Neue BMG-geförderte Online-Expertenhilfe für Internetabhängigkeit

Die Nutzung von Internetanwendungen und Computerspielen führt bei einem bedeutsamen Teil der Nutzer zu negativen Konsequenzen und suchtartigem Gebrauch. Internetbezogene Störungen sind für viele jedoch ein neues Feld und es bestehen Unsicherheiten hinsichtlich deren Erkennung, Diagnostik und Behandlung. Dies ist nicht nur relevant für die Suchtberatung, sondern auch für angrenzende Felder, wie Jugendliche oder Familienberatung, bei denen internetbezogene Störungen auch in Form von komorbiden Erkrankungen auftreten können.

Um hier Hilfestellung zu geben, ist im Rahmen eines vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekts die Homepage „DIA-NET – Diagnostik der Internetabhängigkeit im Netz“ entstanden.

Sie bietet Hilfestellung für Beratungsstellen, Psychologen, Ärzte, Sozialarbeiter und weitere Helfer für den Umgang mit Internetbezogenen Störungen. Auf DIA-NET finden Sie Tools, um Internetbezogene Störungen identifizieren und diagnostizieren zu können sowie hilfreiche Informationen zum Krankheitsbild und Adressen zur weitergehenden Hilfe.

Direkt auf der Homepage können Materialien heruntergeladen oder für die postalische Zusendung bestellt werden. Dabei handelt es sich unter anderem um ein Kurzscreening (Short Compulsive Internet Use Scale; Short CIUS), welches für die Identifizierung problematischer Nutzung entwickelt wurde. Ergänzend können eine Checkliste zur Überprüfung pathologischer Internetnutzung und ein Manual für eine Kurzintervention heruntergeladen beziehungsweise bestellt werden. DIA-NET enthält weiterhin die Option, ein vollstandardisiertes diagnostisches Interview zur Erfassung der DSM-5 Kriterien mit automatischer Auswertung  direkt online durchzuführen.

Nutzen Sie die DIA-NET-Homepage, um sich mit dem Krankheitsbild der Internetabhängigkeit vertraut zu machen und machen Sie Gebrauch von den bereitgestellten Unterlagen und der Möglichkeit zur Online-Diagnostik. Leiten Sie diese Nachricht gerne an Ihre Kolleginnen und Kollegen weiter, um eine weite Verbreitung der Informationen und Materialien zu ermöglichen.

Kontakt:

Forschungsgruppe S:TEP

Universität zu Lübeck

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
ZIP – Zentrum für Integrative Psychiatrie
Ratzeburger Alle 160
D-23538 Lübeck
Tel. 0049-451-500-98780
Fax. 0049-451-500-98754

Online-Therapie hilft gegen Schlaflosigkeit

Eine kognitive Verhaltenstherapie, die über das Internet durchgeführt werden kann, könnte nicht nur dabei helfen, Schlafprobleme zu verringern, sondern auch, bestimmte psychiatrische Symptome zu lindern. In The Lancet Psychiatry berichten Forscher um Erstautor Daniel Freeman von der University of Oxford über die Methode (2017; doi: 10.1016/S2215-0366(17)30328-0).

Schlafprobleme sind ein weit verbreitetes Problem. Verbesserung der Schlafhygiene, Entspannungstechniken und pharmakologische Ansätze können helfen, diese zu beheben. Als eine äußerst wirksame Therapiemethode gilt auch die kognitive Verhaltenstherapie. Diese Form der Psychotherapie ist stark praktisch orientiert. Sie kann zumindest im Falle von Schlafstörungen auch über bestimmte Internetportale durchgeführt werden. Die Wirksamkeit dieser Online-Angebote wird momentan noch im Rahmen von Studien evaluiert.

