eins pro Woche) mit interaktiven Übungen, Videos und Audios basierend auf einer Plattform von Minddistrict.com
  • ein Modul nimmt etwa 60 Minuten in Anspruch
  • bei der bgleiteten Version geben Psychologen Rückmeldung per Mail innerhalb von zwei Arbeitstagen

Bei ACTonPain untersuchten die Studienautoren erstmals die Wirkung einer onlinebasierten ACT mit und ohne Begleitung. Schmerzintensität, emo­tionale Funktionalität, Lebensqualität und Zufriedenheit nach neun Wochen und sechs Monaten verglichen sie mit einer Wartelisten-Kontrollgruppe. In der begleiteten ACTonPain-Version gaben Psychologen (eCoaches) unter Super­vision eines erfahrenen psychologischen Psychotherapeuten ihren Patienten personalisierte und standardisierte Rückmeldungen per Mail. Pro Teil­nehmer nahm die Begleitung durchschnittlich 105 Minuten in Anspruch. Der Inhalt der sieben Module wurde in einer Studie beschrieben, die 2014 in Internet Interventions erschienen ist (siehe 2.7 Intervention content).

Nach einem halben Jahr war fast die Hälfte der ursprünglich 302 Teilnehmer aus der Studie ausgeschieden. 43 Schmerzpatienten verblieben in der ACTonPain-begleiteten Gruppe, 30 in der ACTonPain-unbegleiteten und 71 in der Kontroll-Gruppe.

eCoach verhilft zu weniger Schmerzen

Im Vergleich zu Kontrollgruppe klagten die Patienten der begleiteten ACTonPain-Gruppe nach neun Wochen und auch noch nach sechs Monaten über eine deutlich geringere Schmerzbeeinträchtigung (number needed to treat: 3,14). Auch die unbegleitete ACTonPain-Gruppe profitierte im Vergleich zur Kontrollgruppe.

Zwar zeigten sich zwischen den beiden ACT-Gruppen keine signifikanten Unterschiede in der Wirksamkeit. Mithilfe der eCoaches bearbeiteten die Teilnehmer aber mehr der sieben Module und brachen die Therapie seltener ab (40 versus 61 Prozent). Sie wiesen nach sechs Monaten deutlich weniger Depressionen auf. Der entscheidende primäre Endpunkt (Schmerzbeeinträchtigung) wich bei der unbegleiteten Gruppe jedoch nicht signifikant von der Kontrollgruppe ab (p = 0,09).

Ob mit oder ohne elektronischen Ansprechpartner, zeigten sich beide Gruppe gleichermaßen zufrieden. Mehr als 80 Prozent der Interventionsgruppe würde das Therapieprinzip einem Freund weiterempfehlen. Eine Implementierung von ACTonPain mit psychologischer Begleitung in das Gesundheitssystem halten die Autoren daher für sinnvoll. Das könne dazu beitragen, Wartezeiten zu verkürzen und den Zugang zur Schmerzbehandlung zu verbessern.

Psychologische Behandlungen, wie die Akzeptanz- und Commitment-Therapie stellen mittlerweile ein Kernelement innerhalb der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) dar. Dabei lernen die Patienten, unangenehme und unveränderbare Empfindungen wie Schmerzen anzunehmen. Ein wertorientiertes Leben steht im Fokus. Studien weisen darauf hin, dass ACT gleichermaßen wirkt wie KVT (unter anderem Cognitive Behaviour Therapy 2016).

Neuroinformatiker simulieren menschliche Wahrnehmungen und Kognition

Mit Hilfe ihres Roboters „NinjaTurtle“ und speziellen Algorithmen, die der menschlichen Wahrnehmung und Kognition nachempfunden sind, wollen Ulmer Wissenschaftler die Verarbeitung von visuellen und auditiven Sensordaten sicherer, schneller und effizienter machen. Das Projekt ist Teil des Neurorobotik-Programms der Baden-Württemberg-Stiftung und wird mit 500.000 Euro unterstützt.

