Psychotherapie: Kanzlei zieht Abmahnungen bundesweit zurück

Kürzlich erhielten niedergelassene psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendpsychotherapeuten reihenweise Abmahnungen der Anwaltskanzlei Michael Schuler in Friedberg, da ihre telefonische Erreichbarkeit nicht gewährleistet sei. Nachdem die Kassenärztlichen Vereinigungen Rheinland-Pfalz und Bayerns (KV RLPKVB) sowie die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) die Recht­mäßigkeit infrage gestellt hatten, teilt die Kanzlei jetzt mit, dass sie die Abmahnungen bundes­weit zurückgenommen habe. Gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) bestätigt Schuler die Rücknahme.

Rechtsanwalt Schuler forderte den jeweilig Abgemahnten auf, binnen einer sehr kurzen Frist eine beigefügte Unterlassungserklärung abzugeben sowie einen Betrag von 586,44 Euro zu überweisen, teilt die Anwaltskanzlei Brehm, die eine Mandantin in diesem Fall vertritt, am 24. Juli mit. Schuler behaupte, eine Psychotherapeutin aus Jülich zu vertreten, informiert die Kanzlei Brehm online.

Die KV RLP teilt heute auf ihrer Webseite mit: Die Kanzlei Schuler habe gegenüber der KV Hessen bestätigt, dass sie die Abmahnungen nicht weiterverfolgen werden. Auf die in der Abmahnung geltend gemachten Ansprüche würde verzichtet werden, heißt es weiter. Verpflichtungserklärungen, die abgemahnte Psychotherapeuten unterzeichnet hätten, würde die Kanzlei als nichtig betrachten. Eventuell bezahlte Gebühren würden rückerstattet.

Über die Zahl der Abmahnungen und den Grund der Rücknahme will die Kanzlei Schuler auf Anfrage des  keine Angaben machen. Sollten bereits Kosten für die Beauftragung eines Rechtsanwalts entstanden sein, sind diese gegenüber der Augsburger Kanzlei geltend zu machen, rät die KV RLP auf ihrer Webseite.

Nutzen und Schaden der systemischen Therapie bleiben vage

Bei seiner ersten Bewertung eines Psychotherapieverfahrens – der syste­mi­schen Therapie – kommt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesund­heits­wesen (IQWiG) zu uneinheitlichen Ergebnissen. „Weil Daten zu unerwünschten Ereignissen fehlen, ist eine Gesamtabwägung zu Nutzen und Schaden nicht möglich“, berichtet das Qualitätsinstitut.

Die systemische Therapie ist bislang keine Leistung der gesetzlichen Krankenversiche­rung (GKV). Das Verfahren wird ambulant und stationär eingesetzt. Es existieren systemische Einzeltherapien sowie Paar- oder Gruppentherapien.

„Bei der systemischen Therapie handelt es sich um eine ausgesprochen vielgestaltige Therapieform – für die theoretischen Konzepte gilt das ebenso wie für die eingesetz­ten Techniken“, hieß es aus dem IQWiG. Häufig gehe es nicht darum, die einzelne Person oder das Symptom zu betrachten, sondern den Kontext, in dem ein Symptom auftrete. Mittels einer Vielzahl von Techniken versuchten die Therapeuten unter anderem, symptomfördernde Interaktionen und Strukturen infrage zu stellen und ihnen neue, gemeinsam mit dem Patienten zu entwickelnde Interaktionen entgegenzusetzen. „Im Idealfall kann das System so verändert werden, dass das Symptom nicht mehr notwendig ist“, berichten die IQWiG-Wissenschaftler.

Mängel in den Studien

Laut Institut sind die Studien zu der Therapie zumeist relativ klein: Die größte umfasste 326 Patienten. Die Wissenschaftler konnten 33 Studien in ihre Auswertung einbeziehen. Methodisch waren sie offenbar häufig schlecht – so war nicht immer klar, ob die zufällige Zuteilung der Studienteilnehmer zu einem der Studienarme verdeckt geschah.