Sechs Sitzungen

In dieser Studie randomisierten die Wissenschaftler 3.755 Studierende mit Schlaf­proble­men in zwei unterschiedliche Gruppen. Die Interventionsgruppe machte über insgesamt zehn Wochen eine kognitive Verhaltenstherapie über das Internet, während die Kontrollgruppe keine therapeutische Intervention erhielt. Die interaktive Online-Therapie bestand aus sechs Sitzungen, die mindestens 20 Minuten dauerten und wöchentlich freigeschaltet wurden. Alle Teilnehmer wurden während der zehn Wochen regelmäßig zu ihrem Schlafverhalten und anderen psychiatrischen Symptomen wie Depressionen, Manie oder Paranoia befragt. 22 Wochen nach der ersten Intervention erfolgte eine Kontrollbefragung. 18 Prozent aller Studenten hatten mindestens einmal psychiatrische Hilfe in Anspruch genommen.

In der Auswertung der Ergebnisse zeigte sich, dass die Intervention die Schlaflosigkeit der Teilnehmer verminderte. Darüber hinaus verbesserte sich eine Reihe von psychiatrischen Symptomen wie Paranoia, Depression und sogar Halluzinationen. In einer Analyse stellten die Forscher fest, dass rund 60 Prozent der Verringerung paranoider Symptome dem verbesserten Schlaf zuzurechnen sei.

Antidepressiva: Placebos wirken bei Depressionen besser als bei Angsstörungen

Im Vergleich zu Placebo wirken Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen zwar signifikant, aber dennoch nur geringfügig besser. Der Unterschied schwankt dabei je nach Art der psychischen Störung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Meta-Analyse der Daten von mehr als 6.500 Patienten im Alter von bis zu 18 Jahren, die Forscher der Universität Basel und der Harvard Medical School in JAMA Psychiatry veröffentlicht haben (2017; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2017.2432).

Effektgröße (g) für Antidepressiva

  • Ist der statistische Wert g zwischen 0,2 und 0,5 = kleiner Effekt.
  • Liegt g zwischen 0,5 und 0,8 = mittlerer Effekt.
  • Ist der Wert für g größer als 0,8 = starker Effekt.

SSRI/SNRI versus Placebo

  • für alle untersuchten psychischen Krankheitbilder: g = 0,32
  • für Angststörungen: g = 0,56
  • für Depressionen: g = 0,20
  • für Zwangsstörung: g = 0,39

In der Meta-Analyse wurden 17 Studien zu Depressionen, zehn zu Angststö­rungen, acht zu Zwangsstörungen und eine zu posttraumatischer Belastungs­störung verglichen. Der Placeboeffekt von Antidepressiva, wie selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SNRI) könnte vor allem bei Depressionen eine wesentliche Rolle spielen. Denn in Medikamentenstudien wirkten Placebos bei depressiven Patienten stärker als bei solchen mit einer Angststörung. Umge­kehrt hatten Antidepressiva bei Angst­störungen eine größere spezifische Wirkung als bei depressiven Störungen. Die statistischen Wirkunterschiede berechneten die Forscher dabei mit der Effektgröße (Hedge, g; siehe Kasten).

Die Studie ergab außerdem, dass Patienten, die mit Antidepressiva behandelt wurden, mehr Nebenwirkungen beklagten, als solche, die ein Placebo erhielten. Die Neben­wirkungen reichten von leichten Symptomen wie Kopfschmerzen bis hin zu suizidalen Handlungen. Daher sei es wichtig, das Verhältnis zwischen klinischem Nutzen und möglichen Nebenwirkungen im Gespräch mit dem behandelnden Arzt individuell abzuklären, sagt Erstautorin Cosima Locher. Die Autoren sehen aber auch Potenzial, die Faktoren, die bei Depressionen zum Placeboeffekt beitragen, gezielt zu nutzen.

