Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unterstützt Alkoholfasten mit Onlineaktion

Berlin/Köln – Mit einer Online-Fastenaktion will die Bundeszentrale für gesund­heit­liche Aufklärung (BZgA) Menschen unterstützen, die bis Ostern ihren Alkoholkonsum redu­zie­ren oder ganz auf Alkohol verzichten wollen. „Wichtig für die Gesundheit ist es auf jeden Fall, vom ,sorgenlosen’ Gewohnheitskonsum weg und hin zum bewussten Genuss zu kommen“, kommentierte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), die Onlineaktion.

Der Alkoholkonsum in Deutschland sei erfreulicherweise gesunken. Wäh­rend es im Jahr 2000 noch 10,5 Liter Reinalkohol je Einwohner waren, wurden 2014 9,6 Liter konsu­miert. Mit dem Auftakt der Fastenaktion am Aschermittwoch starten den Anga­ben zu­folge auch drei „Kenn dein Limit“-Blogger ihre alkoholfreie Phase. Sie berichten wöchent­lich im Blog der Aktion über ihre Erfahrungen in der Fastenzeit ohne Alkohol.

Hautärzte empört über Vergütung der Videosprechstunde

Berlin – Ab April kann die Videosprechstunde zulasten der gesetzlichen Kranken­ver­si­cherung (GKV) abgerechnet werden. Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spit­­­zen­ver­band hatten sich jüngst im Bewertungsausschuss auf die Vergütung ver­ständigt. Hef­ti­ge Kritik an dem Ergebnis kommt nun vom Berufsverband der Deutschen Der­ma­tologen (BVDD).

Der BVDD kritisierte heute, die neue Videosprechstunde werde „ohne ärztliche Vergü­tung“ Leistung der GKV und warnte „vor einem verheerenden Signal für die Nutzung von neuen Medien in der ambulanten Medizin“. Der Verband machte deutlich, dass die ge­plan­te Technikpauschale in Höhe von rund 200 Euro pro Arzt und Quartal viel zu gering ist. Zur Erinnerung: Ab April gibt es für jede Videosprechstunde, auch mehrmals im Be­hand­lungsfall, einen Technikzuschlag von 4,21 Euro. Die Anzahl ist auf 50 Mal im Quartal ge­deckelt.

Für Fälle, bei denen der Patient in einem Quartal nicht die Praxis aufsucht, wur­de eine analoge Regelung zum telefonischen Arzt-Patienten-Kontakt vereinbart. Ärzte können dann zusätzlich einmal im Behandlungsfall 9,27 Euro erhalten. Der Patient muss in den vorangegangenen zwei Quartalen mindestens einmal in der Praxis persönlich vor­stellig geworden sein und die Verlaufskontrolle muss durch dieselbe Praxis erfolgen wie die Erstbegutachtung.

Der BVDD bemängelt, dass von den zusätzlich möglichen 200 Euro pro Quartal für eine Arztpraxis über den Technikzuschlag nicht nur der Dienstanbieter für die Videoplattform honoriert werden müsse. Notwendig seien auch Investitionen in die Technik der Praxis und ein enormer büro­krati­scher Aufwand wie Aufklärung der Patien­ten, Schulungen und Abstimmung auf Termin­kalender und Praxisabläufe. Nicht zuletzt müsse der Arzt für die im Rahmen der Video­sprechstunde erhobenen Befunde und die daraus resultierenden Empfehlungen die Haftung übernehmen, ohne dass es dafür bisher belastbare Grund­lagen gebe.

„Es gehört schon eine gehörige Portion Igno­ranz und Arroganz dazu, diejenigen im Sys­tem, die Versorgung mitgestalten wollen und Lösungen für die drängenden Probleme der Demografie und der Landarztflucht an­bie­ten, derart vor den Kopf zu stoßen“, schreibt der Berufsverband.

Die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen habe sich mit dieser Posse von einer zu­kunfts­orientierten Problem­lö­sung verabschiedet. „Man darf gespannt sein, wie lange sich der Gesetzgeber, der eine bessere Versorgung von gesetzlich Kran­kenversicherten durch Telemedizin fordert, die­se Farce weiter bieten lässt“, resümierten die Hautärzte.