„Was wir hier sehen, scheint leider typisch zu sein für die psychotherapeutische For­schung. Internationale Standards haben sich hier bedauerlicherweise noch immer nicht durchgesetzt“, sagte Stefan Sauerland, Leiter des Ressorts nichtmedikamentöse Verfah­ren im IQWiG. So wurden in den vom IQWiG ausgewerteten Studien unerwünschte Ereignisse nicht abgebildet. „Wir können deshalb hier keine Aussagen treffen und es ist auch nicht möglich, den festgestellten Nutzen gegen einen möglichen Schaden abzu­wä­gen“, bemängelte Sauerland.

Das IQWiG bündelte die Studienergebnisse zu neun Störungsbereichen: Angst- und Zwangsstörungen, Demenz, depressive Störungen, Essstörungen, gemischte Störungen, körperliche Erkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie und affektive psychotische Störungen sowie Substanzkonsumstörungen. Weder Vor- noch Nachteile der systemischen Therapie konnten die Wissenschaftler bei der Demenz sowie bei Persönlichkeitsstörungen feststellen. Entweder es gab keine Daten oder sie zeigten keine relevanten Unterschiede.

Jeweils einen Hinweis auf einen Nutzen gibt es bei Angst- und Zwangsstörungen sowie bei der Schizophrenie, allerdings gilt dies nur für den Vergleich mit „keine Behand­lung“. Gegenüber Beratung und Informationsvermittlung zeigen die Daten bei den Angst- und Zwangsstörungen lediglich einen Anhaltspunkt für einen Nutzen und gegenüber der Psychotherapie fallen die Ergebnisse sogar zuungunsten der systemi­schen Therapie aus.

Bei den übrigen fünf Störungsbereichen (depressive Störungen, Essstörungen, ge­misch­te Störungen, körperliche Erkrankungen, Substanzkonsumstörungen) liefern die Daten jeweils Anhaltspunkte für einen Nutzen bei einem oder mehreren Vergleichen.

Diagnose Games-Sucht offensichtlich nicht sinnvoll

Psychologen warnen eindringlich vor Anerkennung als Krankheitsbild

Fort Worth (pte/24.07.2017/06:15) Zu viel Videospielen ist eine Sucht. Das scheint für manche so klar, dass es mittlerweile einen Vorschlag für die Aufnahme des „Internet-Spielzwangs“ in die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD) gibt. Diese Hast, Vielspielen zu pathologisieren, sei bedenklich, warnen Psychologen in einer aktuellen Studie. Denn es sei viel zu unklar, was genau das angebliche Krankheitsbild eigentlich ausmacht. Aus ihrer Sicht ist zudem so manche Studie, die Games-Sucht als verbreitetes Problem darstellt, vor allem eines: schlechte wissenschaftliche Arbeit.

Pseudo-Wissenschaft

Würde der sogenannte Internet-Spielzwang in die ICD aufgenommen, könnten Games-Kritiker fröhliche Urstände feiern. Denn dann würde es womöglich gar erschreckend leicht, Gamer einfach als krank abzustempeln. „Im Feld der ‚Videospiel-Sucht‘ gibt es eine Inzidenzrate von 0,8 bis 50 Prozent, je nachdem, welche Studie man sich ansieht“, betont Erstautor Anthony M. Bean http://beanpsychologicalservices.com gegenüber dem Games-Nachrichtenportal „Polygon“. Schon diese riesige Diskrepanz zeigt für sein Team eher, dass da unsaubere Wissenschaft betrieben wird, als dass es Belege für ein neues Krankheitsbild liefert.

Aus Sicht von Bean und Kollegen haben manche Psychologen mit einer undurchsichtigen, breiten Definition der angeblichen Sucht das ganze Hobby Games diskreditiert. Ein Problem sei, dass irgendwelche Psychologen einfach davon ausgegangen sind, dass sie das Konzept der Sucht, wie es beispielsweise von Drogen bekannt ist, einfach so auf Games umlegen können. Doch das sei nicht angebracht. „Das könnte man genauso gut für Football machen“, meint Bean. Immerhin geben Sportler für ihre Berufung ja auch alles. Wer wiederum gerne liest, verschlingt Bücher bisweilen regelrecht und denkt auch an sie, wenn er sie beiseitelegen muss. „Warum ist das keine Sucht?“

