Alzheimer: Nutzen von kognitivem Training bleibt unbelegt

Helsinki – Für die These, dem Verlauf einer Alzheimererkrankung durch kognitives Training begegnen zu können, gibt es nach einer Übersichtsarbeit im Journal of Aelzheimer’s Disease kaum Belege. Die Arbeitsgruppe um Eeva-Liisa Kallio an der University of Helsinki stellte dies bei der Auswertung von mehr als 30 Studien fest (2017; doi: 10.3233/JAD-160810).

Da für einen Großteil der Demenzformen nur sehr limitierte Möglichkeiten der Pharma­kotherapie existieren, haben viele Patienten Interesse an Maßnahmen, ihre kognitiven Fähigkeiten selbst zu erhalten. In der Vorstellung, dass das Gehirn wie ein Muskel trai­niert werden könne, greifen sie oft auf verschiedene Formen des sogenannten Gehirn­joggings zurück. Bei kognitiv gesunden oder nur leicht beeinträchtigten älteren Leuten scheint solch ein Training die kognitiven Fähigkeiten zu stärken. Wir groß der Nutzen solcher Maßnahmen für Demenzpatienten ist, wurde auch bereits in einigen Studien untersucht.

In der vorliegenden Arbeit erstellten die Autoren eine Übersichtsanalyse, die insgesamt 31 solcher Studien berücksichtigte, darunter auch kontrollierte randomisierte Studien. Neben den Effekten auf die kognitiven Fähigkeiten analysierten die Wissenschaftler auch die Folgen für das psychische Wohlergehen, die Lebensqualität und Aktivitäten des täglichen Lebens.

In 24 Studien konnten die Wissenschaftler durchaus positive Effekte auf das globale Erinnerungsvermögen und die Bewältigung der geübten Aufgaben feststellen. In Bezug auf die Alltagsfunktion verbesserten sich die Probanden jedoch in der Regel nicht. Auch andere kognitive Funktionen konnten die Patienten durch das Training nicht beein­flussen.

Ein Problem vieler Studien ist laut den Forschern die häufig nur kurze Beobachtungszeit und unterschiedliche Methodiken, welche die Vergleichbarkeit der Arbeiten erschwerten. Ein weiteres Problem sei die Objektivierung des Trainingserfolgs. Die Wissenschaftler arbeiten daher momentan an einer randomisierten kontrollierten Studie, die all dies berücksichtigen soll.

Die stille Sucht der Frauen

Wien/Berlin – Weibliche Sucht wird schneller tabuisiert, häufiger stigmatisiert und findet meist im Verborgenen statt. Darüber hinaus nehmen Frauen therapeutische Angebote deutlich weniger wahr als Männer. Während ein Drittel der globalen Drogen­konsu­menten Frauen und Mädchen sind, ist nur einer von fünf Behandlungsempfängern weiblich.

Dies ist nicht nur für die Frauen problematisch, auch die Auswirkungen auf die Familien, insbe­sondere die Kinder sind immens. Dies geht aus dem heute veröffentlich­ten Bericht des Internationalen Suchtstoffkontrollrats „International Narcotics Control Board“ (INCB) hervor. Dieser analysiert die globale Drogenkontrollsituation und gibt Ländern, welche die drei internationalen Drogenkonventionen ratifiziert haben, Hand­lungs­empfehlungen zur Bewältigung drogenbedingter Herausforderungen.

Zielgruppengerechte Hilfsangebote auszubauen

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler sagte: „Drogenpolitik muss die speziellen Bedürfnisse von Frauen erkennen und berücksichti­gen. Barrieren, die Frauen davon abhalten, sich in Behandlung zu begeben, etwa die Ausgrenzung durch die eigenen Familien, müssen überwunden werden. Viel zu häufig verhindert die gesellschaftliche Tabuisierung von Drogenkonsum und Sucht selbst lebensrettende Maßnahmen. Das muss sich ändern! Es gilt, die Frauenrechte weltweit zu stärken und zielgruppengerechte Hilfsangebote auszubauen. In Deutschland ist hierbei in den letzten Jahren viel geschehen, auch wenn wir noch längst nicht am Ziel sind. International sehe ich enormen Handlungsbedarf.“

Frauensucht wird oft als die stille Sucht beschrieben. Was auch dazu führt, dass Frauen von ihrer Umwelt später mit der Suchtdiagnose konfrontiert werden und weitaus später Beratungsstellen suchen. Gerade die frühe Auseinandersetzung mit dem Drogenkon­sum ist aber wichtig, um einer Abhängigkeitsentwicklung entgegenzuwirken. Oft liegen Ursachen für eine spätere Abhängigkeit schon in der Kindheit.