Wie die Ausschüttung von Neurotransmittern an Synapsen abläuft

Die Freisetzung von Botenstoffen findet an definierten Stellen innerhalb der Synapsen von Nervenzellen statt. Wissenschaftler vom Leibniz-Forschungsinstitut für molekulare Pharmakologie und der freien Universität Berlin haben nun das Molekül identifiziert, das diese Freisetzungsorte definiert. Ihre Arbeit ist im Fachmagazin Neuron erschienen (2017; doi: 10.1016/j.neuron.2017.08.016).

Bei der Übertragung von Signalen über Synapsen, der „synaptischen Transmission“, erreicht zunächst ein elektrisches Signal die Synapse. Es wird ein Kalziumeinstrom durch spannungsabhängige Kalziumkanäle ausgelöst, der wiederum dazu führt, dass synaptische Vesikel die in ihnen gespeicherten Neurotransmitter innerhalb weniger Millisekunden freisetzen. Hierzu verschmelzen die Vesikel mit der Zellmembran. Die chemischen Botenstoffe werden von der benachbarten Nervenzelle in ein elektrisches Signal zurückgewandelt.

Bekannt ist, dass jede Synapse über eine Vielzahl solcher Vesikel verfügt. Die Boten­stoffausschüttung erfolgt jedoch nur an wenigen definierten Stellen. Bislang war laut der Arbeitsgruppe allerdings unklar, welches Molekül diese Freisetzungsorte festlegt. Laut der Studie handelt es sich um das Protein Unc13A, das allerdings kein Unbekann­ter ist. Schon in 1970er-Jahren wurde es entdeckt, da Fehlfunktionen dieses Proteins bei Fadenwürmen zu unkoordinierten Bewegungen führten.

„Wir wussten, dass das Molekül eine wichtige Rolle beim Informationstransfer spielt, denn wenn es fehlt, findet keinerlei synaptische Transmission mehr statt. Wir wussten aber nicht, dass es auch den Platz für die Freisetzung der Botenstoffe aus Vesikeln definiert“, erläutert der Neurowissenschaftler Alexander Walter vom Leibniz-Forschungsinstitut für molekulare Pharmakologie.

Damit bewahrheitete sich die Vermutung, dass die räumliche Anordnung der Freisetzungsorte fest an den zeitlichen Ablauf des Informationstransfers zwischen Nervenzellen gekoppelt ist. „In unserer Studie konnten wir zeigen, dass die exakte Positionierung nötig ist, damit die synaptische Transmission mit einer bestimmten Geschwindigkeit erfolgen kann“, betont Walter.

Die Forscher haben das Protein an der Fruchtfliege durchgeführt, die Ergebnisse ließen sich aber „mit hoher Wahrscheinlichkeit speziesübergreifend übertragen“, hieß es aus der Gruppe.

Experten sehen Therapiedefizit bei Patienten mit Essstörungen

Patienten mit Essstörungen erhalten nach Expertenmeinung zu wenig therapeutische Hilfe. Bei der Binge-Eating-Störung etwa, den Essanfällen, bestehe noch ein erhebliches Defizit in Deutschland, sagte Anja Hilbert vom Adipositas-Forschungszentrum der Universität Leipzig anlässlich eines internationalen Kongresses. Nur etwa 40 Prozent der betroffenen Erwachsenen erhielten eine ausreichenden Therapie.

„Patienten mit der Binge-Eating-Störung essen meist heimlich immense Mengen und nehmen dadurch stark zu“, sagte die Expertin. „Dabei ist die Kapazität zur Behandlung durchaus vorhanden“, sagte Hilbert. Es gebe eine Vielzahl gut ausgebildeter Therapeuten. Sie hätten jedoch zum Teil zu wenig Informationen über diese Krankheit.

Gene können eine Rolle spielen

Aufgabe der Wissenschaft sei es daher, neue Erkenntnisse schnell an die Praxis weiterzugeben, etwa  mit Informations- und Weiterbildungsveranstaltungen. Auch das Internet biete nunmehr therapeutische Maßnahmen an. So gebe es Programme, die wissenschaftlich fundiert den Patienten online individuell Hilfe leisten könnten.