Stigmatisierung als Problem

Die Studie im Journal „Professional Psychology: Research and Practice“ http://apa.org/pubs/journals/pro verurteilt Pläne für die Aufnahme des Internet-Spielzwangs in die ICD daher als voreilig. Bean verweist beispielsweise darauf, dass manche Menschen womöglich Games nutzen, um mit Depressionen umzugehen oder Stress abzubauen. Zudem hinterfragt er, ob eine Stigmatisierung von Games nicht eigentlich mehr Schaden anrichtet als nutzt.

„Leute sagen zu ihren Partnern oder Kindern: ‚Oh mein Gott! Du bist süchtig nach Games. Du kannst die Finger nicht davon lassen! Was wirst du dagegen tun? Ich will nichts mit dir zu tun haben, wenn du diese Spiele zockst'“, meint Bean. Dabei sei nachgewiesen, dass solchen Meinungen ausgesetzt zu werden, bei Betroffenen letztlich Depressionen verursachen kann. „Das kann wirklich ihre komplette Psyche beeinträchtigen, ihr komplettes Selbstwertgefühl.“

Psychotherapie: Warnung vor zweifelhaften Abmahnungen

Derzeit erhalten niedergelassene psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendpsychotherapeuten (PP und KJP) offenbar reihenweise Abmahnungen einer Anwaltskanzlei. Das teilen die Kassenärztliche VereinigungRheinland-Pfalz und Bayern (KV RLP, KVB) sowie die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) auf ihren Webseiten mit.

Den Psychotherapeuten wird vorgeworfen, die telefonische Erreichbarkeit nicht zu gewährleisten. Nach Auffassung von Mario Lowey, Abteilungsleiter Recht KV RLP sind diese Abmahnungen nicht rechtens. Die KV RLP und KVB raten dazu, weder die geforderte Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung zu unterzeichnen noch die Anwaltsgebühren zu begleichen. Auch die DPtV empfiehlt, nicht auf die Schreiben zu reagieren.

Die Kanzlei bezieht sich in der Abmahnung auf die Nicht-Erfüllung gesetzlicher Verpflichtungen nach §1 Abs. 8 Psychotherapie-Richtlinie. Unter Fristsetzung fordert sie hohe Anwaltsgebühren ein. Psychotherapeuten seien bei einem vollen Versorgungsauftrag verpflichtet, „eine telefonische persönliche Erreichbarkeit durch die Therapeutin oder den Therapeuten oder das Praxispersonal von 200  Minuten pro Woche in Einheiten von mindestens 25 Minuten sicherzustellen…“

Da die angeschriebene Psychotherapeutin beziehungsweise der angeschriebene Psychotherapeut die telefonische Erreichbarkeit nicht sichergestellt hätte und damit einen Verstoß gegen den unlauteren Wettbewerb im Sinne des § 3a UWG begangen hätte, fordert die Kanzlei dazu auf, eine beigefügte Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung abzugeben. Gleichzeitig erhebt die Kanzlei Gebühren für ihre „Beauftragung“ in Höhe von fast 700 Euro, die die Abgemahnten innerhalb einer kurzen Fristsetzung auf ein angegebenes Konto überweisen sollen.

Oben beschriebene Abmahnung hält Mario Lowey für nicht rechtens. Unter anderem schon alleine deshalb, weil der behauptete Verstoß gegen § 3a UWG auf Ärzte und Psychotherapeuten gar nicht anwendbar sei. Auch ist die Anwendbarkeit des UWG für Beschlüsse, Richtlinien etc. des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses ausgeschlossen.

Wie viele PP und KJP eine Abmahnung erhalten haben ist derzeit noch unklar. Der DPtV sind Fälle in Bayern und Hessen bekannt. Möglicherweise sind aber auch anderen Regionen betroffen.

TK will alle Termine an Psychotherapeuten über Terminservicestelle vergeben

Terminservicestellen sollen auch reguläre Termine bei Psychotherapeuten vergeben. Diese Vorstellung hat heute die Techniker Krankenkasse (TK) in Hessen geäußert. Hintergrund seien zu lange Wartezeiten auf einen Termin.

