Anleitung zur Selbsthilfe lindert chronisches Erschöpfungssyndrom in Studie

Eine professionelle Anleitung zur Selbsthilfe mit einem Patientenratgeber, der die körperliche Aktivität langsam steigern soll, hat in einer randomisierten Studie die Kernsymptome des chronischen Erschöpfungssyndroms gelindert. Die im Lancet(2017; doi: 10.1016/S0140-6736(16)32589-2) vorgestellte Selbsthilfe basiert auf einem umstrittenen Therapieansatz, der sich in einer früheren Studie bereits als wirksam erwiesen hat.

Die britische PACE-Studie war 2011 zu dem Ergebnis gekommen, dass Physio- und Psychotherapie die Beschwerden des chronischen Erschöpfungssyndroms lindern können, die häufig im Anschluss an einen Infekt zu einer anhaltenden körperlichen und mentalen Erschöpfung führt. Die Behandlung ist dennoch umstritten, da sie nach Ansicht vieler Patienten suggeriert, dass die Erkrankung psychischer Natur ist.

Viele sind überzeugt, an einer organischen Erkrankung, der myalgischen Enzepha­lomyelitis, zu leiden, die körperliche Schonung verlangt, weshalb eine Physiotherapie als potenziell gefährlich eingestuft wird. Entsprechend kontrovers wurden die Ergebnisse der PACE-Studie diskutiert. Das National Institute for Health and Care Excellence (NICE), das in England und Wales festlegt, welche Behandlungen der Nationale Gesundheitsdienst anbietet, betrachtet sie jedoch aufgrund der PACE-Studie als Therapie der Wahl.

Die Behandlung ist jedoch sehr zeit- und personalintensiv. Dies gilt insbesondere für die Physiotherapie. Da die körperliche Belastbarkeit nur langsam und behutsam gesteigert werden kann, sind über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten bis zu 15 Termine bei einem Physiotherapeuten erforderlich, der eine spezielle Schulung zu den Besonderheiten der Erkrankung benötigt. Diese Kompetenz ist nur an wenigen Zentren vorhanden.

In der GETSET-Studie wurde deshalb untersucht, ob die Therapie teilweise in die Eigenverantwortung der Patienten übertragen werden kann. Alle 211 Teilnehmer der Studie, die an zwei Zentren in London und in der Region Kent durchgeführt wurde, erhielten eine spezielle medizinische Grundbetreuung durch einen Arzt, der auf die Behandlung des chronischen Erschöpfungssyndroms spezialisiert ist. Diese Grundbetreuung beschäftigte sich mit der Behandlung von Begleitsymptomen wie Schlaflosigkeit, Schmerzen oder depressiven Verstimmungen. Sie konnte in Rat­schlägen oder in der Verordnung von Medikamenten bestehen.

Einer Hälfte der Patienten wurde zusätzlich eine „Graded exercise therapy“ (GET) angeboten, die anders als in der PACE-Studie nicht durchgängig von einem Physio­therapeuten durchgeführt wurde. Die Patienten sollten das 12-wöchige Programm, das in sechs Stufen die körperliche Aktivität steigert, überwiegend in Eigenregie absol­vieren. Die Unterstützung des Physiotherapeuten beschränkte sich auf maximal vier Beratungen über Telefon oder Skype.

Die Patienten wurden angeleitet, sich eine körperliche Aktivität auszusuchen, die sie in langsam steigender „Dosis“ in ihren Alltag integrierten. Die meisten Teilnehmer entscheiden sich für Gehen oder Wandern. Am Anfang konnte die Aktivität auf einige Minuten beschränkt sein. Wenn ein bestimmtes Level ohne Erschöpfung ertragen wurde, sollte zunächst die Dauer und später auch die Intensität der körperlichen Bewegung langsam gesteigert werden.

Primäre Endpunkte der Studie waren die Erschöpfbarkeit, die mit der Chalder-Fatigue-Skala bestimmt wurde, sowie die körperliche Funktion im SF36-Fragebogen zur Lebensqualität. Wie Lucy Clark vom Wolfson Institute of Preventive Medicine in London und Mitarbeiter berichten, kam es in beiden Endpunkten zu einer signifikanten Verbesserung. Die Erschöpfbarkeit ging in der 33-Punkte Chalder-Skala um 4,2 Punkte (95-Prozent-Konfidenzintervall 2,3-6,1 Punkte) stärker zurück als in der Vergleichsgruppe. Die Effektstärke betrug 0,53, was ein guter Wert ist. Die körperliche Funktion verbesserte sich im SF36-Fragebogen um 6,3 Punkte (1,8-10,8) mehr als in der Kontrollgruppe. Die Effektstärke betrug hier 0,20, was ein relativ geringer Wert ist.

In der Selbsteinschätzung meinten 18 Prozent der Patienten nach Abschluss der 12-wöchigen Studie, dass sie sich „viel besser“ oder „sehr viel besser“ fühlen. In der Kontrollgruppe hatten 5 Prozent diesen Eindruck. In puncto Erschöpfbarkeit sahen 14 Prozent gegenüber 6 Prozent eine positive Veränderung.

Schwerwiegende Nebenwirkungen sind laut Clark nicht auftreten. Nur einer von 97 Teilnehmern in der GET-Gruppe stufte seinen Zustand am Ende als „schlechter“ oder „sehr viel schlechter“ ein im Vergleich zu acht von 101 Patienten in der Kontrollgruppe. Es gab in der GET-Gruppe allerdings mehr Studienabbrecher (10 versus 2 in der Kontrollgruppe), was aber nach Einschätzung von Clark nichts am insgesamt positiven Ergebnis der Studie ändert.