WHO Weltgesundheitstag: „Depression – let´s talk“

Depressionen gehören zu den Erkrankungen mit der höchsten Einbuße an Lebensqualität und gelten als Risikofaktor für viele somatische und andere psychische Erkrankungen. „Wir begrüßen die gesteigerte Aufmerksamkeit, Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Gesundheitsversorgung angemessen zu berücksichtigen. Gleichzeitig müssen die Ressourcen für eine adäquate Versorgung in gleichem Maße den Betroffenen auch zur Verfügung gestellt werden“, betont die Bundesvorsitzende der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) Dipl.-Psych. Barbara Lubisch zum heutigen Weltgesundheitstag. *

 

Depressive Erkrankungen können mit einer Psychotherapie wirksam behandelt werden. Die Nachfrage in den Praxen der niedergelassenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ist ungebrochen hoch. Eine frühzeitige Diagnostik und Behandlung ist essentiell für eine effektive und kostenschonende Versorgung von Menschen mit Depressionen. „Dazu muss die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen weiter vorangetrieben werden. Wichtig ist es, das Depressionen in den verschiedenen Lebenswelten, wie der Arbeitsstelle oder Schule, aktiv als ernstzunehmende Erkrankung begriffen werden“, sagte Lubisch.

 

Neben der Entstigmatisierung seien die finanziellen Ressourcen für die frühzeitige Diagnostik und Behandlung entsprechend bereitzuhalten. Umso unverständlicher sei es, dass die frühzeitige diagnostische Abklärung und zeitnahe Akutbehandlung in den psychotherapeutischen Praxen finanziell nicht gefördert werden. Ende März hat der erweiterte Bewertungsausschuss mit Unterstützung der Krankenkassen entschieden, diese wichtigen Leistungen unter dem Niveau vergleichbarer psychotherapeutischer Leistungen zu vergüten. „So werden diese Leistungen völlig unter Wert von den Psychotherapeuten angeboten werden müssen, währenddessen die Krankenkassen ihrer Verantwortung für eine angemessene Ressourcenverteilung nicht nachkommen“, sagte Barbara Lubisch heute in Berlin.

Wirksame Behandlungen gegen Depressionen stehen bereit

Die WHO geht aktuell davon aus, dass weltweit rund 322 Millionen Menschen von Depressionen betroffen sind. In Deutschland allein sind es rund vier Millionen. „Die Sorge vor Stigmatisierung hält viele Menschen davon ab, sich Hilfe zu suchen. Wir wollen sie ermuntern, Hilfe einzufordern und sie nicht allein lassen. Wirksame Behand­lungen und Hilfsangebote stehen bereit“, sagte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) heute bei einer Fachtagung zum Weltgesundheitstag mit dem Titel „Depression, sprechen wir’s an“. Nach Berlin eingeladen hatten das Bundesgesund­heits­ministerium (BMG) und die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheits­förderung.

Gröhe wies in seiner Rede auf die Bedeutung einer leitliniengerechten Behandlung der Depression durch Hausärzte, Psychiater und Psychotherapeuten hin. Gefördert werden müsste zudem die sektorenübergreifende Versorgung, weil die Betroffenen an den Schnitt­stellen oftmals verloren gingen. „Mit der Einführung des Home-Treatments für schwer psychisch Kranke durch spezielle stationäre Behandlungsteams haben wir einen Schritt in die richtige Richtung getan“, betonte er.

Reform der Psychotherapeutenausbildung: Entwurf angekündigt

Um die Versorgung psychisch Kranker noch weiter zu verbessern, habe das BMG darü­ber hinaus eine Reform der Ausbildung von Psychologischen Psychotherapeuten und Kin­der- und Jugendlichenpsychotherapeuten auf den Weg gebracht, betonte der Bun­des­gesundheitsminister. Mit einem fünfjährigen Hochschulstudium der Psychotherapie mit anschließender Weiterbildung und „einer gestärkten Verbindung von Praxis und The­orie“ sollen künftige Psychotherapeuten den Herausforderungen begegnen können. Gröhe kündigte dazu einen Arbeitsentwurf seines Ministeriums an. Bisher liegt nur ein Eckpunktepapier vor.

