Psychotherapie: Honorar für Sprechstunde und Akutbehandlung nachgebessert

Psychotherapeutische Sprechstunden und Akutbehandlung werden nachträglich höher bewertet. Sie werden künftig genauso vergütet wie die Gebührenordnungspositionen der Richtlinien-Psychotherapie. Das hat heute der Bewertungsausschuss (BA) entschieden, wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) mitteilte. Ursprünglich waren die neuen Leistungen der Psychotherapie niedriger bewertet worden. Dagegen hatte die KBV vor dem Landessozialgericht Berlin-Brandenburg geklagt.

Wie das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) heute auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes betonte, habe es den alten BA-Beschluss bisher nicht beanstandet. Das Prüfverfahren dazu laufe noch, sagte eine Sprecherin. Das BMG will nun den veränderten Beschluss des BA in die Prüfung einbeziehen, hieß es. Die KBV kündigte unterdessen an, den Rechtsweg nicht weitergehen zu wollen. Man werde die Klage beim Landessozialgericht zurückziehen, sagte KBV-Chef Andreas Gassen heute im Anschluss an die Sitzung des Bewertungsausschusses.

88,56 Euro für 50 Minuten

Im ursprünglichen Vergütungsbeschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses (EBA) vom 29. März 2017, der mit Stimmen des GKV-Spitzenverbandes und des Vorsitzenden Jürgen Wasem gegen die Stimmen der KBV gefallen war, waren für die Sprechstunde sowie für die Akutbehandlung bei einer Dauer von mindestens 25 Minuten 42,75 Euro, bei 50 Minuten 85,50 Euro vorgesehen. Das waren etwa 3,5 Prozent weniger als die Krankenkassen für die Richtlinien-Psychotherapie bezahlen.

Jetzt erhalten die Vertragsärzte und –psychotherapeuten für eine Sitzung von mindestens 25 Minuten 44,33 Euro, bei einer Dauer von 50 Minuten 88,56 Euro. Das entspricht einer Therapiestunde im Rahmen der Richtlinien-Therapie.

Ich freue mich, dass die Kassenseite ihre Position noch einmal überdacht hat.Andreas Gassen

„Unser Engagement für die psychotherapeutische Versorgung der Patienten ist erfolgreich gewesen und ich freue mich, dass die Kassenseite ihre Position noch einmal überdacht hat“, erklärte Gassen heute.

Die Entscheidung werde dazu beitragen, „dass mit den neuen psychotherapeutischen Leistungen das erreicht wird, was der Gesetzgeber beabsichtigt hat: Den Versicherten ein kurzfristig verfügbares und niedrigschwelliges Versorgungsangebot in ausreichendem Umfang zur Verfügung zu stellen“, stellte KBV-Vorstand Stephan Hofmeister fest.

Psychotherapeutische Sprechstunde und Akutbehandlung wurden im Rahmen der Überarbeitung der Psychotherapie-Richtlinie durch den Gemeinsamen Bundes­ausschuss zum 1. April 2017 neu eingeführt. Ziel der Neuerungen war, Menschen mit psychischen Problemen einen schnelleren und niedrigschwelligen Zugang zum Therapeuten zu ermöglichen.

Die Sprechstunde soll dazu dienen, im Rahmen eines Erstgespräches abzuklären, ob der Patient eine Therapie benötigt oder ob ihm mit anderen Beratungs- und Unterstützungsangeboten geholfen werden kann. Die Akutbehandlung wiederum ermöglicht Menschen in einer konkreten Krisensituation einen direkten Zugang zum Therapeuten ohne lange Genehmigungsverfahren der Krankenkasse.

Insulinnasenspray könnte helfen, das Essverhalten zu regulieren

Insulin im Gehirn aktiviert bestimmte Hirnregionen und kann so helfen, das Hungergefühl zu regulieren. Darauf deuten Untersuchungen von Forschern des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) aus Tübingen hin. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in Scientific Reports (2017, DOI:  10.1038/s41598-017-01907-w).