„Das menschliche Gehirn gehört zu den effektivsten Datenverarbeitungssystemen überhaupt. Vor allem bei der Auswertung von Sinneseindrücken arbeiten natürliche Nervensysteme hocheffektiv und sind vielen technischen Systemen überlegen“, erklärte der stellvertretende Leiter des Instituts für Neuroinformatik, Heiko Neumann.

Neuro-morpher Algorithmen im Mittelpunkt

Mit ihrem Projekt wollen die Wissenschaftler neurobiologische Funktionen des Gehirns auf robotische und informationstechnische Systeme übertragen. Im Mittelpunkt steht dabei die Entwicklung neuro-morpher Algorithmen, die sich in ihrer Struktur und Arbeitsweise am menschlichen Gehirn orientieren. Ausgangspunkt ist die Frage, wie visuelle und auditive Sensorströme verarbeitet, fusioniert und technisch genutzt werden können, beispielsweise für die räumliche Orientierung und Navigation.

„Aus all den Informationen, die auf uns einströmen, wählt das Gehirn nur diejenigen aus, die überlebensrelevant sind und in der jeweiligen Situation einen Sinn ergeben“, sagte Marc Ernst, Leiter der Abteilung für angewandte Kognitionspsychologie des Institutes. Ein Beispiel sei der Hörvorgang: Hierfür kombiniere das Gehirn sensorische Signale mit Erwartungen aus unterschiedlichen Erfahrungskontexten und verrechne die Informationen zu einem multisensorischen Gesamteindruck.

„Die Integration dieser sensorischen Datenströme ist eine Meisterleistung des Gehirns. Wenn wir verstanden haben, wie das genau funktioniert, können wir versuchen, diese Funktionsweisen auf technische Systeme zur Sensordatenverarbeitung zu übertragen“, fassen die Ulmer Forscher ihr wissenschaftliches Anliegen zusammen.

Um die Algorithmen zu realisieren, kommen besondere Rechnerarchitekturen zum Einsatz. Bei dieser gehirninspirierten Hardware sind Prozessor und Speicher nicht getrennt, wie dies bei herkömmlichen Computer der Fall ist. Vielmehr arbeiten diese vereint wie Neuronen und ihre synaptischen Verbindungen im Gehirn.

Rund eine Million Erwachsene in Bayern leiden unter Depressionen

Zu einem offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen hat Bayerns Ge­sund­heits­mi­nis­terin Melanie Huml (CSU) aufgerufen. „Wer sich ein Bein bricht, geht zum Arzt. Das sollte auch bei einer Depression selbstverständlich sein“, sagte die Ministerin anlässlich des heutigen internationalen Tages der seelischen Gesundheit. Das Ministerium stellte jetzt auch einen „Bericht zur psychischen Gesundheit von Erwachsenen in Bayern, Schwerpunkt Depression“ vor.

Demnach sind im Freistaat derzeit rund eine Millionen Erwachsene von depressiven Störungen betroffen. Im Hinblick auf die diagnostizierten Depressionen sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Bayern laut Bericht deutlicher ausgeprägt als deutschlandweit: Bayerische Frauen haben mit 10,6 Prozent eine höhere Zwölf-Monats-Prävalenz und bayerische Männer mit 5,7 Prozent eine etwas niedrigere Zwölf-Monats-Prävalenz als im Bundesdurchschnitt (Frauen: 9,8 Prozent, Männer: 6,1 Prozent, Seite 32 des Berichtes).

Laut dem Bayerischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium geht es in der Zukunft vor allem darum, intensiver über Hilfen zu informieren, die Datenlage zu verbessern und die leitlinien­gerechte Versorgung auszubauen. „Das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege wird dazu Expertise aus den Fachgesellschaften einholen, zum Beispiel, was die Weiterentwicklung der hausärztlichen Rolle und der psychotherapeutischen Versorgung angeht“, heißt es in dem Report.