„Bislang sind Wartezeiten von einigen Monaten auf einen Therapieplatz leider keine Seltenheit. Das ist belastend und unzumutbar für die Betroffenen“, sagt Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung Hessen. Schließlich könne sich die psychische Situation der Patienten schnell verschlechtern und aus einem nicht akuten Fall ein akuter werden. „Von daher gesehen wäre es folgerichtig, wenn die Terminservicestelle den Patienten nicht nur in akuten Fällen, sondern grundsätzlich bei der Suche nach einem Psychotherapeuten zur Verfügung stehen würde.“

Angesichts dessen, dass 2016 9.000 Facharzttermine in Hessen vermittelt worden seien, könnte der Eindruck entstehen, die Terminservicestelle sei unnötig, so Voß. Die Stelle könne aber nur dann beauftragt werden, wenn der Patient einen Dringlichkeits­vermerk auf seiner Überweisung habe. „Das heißt, es wurde 9.000 akut erkrankten Patienten geholfen, einen dringlichen Termin beim Facharzt zu bekommen. Vor diesem Hintergrund ist die Zahl also alles andere als gering“, findet Voß. Auch die Vermittlung der akuten Sprechstunde beim Psychotherapeuten werde von den Patienten bereits sehr gut angenommen: In den ersten sieben Wochen wurden über 900 solcher Termine in Hessen vermittelt.

Vorwürfe „absurd“

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KV) nannte die TK-Forderungen und Vorwürfe auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes „absurd“. „Die TK hat den Betrieb der Termin­servicestelle (TSS) offenbar nicht begriffen“, sagte Frank Dastych, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Zum einen wehrt sich die KV Hessen gegen die Unterstellung, Patienten wären ohne TSS nicht behandelt worden. Zum anderen hinterfragt die KV, woher die TK das Wissen nehme, es habe sich bei allen Patienten um akut Erkrankte gehandelt.

Die Äußerungen der Kasse zeigten, dass sie keine Ahnung habe, wer wirklich in der TSS anrufe und wie diese funktioniere, sagte Dastych. „Termine über die Terminservicestelle werden innerhalb von vier Wochen vermittelt. Mit dringlicher Behandlung hat dies daher gar nicht zu tun“, erklärte der KV-Chef weiter.

Die Terminservicestelle liefere keine Termine für dringliche Behandlungen. Diese fänden inner­halb von wenigen Tagen statt. „Dringliche Behandlungen werden nach wie vor auf direktem Weg zwischen behandelnden Ärzten im Sinne der Patienten vermittelt. Offen­bar hat die die TK dies nicht mitbekommen. Leider beweist die TK hier eindrucksvoll, dass sie von medizinischer Versorgung nicht wirklich was versteht“, so Dastych.

Er betonte, das gelte gleichermaßen für die Psychotherapie. „Hier wird nicht nur ein Erstkontakt vermittelt, sondern beim Vorliegen akuter Behandlungsnotwendigkeit die Akuttherapie. Diese wird im Rahmen des Erstkontaktes festgestellt und eine entspre­chen­de Bescheinigung ausgestellt“, erläuterte er. Zu fordern, was bereits Praxis sei, passe zu einer Krankenkasse, die sich derzeit verweigere, hessische Ärzte und auch Psychotherapeuten angemessen zu bezahlen. „Offenbar will man durch eine künstliche Diskussion um die TSS davon ablenken, dass die Blockadehaltung in den Honorar­ver­hand­lungen die Versorgung in Hessen langfristig massiv gefährdet“, so der KV-Vor­stand.

Erneut Kritik am Scheitern der Honorarverhandlungen

Dastych erneuerte damit drei Wochen nach dem Scheitern der Honorarverhandlungen erneut seine scharfe Kritik an den Krankenkassen. Dastych zufolge zeige der gerade erschienene Honorarbericht 2/2015 der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dass Hessen beim Honorar auf dem vorletzten Platz liege. Zu den Spitzenreitern fehlten fast 40 Prozent.