Um die Wirkungsweise von Insulin besser zu verstehen, haben Forscher 25 gesunden schlanken, zehn übergewichtigen und 12 adipösen Erwachsenen Insulin oder einen Placebo gegeben. Durch die Applikation des Hormons über ein Nasenspray wird die Bluthirnschranke umgangen und das Insulin gelangt direkt ins Gehirn. Dreißig Minuten nach der intranasalen Insulingabe wurden die Hirnaktivitäten im Magnetresonanz­tomographen untersucht. Weitere eineinhalb Stunden später befragten die Autoren die Teilnehmer nach ihrem subjektiven Hungergefühl, was zu unterschiedlichen Antworten in Abhängigkeit vom Körpergewicht führte.

Das intranasale Insulin verbessert bei allen Studienteilnehmern, vor allem aber bei den Übergewichtigen, die funktionalen Verbindungen in den präfrontalen Regionen des Ruhestandsnetzwerks (Default Mode Network, DMN). Diese Gruppe von Hirnregionen wird aktiviert, wenn der Mensch keinerlei Aufgaben nachgeht und sich stattdessen kognitiven Prozessen widmet, wie Tagträumen oder Zukunftsplänen. Es ermöglicht das reizunabhängige Denken. Darüber hinaus verstärken sich die funktionalen Verbin­dungen zwischen dem DMN und dem Hippocampus sowie dem Hypothalamus – eine homöostatische Region, die im Gehirn unter anderem den Salz- und Wasserhaushalt sowie den Blutdruck reguliert.

Bei einer durch Insulin erhöhten Konnektivität zwischen dem DMN und dem Hippocampus wird diese Verkettung zwischen Fettgewebe und dem subjektiven Hungergefühl unterdrückt.Stephanie Kullmann, Deutsches Zentrum für Diabetesforschung, Tübingen

Die beobachteten Veränderungen im Gehirn beeinflussen somit auch das Essverhalten. Sie bewirken, dass sich die Verbindung zwischen Fettleibigkeit und Hungergefühl ändert. Eigentlich haben Menschen mit viel viszeralem Fettgewebe auch mehr Hunger. In der Studie hatten die Teilnehmer nach intranasaler Insulingabe jedoch weniger Hunger. „Bei einer durch Insulin erhöhten Konnektivität zwischen dem DMN und dem Hippocampus wird diese Verkettung zwischen Fettgewebe und dem subjektiven Hungergefühl unterdrückt“, erläutert Stephanie Kullmann, Autorin der Studie.

Verbesserte Insulin-Empfindlichkeit durch intranasales Insulin

Außerdem beobachteten die Wissenschaftler, dass Insulin im Gehirn auch die Wirkung des Hormons im Körper verbessert. Studienteilnehmer mit einer durch Insulin induzierten erhöhten funktionalen Konnektivität im DMN weisen im Körper eine höhere Insulin-Empfindlichkeit auf. Das wirkt Adipositas und Typ-2-Diabetes entgegen.
Die aktuellen Ergebnisse zeigen, dass Insulin im Gehirn durch eine verbesserte funktionelle Verbindung zwischen kognitiven und homöostatischen Regionen im Hirn vielleicht helfen kann, das Essenverhalten zu regulieren und abzunehmen.

Lesen verändert die Struktur des Gehirns grundlegend

Lesen ist evolutionär betrachtet eine junge kulturelle Errungen­schaft – so jung, dass im Gehirn noch kein eigener Platz für sie vorgesehen ist. Wenn Menschen lesen lernen, werden daher Hirnregionen umfunktioniert, die bis dahin für andere Fähigkeiten genutzt wurden. Wissenschaftler der Max-Planck-Institute in Nijmegen und Leipzig berichten darüber im Fachmedium Science Advances (2017; doi: 10.1126/sciadv.1602612).

„Bisher ging man davon aus, dass sich diese Veränderungen lediglich auf die äußere Großhirnrinde beschränken, die bereits dafür bekannt war, sich schnell an neue Heraus­forderungen anpassen zu können“, erläuterte Studienleiter Falk Huettig vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik.

Das Forscherteam hat gemeinsam mit indischen Wissenschaftlern des Center of Bio-Medical Research (CBMR) Lucknow und der Universität Hyderabad in einer Studie mit erwachsenen Analphabetinnen beobach­tet, was sich im erwachsenen Gehirn verändert, während Menschen lesen und schrei­ben lernen: Anders als bisher angenommen werden durch diesen Lernprozess offenbar Umstrukturierungen in Gang gesetzt, die bis in den Thalamus und den Hirnstamm hinein­reichen. Im Vergleich zur verhältnismäßig sehr jungen Schrift des Menschen verändern sich also Regionen, die evolutionär gesehen alt sind.