Allerdings gebe es für gesetzlich Versicherte mit psychischen Störungen derzeit in ganz Bayern keine Versorgungslücken im Sinne der Bedarfsplanungsrichtlinie, so die Autoren des Berichtes. Wichtig sei außerdem, den Versorgungsbedarf im Alter genauer zu erfassen, Betriebe zu sensibilisieren und für die Prävention zu gewinnen sowie die Versorgung für Migranten bedarfsgerecht weiterzuentwickeln.

Die Forschung in Deutschland zu intensivieren, fordert unterdessen die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). „In Deutschland haben sich leistungsfähige Forschungsnetzwerke gebildet, die durch den Bund gefördert werden.

Das Problem dabei: Mit Auslaufen der Förderung verschwinden die durch die Netzwerke erarbeiteten Kompetenzen und Strukturen wieder und müssen bei einer neuen Förderung erst mühsam wieder aufgebaut werden“, kritisiert die Fach­gesellschaft. Sie fordert daher, im Rahmen der Deutschen Zentren für Gesund­heitsforschung auch ein Deutsches Zentrum für psychische Erkrankungen (DZP) einzurichten.

App soll Psychiatern und Psychotherapeuten klinischen Alltag erleichtern

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) hat eine Anwendung für Smartphones und Tablets herausgebracht. Sie richtet sich an Psychiater, Psychotherapeuten sowie Haus- und Fachärzte. Auch Studierende können die App nutzen, um sich mit dem Fach Psychiatrie und Psychotherapie vertraut zu machen. Die kostenlose Anwendung funktioniert unabhängig von einem Internetzugang.

Neben einem umfangreichen Wissensteil zu psychischen Störungen, der Diagnostik und Therapie und den Empfehlungen aus den aktuellen Leitlinien enthält die App ein kompaktes Nachschlagewerk für Notfallsituationen in der Versorgung psychisch erkrankter Menschen. Der integrierte Teilhabekompass der DGPPN bietet zudem eine Übersicht zu allen beruflichen Integrationsmaßnahmen. Kurze Wissenstests und Extras wie BMI-Kalkulator oder Promillerechner ergänzen das Angebot.

„Mit der App ist nun praktisches Expertenwissen gebündelt und immer zugänglich“, sagte Isabella Schneider, die die App federführend entwickelt hat. Das erleichtere nicht nur Psychiatern den Alltag enorm, sondern unterstütze auch andere Berufsgruppen, die mit der Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen betraut sind. „Wir erweitern die Anwendung nun sukzessive und geben Fachkräften damit ein neues Standardwerkzeug an die Hand“, so Schneider.

Angst wirkt sich auf das Immunsystem aus

Stress und Angst gehen mit epigenetischen Veränderungen einher, die nicht nur das Gehirn, sondern auch das Immunsystem beeinflussen. Das berichten Forscher des Helmholtz Zentrums München und des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in der Zeitschrift Neuropsychopharmacology (doi: 10.1038/npp.2017.102). Die Wissenschaftler sind dem Zusammenhang nachgegangen, indem sie Daten aus breiten Bevölkerungsgruppen mit denen von Patienten verglichen. So konnten sie ihre Ergebnisse im klinischen Umfeld replizieren. Zusätzlich überprüften sie ihre Erkenntnisse im Tiermodell.

Zunächst werteten sie Daten der KORA F4-Studie an 1.522 Erwachsenen im Alter von 32 bis 72 Jahren aus. Die Studienteilnehmer stammten aus Augsburg und den beiden angrenzenden Landkreisen. Die Forscher entnahmen zufällig ausgewählten Personen mit und ohne Angststörung Blutproben. Bei Personen, die unter Angstsymptomen litten, stellten die Wissenschaftler eine Zunahme der DNA-Methylierung des Gens ASB1 um fast 50 Prozent fest.