Den aktuellen medizinischen Wissensstand zur Diagnostik und Therapie der Depression stellte Ulrich Hegerl, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Univer­si­tät Leipzig vor. Von einer Depression spreche man, wenn mindestens zwei relevante Symptome über mindestens zwei Wochen auftreten: Schlafstörungen, Gefühl von Schuld und Wertlosigkeit, Appetittmangel, Antriebslosigkeit, verminderte Konzentration und Sui­zidgedanken. Hegerl unterscheidet folgende Erscheinungsbilder: gehemmte Depression, agitierte Depression, somatisierte „larvierte“ Depression und die wahnhafte Depression. Die Erkrankung komme bei Frauen doppelt so häufig vor wie bei Männern.

Schlafentzug hilft häufig bei Depressionen

Neben Psychotherapie und medikamentöser Behandlung helfe rund 60 Prozent der Be­troffenen ein Schlafentzug in der zweiten Nachthälfte, betonte Hegerl, der auch Vorsit­zen­der der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist. „Das hört sich erst einmal wider­sprüch­lich an, weil Menschen mit Depression sich oftmals sehr erschöpft fühlen. Aber ge­rade langes Schlafen und auch Schlafen tagsüber befördern die Depression – das ist ein Teufelskreis“, sagte der Psychiater. Schlafentzug könne eigentlich nur bei statio­nä­rem Aufenthalt angewendet werden, doch mit der App „Get.Up!“ könnten Betroffene auch zuhause ausprobieren, ob Schlafentzug ihnen helfe.

Mehr Psychiater und digitale Interventionen

Hinsichtlich der Versorgung von Menschen mit Depressionen ist Hegerl überzeugt: „Wir brauchen mehr Psychiater.“ Zwar seien auch mehr Psychotherapeuten notwendig, doch die würden im Vergleich mit einer Richtlinien-Psychotherapie deutlich weniger Patienten versorgen können als die Psychiater und Nervenärzte. Darüber hinaus findet er die Inte­gration digitaler Interventionen in die Regelversorgung wichtig. Ein Beispiel für ein gutes Angebot sei hier das Online-Training-Programm „ifightdepression“, das auf Initiative des „Europäischen Bündnis gegen Depression“ entstanden ist. Betroffene sollten das Pro­gramm mit ärztlicher Überwachung anwenden.

Antibiotikum könnte traumatische Erinnerungen abschwächen

Zürich – Das Antibiotikum Doxycyclin, das im Gehirn das Enzym Metalloproteinase 9 hemmt, hat in einer experimentellen Studie die Pawlowsche Schreckreaktion von gesun­den Probanden abgeschwächt. Das Medikament könnte laut dem Bericht in Molecular Psychiatry (2017; doi: 10.1038/mp.2017.65) helfen, das Traumagedächtnis von Men­schen mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) zu löschen.

Wie Erinnerungen im Gehirn abgespeichert werden, ist noch immer nicht bekannt. Die Hirnforscher vermuten jedoch, dass die Aufgabe nicht allein von den Hirnzellen bewältigt wird. Auch ein perineuronales Netzwerk scheint beteiligt zu sein. Ein Akteur könnten hier sogenannte Metalloproteinasen sein, die ein Bestandteil des Extrazellularraums sind. Eines dieser Enzyme, die Metalloproteinase 9, lässt sich durch den Wirkstoff Doxycyclin blockieren, der normalerweise als Antibiotikum eingesetzt wird.

Da Doxycyclin ein zugelassenes und in der Regel gut verträgliches Medikament ist, konnte es Dominik Bach von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich bedenken­los für ein Gedächtnisexperiment einsetzen. Die Forscher untersuchten in einem klassischen Pawlowschen Versuch, ob Doxycyclin die Konditionierung einer Schreck­reaktion abschwächen kann.

In dem Experiment wurden 76 gesunden Probanden leichte schmerzhafte elektrische Impulse verabreicht. Bei jedem Impuls wechselte der Bildschirm, vor dem sie saßen, auf eine bestimmte Farbe. Nach der erfolgreichen Konditionierung löste allein die Farbe auf dem Bildschirm eine Schreckreaktion aus.

Diese Konditionierung war deutlich abgeschwächt, wenn die Probanden vor dem Experi­ment 200 mg Doxycyclin eingenommen hatten. Dies könnte bedeuten, dass sich die Erinnerung an die elektrischen Impulse weniger tief in ihr Gedächtnis eingegraben hat. Bach hofft, dass die Ergebnisse für die Behandlung von Menschen mit posttraumati­scher Belastungsstörung genutzt werden könnten. In einem Therapieansatz würden die Patienten bewusst mit den belastenden Erinnerungen konfrontiert, nachdem sie das Medikament eingenommen haben.