Tiefe Hirnstimulation erhöht bei Anorexie nicht nur das Körpergewicht

Toronto – Die tiefe Hirnstimulation einer Region, die auch Zielgebiet bei der Behandlung von Depressionen ist, hat in einer offenen klinischen Studie bei Patientinnen mit Anorexia nervosa allmählich den Body-Mass-Index erhöht, nachdem es zunächst zu einer Besserung der begleitenden Depression und Angststörung gekommen ist. Neben einem neuen Therapieansatz liefert die Publikation in Lancet Psychiatry (2017; doi:10.1016/S2215-0366(17)30076-7) auch neue Einsichten in die Pathogenese der Erkrankung.

Die Ursachen der Anorexia nervosa, die vor allem junge Frauen aufgrund einer pervasiven Beschäftigung mit Körpergewicht, -form und -größe zur Einschränkung der Nahrungsaufnahme veranlasst, ist unbekannt. In der Regel können weder Psycho­therapie noch Medikamente die Patientinnen zu einer bedarfsgerechten Ernährung bewegen. Viele Patientinnen leiden auch unter Depressionen und Angstzuständen.

Dies hat den Neurochirurgen Andres Lozano von der Universität Toronto vor einigen Jahren bewogen, einzelne Patientinnen mit einer tiefen Hirnstimulation zu behandeln. Stimuliert wurde dabei eine jener Regionen, die auch Zielgebiet bei schweren Depressionen ist: Der subgenuale cinguläre Gyrus ist der vorderste Abschnitt des Gyrus cinguli und sein einziger Abschnitt, der sich unterhalb des Corpus callosum befindet („subcallosal cingulate“). Er ist Bestandteil des limbischen Systems, das im Gehirn für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist.

Zwischen September 2011 und Januar 2014 wurden bei 16 Patientinnen in einer stereotaktischen Operation beidseitig Sonden in den „subcallosal cingulate“ vorgeschoben und mit einem Steuergerät verbunden, das Impulse von zunächst 2,5 V, später bis zu 6 V in einer Frequenz von 130 aussendet.

Die Patientinnen in Alter zwischen 21 und 57 Jahren hatten vor der Implantation der Sonden seit 9 bis 29 Jahren an einer Anorexia nervosa gelitten. Alle hatten mehrere erfolglose Therapien hinter sich und alle waren mehrfach wegen Entgleisungen des Stoffwechsels in der Klinik behandelt worden. Die Ethikkommission hatte deshalb keine Einwände gegen die invasive Therapie geäußert.

Die Implantation der Sonden, die bei der Behandlung anderer Erkrankungen wie Parkinson (in eine andere Region) und auch Depressionen Routine ist, verlief weitgehend komplikationsfrei. Bei fünf Patientinnen hielten die postoperativen Schmerzen länger an als die üblichen drei bis vier Tage nach einer Operation. Bei einer Patientin kam es zu einer lokalen Infektion, die die Entfernung der Elektroden erforderlich machte. Sie konnten später wieder implantiert werden. Zwei weitere Patientinnen verlangten später, dass die Elektroden entfernt oder das Gerät abge­schaltet werden sollte. Schwere Komplikationen wie intrakranielle Blutungen oder sogar Todesfälle sind laut Lozano nicht aufgetreten.

Als erstes besserten sich die Depressionen und die Angstzustände. Danach veränderte sich auch das Essverhalten der Patientinnen, und sie begannen langsam an Körper­gewicht zuzunehmen. Nach 12 Monaten war der BMI von 13,83 auf 17,34 kg/m2angestiegen. Die Patientinnen lagen damit zwar immer noch unter der Grenze zum Untergewicht 18,5 kg/m2. Doch die Zunahme um 3,5 Punkte stellt laut Lozano eine deutliche Verbesserung dar.

Die „Hamilton Depression Rating“-Skala verbesserte sich von 19,40 auf 8,79 Punkte nach 12 Monaten, im Beck Anxiety Inventory“-Wert kam es zu einem Rückgang von 38,00 auf 27,14 Punkte. Der „Dysfunction in Emotional Regulation Scale“-Wert sank von 131,80 auf 104,36 Punkte, auch dies eine Verbesserung.