Die DNA Methylierung ist ein Teil der Epigenetik, ein wichtiger Vermittler zwischen Genen und Umwelt. Das ASB1-Gen kann die Bildung von Zellen in verschiedenen Geweben anstoßen, auch in Blut und Gehirn – es spielt nicht nur im Nervensystem, sondern auch im Immunsystem eine wichtige Rolle. Die Populations-basierten Ergeb­nisse legten also epigenetische Effekte zur Regulierung des stressempfindlichen ASB1-Gens bei schwerer Angst nahe.

Die Wissenschaftler untersuchten den Zusammenhang im Folgenden an Patienten mit Angststörungen am MPI Psychiatrie: Auch im klinischen Umfeld zeigte sich die verän­derte Regulierung von Stress und Angst durch das ASB1-Gen.

Diese Ergebnisse übertrugen die Forscher zurück in ein Tiermodell der Angst. Auch bei Mäusen konnte sie die Bedeutung des ASB1-Gens für die Regulation von Stress und Angst nachweisen. „Dies könnte einen wichtigen Ansatzpunkt für die Weiterent­wick­lung von Diagnose, Therapie und Prävention dieser häufigen psychischen Erkrankung sein“, hoffen die Wissenschaftler.

Vernachlässigung und psychische Misshandlung von Kindern häufig

Die Jugendämter haben im vergangenen Jahr deutlich häufiger eine Gefährdung des Kindeswohls prüfen müssen. Vernachlässigung und psychische Misshandlung von Kindern waren am häufigsten. Das hat das Statistische Bundesamt (Destatis) mitgeteilt.

Demnach wuchs die Zahl der Verfahren im Vergleich zum Vorjahr um 5,7 Prozent auf 136.900. Auch die Zahl der am Ende tatsächlich als Gefährdung des Kindeswohls eingestuften Fälle stieg. 21.600 Mal wurde eindeutig eine akute Kindeswohl­gefährdung festgestellt. Das ist ein Plus von 3,7 Prozent. In 24.200 Fällen konnte eine Gefährdung nicht ausgeschlossen werden (+ 0,1 Prozent). 46.600 Mal (+ acht Prozent) sahen die Jugendämter zwar keine Gefährdung, dafür aber weiteren Hilfe- und Unterstützungsbedarf. In 44.500 vielen Fällen machten die Ämter weder Gefährdung noch Hilfebedarf (+ 7,8 Prozent) aus.

Viele Kinder unter drei Jahren betroffen

Die meisten der rund 45.800 Kinder in einer akuten oder latenten Gefährdungslage wiesen Anzeichen von Vernachlässigung auf (61,1 Prozent). In 28,4 Prozent der Fälle seien Anzeichen für psychische Misshandlungen festgestellt worden, bei 25,7 Prozent und damit ebenfalls mehr als 11.000 Kindern auch Anzeichen für körperliche Misshandlungen. Anzeichen für sexuelle Gewalt gab es in 4,4 Prozent der Fälle.

Die Gefährdungseinschätzungen betrafen in etwa gleich häufig Jungen und Mädchen. Besonders häufig traf es Kleinkinder, in fast jedem vierten Verfahren ging es um unter Dreijährige. Drei- bis fünfjährige Kinder waren in einem Fünftel (19,4 Prozent) der Verfahren betroffen, Kinder im Grundschulalter zwischen sechs und neun Jahren in 22,7 Prozent der Fälle. Mit zunehmendem Alter nehmen die Gefährdungseinschätzungen der Statistik zufolge ab.

Mit einem Anteil von 22,1 Prozent machten am häufigsten Polizei, Gerichte oder Staatsanwaltschaften die Jugendämter auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung aufmerksam. In 12,9 Prozent der Fälle kamen die Hinweise von Schulen oder Kindertageseinrichtungen, bei 11,6 Prozent waren es Bekannte oder Nachbarn. Etwa jeden zehnten Hinweis erhielten die Jugendämter anonym.