Der Prozess des aktiven Erinnerns und der erneuten Abspeicherung gilt als eine Trieb­feder der PTBS. Die Patienten leiden unter sogenannten Flashbacks. Dabei kommt es, oft ohne konkreten Anlass, zu albtraumartigen Erinnerungen an das Ursprungstrauma. Jede dieser Episoden verstärkt den traumatischen Charakter der Erinnerung.

Die thera­peutische Idee besteht darin, diese Episoden aus dem Gedächtnis hervor­zurufen, wäh­rend die Patienten unter der Wirkung einer Therapie stehen, die die erneute Abspeiche­rung im Gehirn schwächt. Ob diese Therapie beim PTBS tatsächlich zum Erfolg führt, lasst sich nicht vorhersagen. Vor einigen Jahren wurde der Therapie­ansatz mit dem Betablocker Propanolol erprobt, der die stressinduzierte Erinnerung abschwächt. Beim PTBS hat diese Behandlung jedoch keine Erfolge erzielt.

Depression: Weltgesundheitstag will Vorurteile und Ängste abbauen

Berlin – Der diesjährige Weltgesundheitstag zum Thema Depression will besser über die Krankheit aufklären. Allein in Deutschland erkranken jährlich mehr als 5,3 Millionen Men­schen an einer behandlungsbedürftigen Depression.

Die Betroffenen müssten „wissen, dass sie nicht allein gelassen werden und es wirk­same Behandlungen und Hilfsange­bote gibt“, erklärte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) heute in Berlin. Aber auch die Vorbeugung sei wichtig. Starker und dauerhafter Stress könne das Risiko einer Erkrankung erheblich erhöhen. „Deshalb ist es wichtig, dass wir Erkrankungen wie De­pressionen durch gute Präventions­angebote vorbeugen, bevor sie entstehen“, erklärte Gröhe.

Beate Grossmann, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Prävention und Gesund­heitsförderung, unterstrich die Notwendigkeit, die Öffentlichkeit besser über die Ursa­chen und Folgen der Erkrankung zu informieren, „damit Betroffene, deren Familien und Freunde Hilfe suchen und diese auch erhalten“. Experten zufolge haben viele Betroffene oft weder Hoffnung noch Kraft, sich professionelle Hilfe zu holen.

Nach einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts (RKI) geht eine überdurchschnittl­i­che Belastung durch chronischen Stress mit einem um mehr als das Doppelte erhöhten Risiko für eine Depression einher. Bei starkem chronischem Stress ist die Wahrschein­lich­keit einer Depression sogar um ein Vielfaches erhöht. Dieses Risiko ist im Vergleich zu anderen psychischen Störungen besonders hoch. Auch die sich rasant verändernden Arbeitsbedingungen haben Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Deshalb ist Gröhe zufolge die betriebliche Gesundheitsförde­rung wichtig. Damit könne es gelingen, Belastungen am Arbeitsplatz zu reduzieren und die psychische Gesundheit zu stärken.

Bereits gestern hatte die Bundes­ärzte­kammer auf die Problematik hingewiesen. „Wir müs­s­en gesell­schaftli­cher Stigmatisierung entgegentreten und die vielfältigen Möglich­kei­ten der sprechenden Medizin insgesamt sowie der Psychotherapie im Besonderen wei­ter stär­ken“, sagte der BÄK-Vorstandsbeauftragte für ärztliche Psychotherapie, Ulrich Cle­ver.

Mit dem Weltgesundheitstag macht die Weltgesundheitsorganisation jedes Jahr auf ein globales Gesundheitsthema aufmerksam. Diesmal ist es das Thema Depression, rund 320 Millionen Menschen weltweit sind davon betroffen. Der Weltgesundheitstag soll nicht nur informieren, sondern auch helfen, Vorurteile und Ängste im Umgang mit der Krank­heit abzubauen. Unter dem Motto „Depressionen, sprechen wir’s an“ gibt es dazu am Freitag auch eine Fachtagung in Berlin.