Großteil der Probanden konnte nicht lesen und schreiben

Die Arbeitsgruppe hat bei der Studie mit indischen Analphabetinnen zusammengear­beitet. In dem Land bleibt vor allem Frauen der Zugang zu Schulbildung und damit zu Lesen und Schreiben häufig verwehrt, sodass an der Studie ausschließlich Frauen teilnahmen, alle im Alter zwischen 24 und 40 Jahren.

Ein Großteil der Teilnehmerinnen konnte zu Beginn des Trainings kein einziges Wort ihrer Sprache, dem Hindi, entziffern. Hindi, der Landessprache Indiens, liegt das sogenannte Devanagari zugrunde, eine Schrift, deren Zeichen häufig nicht nur für einzelne Buchstaben, sondern auch für ganze Silben oder auch Wörter stehen. Nach sechs Monaten Unterrichts erreichten die Teilnehmerinnen bereits ein Niveau, das sich mit dem von Erstklässlerinnen verglei­chen lässt.

„Wir haben beobachtet, dass die sogenannten Colliculi superiores als Teile des Hirn­stamms und das sogenannte Pulvinar im Thalamus ihre Aktivitätsmuster zeitlich enger an Sehareale auf der Großhirnrinde koppeln“, berichtete Michael Skeide, Wissen­schaftler am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig und Erstautor der Studie. „Die Thalamus- und Hirnstammkerne helfen unserer Sehrinde dabei, wichtige Informationen aus der Flut von visuellen Reizen herauszufiltern noch bevor wir überhaupt bewusst etwas wahrnehmen“, erläutert er.

Hirnareale, die von der Evolution also eigentlich für die Erkennung komplexer Objekte wie Gesichter konzi­piert waren, werden nun durch die Fähigkeit besetzt, Buchstaben in Sprache zu über­tragen. Dadurch entwickeln sich einige Regionen des visuellen Systems zu Schnitt­stellen zwischen unserem Seh- und Sprachsystem.

Die Ergebnisse werfen laut der Arbeitsgruppe ein neues Licht auf mögliche Ursachen der Lese-Rechtschreib-Störung (LRS). Bisher wurden Fehlfunktionen des Thalamus als eine mögliche angeborene Ursache der LRS diskutiert, die zu grundlegenden Defiziten in der visuellen Aufmerksamkeit führen könnten. „Da wir nun wissen, dass sich der Thalamus bereits nach wenigen Monaten Lesetraining so grundlegend verändern kann, muss diese Hypothese neu hinterfragt werden“, so Skeide.

Studie: ADHS-Patienten haben seltener einen Führerschein und etwas häufiger Verkehrsunfälle

Jüngere Erwachsene mit der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts­störung (ADHS) besaßen in einer US-Kohortenstudie seltener einen Führerschein und sie waren laut der Publikation in JAMA Pediatrics (2017; doi: 10.1001/jamapediatrics.2017.0910) häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt. Das Risiko war jedoch weitaus geringer als in früheren Untersuchungen.

Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, die Kernsymptome der ADHS, legen die Vermutung nahe, dass die Patienten häufiger als andere Menschen als Auto­fahrer in Unfälle verwickelt sind. Frühere Untersuchungen hatten bereits ein erhöhtes Risiko ermittelt. In einer viel beachteten älteren Studie war es sogar um den Faktor vier erhöht (Pediatrics 1993; 92: 212–218). Ganz so schlimm scheint die Situation jedoch nicht zu sein, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt.

Die Untersuchung verließ sich anders als frühere Studien nicht auf die Erinnerungen von Patienten und Kontrollen. Allison Curry vom Children’s Hospital of Philadelphia (CHOP) und Mitarbeiter recherchierten vielmehr, ob 18.000 ehemalige Patienten der Kinderklinik (solche mit und ohne ADHS) später einen Führerschein erwarben und ob sie in den ersten Jahren danach in einen Unfall mit mehr als 500 Dollar Schaden verwickelt waren.

Ergebnis: Sechs Monate nach Erreichen des Mindestalters für die Fahrerlaubnis besaßen die ADHS-Patienten zu 35 Prozent seltener einen Führerschein. Die adjustiere Hazard Ratio betrug für Männer 0,65 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,61–0,70) und für Frauen 0,64 (0,58–0,70).