„Wir bekommen in den Beratungsgesprächen zur Niederlassung vermehrt die Frage danach gestellt, warum man sich denn noch in Hessen niederlassen solle? Und tatsächlich gehen uns – zumindest was das Honorar angeht – nun mehr und mehr die Argumente aus“, erklärten heute Dastych und Vorstandskollege Eckhard Starke.

Behandlung gegen Spinnenangst wirkt auch gegen andere Ängste

Spinnen machen vielen Menschen Angst, und wer Angst vor Spinnen hat, fürchtet sich oft auch vor anderen Tieren wie Ratten, Schlangen oder Schaben. Forscherinnen und Forscher der Ruhr-Universität Bochum (RUB) haben nun festgestellt, dass sich der Erfolg einer Behandlung gegen Spinnenangst auch auf andere zuvor furchteinflößende Tiere auswirkt: Personen, die ihre Angst vor Spinnen durch ein Konfrontationstraining reduziert hatten, fürchteten auch Schaben deutlich weniger. Das Team berichtet im Journal „Neuropsychopharmacology“.

Konfrontation ist die beste Strategie

„Befragt man Menschen, denen Spinnen Angst und Ekel einflößen, nach ihrer Angst, schildern sie häufig auch noch weitere Ängste, beispielsweise vor Ratten, Schlangen oder Schaben“, berichtet Prof. Dr. Armin Zlomuzica von der Arbeitseinheit Klinische Psychologie und Psychotherapie der RUB. Die Angst scheint sich also auch auf andere Tiere und Objekte auszuweiten, Experten sprechen von einer Furchtgeneralisierung.
Die erfolgreichste Behandlungsmethode gegen Angsterkrankungen ist die Konfrontationstherapie. Der zentrale Wirkmechanismus dabei ist das Umlernen der Furcht: Personen mit einer Spinnenangst lernen durch die Interaktion mit der Spinne, dass Spinnen nicht gefährlich und keine katastrophalen Konsequenzen zu befürchten sind. Unklar war bislang, inwieweit diese Therapiemethode auch den Umgang mit anderen furchtauslösenden Tieren, mit denen die Personen nicht konfrontiert wurden, beeinflussen kann.

Weniger Angst und Ekel

Um das zu untersuchen, teilten die Forscherinnen und Forscher 47 Personen, die gleichermaßen Angst vor Spinnen als auch vor Schaben hatten, nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein. Eine Gruppe erhielt sofort ein Konfrontationstraining mit Spinnen, die andere musste noch warten. Vor und nach der Behandlung befragten die Forscher die Studienteilnehmer nach ihrer Angst und testeten ihr Verhalten und ihre körperliche Stressreaktion.

Personen der ersten Gruppe berichteten im Anschluss an die Behandlung von weniger Angst und Ekel vor Spinnen im Vergleich zu der Wartekontrollgruppe, die noch keine Behandlung erhalten hatte. „Erstaunlich war, dass diese Gruppe auch von weniger Angst vor Schaben berichtete“, so Friederike Preusser aus dem Forscherteam. Die Angstreduktion zeigte sich auch auf der Verhaltens- und biologischen Ebene: Die Probanden zeigten weniger Abwehr gegenüber Schaben und weniger körperliche Stressreaktionen wie Herzklopfen während der Konfrontation mit den Insekten. „Dieser Effekt trat ein, obwohl Schaben während der Konfrontation nie präsentiert wurden“, sagt Friederike Preusser.

„Dieses Ergebnis legt nahe, dass die Konfrontation bei spezifischer Angst auch im Umgang mit anderen ähnlich angstauslösenden Reizen und Objekten helfen kann“, so Armin Zlomuzica. „Es bleibt abzuwarten, ob man diesen Effekt auch bei anderen Angsterkrankungen beobachten kann.“

Studienteilnehmer gesucht

In weiterführenden Studien wollen die Forscher nun untersuchen, wie man den Prozess der Generalisierung im Rahmen der Konfrontation gezielt verstärken kann. Interessierte, die an ausgeprägter Angst vor Spinnen, Schaben, Schlangen und anderen Tieren und Insekten leiden, können sich unter spinnentraining@rub.de für die Studien registrieren. Das Training ist kostenlos.