Lozano ist mit den Ergebnissen zufrieden, räumt allerdings ein, dass die Ergebnisse einer Studie mit nur 16 Teilnehmern und einer fehlenden Kontrollgruppe nur eine sehr eingeschränkte Beurteilung zulassen.

Die Studie hat auch die Veränderungen des Hirnstoffwechsels untersucht. Vor der Operation sowie sechs und zwölf Monate danach wurde mittels Positronen-Emissions-Tomographie (PET) der Glukoseverbrauch des Gehirns bestimmt. Lozano hatte vermutet, dass es vor allem in der Insula und der Parietalregion zu Veränderungen kommt, da diese Regionen mit dem Essverhalten und der Körperwahrnehmung assoziiert werden. Hier änderte sich die Glukoseaufnahme der Zellen jedoch nicht.

Stattdessen kam es zu einem Mehrverbrauch im Übergang vom temporalen und parietalen Lappen und dem Gyrus fusiformis. Diese Regionen beeinflussen eher die soziale Wahrnehmung und das Verhalten als die Nahrungsaufnahme. Dies könnte bedeuten, dass es sich bei der Anorexie um ein sekundäres Phänomen handelt, dem eine andere Störung zugrunde liegt. Auch hier dürften die Ergebnisse der Studie noch für Diskussionen unter den Experten für Essstörungen sorgen.

Vergütung für Videosprechstunde festgelegt

Berlin – Die Videosprechstunde kann ab April als Leistung der gesetzlichen Kranken­ver­si­cherung (GKV) abgerechnet werden. Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband haben sich im Bewertungsausschuss auf die Vergütung verstän­digt. Beschlossen wurde auch, bei welchen Krankheitsbildern eine Videosprechstunde zur Verlaufskontrolle infrage kommt und welche Arztgruppen die Videosprechstunde ein­setzen dürfen.

Die Vergütung besteht künftig aus zwei Komponenten: Ab April gibt es für jede Video­sprechstunde einen Technikzuschlag von 4,21 Euro. Die Anzahl ist auf insgesamt 50 Mal im Quartal gedeckelt. Der Bewertungsausschuss geht nach Angaben der KBV davon aus, dass eine Kostendeckung bereits bei zwei Videosprechstunden pro Woche erreicht ist. Die Lizenzgebühren für Videodienste liegen aktuell bei etwa 100 Euro im Quartal.

Die KBV weist darauf hin, dass Videosprechstunden eine persönliche Vorstellung in der Praxis ersetzen sollen. Die Konsultation sei deshalb Inhalt der Versicherten- beziehungs­­weise Grundpauschale und somit nicht gesondert berechnungsfähig. Für Fälle, bei de­nen der Patient in einem Quartal nicht die Praxis aufsucht, wurde eine analoge Rege­lung zum telefonischen Arzt-Patienten-Kontakt vereinbart.

Ärzte können dafür einmal im Behand­lungsfall ab dem 1. April 9,27 Euro erhalten. Vo­raus­setzung ist, dass der Patient in den vorangegangenen zwei Quartalen mindestens einmal in der Praxis per­sön­lich vor­stell­ig geworden ist und die Verlaufskontrolle durch die­selbe Praxis erfolgt wie die Erst­begutachtung. Diese Vorgabe ist laut KBV notwendig, weil Ärzte sonst gegen das Fern­be­handlungsverbot verstoßen könnten.

Außerdem wurde vereinbart, dass für eine Reihe von Gebührenordnungspositionen, die mindestens drei persönliche Arzt-Patienten-Kontakte im Behandlungsfall voraussetzen, einer dieser Kontakte auch im Rahmen einer Videosprechstunde stattfinden kann. Dies gilt unter anderem für die Behandlung von Wunden, eines Dekubitus und Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates.