Die ADHS-Patienten mit Führerschein waren häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt. Von 1.785 ADHS-Patienten verunglückten 764 (42,8 Prozent). In der Vergleichsgruppe waren es 4.715 von 13.221 Personen (35,7 Prozent). Curry ermittelt eine Hazard Ratio von 1,36 (1,25–1,48), also ein um 36 Prozent erhöhtes Risiko, das bei Männern und Frauen gleich hoch war und sich mit zunehmender Fahrpraxis nicht änderte.

Auffallend war, dass nur 12,1 Prozent der ADHS-Patienten in den 30 Tagen vor dem Unfall ein Rezept auf ein ADHS-Medikament eingelöst hatten. Das Unfallrisiko war allerdings in dieser Gruppe nicht niedriger als bei den Patienten, die zum Unfall­zeitpunkt vermutlich nicht unter medikamentöser Behandlung standen.

Online-Intervention kann bei Depressionen helfen

Bei leichten und mittelschweren Depressionen können Online-Therapien eine wirksame und effektive Alternative zur klassischen Psychotherapie sein. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Freien Universität Berlin (FU Berlin) und der Techniker Krankenkasse (TK), die heute in Berlin vorgestellt wurde.

Der „Depressionscoach“ ist eine Online-Intervention für leicht bis mittelgradig depressiv belastete Erwachsene, die derzeit von der TK angeboten wird. Eine Stich­probe von 1.089 Teilnehmern des TK-Depressionscoach wurde nun erstmalig von Christine Knaevelsrud, Professorin für Klinisch-Psycholo­gische Intervention an der FU Berlin, und Kollegen evaluiert. „Es handelt sich um die derzeit größte deutsche Online-Therapie-Studie unter Versor­gungs­bedingungen“, betonte Knaevelsrud heute vor der Presse. „Die Ergeb­nisse sind im internationalen Vergleich mit anderen Online-Programmen überdurch­schnittlich und die Drop-out-Raten unterdurchschnittlich.“

Mit dem TK-Depressionscoach, der über die Internetseite der TK zugänglich ist, erhalten Betroffene über einen Zeitraum von etwa zwei Monaten Interventionen in sieben Modulen: Modul eins leitet an, Depressionen zu erkennen und zu begreifen; Modul zwei zeigt, wie sich Depressionen auf Körper und Psyche auswirken können; Modul drei leitet an, dem Tag eine klare Struktur zu geben; Modul vier hilft, Hinder­nisse im Alltag zu über­winden; Modul fünf zeigt, wie sich negative Denkmuster beein­flussen lassen und Modul sechs leitet an, hilfreiche Gedanken zu entwickeln; Modul sieben schließlich trägt dazu bei, persönliche Warnsignale zu erkennen.

Hohe Zufriedenheit der Patienten mit dem Programm

In der Evaluationsstudie erhielt ein Teil der teilnehmenden TK-Versicherten eine regel­mäßige individuelle Betreuung durch eine psychologische Beraterin, der andere Teil ein automatisiertes Feedback und Kontakt bei Bedarf. Mittels Fragebögen vor und nach der Intervention sowie drei, sechs und zwölf Monate später wurden auch die lang­fristigen Effekte untersucht. Die Teilnehmer äußerten Studienleiterin Knaevelsrud zufolge eine hohe Zufriedenheit mit dem Programm, wobei sie mit individueller Betreuung wesentlich zufriedener waren. Zudem würden die individuell Betreuten das Programm auch häufiger weiterempfehlen.

Signifikante Verminderungen der depressiven Symptome

„Hinsichtlich der Wirksamkeit haben sich signifikante und langanhaltende Verminde­run­gen der depressiven Symptome, aber auch der sogenannten Sekundär-Outcomes wie Angst und Grübeln ergeben“, berichtete die Psychotherapeutin. Das habe auch zur Folge, dass die Zahl der selbstberichteten Krankschreibungen und Krankheitstage der Teilnehmer gesunken sei. Die Verbesserungen seien auch über den Zeitraum von einem Jahr nach der Onlinetherapie weitestgehend stabil. „Die Ergebnisse sind somit vergleich­bar mit denen, die in Face-to-face-Behandlungen erzielt werden“, betonte Knaevelsrud.