Traumatische Erinnerungen medikamentös abschwächen

Ein möglicher neuer Ansatz für die Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung: Nach Einnahme des Antibiotikums Doxycyclin erinnern sich Studienteilnehmer deutlich weniger an ein unangenehmes Ereignis. Dies belegen die Experimente eines Forscherteams der Psychiatrischen Universitätsklinik und der Universität Zürich.
Körperliche Gewalt, Krieg oder auch eine Naturkatastrophe können eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auslösen. Betroffene durchleben das belastende Ereignis immer wieder – durch plötzlich einschiessende Erinnerungen oder als sich wiederholende Albträume. Nicht immer kann diese seelische Verletzung mit einer Psychotherapie erfolgreich behandelt werden. Daher suchen Wissenschaftler seit langem nach einem Weg, das Traumagedächtnis medikamentös zu beeinflussen. Im Tiermodell erprobte Möglichkeiten waren beim Menschen bisher nicht anwendbar oder nicht wirkungsvoll genug. Nun testeten Forscherinnen und Forscher der Psychiatrischen Universitätsklinik und der Universität Zürich erfolgreich ein neues Medikament, das bei Menschen die Erinnerung an ein negatives Erlebnis deutlich abschwächt.

Doxycyclin hemmt Enzym der Gedächtnisbildung

Das Team unter der Leitung von Dominik Bach, UZH-Professor und Arzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik, stellt einen neuen Ansatz vor. Es untersuchte, wie sich die Hemmung eines für die Gedächtnisbildung wichtigen Enzyms auf traumatische Erinnerungen auswirkt. Erst seit jüngster Zeit ist aus Laborversuchen bekannt, dass für die Gedächtnisbildung Eiweisse aus dem Raum zwischen Nervenzellen, der Extrazellulärmatrix, benötigt werden. Diese Enzyme, sogenannte Metalloproteinasen, kommen im gesamten Körper vor und sind etwa bei der Entstehung von Herzerkrankungen und verschiedenen Krebsarten beteiligt. Das Antibiotikum Doxycyclin hemmt die Aktivität dieser Enzyme und ist für mehrere dieser Erkrankungen bereits erprobt. Der UZH-Professor testete nun mit seinen zwei Studienautorinnen, wie sich Doxycyclin auf die Gedächtnisbildung auswirkt.

Negative Reaktionen zwei Drittel schwächer

Knapp 80 Personen, eingeteilt in Experimental- und Kontrollgruppe, nahmen am Versuch teil. In einem Experiment erhielten die Probanden leicht schmerzhafte elektrische Reize, die sie mit einer spezifischen Farbe zu verknüpfen lernten. Die Probanden in der Experimentalgruppe erhielten vorher 200 mg Doxycyclin, im Gegensatz zur Kontrollgruppe, die ein Placebo einnahm. Die Probanden der Kontrollgruppe zeigten – während sie die Farbe sahen – sieben Tage später verstärkte Schreckreaktionen. «Bei Probanden der Experimentalgruppe waren die späteren Schreckreaktionen im Vergleich zur Kontrollgruppe rund zwei Drittel schwächer», erklärt Dominik Bach. «Damit zeigen wir erstmals, dass Doxycyclin das emotionale Gedächtnis abschwächt, wenn es vor einem negativen Ereignis eingenommen wird.»

In Kombination mit Psychotherapie anwendbar

Die Ergebnisse belegen, dass Metalloproteinasen nicht nur als Werkzeuge im Labor verwendet werden können, sondern auch beim Menschen für die Gedächtnisbildung relevant sind. Diese Enzyme liefern laut Studienautor Dominik Bach wichtige Anknüpfungspunkte, um therapeutisch wirksame Substanzen zu entwickeln. «Doch bereits mit dem heutigen Wissensstand könnte Doxycyclin wahrscheinlich angewendet werden, um vorhandene emotionale Erinnerungen zu dämpfen – wenn Patienten das wünschten», sagt der Arzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Für diese Behandlung würden existierende Traumaerinnerungen in einer Psychotherapie gezielt aktiviert und dann durch Gabe von Doxycyclin geschwächt. «Wir planen, dieses kombinierte Therapiemodell bei gesunden Menschen anzuwenden, um es dann in der Klinik zu erproben», schliesst Dominik Bach.

Literatur:

Dominik R. Bach, Athina Tzovara, Johanna Vunder. Blocking human fear memory with the matrix metalloproteinase inhibitor doxycycline. Molecular Psychiatry, April 4, 2017. DOI: 10.1038/ MP.2017.65

Kontakt:

Prof. Dr. med. Dr. phil. Dominik Bach
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik

Psychiatrische Universitätsklinik
Tel. +41 44 384 24 57

E-Mail: dominik.bach@uzh.ch