Förderung

Die Studie wurde gefördert durch die Forschergruppe FOR 1581 „Extinction Learning“ (TP 9: ZL 59 2/2) der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Originalveröffentlichung

Friederike Preusser, Jürgen Margraf, Armin Zlomuzica: Generalization of extinguished fear to untreated fear stimuli after exposure, in: Neuropsychopharmacology 2017, DOI: 10.1038/npp.2017.119, http://www.nature.com/npp/journal/vaop/ncurrent/abs/npp2017119a.html

Pressekontakt

Prof. Dr. Armin Zlomuzica
Klinische Psychologie und Psychotherapie
Ruhr-Universität Bochum
Tel: 0234 32 22347
E-Mail: armin.zlomuzica@rub.de
Weitere Informationen finden Sie unter
– Originalveröffentlichung

Major-Depression: Augmentation und Switch mit bescheidenen Ergebnissen

Weniger als ein Drittel aller Patienten spricht auf eine medikamentöse Ersttherapie der Major-Depression an. Eine randomisierte Studie der US-Veteranenbehörde hat untersucht, ob in dieser Situation eine Augmentation mit Bupropion oder Aripiprazol oder ein Switch auf Bupropion hilfreich sind. Die ernüch­ternden Ergebnisse wurden jetzt im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2017; doi: 10.1001/jama.2017.8036) publiziert.

Die Behandlung der Major-Depression ist auch für die Therapeuten häufig deprimie­rend. Trotz einer breiten Auswahl von Medikamenten mit unterschiedlichen Wirkstoffen gelingt es selten auf Anhieb, ein Medikament zu finden, das eine Remission erzielt. Bereits die „STAR*D“-Studie der National Institutes of Health hatte gezeigt, dass die meisten Patienten mehrere Anläufe benötigen und dass mit jedem Wechsel der Medi­ka­mente die Chancen auf eine erfolgreiche Remission der Therapie sinken.

Die „VAST-D“-Studie hat drei Optionen für Patienten untersucht, die unter einer Behand­­lung mit den heute häufig bevorzugten Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SSNRI) oder Mirtazapin keine Remission erzielen. Die erste Option war ein Wechsel (Switch) auf Bupropion, das einen anderen Wirkungsmechanismus (Noradrenalin- und Dopamin-Wiederaufnahme­hemmer) hat und ursprünglich zur Raucherentwöhnung eingeführt wurde.

Die zweite Option bestand in der zusätzlichen Gabe von Bupropion (Augmentation). In der dritten Gruppe wurde die Augmentation mit Aripiprazol durchgeführt, einem atypischen Neu­ro­leptikum mit einem geringen Risiko von extrapyramidalen Störungen. Die Augmen­tation mit Neuroleptika wird zunehmend häufiger durchgeführt (Aripi­prazol ist in den USA anders als in Deutschland für diese Indikation zugelassen).

Mit 1.522 Teilnehmern, davon allerdings 85 Prozent männlich (Veteranen), war die „VAST-D“-Studie groß genug, um Unterschiede zwischen den drei Optionen mit statis­ti­scher Signifikanz belegen zu können. Dies war auch notwendig, denn die Unterschiede waren insgesamt gering. Der primäre Endpunkt, eine Remission der Depression, wurde nach dem Switch auf Bupropion bei 22 Prozent der Patienten erreicht, nach der Aug­men­tation mit Bupropion kam es bei 27 Prozent zur Remission und nach der Augmen­ta­tion mit Aripiprazol waren es 29 Prozent.

Der Vorteil der Augmentation mit Aripipra­zol war signifikant. Somaia Mohamed vom VA Connecticut Healthcare System in West Haven/Connecticut und Mitarbeiter ermittelten ein relatives „Risiko“ für eine Remission von 1,30 mit einem 95-Prozent-Konfidenzin­tervall von 1,05 bis 1,60. Der sekundäre Endpunkt eines Therapieansprechens wurde unter Aripiprazol (74 Prozent) ebenfalls häufiger erreicht als unter dem Switch zu Bupropion (62 Prozent) oder der Augmenta­tion mit Bupropion (66 Prozent).