Indikationen und Arztgruppen festgelegt

Für eine Videosprechstunde sind aus Sicht des Bewertungsausschusses nicht alle Krank­heitsbilder geeignet, weshalb die Leistung zunächst nur für bestimmte Indikationen vergütet wird. Dazu zählen die visuelle Verlaufskontrolle von Operationswunden, Bewe­gungseinschränkungen und -störungen des Stütz- und Bewegungsapparates sowie die Kontrolle von Dermatosen, einschließlich der diesbezüglichen Beratung. Daneben kann auch die Beurteilung der Stimme, des Sprechens oder der Sprache per Videosprech­stunde erfolgen. Eine Erweiterung des Leistungsspektrums ist vorgesehen.

Grundlage für die Festlegung der Krankheitsbilder waren laut KBV Erfahrungsberichte aus ver­schiedenen Pilotprojekten. Zudem schreibe der Gesetzgeber vor, dass Video­sprech­stun­den nur für Verlaufskontrollen bei bekannten Patienten gefördert werden sollen.

Festgelegt wurden auch die Arztgruppen, die Videosprechstunden einsetzen und ab­rech­nen können. Dies sind unter anderem Hausärzte, Kinder- und Jugendärzte sowie bestimmte weitere Facharztgruppen wie Haut- und Augenärzte, Chirurgen und Orthopä­den.

Technische Rahmenbedingungen beachten

Ärzte, die Videosprechstunden anbieten wollen, müssen sich laut Vereinbarung eines Videodienstanbieters bedienen. Dieser muss über entsprechende Sicherheitsnachweise verfügen. So muss die Videosprechstunde während der gesamten Übertragung nach dem Stand der Tech­nik Ende-zu-Ende verschlüsselt sein. Festgelegt ist zudem, dass die apparative Ausstat­t­ung der Praxis und die elektronische Datenübertragung eine ange­messe­ne Kommuni­ka­­tion mit dem Patienten gewährleisten müssen.

Im E-Health-Gesetz war vorgesehen, dass Videosprechstunden ab dem 1. Juli 2017 fi­nan­ziell gefördert werden. Durch den frühzeitigen Vertragsabschluss zur Vergütung kann das neue Angebot drei Monate eher an den Start gehen.

Forscher entwerfen Schmerzkarte des Gehirns

Boulder – Forscher der University of Colorado haben anhand mehrerer Studien eine spezielle Kartierung des Gehirns entworfen, die bei der Wahrnehmung und Interpre­tation schmerzvoller Reize wichtig ist. Die Arbeitsgruppe um Erstautor Choong-Wan Woo be­rich­tet in Nature Communications (2017; doi: 10.1038/ncomms14211).

Laut der Deutschen Schmerzliga leiden zwölf bis 15 Millionen Menschen in Deutschland unter chronischen, länger andauernden oder wiederkehrenden Schmerzen. Ein Drittel dieser Patienten ist durch die Schmerzen stark beeinträchtigt. Chronische Schmerzen sind besonders schwierig zu therapieren, da Gehirn und peripheres Nervensystem oft einen schwer zu durchbrechenden Teufelskreis in der Schmerzrezeption bilden. Mit Er­kenntnissen zu der Schmerzentstehung und Verarbeitung im Gehirn könnten künftig effektivere Therapien für die betroffenen Patienten entwickelt werden.

In der Studie analysierten die Forscher die Daten von 183 Teilnehmern, die im Rahmen von sechs unabhängigen Studien mit funktionellen MRT-Aufnahmen untersucht wurden. Die Teilnehmer wurden kurzen schmerzhaften Reizen ausgesetzt und mussten dann im MR-Tomographen die Schmerzen auf einer Schmerzskala bewerten.

Mit den Ergeb­nissen der funktionellen Aufnahmen, den applizierten Schmerzqualitäten und der subjektiven Schmerzbewertung konnten die Forscher eine komplexe Kartierung des Gehirns entwer­fen, welche Aufschluss über schmerzbegünstigende und schmerzstillen­de Neuronen­krei­se im Gehirn gab.

Es zeigte sich, dass Hirnareale an der Schmerzwahr­neh­mung beteiligt sind, die bisher nicht als klassische Regionen hierfür galten. Hierzu gehörten beispielsweise der ventro­mediale praefrontale Kortex, der Nucleus accumbens und der Hippocampus.