Die Techniker Krankenkasse würde den Depressionscoach gerne „viel stärker“ in die Regelversorgung implementieren, betonte Susanne Klein, Leiterin der Entwicklungs­abteilung im TK-Versorgungsmanagement. „Auch für schwere Diagnosen ist in Zukunft eine Onlinetherapie denkbar. Die internationale Forschung zeigt uns, dass die Kom­bination von persönlicher Betreuung und neuen Medien hierbei durchaus gut funktioniert.“

Doch bis dahin sei es noch „ein sehr weiter Weg“, so Klein. Zum einen gelte es, Psycho­therapeuten davon zu überzeugen, ihren Patienten den Depressions­coach ergänzend oder zur Wartezeitenüberbrückung zu empfehlen. Im Weg stehe zudem, dass die Kassen Patienten aus Datenschutzgründen nicht gezielt auf die Online-Intervention aufmerksam machen dürften.

Per psychothera­peutischer Verordnung in die Klinik

Psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsycho­therapeuten dürfen künftig Krankenhausbehandlungen und Krankenbeförderungen verordnen. Damit erhalten sie mehr Entscheidungsspielraum bei der Versorgung ihrer Patienten.

Bislang durften ausschließlich Ärzte entsprechende Leistungen verschreiben. Diese Befugnis wurde nun per Gesetz ausgedehnt, die entsprechende Richtlinie durch den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) angepasst. Darauf hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hingewiesen.

Sobald die Honorarfrage geklärt ist, sollen demnach Therapeuten neben Krankenhaus­behandlungen sowie Krankenbeförderungen zudem auch Rehabilitationsleistungen und Soziotherapie verordnen dürfen. Hierzu werden KBV und GKV-Spitzenverband im Bewertungsausschuss innerhalb der nächsten sechs Monate eine entsprechende Vergütungsregelung für Psychotherapeuten verhandeln.

Psychotherapeuten können Patienten in ein Krankenhaus einweisen, wenn diese aufgrund psychischer Erkrankungen und Störungen stationär behandelt werden müssen. Die Verordnung ist zulässig für Diagnosen, bei denen nach der Psychothera­pie-Richtlinie eine Psychotherapie sowie eine neuropsychologische Therapie möglich sind. Für die übrigen Indikationen aus dem Kapitel V „Psychische und Verhaltens­störungen“ des ICD-10-GM muss weiterhin eine Abstimmung mit dem behandelnden Arzt erfolgen.

Psychotherapeuten, die einem Patienten eine Krankenhausbehandlung verordnet haben, können ihm auch die Fahrt dorthin verordnen. Voraussetzung ist, dass die Beförderung medizinisch notwendig ist. Fahrten zur ambulanten Behandlung sind dagegen nur in bestimmten Fällen verord­nungsfähig – etwa für Patienten, die einen Schwerbehindertenausweis besitzen, Pflegegrad 3, 4 oder 5 haben oder dauerhaft in ihrer Mobilität eingeschränkt sind.

Essstörungen: Pränataler Stress begünstigt Heißhungerattacken

Heißhungerattacken, die auf Stress während der Schwangerschaft zurückzuführen sind, werden schon im Gehirn des Fötus programmiert. Entscheidend ist dabei das Geschlecht des Kindes. Eine Essstörung muss aber nicht zwangsläufig daraus resultieren. Sie tritt nur unter bestimmten Auslösern auf und könne durch eine ausgewogene Ernährung der Heranwachsenden verhindert werden, heißt es in der der Studie, die die Forscher vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München in Cell Metabolism publiziert haben (2017; doi 10.1016/j.cmet.2017.05.001).

Es ist bekannt, dass sich die Lebensumstände der Mutter während der Schwangerschaft negativ auf das spätere Leben des Nachwuchses auswirken und Männer wie Frauen für verschiedene Krankheiten anfällig machen können. Mariana Schroeder, Postdoc in der Forschungsgruppe von Alon Chen und Erstautorin einer kürzlich veröffentlichten Studie, wollte herausfinden, ob dieses Phänomen auch bei Essstörungen eine Rolle spielt.

Im Mausmodell konnten die Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychiatrie die Aktivierung der zentralen Stressantwort während einer fortgeschrittenen Schwanger­schaft biologisch nachbilden. Dann testeten sie, ob die Nachkommen während der Pubertät anfällig für Heißhungerattacken waren. Sie stellten fest, dass weibliche Nachkommen von Mäusen, die während der Schwangerschaft gestresst waren, eher Fressattacken entwickelten als weibliche Nachkommen nicht gestresster Mäuse.