Die Ursachen für Binge Eating sind ihren Angaben zufolge vielfältig. So gebe es psychische Gründe, bei Kindern etwa Probleme im Elterhaus. Aber auch zu hohe Leistungsansprüche könnten Auslöser sein. Neuere Studien hätten ergeben, das auch genetische Faktoren eine Rolle spielten.

Die Binge-Eating-Störung findet erst seit wenigen Jahren eine stärkere Beachtung, wie die Expertin sagt. Etwa drei bis fünf Prozent der Menschen in Deutschland seien betroffen. „Sie leiden erheblich unter der Störung, fühlen sich oft schuldig, hässlich und ziehen sich mehr und mehr aus dem Sozialleben zurück“, so Hilbert. Die Erkennung und Behandlung sei auch deshalb enorm wichtig, weil die Störung häufig der Grund für Adipositas sei.

Antidepressiva: Einnahme in der Schwangerschaft könnte psychische Erkrankungen der Kinder fördern

Die Kinder von Frauen, die während der Schwangerschaft Antidepressiva einnahmen, erkranken möglicherweise häufiger als andere an psychiatrischen Erkrankungen. Dies kam in einer bevölkerungsbasierten Studie aus Dänemark im im britischen Ärzteblatt (BMJ 2017; 358: j3668) heraus.

Der Einsatz von Antidepressiva während der Schwangerschaft hat in den letzten Jahren zugenommen. Dabei handelt es sich nicht nur um Frauen, die bereits vor der Schwangerschaft unter einer Major-Depression litten. Auch depressive Verstimmungen während der Schwangerschaft gehören zu den Indikationen. Am häufigsten werden Wirkstoffe aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) eingesetzt. Diese gehören zwar zu den am besten getesteten Medikamenten. An klinischen Studien nahmen jedoch in der Regel keine Schwangeren teil.

Da SSRI die Plazentaschranke überwinden und in ein für die Entwicklung möglicherweise wichtiges Transmittersystem eingreifen, besteht grundsätzlich die Gefahr, dass der Einsatz dem Embryo oder dem Fötus schaden kann. Mangels Daten aus klinischen Studien ist die Forschung auf epidemiologische Untersuchungen (neben tierexperimentellen Studien) angewiesen, um Hinweise für mögliche Schäden zu finden.

Diese Studien werden häufig in skandinavischen Ländern durchgeführt, da es dort möglich ist, die Verordnung von Medikamenten (hier von SSRI und anderen Antidepressiva vor und während Schwangerschaft) mit Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder (hier: Behandlungen wegen psychiatrischer Erkrankungen) in Beziehung zu setzen.

Xiaoqin Liu von der Universität Aarhus und Mitarbeiter sind in der Studie dem Schicksal von 905.383 Kindern nachgegangen, die zwischen 1998 und 2012 in Dänemark nach einer Einzelschwangerschaft geboren wurden. 32.400 sind seither wegen einer psychiatrischen Erkrankung entweder stationär oder ambulant in ärztlicher Behandlung gewesen.

Die Untersuchung ergab, dass die Mütter dieser Kinder häufiger als die Mütter von psychisch gesunden Kindern Antidepressiva eingenommen hatten. Die bereinigte kumulative 15-Jahres-Inzidenz von psychiatrischen Erkrankungen betrug 8,0 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall 7,9 bis 8,1 Prozent), wenn die Mütter niemals Antidepressiva eingenommen hatten. Sie stieg auf 11,5 Prozent (10,3-12,9 Prozent), wenn die Mütter die Mittel zu Beginn der Schwangerschaft abgesetzt hatten (was erfahrungsgemäß wegen der zumeist ungeplanten Empfängnis eine Exposition in der Frühschwangerschaft nicht verhindert).