Die Forscher bezeichnen ihre Kartierung mit dem Namen Stimulus Intensity Indepen­dent Pain Signature-1 (SIIPS1). Mit dem SIIPS1 wollen die Wissenschaftler ein standar­disier­tes System für die künftige klinische und experimentelle Schmerzforschung bieten.

Psychisch kranke Kinder: KBV und Berufsverbände stellen Konzept für vernetzte Versorgung vor

Berlin – Mit dem Aufbau von Kompetenzverbünden, die eine vernetzte und kontinuierli­che Therapie von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen gewährleisten, soll sich deren Versorgung verbessern. Ein entsprechendes Konzept haben heute in Berlin die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), der Berufsverband für Kinder- und Jugend­psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (bkjpp) und die Deutsche Psychothera­peutenvereinigung (DPtV) vorgestellt.

Das Konzept ist aus der KBV-Vertragswerkstatt hervorgegangen und soll Teil des Bun­des­­mantelvertrags werden. Darüber muss die KBV jetzt mit den gesetzlichen Kranken­kassen verhandeln. Man wolle keine selektivvertragliche Lösung, erklärte Susanne Arm­bruster, Leiterin der Abteilung „Flexible Versorgungsformen und Patientenorientie­rung“ der KBV. Das neue Angebot solle allen Kindern und Jugendlichen mit komplexen psychi­schen Erkrankungen offenstehen, unabhängig davon, bei welcher Krankenkasse diese versichert seien.

Lebenswelten der Kinder einbeziehen

Kern des Versorgungskonzepts ist es Armbruster zufolge, mehr niedrigschwellige Ange­bote zu schaffen und die Lebenswelten der Kinder wie Kindergarten, Kita und Schule in die Therapie einzubeziehen. Kinder- und Jugendpsychiater sowie Kinder- und Jugend­li­chenpsychotherapeuten sollen nach dem KBV-Konzept die Behandlung der Kinder steu­ern. Damit die Abstimmung mit anderen Gesundheitsberufen wie Haus- und Kinder­ärz­ten, Ergotherapeuten und Logopäden, aber auch mit stationären Einrichtungen rei­bungs­­los funktioniert, sollen sie mit diesen verbindliche Kooperationsvereinbarungen schließen. Auch Selbsthilfegruppen sowie die Jugend- und Gesundheitshilfe sind in das Behandlungskonzept eingebunden.

„Wir wollen die ambulanten Behandlungsmöglichkeiten für psychisch kranke Kinder und Jugendliche erweitern“, sagte die Vorstandsbeauftragte des bkjpp, Christa Schaff. Eine koordinierte Behandlung sei insbesondere für die Eltern psychisch kranker Kinder oder Jugendlicher wichtig, denn diese seien häufig extrem verunsichert. Studien belegten, dass rechtzeitige Behandlungsangebote, zentrale Ansprechpartner, die Koordination der diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen, Absprachen zwischen den Therapeu­ten und eine gute Begleitung bei Übergängen zwischen ambulantem und stationärem Sek­tor von den betroffenen Eltern sehr geschätzt würden und zur Stabilisierung der Ge­samtsituation beitragen könnten.

Lücke in Versorgung schließen

Mit dem neuen Versorgungskonzept wolle man über das hinausgehen, was auch jetzt schon gut laufe, erklärte Schaff. So soll beispielsweise eine Lücke in der gruppenthera­peu­tischen Versorgung geschlossen werden. Derzeit scheitere eine Gruppentherapie häufig an der geringen Zahl von Patienten mit ähnlichen Störungen. Künftig sollen sol­che Therapien auch praxisübergreifend angeboten werden können und vor allem einen psychoedukativen Charakter haben, das heißt, Jugendliche, aber auch deren Umfeld, sollen im Umgang mit der Erkrankung geschult werden. „Neu ist auch die aufsuchende Betreuung“, erläuterte Schaff. Sie richte sich beispielsweise an Jugend­liche, die nicht in der Lage seien, selbst in die Praxis zu gehen, weil sie an einer Angst- oder Zwangs­stö­rung litten.