Zugang zu Prävention, Behandlung und Wiedereingliederung

Der Präsident des Internationalen Suchtstoffkontrollrates (INCB) Werner Sipp sagte: „Wir fordern alle Regierungen weltweit auf, den spezifischen Belangen und Bedürfnissen von drogenabhängigen Frauen besser Rechnung zu tragen. Vor allem der Zugang zu Prävention, Behandlung und Wiedereingliederung muss verbessert und das mit der Abhängigkeit verbundene Stigma abgebaut werden.“

Zur weiblichen Sucht gehören aber nicht nur das Suchtverhalten selbst, sondern auch besondere Gesundheitsgefahren für die ungeborenen oder neugeborenen Kinder. Hin­zu kommt, dass Kinder suchtkranker Eltern einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind, später ebenfalls abhängig zu werden. Der Anteil der Drogenabhängigen, die Kinder haben, wird auf etwa ein Drittel geschätzt. Der diesjährige Jahresschwerpunkt der Drogenbeauftragten Marlene Mortler befasst sich mit eben diesen Kindern, mit Kindern aus suchtbelasteten Familien. Ein zentrales Anliegen ist es, das bestehende Hilfesystem zu stärken und den Betroffenen eine bestmögliche Orientierung zu geben.

Beihilfe zum Suizid „in extremen Ausnahmesituationen“ möglich

Leipzig – Schwerkranke Menschen können Anspruch auf Medikamente zur schmerz­losen Selbsttötung haben. „In extremen Ausnahmesituationen“ dürfe ihnen dies nicht verwehrt werden, entschied heute das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. (Az: 3 C 19.15)

Geklagt hatte ein Mann aus Braunschweig für seine inzwischen verstorbene Ehefrau. Seit einem Unfall im Jahr 2002 war sie vom Hals abwärts komplett gelähmt. Sie musste künstlich beatmet werden und war ständig auf medizinische Betreuung und Pflege ange­wiesen. Häufige Krampfanfälle verursachten ihr starke Schmerzen. Ihren Zustand emp­fand die Frau als unerträglich und entwürdigend. 2004 beantragte sie daher beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Erlaubnis zum Kauf einer tödlichen Dosis Natrium-Pentobarbital zur Selbsttötung. Das BfArM lehnte dies ab. Daraufhin reiste die Frau 2005 in die Schweiz und nahm sich dort mit Hilfe des Vereins Dignitas das Leben.

Mit seiner Klage verlangte ihr Ehemann die Feststellung, dass die Verweigerung der tödlichen Arzneidosis rechtswidrig war. Bis hinauf zum Bundesverfassungsgericht meinten allerdings die deutschen Gerichte, der Mann könne nicht klagen, weil er nicht selbst betroffen gewesen sei. Erst der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg entschied 2012, der Mann habe Anspruch auf eine Entscheidung.

In dem daraufhin wiederaufgenommenen Verfahren blieb der Ehemann in den Instan­zen zunächst erneut ohne Erfolg. Das Bundesverwaltungsgericht hob diese Urteile nun auf. Die Verweigerung eines Medikaments zur Selbsttötung sei hier rechtswidrig gewe­sen. Zur Begründung verwiesen die Leipziger Richter auf das allgemeine Persönlich­keitsrecht. Dieses umfasse „auch das Recht eines schwer und unheilbar kranken Patienten, zu entscheiden, wie und zu welchem Zeitpunkt sein Leben beendet werden soll“. Voraussetzung sei, dass der Patient „seinen Willen frei bilden und entsprechend handeln kann“.

Zwar könne nach den gesetzlichen Vorschriften der Kauf tödlicher Medi­ka­mente „grundsätzlich“ nicht erlaubt werden. Wegen des Selbstbestimmungsrechts müsse es in Extremfällen davon aber Ausnahmen für unheilbar kranke Menschen geben können, „wenn sie wegen ihrer unerträglichen Lebenssituation frei und ernsthaft ent­schie­den haben, ihr Leben beenden zu wollen“ und wenn es keine palliativmedizi­ni­schen Alternativen gebe.