Wenn die Mütter die Behandlung während der Schwangerschaft fortgesetzt hatten, stieg die kumulative 15-Jahres-Inzidenz auf 13,6 (11,3-16,3 Prozent) und wenn die Mütter die Behandlung erst während der Schwangerschaft begonnen hatten, erkrankten später 14,5 Prozent (10,5-19,8 Prozent) der Kinder.

Liu und Mitarbeiter ermitteln für die Kinder von Frauen mit fortgesetzter Therapie eine Hazard Ratio von 1,27 (1,17-1,38) auf eine psychiatrische Erkrankung.

Der grösste Einfluss wurde bei Gemütsstörungen gefunden (Hazard-Ratio 2,8; 1,6-4,8). Aber auch stressbedingte/somatoforme/neurotische Störungen (2,40; 2,08-2,76), Autismus-Spektrum-Störungen (Hazard Ratio 1,82; 1,54-2,15) oder Verhaltensauffälligkeiten/emotionale Störungen (Hazard Ratio 1,49; 1,35-1,65) waren bei Kindern von Müttern mit kontinuierlicher Einnahme von Antidepressiva häufiger.

Liu berichtet, das 0,5 Prozent aller psychiatrischen Störungen bei Kindern verhindert werden könnten, wenn die Mütter in der Schwangerschaft keine Antidepressiva einnehmen würden. Diese Aussage setzt allerdings voraus, dass die Assoziation kausal ist, was sich in Beobachtungsstudien nur schwer beweisen lässt. So bleibt offen, ob nicht die Erkrankung selbst einen Teil der Schäden erklärt. Mütter mit Depressionen könnten, auch wenn sie behandelt werden, weniger gut für ihre Kinder sorgen als psychisch gesunde Mütter. Um andere familiäre Einflüsse auszuschließen, hat Liu auch die Behandlung von Väter mit den Erkrankungen der Kinder in Beziehung gesetzt. Die Assoziationen waren hier sehr viel schwächer und in der Regel statistisch nicht signifikant.

Selbst wenn die Assoziationen kausal wären, bliebe das Risiko für die Kinder der einzelnen Frauen überschaubar, wie Hedvig Nordeng von der Universität Oslo im Editorial schreibt. Ein Anstieg des Erkrankungsrisikos um 23 Prozent würde bei einer Autismus-Spektrum-Störung, an der 1 Prozent aller Kinder leiden, bedeuten, dass auf 10.000 Frauen 12 zusätzliche Erkrankungen kämen.

Fachgesellschaft fordert mehr Anstrengungen bei der Suizidprävention

Berlin – „Höchste Priorität“ für die Suizidprävention. Das hat heute die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) im Vorfeld des Welttages der Suizidprävention am 10. September gefordert. Das diesjährige Motto des Tages, der seit 2004 stattfindet, lautet „Nimm dir Zeit, sprich an, hör zu – gib Hoffnung“.

„Alle 40 Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Mensch an Suizid. Noch weit mehr Menschen versuchen, sich das Leben zu nehmen“, sagte heute der Präsident der Fachgesellschaft, Arno Deister. Er betonte, Suizide träten in allen Altersstufen auf und verursachten mehr Tode als alle Kriege und Naturkatastrophen zusammen.

Unterversorgung mitverantwortlich

Mitverantwortlich für eine große Zahl von Suiziden macht die DGPPN eine Unter­versorgung von psychisch Kranken in Deutschland. Hierzulande stünden bis zu neun von zehn Selbstmorden im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung, erklärte die Fachgesellschaft. Niedrigschwellige Hilfs- und Unterstützungsangebote seien besonders wichtig. Diese fehlten aber in ausreichender Zahl. Aktuelle Erhebungen zeigten, dass zum Beispiel 18 Prozent der Menschen mit schweren Depressionen gar nicht behandelt werden, kritisierte Deister.