„Der Vertrauensaufbau zu Hause ist ein wichtiger Baustein, der im Moment fehlt“, sagte Schaff. Geplant ist darüber hinaus eine Therapieassistenz durch eine „WiGKI“, eine qua­lifizierte Begleitperson für psychisch kranke Kinder und ihre Familien, die diese in ihrem Lebensumfeld im Umgang mit der Erkrankung unterstützt. „Wir sehen im vorlie­genden Ver­trag eine große Chance, die Symptome komplex psychisch kranker Kinder und Ju­gend­licher ambulant schneller und somit auch besser behandeln zu können und eine Chronifizierung der Erkrankung zu vermeiden“, sagte Schaff. Der bkjpp hoffe sehr, dass der Vertrag zeitnah und bundesweit umgesetzt werden könne.

20 Prozent der Kinder sind psychisch auffällig

Komplexe psychische Erkrankungen wirkten sich auf die soziale Funktionsfähigkeit, den Bildungserfolg und die beruflichen Möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen aus, er­klärte die DPtV-Fachbeauftragte für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie Michae­la Willhauck-Fojkar. Trotz zahlreicher ambulanter Angebote gebe es Kinder und Jugend­li­che, die nicht ausreichend von den bestehenden Behandlungsmöglichkeiten profitier­ten. Die geplanten Kompetenzverbünde schlössen hier Lücken im bisherigen Therapie­spek­trum.

In Deutschland seien etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen von psychischen Erkrankungen betroffen, etwa 20 Prozent wiesen psychische Auffälligkeiten auf, sagte der KBV-Vorsitzende Andreas Gassen. Der Behandlungsbedarf sei groß und steige wei­ter. „Wir werden deshalb nicht darum herumkommen, Geld in die Hand zu nehmen, um die Versorgung im Sinne des Verbundkonzepts wirksam zu verbessern“, erklärte Gassen. Ganz konkret gelte diese Aufforderung den Kassen, die man jetzt als Vertrags­partner ge­winnen müsse: „Das Konzept liegt vor. Das erleichtert Verhandlungen.“

Wie Furcht das Verhalten prägt

Irvine – Angstgefühle scheinen sich durch die Aktivität der Amygdala in den Hippo­campus zu projizieren, um so schließlich das Verhalten zu beeinflussen. Dies ist das Ergebnis elektrophysiologischer Untersuchungen, die Forscher um Robert Knight und Jack Lin an der University of California an menschlichen Probanden durchführten. Sie berichten in Nature Communications (2017; doi: 10.1038/ncomms14413).

Die Amygdala ist im Gehirn an der Verarbeitung von Emotionen entscheidend beteiligt. Besonders Gefühle wie Angst und Wut werden in diesem Kerngebiet prozessiert. Wie jedoch solche Emotionen das Verhalten prägen und so letztlich auch zu Angsterkran­kungen führen, ist bisher unklar. Das Verhalten wird unter anderem durch frühere Erfahrungen und Lernprozesse beeinflusst. Für diese Lernprozesse ist der Hippocam­pus wichtig. Wenn die spezifischen neuronalen Kreise bekannt wären, welche aus Emotionen ein Verhalten erzeugen, könnte dies bei Angststörungen ein Ansatzpunkt pharmakologischer Interventionen sein, berichten die Forscher.

In ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler Patienten, denen auf Grund einer therapierefrektären Epilepsie stereotaktische Elektroden in Hippocampus und Amygdala implantiert wurden. Die Autoren spielten den Probanden Filme mit friedlichen Land­schaf­ten oder angsterfüllten Gesichtern vor und maßen über die Elektroden die Aktivität in Amygdala und Hippocampus.

Sie stellten fest, dass bei den Gesichtern die Amygdala vor dem Hippocampus erregt wurde. Es erfolgte hierbei eine unidirektionale Erregungs­übertragung von der Amygdala in den Hippocampus. Dieser Erregungsfluss war bei den Landschaftsfilmen nicht nachweisbar. Aus dem Aktivitätsmuster schlossen die Forscher, dass die emotionale Qualität der Filme zunächst in der Amygdala prozessiert wurde, bevor sie in den Hippocampus gesendet wurde.

