Psychotherapeuten fordern flexiblere Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher

Mehr Daten zur Versorgungssituation psychisch kranker Kinder und Jugendlicher fordert die Deutsche PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) anlässlich des Symposiums „Psychotherapie in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen“, das heute in Berlin stattfand. „Die Datenbasis ist bisher wenig aussagekräftig, insbesondere auch zur Situation von Kindern psychisch kranker Eltern, die eine Betreuung brauchen, bevor sie richtig krank werden“, erklärte die DPtV-Bundesvorsitzende Barbara Lubisch.

Nach Schätzungen der Bundesregierung leben 3,8 Millionen Kinder mit psychisch kranken Eltern zusammen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke hervor. Genauere Zahlen gibt es nicht. „Psychisch kranke Eltern können die Bedürfnisse ihrer Kinder schlechter wahrnehmen“, betonte Michaela Willhauck-Fojkar, Fachbeauftragte der DPtV für Kinder- und Jugendlichen­psychotherapie. Auch hätten sie oft Schwierigkeiten, ihre Kinder beim Aufsuchen eines Therapeuten beziehungsweise bei der Freistellung von der Schule zu unterstützen.

Diese Probleme erlebt die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (KJP) indes auch bei sozial schwachen Familien. „Bei machen Kindern, die aus Familien kommen, die von der Grundsicherung leben, kann ich davon ausgehen, dass sie spätestens den dritten Therapietermin nicht wahrnehmen, weil sie das Geld für eine Fahrkarte nicht aufbringen.“

Psychisch kranke Kinder dort erreichen, wo sie sich aufhalten

Sinnvoll sei deshalb auch die Option, die Kinder dort zu behandeln, wo sie sich aufhalten, so Willhauck-Fojkar: zuhause, in der Kita, in der Schule oder auch in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. „Wir brauchen viel flexiblere Behandlungs­möglichkeiten, als wir sie jetzt haben.“

Günstig sei solch ein Setting-Wechsel auch, um die Bezugspersonen der Kinder und Jugendlichen, also Eltern, Lehrer, Erzieher oder Mitarbeiter der Jugendhilfe, in die Behandlung miteinzubeziehen. „Doch es ist nicht erlaubt, psychotherapeutische Behandlungen regelhaft außerhalb der Praxisräume abzuhalten“, bedauert die KJP. Doch nur so könnten die Kinder erreicht werden, die es aus unterschiedlichsten Gründen nicht in Praxis schaffen.

Keine Kasse als Vertragspartner für KBV-Verbundkonzept

Aufsuchende Hilfen sind auch Teil des Versorgungskonzepts für psychisch kranke Heranwachsende, das die Kassenärztliche Bundesvereinigung zusammen mit der DPtV und dem Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Februar vorgestellt hat. Ziel ist es, durch den Aufbau von Kompetenzverbünden eine vernetzte und kontinuierliche Therapie zu ermöglichen, die auch die Familie, Kita oder Schule mit einbezieht. Trotz steigenden Behand­lungsbedarfs konnte noch kein Kind von diesem Konzept profitieren. Denn: „Bisher hat sich noch keine Krankenkasse als Vertragspartner gefunden“, berichtete Willhauck-Fojkar.