Die Fachgesellschaft fordert außerdem mehr Forschung zum Thema: Noch gebe es viele offene Fragen, zum Beispiel was die Neurobiologie suizidalen Verhaltens anbelange, so der DGPPN-Präsident. Wichtig sei zudem, das Wissen über Suizid und psychische Erkrankungen im Gesundheitswesen und in der Bevölkerung zu fördern. „Denn den meisten Suiziden gehen Warnsignale voraus. Je besser diese erkannt werden, desto früher kann man die Betroffenen dazu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagte Deister.

Vor einem Abbau von Beratungsstellen warnte anlässlich des Welttages die Leiterin der Krisenbegleitung der Duisburger Telefonseelsorge, Rosemarie Schettler. Niedrig­schwelli­ge Hilfen wie Sozialdienste in Krankenhäusern würden jedoch in vielen Fällen abgebaut, kritisierte sie. 7,3 Prozent aller Anrufe, die bei der Telefonseelsorge ein­gehen, beziehen sich nach Angaben der Expertin direkt auf das Thema Suizid. „Das sind bundesweit 144 Gespräche am Tag zum Thema Suizid, die allein bei der Telefon­seelsorge geführt wurden“, sagte sie.

In Deutschland sterben pro Jahr rund 10.000 Menschen an einem Suizid.

Depressionspatienten sollten bei Lebensveränderungen vorsorglich Hilfe suchen

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

München – Patienten, die in ihrem Leben bereits eine oder mehrere depressive Episoden erlebt haben, sollten bei Lebensveränderungen wie einer Arbeitsplatz­kündigung vorsorglich mit ihrem Arzt oder Psychotherapeuten sprechen. Das empfiehlt der Chefarzt und Direktor der Klinik am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, Martin Keck. „Über 70 Prozent der Depressionspatienten erleben mehrere Episoden der Erkrankung. Gerade für sie ist es wichtig, Vorsorge zu treffen, um Rückfällen entgegen­zuwirken“, sagte er.

Die Auslöser für eine Depression sind bekanntlich vielfältig: Die Gene spielen genauso eine Rolle wie die Umwelt und Lebenserfahrungen. „Besonders gefährlich können Umbruch­situationen sein: Wenn sich der Alltag ändert, wenn das Leben einen anderen Lauf nimmt, dann muss sich auch unser Gehirn umstellen. Während solcher Phasen sind manche Menschen anfälliger, eine Depression zu entwickeln“, sagte Keck. Als Beispiel nannte er den Berufseinstieg, einen Stellenwechsel, Heirat, Scheidung oder Berentun­gen. Auch gesunde Menschen seien in diesen Lebensphasen anfälliger.

Laut dem Institut erkranken in Deutschland jährlich 5,3 Millionen Menschen an einer Depression.

Moderiesen beschließen Charta gegen Magermodels

Paris – Nach jahrelangen Debatten um Magermodels auf Laufstegen haben sich französische Dachkonzerne bekannter Modemarken wie Gucci, Saint Laurent oder Dior auf gemeinsame Regeln verständigt. Mit dem gemeinsamen Vorgehen reagieren die Konzerne Kering und LVMH auf Kritik an häufig sehr dünnen Models.

Um Gesundheitsgefährdungen zu verhindern, müssen Models künftig eine Bescheini­gung vom Arzt vorlegen, die nicht älter als sechs Monate sein darf, teilten Kering und LVMH heute in Paris in einer „Charta für das Wohlbefinden von Models“ mit. Darüber hinaus sieht die Charta vor, dass ihre Marken keine Damenmodels mit der Konfektions­größe 32 mehr beschäftigen dürfen.

In der vor Beginn der New Yorker Fashion Week veröffentlichten Charta wird fest­gehalten, dass Castingagenturen weibliche Mannequins erst ab der französischen Konfektionsgröße 34 auswählen sollen. Männermodels sollen mindestens Kleidergröße 44 haben. Verlangt werden auch Gesundheitszeugnisse, die zum Zeitpunkt eines Fotoshootings oder einer Modenschau weniger als sechs Monate alt sein müssen. Die Zertifikate sollen festhalten, dass ein Model bei guter Gesundheit und arbeitsfähig ist.

