Antidepressiva: Einnahme in der Schwangerschaft könnte psychische Erkrankungen der Kinder fördern

Die Kinder von Frauen, die während der Schwangerschaft Antidepressiva einnahmen, erkranken möglicherweise häufiger als andere an psychiatrischen Erkrankungen. Dies kam in einer bevölkerungsbasierten Studie aus Dänemark im im britischen Ärzteblatt (BMJ 2017; 358: j3668) heraus.

Der Einsatz von Antidepressiva während der Schwangerschaft hat in den letzten Jahren zugenommen. Dabei handelt es sich nicht nur um Frauen, die bereits vor der Schwangerschaft unter einer Major-Depression litten. Auch depressive Verstimmungen während der Schwangerschaft gehören zu den Indikationen. Am häufigsten werden Wirkstoffe aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) eingesetzt. Diese gehören zwar zu den am besten getesteten Medikamenten. An klinischen Studien nahmen jedoch in der Regel keine Schwangeren teil.

Da SSRI die Plazentaschranke überwinden und in ein für die Entwicklung möglicherweise wichtiges Transmittersystem eingreifen, besteht grundsätzlich die Gefahr, dass der Einsatz dem Embryo oder dem Fötus schaden kann. Mangels Daten aus klinischen Studien ist die Forschung auf epidemiologische Untersuchungen (neben tierexperimentellen Studien) angewiesen, um Hinweise für mögliche Schäden zu finden.

Diese Studien werden häufig in skandinavischen Ländern durchgeführt, da es dort möglich ist, die Verordnung von Medikamenten (hier von SSRI und anderen Antidepressiva vor und während Schwangerschaft) mit Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder (hier: Behandlungen wegen psychiatrischer Erkrankungen) in Beziehung zu setzen.

Xiaoqin Liu von der Universität Aarhus und Mitarbeiter sind in der Studie dem Schicksal von 905.383 Kindern nachgegangen, die zwischen 1998 und 2012 in Dänemark nach einer Einzelschwangerschaft geboren wurden. 32.400 sind seither wegen einer psychiatrischen Erkrankung entweder stationär oder ambulant in ärztlicher Behandlung gewesen.

Die Untersuchung ergab, dass die Mütter dieser Kinder häufiger als die Mütter von psychisch gesunden Kindern Antidepressiva eingenommen hatten. Die bereinigte kumulative 15-Jahres-Inzidenz von psychiatrischen Erkrankungen betrug 8,0 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall 7,9 bis 8,1 Prozent), wenn die Mütter niemals Antidepressiva eingenommen hatten. Sie stieg auf 11,5 Prozent (10,3-12,9 Prozent), wenn die Mütter die Mittel zu Beginn der Schwangerschaft abgesetzt hatten (was erfahrungsgemäß wegen der zumeist ungeplanten Empfängnis eine Exposition in der Frühschwangerschaft nicht verhindert).

Wenn die Mütter die Behandlung während der Schwangerschaft fortgesetzt hatten, stieg die kumulative 15-Jahres-Inzidenz auf 13,6 (11,3-16,3 Prozent) und wenn die Mütter die Behandlung erst während der Schwangerschaft begonnen hatten, erkrankten später 14,5 Prozent (10,5-19,8 Prozent) der Kinder.

Liu und Mitarbeiter ermitteln für die Kinder von Frauen mit fortgesetzter Therapie eine Hazard Ratio von 1,27 (1,17-1,38) auf eine psychiatrische Erkrankung.

Der grösste Einfluss wurde bei Gemütsstörungen gefunden (Hazard-Ratio 2,8; 1,6-4,8). Aber auch stressbedingte/somatoforme/neurotische Störungen (2,40; 2,08-2,76), Autismus-Spektrum-Störungen (Hazard Ratio 1,82; 1,54-2,15) oder Verhaltensauffälligkeiten/emotionale Störungen (Hazard Ratio 1,49; 1,35-1,65) waren bei Kindern von Müttern mit kontinuierlicher Einnahme von Antidepressiva häufiger.

Liu berichtet, das 0,5 Prozent aller psychiatrischen Störungen bei Kindern verhindert werden könnten, wenn die Mütter in der Schwangerschaft keine Antidepressiva einnehmen würden. Diese Aussage setzt allerdings voraus, dass die Assoziation kausal ist, was sich in Beobachtungsstudien nur schwer beweisen lässt. So bleibt offen, ob nicht die Erkrankung selbst einen Teil der Schäden erklärt. Mütter mit Depressionen könnten, auch wenn sie behandelt werden, weniger gut für ihre Kinder sorgen als psychisch gesunde Mütter. Um andere familiäre Einflüsse auszuschließen, hat Liu auch die Behandlung von Väter mit den Erkrankungen der Kinder in Beziehung gesetzt. Die Assoziationen waren hier sehr viel schwächer und in der Regel statistisch nicht signifikant.

Selbst wenn die Assoziationen kausal wären, bliebe das Risiko für die Kinder der einzelnen Frauen überschaubar, wie Hedvig Nordeng von der Universität Oslo im Editorial schreibt. Ein Anstieg des Erkrankungsrisikos um 23 Prozent würde bei einer Autismus-Spektrum-Störung, an der 1 Prozent aller Kinder leiden, bedeuten, dass auf 10.000 Frauen 12 zusätzliche Erkrankungen kämen.