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Dass bei Furcht die Erregungsübertragung von Amygdala zu Hippocampus ausschließlich in eine Richtung stattfindet, war laut der Forscher vor der Studie nicht klar. Sie hoffen, dass sie diese Erkenntnis in eine klinische Anwendung übersetzen können, bei der negative Emotionen nicht in den Hippocampus übertragen werden, während positive Emotionen weiter Lernprozesse und Verhalten beeinflussen können.

Psychotherapie normalisiert das Hirn bei Sozialer Phobie

Die Behandlung einer Sozialen Angststörung in einer Psychotherapie zeigt Wirkung. Dank der Therapie werden wichtige Hirnstrukturen, die bei der Emotionsverarbeitung involviert sind, normalisiert. Dies weisen Forschende der Universität Zürich, des Universitätsspitals Zürich sowie der Psychiatrischen Universitätsklinik in einer neuen Studie nach.

Angst im sozialen Umgang ist weit verbreitet: Rund jeder zehnte Mensch ist im Laufe seines Lebens von einer Sozialen Angststörung betroffen, die ihn im Alltag stark einschränkt. Menschen mit einer Sozialen Phobie fällt es etwa schwer, vor einer grösseren Gruppe oder mit unbekannten Menschen zu sprechen. Jetzt weist eine Studie von Forschenden der Universität Zürich, des Universitätsspitals Zürich sowie der Psychiatrischen Universitätsklinik nach, dass die erfolgreiche Behandlung einer Angststörung wichtige Hirnstrukturen verändert, die an der Verarbeitung sowie der Regulierung von Emotionen beteiligt sind.

Kognitive Verhaltenstherapie ist zentral

Bei Patientinnen und Patienten mit Sozialen Angststörungen können frontale und seitliche Hirnareale unbegründete Angstgefühle nicht genügend regulieren. Für die Behandlung der Sozialen Angststörung ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) zentral. Indem Strategien zur Emotionsregulation eingeübt werden, soll die Balance der Emotionen wieder hergestellt werden. Die Zürcher Studie untersuchte, ob es nach einer spezifischen zehnwöchigen KVT zu strukturellen Veränderungen im Gehirn von Patienten mit einer Sozialen Angststörung kommt. Dazu wurde das Gehirn der Studienteilnehmer vor und nach der KVT mittels Magnetresonanz-Tomographie untersucht.

Veränderungen im Gehirn normalisiert

«Wir können zeigen, dass es zu strukturellen Veränderungen in Hirnarealen kommt, die mit Selbstkontrolle und Emotionsregulation zusammenhängen», sagt Annette Brühl, Leitende Ärztin am Zentrum für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK). Je erfolgreicher sich die Behandlung für die Patienten auswirkte, desto stärker waren ihre Hirnveränderungen ausgeprägt. Die Forschungsgruppe konnte weiter nachweisen, dass nach der Therapie die tiefen Hirnareale, die an der Emotionsverarbeitung beteiligt sind, stärker vernetzt sind. Zusammenfassend hält Annette Brühl fest: «Die Psychotherapie normalisiert die durch eine Soziale Angststörung ausgelösten Hirnveränderungen.»

Literatur:

Vivian Steiger, Annette Brühl, Steffi Weidt, Aba Delsignore, Michael Rufer, Lutz Jäncke, Uwe Herwig, and Jürgen Hänggi. Pattern of structural brain changes in social anxiety disorder after cognitive behavioral group therapy: a longitudinal multimodal MRI study. Molecular Psychiatry, December 6 (advanced online). doi:10.1038/mp.2016.217

Kognitive Verhaltenstherapie

In der kognitiven Verhaltenstherapie sollen Betroffene lernen, neue Strategien im Umgang mit Sozialen Angststörungen auszuprobieren. Anhand konkreter Beispiele werden Erklärungsmodelle in der Gruppe besprochen und Ansatzpunkte für Veränderungen erarbeitet. Durch Selbstbeobachtung, Rollenspiele oder Videoaufnahmen können alternative Sichtweisen entwickelt werden.

Mehr unter: http://www.psychiatrie.usz.ch/fachwissen/seiten/angststoerungen.aspx
Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.media.uzh.ch/de/medienmitteilungen/2017/Psychotherapie-Soziale-Phobie.html