Antibiotikum könnte traumatische Erinnerungen abschwächen

Zürich – Das Antibiotikum Doxycyclin, das im Gehirn das Enzym Metalloproteinase 9 hemmt, hat in einer experimentellen Studie die Pawlowsche Schreckreaktion von gesun­den Probanden abgeschwächt. Das Medikament könnte laut dem Bericht in Molecular Psychiatry (2017; doi: 10.1038/mp.2017.65) helfen, das Traumagedächtnis von Men­schen mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) zu löschen.

Wie Erinnerungen im Gehirn abgespeichert werden, ist noch immer nicht bekannt. Die Hirnforscher vermuten jedoch, dass die Aufgabe nicht allein von den Hirnzellen bewältigt wird. Auch ein perineuronales Netzwerk scheint beteiligt zu sein. Ein Akteur könnten hier sogenannte Metalloproteinasen sein, die ein Bestandteil des Extrazellularraums sind. Eines dieser Enzyme, die Metalloproteinase 9, lässt sich durch den Wirkstoff Doxycyclin blockieren, der normalerweise als Antibiotikum eingesetzt wird.

Da Doxycyclin ein zugelassenes und in der Regel gut verträgliches Medikament ist, konnte es Dominik Bach von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich bedenken­los für ein Gedächtnisexperiment einsetzen. Die Forscher untersuchten in einem klassischen Pawlowschen Versuch, ob Doxycyclin die Konditionierung einer Schreck­reaktion abschwächen kann.

In dem Experiment wurden 76 gesunden Probanden leichte schmerzhafte elektrische Impulse verabreicht. Bei jedem Impuls wechselte der Bildschirm, vor dem sie saßen, auf eine bestimmte Farbe. Nach der erfolgreichen Konditionierung löste allein die Farbe auf dem Bildschirm eine Schreckreaktion aus.

Diese Konditionierung war deutlich abgeschwächt, wenn die Probanden vor dem Experi­ment 200 mg Doxycyclin eingenommen hatten. Dies könnte bedeuten, dass sich die Erinnerung an die elektrischen Impulse weniger tief in ihr Gedächtnis eingegraben hat. Bach hofft, dass die Ergebnisse für die Behandlung von Menschen mit posttraumati­scher Belastungsstörung genutzt werden könnten. In einem Therapieansatz würden die Patienten bewusst mit den belastenden Erinnerungen konfrontiert, nachdem sie das Medikament eingenommen haben.

Der Prozess des aktiven Erinnerns und der erneuten Abspeicherung gilt als eine Trieb­feder der PTBS. Die Patienten leiden unter sogenannten Flashbacks. Dabei kommt es, oft ohne konkreten Anlass, zu albtraumartigen Erinnerungen an das Ursprungstrauma. Jede dieser Episoden verstärkt den traumatischen Charakter der Erinnerung.

Die thera­peutische Idee besteht darin, diese Episoden aus dem Gedächtnis hervor­zurufen, wäh­rend die Patienten unter der Wirkung einer Therapie stehen, die die erneute Abspeiche­rung im Gehirn schwächt. Ob diese Therapie beim PTBS tatsächlich zum Erfolg führt, lasst sich nicht vorhersagen. Vor einigen Jahren wurde der Therapie­ansatz mit dem Betablocker Propanolol erprobt, der die stressinduzierte Erinnerung abschwächt. Beim PTBS hat diese Behandlung jedoch keine Erfolge erzielt.