Das Bemerkenswerteste an der Studie ist, dass wir den Ausbruch von Heißhungerattacken vollständig unterbinden konnten, indem wir den heranwachsenden Mäusen eine ausgewogene Diät verabreichten.Alon Chen, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie

Die Forscher um Schroeder fanden zudem heraus, dass viele Moleküle im Hypothala­mus der betroffenen Nachkommen epigenetisch verändert waren. „Diese Programmie­rung während der Schwangerschaft führt jedoch nicht immer zu gestörtem Essverhal­ten. Erst wenn während der Pubertät bestimmte Auslöser auftreten, machen sich die bereits durch pränatale Programmierung gegebenen Veränderungen bemerkbar“, erklärt die Erstautorin.

„Das Bemerkenswerteste an der Studie ist, dass wir den Aus­bruch von Heißhunger­attacken vollständig unterbinden konnten, indem wir den heranwachsenden Mäusen eine ausgewogene Diät verabreichten“, sagt Alon Chen, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie. Die Studie sei der Beweis dafür, dass Heißhungerattacken eine pränatale Programmierung zugrunde liege.

zum Thema

Zwanghafte Heißhungerattacken sind eine verbreitete Essstörung, von der bis zu drei Prozent der Bevölkerung betroffen sind, hauptsächlich Frauen. Sie nehmen häufig innerhalb kürzester Zeit große Mengen an Nahrung zu sich. Viele Betroffene sind übergewichtig und haben dadurch ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Diabetes und Herzerkrankungen. Häufig leiden Patienten mit Heißhungerattacken auch an Depression und niedrigem Selbstwertgefühl und neigen vermehrt zu Angststörungen.

Schon moderater Alkoholkonsum schädigt das Gehirn

Oxford – Bei Männern und Frauen, die über Jahrzehnte hinweg fünf bis sieben Flaschen 0,5-l-Bier und somit etwa 110 bis 170 g reinen Alkohol pro Woche konsu­mieren, ist das Risiko einer Schrumpfung des Hippocampus doppelt bis dreimal so hoch wie bei Nichttrinkern. Darüber hinaus schnitten die moderaten Alkoholtrinker bei einigen Sprachtests schlechter ab als Abstinenzler. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von Forschern der University of Oxford, die im British Medical Journal publiziert wurde (2017; doi: 10.1136/bmj.j2353).

Wie viel Alkohol ist enthalten?

10 g bis 12 g Alkohol entsprechen circa …

  • … 0,25 l Bier (5 Vol-%)
  • … 0,1 l Wein/Sekt (11 Vol-%)
  • … 0,2 l Longdrink mit 4 cl Wodka
    (38 Vol-%)
  • … 0,04 l Spirituose/Shot (38 Vol-%)

Moderater Alkoholkonsum

  • 110 bis 170 g Ethanol = fünf bis sieben 0,1-l-Gläser Wein/Sekt beziehuzngsweise 0,5 l Bier pro Woche

Die negativen Effekte von hohem Alkoholkonsum sind hinlänglich untersucht. Doch zu den potenziellen Schäden eines moderaten Genusses – also fünf bis sieben 0,1-l-Gläser Wein oder 0,5 l Bier pro Woche – gibt es nur wenig aussagefähige Untersuchungen.

Im Rahmen der Whitehall-II-Gesund­heitsstudie wurden 550 Männer und Frauen im Alter von durchschnittlich 43 Jahren zwischen 1985 und 2015 unter­sucht. Keiner der Probanden war zu Beginn der Studie Alkoholiker. Je mehr Alkohol die Teilnehmer pro Woche tranken, desto größer war auch der Schwund an Gehirnmasse im Hippo­campus, der für das Gedächtnis und die räumliche Orientierung zuständig ist. Wer umgerechnet zehn 0,5-l-Flaschen Bier (5 Vol-%) pro Woche (240 Gramm reiner Alkohol) zu sich nahm, hatte das größte Risiko einer sichtbaren Hippocampus-Atrophie im Magnetresonanztomografen (Odds Ratio: 5,8; Konfidenzintervall (CI): 1,8–18,6; p ≤ 0,001). Bei einem moderaten Alkoholkonsum lag die Wahrscheinlichkeit für einen Schwund im Hippocampus immer noch  bei einer Odds Ratio von 3,4 (1,4–8,1; p = 0,007). Wer hingegen maximal 56 g Ethanol in Form von etwa fünf 0,1-l-Glä­sern Wein/Sekt pro Woche trank, hatte keinen Vorteil gegenüber Nicht-Trinkern.