„Die Regel zur Kleidergröße in Verbindung mit dem weniger als sechs Monate alten Gesundheitszertifikat ist eine sehr starke Maßnahme, die es uns erlauben wird, voranzukommen“, erklärte Kering-Chef François-Henri Pinault. „Viele Menschen wissen nicht einmal, dass es die Größe 32 gibt“, fügte Antoine Arnault hinzu, Mitglied im LVMH-Verwaltungsrat und Sohn von Konzernchef Bernard Arnault. Aber einige Mode­designer fertigten ihre Prototypen in 32 an. Damit sei jetzt Schluss. „Die Größen beginnen künftig bei 34, und das ist auch schon ziemlich klein“, sagte er.

Künftig sollen die Marken von LVMH und Kering auch keine Models unter 16 Jahren mehr beschäftigen, wenn Erwachsenenmode vorgeführt werden soll. In der Vergangen­heit traten immer wieder 14 oder 15 Jahre alte Mädchen bei Modenschauen auf, was häufig auf Kritik stieß. Die Charta führt zudem neue Regeln für den Umgang mit Models im Alter zwischen 16 und 18 Jahren ein.

Die beiden konkurrierenden Modekonzerne reagieren mit ihrer gemeinsamen Charta auf die immer wieder aufflammende Kritik an sehr dünnen Models. Nicht nur gibt es Befürchtungen um die Gesundheit der Mannequins; kritisiert wird auch ein schlechtes Vorbild für junge Frauen, die sich auf Modelmaße herunterhungern.

In Frankreich traten im Mai neue rechtliche Vorgaben im Kampf gegen Magermodels in Kraft. Verlangt wird insbesondere ein Gesundheitszeugnis mit dem Body-Mass-Index. Die Bescheinigungen müssen alle zwei Jahre erneuert werden – in dieser Hinsicht geht die Charta von LVMH und Kering über die gesetzlichen Vorgaben hinaus. Wer Models ohne Bescheinigung beschäftigt, dem drohen nach früheren Angaben sechs Monate Gefängnis und 75.000 Euro Strafe.

Bundesregierung verteidigt Einsatz von Psychopharmaka

Die Bundesregierung hat den Einsatz von Psychopharmaka bei psychischen Störungen trotz möglicher Nebenwirkungen verteidigt. Depressionen seien in Deutsch­land die mit Abstand häufigste Ursache für Suizide oder Suizidversuche. Eine erfolg­reiche Behandlung der Depression senke das Suizidrisiko, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion.

Psychopharmaka können laut Regierung bei der Therapie ein wichtiger Baustein sein. Vor allem bei einer schweren Erkrankung seien sie nicht selten unverzichtbar. Auch sogenannte SSRI-Antidepressiva, die zur Standardtherapie bei der Behandlung von Depressionen in Deutschland gehören, würden auf Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit geprüft. Bei „Risikosignalen“ werde über notwendige Änderungen der Packungsbeilage oder über weitergehende Maßnahmen zur Verringerung des Anwen­dungsrisikos entschieden.

Das Suizidrisiko unter SSRI sei mehrfach auf europäischer Ebene bewertet worden, heißt es in der Antwort weiter. Die Industrie sei in der Folge aufgefordert worden, die Produktinformationen anzupassen. Qualitativ ergäben sich derzeit aus dem Spontan­meldesystem zu Suiziden oder Suizidversuchen weder aus Deutschland, noch auf europäischer Ebene Hinweise auf einen Anstieg der Meldezahlen. Für alle im Umlauf befindlichen SSRI-Arzneimittel sei das Nutzen-Risiko-Verhältnis weiter positiv.