Eine Remission war definiert als ein „Quick Inventory of Depressive Symptomatology-Clinician Rated“ (QIDS C-16) Score von 5 oder weniger an zwei aufeinanderfolgenden Untersuchungen. Das Ansprechen erforderte nur einen Rückgang des QIDS C-16 um mehr als 50 Prozent.

Ein gewisser weiterer Vorteil der Augmentation mit Aripiprazol war eine geringere Rate von Angststörungen (16,6 Prozent versus 24,3 Prozent nach dem Switch und 22,5 Pro­zent unter der Augmentation  mit Bupropion), da Angststörungen bei der Major-Depres­sion eine schwierige Prognose mit einem erhöhten Suizidrisiko anzeigen. Anderer­seits kam es unter der Behandlung mit Aripiprazol häufiger zur Somnolenz, zu extrapyramidalen Nebenwirkungen (19,2 Prozent, einschließlich Akathisie 14,9 Pro­zent) und zu einer Gewichtszunahme (25,2 Prozent und mehr als 7 Prozent), was die Vorteile dieser Option wieder infrage stellt. Für Mohamed ist der Nutzen der Augmen­tation deshalb noch nicht endgültig geklärt.

Wie in der „STAR*D“-Studie konnte für die Mehrheit der Patienten keine befriedigende Lösung für die Major-Depression gefunden werden. Zu den Einschränkungen der „VAST-D“-Studie gehört, dass die meisten Patienten männlich waren und dass bei den Soldaten eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) häufig Auslöser der Depression war.

Methamphe­tamin-Entzug: Neue S3-Leitlinie rät von Substitution mit psychoaktiven Substanzen ab

Die erste S3-Leitlinie zu Metamphetamin-bezogenen Störungen ist kürzlich erschienen. Im Mittelpunkt steht die Evidenz zur medikamentösen und psychotherapeutischen Therapie, die sich jedoch größtenteils als äußerst schwach herausstellte. Psychotherapie und Sportprogramme zeigen dennoch im Vergleich zu Medikamenten bessere Effekte bei Crystal Meth-abhängigen Personen. Eine Zusammenfassung der Leitlinie ist im Deutschen Ärzteblatt (DÄ) erschienen (Dtsch Arztebl Int 2017; 114(26): 455-61).

Methamphetamin-Konsumenten suchen vor allem in den an Tschechien angrenzenden Bundesländern (Sachsen, Bayern und Thüringen) häufiger Ärzte und Suchthilfen auf. Bisherige Leitlinien halfen bei der Entscheidung für eine Therapie nur unzureichend weiter. Denn sie bezogen sich nicht spezifisch auf die Substanz Methamphetamin und waren zudem veraltet. Die Bundes­ärzte­kammer hat daher finanziert durch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium ein Expertenpanel beauftragt, eine S3-Leitlinie zu entwickeln. 

Basierend auf einer Literaturrecherche, die auch 58 Studien zu medikamentösen Interventionen einschloss, haben die Experten um Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank vom Landschaftsverband Rheinland-Klinik in Köln Empfehlungen zu Medikamenten, Substitution, Psychotherapie und Sportprogrammen zusammengefasst. Gut belegt ist beispielsweise die Wirksamkeit kognitiver Verhaltenstherapie oder des Kontingenz­managements.

Nachweislich positiv wirkt sich auch Sport auf Methamphetamin-Abstinenzsymptome, wie Suchtdruck, Angst und Depressivität, aus. Medikamente wie etwa Tranquilizer werden nur eingeschränkt empfohlen. Die Datengrundlage sei zu schwach, damit könne man wenn überhaupt nur geringe Effekte nachweisen, heißt es in der Publikation. Vergleichbar schlecht ist Evidenz zu Substitutionsversuchen mit Psychostimulanzien. Der Einsatz von retardiertem D-Amphetamin oder retardiertem Methylphenidat wird daher in der S3-Leitlinie nur im Rahmen von klinischen Studien empfohlen.