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Alkohol ruft möglicherweise Gehirnschäden schon bei Mengen hervor, die bisher als moderat gelten, warnen die Autoren um Anya Topiwala vom Warneford Hospital in Oxford. Sie fordern daher eine Überprüfung der nationalen Richtlinien zum Alkohol­genuss.

Was versteht man weltweit unter moderatem Alkoholgenuss?

Wie genau sich ein akzeptabler Alkoholkonsum pro Woche definieren lässt, variiert weltweit. In Großbritannien wurden die Richtlinien bereits im vergangenen Jahr überarbeitet: Die Regierung empfiehlt seitdem, nicht mehr als 16 g Alkohol pro Tag zu konsumieren – also 112 g pro Woche. In den USA liegt die Schwellendosis weit höher, bei 28 g pro Tag. Die Fachgesellschaften für Ernährung in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich auf Referenzwerte geeinigt, die für gesunde, nicht schwangere Frauen einen Konsum von 10 g Alkohol pro Tag als akzeptable Menge an Alkohol angeben, bei Männern sind es 20 g. Das wären ein halber Liter Bier pro Tag. Etwas mehr darf es nach Einschätzung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sein. Hier ist von einer „risikoarmen Schwellendosis“ von 12 g Alkohol pro Tag für eine Frau und 24 g für einen Mann die Rede. Frauen wird in fast allen Ländern geraten, deutlich weniger zu konsumieren.

Probiotika könnten Depressionen bei Reizdarmsyndrom lindern

Depressive Patienten, die an einem Reizdarmsyndrom leiden, könnten mit­hilfe einer Probiotika-Therapie ihre psychischen Beschwerden lindern. So lautet das Ergebnis einer klinisch randomisierten Studie, die Forscher des Farncombe Family Digestive Health Research Institute um Premysl Bercik in der Fachezeitschrift Gastroenterology veröffentlichten (2017; doi: 10.1053/j.gastro.2017.05.003).

Ein Reizdarm geht typischerweise mit Blähungen, Durchfall und Schmerzen einher. Da die Symptome zu teilweise großen Belastungen im Alltag führen, leiden laut den Autoren viele Betroffenen unter depressiven Verstimmungen. Der Grund für die Symptome ist bisher unklar. Neben einem hypersensiblen enterischen Nervensystem werden auch Faktoren wie Immunreaktionen nach Gastroenteritiden oder bakterielle Fehlbesiedlungen des Darms diskutiert. Der bakteriellen Flora wird auch in der momentanen Leitlinie zum Reizdarmsyndrom eine wichtige Rolle beigemessen. So wird in der 2010 veröffentlichten Leitlinie unter anderem eine Empfehlung für eine Behand­lung mit Probiotika ausgesprochen.

Kleine Studienpopulation

In der aktuellen – kleinen – Studie wollten die Wissenschaftler überprüfen, ob die Probiotika auch einen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Patienten ausüben. Sie rekrutierten 44 Patienten mit einem Reizdarmsyndrom für ihre Studie. Die Hälfte wurde über zehn Wochen mit Probiotika behandelt, die Bifidobacterium longum enthielten, während die andere Hälfte ein Placebo erhielt.

Es zeigte sich, dass nach sechs Wochen 14 Patienten der Behandlungsgruppe unter weniger depressiven Symptomen litten, gegenüber sieben Patienten in der Placebo-Gruppe. In zusätzlichen funktionellen MRT-Aufnahmen zeigten sich in der Gruppe der behandelten Patienten Änderungen der Amygdala-Funktion und des limbischen Systems, die unter anderem an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt sind.

Die ersten Ergebnisse dieser kleinen Studie bewerten die Forscher als vielverspre­chend. Künftige Untersuchungen müssten aber noch zeigen, ob sich diese auch in größeren Patientenkollektiven bestätigen lassen. Die Ergebnisse würden außerdem noch einmal die wichtige Verbindung zwischen Darmflora und Psyche unterstreichen, hieß es aus der Arbeitsgruppe.