Dies hätte das BfArM prüfen müssen, urteilte das Bundesverwaltungsgericht. Hier sei dies nachträglich allerdings nicht mehr möglich.

Methadon­substitution: Abhängige steigen zunehmend auf Alkohol um

Zürich – Die Methadonprogramme im Schweizer Kanton Zürich haben sich auch lang­fristig als erfolgreich erwiesen. Der Anteil der Abhängigen, die zusätzlich Heroin oder Kokain konsumieren, ist laut einer Studie in Lancet Psychiatry (2017; doi: 10.1016/S2215-0366(17)30080-9) zurückgegangen. Viele Abhängige haben aber den Alkohol als Ersatz entdeckt.

Gegen die in den 1990er-Jahren eingeführten Methadonprogramme wurden vor allen zwei Einwände erhoben. Zum einen wurde befürchtet, dass der allzu bequeme Ausweg in ein Methadonprogramm junge Menschen zum Heroinkonsum verleiten würde. Zum anderen wurde bezweifelt, dass die Methadonsubstitution die Abhängigen vom Heroin­konsum abhalten würde. Beide Entwicklungen sind nicht eingetroffen, wie Marcus Herdener von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich jetzt im Rückblick auf den Zeitraum von 1998 bis 2014 zeigt.

Die Zahl der Substitutionsbehandlungen sei seit ihrer Einführung in den 1990er-Jahren konstant geblieben, berichtet Herdener. Derzeit würden im Kanton Zürich rund 3.000 Heroinabhängige Opioide wie Methadon, Buprenorphin oder Morphin im Rahmen einer Therapie erhalten. Der illegale Beikonsum sei sogar gesunken. Der Anteil der Patienten, die häufig, mindestens fünf Tage die Woche, Heroin konsumierten, habe sich um mehr als die Hälfte von 14,4 auf sechs Prozent verringert. Der Anteil häufiger Kokainkonsu­menten sei von 8,5 auf 4,9 Prozent gesunken. Für viele Teilnehmer des Methadonpro­gramms habe sich zudem die soziale Situation verbessert.

Immer mehr Patienten haben jedoch eine andere Ersatzdroge entdeckt. Der Alkohol­konsum hat laut Herdener deutlich zugenommen. Fast jeder vierte Patient (22,5 Pro­zent) zeige einen erhöhten Alkoholkonsum und gefährde dadurch die Leber. Das Organ ist bei vielen Teilnehmern vorgeschädigt, da sie sich bei ihrem früheren intravenösen Drogenkonsum mit Hepatitis B und/oder Hepatitis C infiziert haben.

Andere Studien haben gezeigt, dass immer mehr opioidabhängige Personen an Leber­erkrankungen sterben. Herdener sieht hier derzeit einen grossen therapeutischen Hand­lungsbedarf.

Baden-Württemberg steigt bei Onlineberatung für Süchtige ein

Stuttgart – Baden-Württemberg steigt in ein Beratungsportal für Cannabissüchtige ein. Wie das Sozialministerium heute mitteilte, beteiligt sich das Land an der Onlineberatung „Quit the Shit“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. „Gerade für junge Men­schen, die mit dem Kiffen aufhören wollen, ist eine Beratung per Smartphone eine echte Alternative zu den bereits bestehenden Beratungsstellen im Land“, sagte Sozialminister Manfred Lucha.

Das Land beteiligt sich einem Ministeriumssprecher zufolge etwa an den Personalkos­ten. So soll unter anderem eine halbe Stelle für eine Fachkraft finanziert werden. In diesem Jahr stehen demnach insgesamt maximal 37.500 Euro zur Verfügung, 2018 und 2019 sind es 45.000 Euro.

Über einen Link können sich Ausstiegswillige aus Baden-Württemberg bei der Plattform anmelden. Kern von „Quit the Shit“ ist demnach ein mehrwöchiges Beratungsprogramm, bei dem Interessierte individuell und online durch professionelle Berater dabei unter­stützt werden, ihren Cannabiskonsum in den Griff zu bekommen.