Online-Hilfe unterstützt Hausärzte bei der Betreuung depressiver Patienten

Leipzig – Eine Onlinetool zur Unterstützung von Patienten mit leichten bis mittelgradigen Depressionen hat die Stiftung Deutsche Depressionshilfe vorgestellt. Für viele Menschen ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner, wenn sie psychische oder physische Veränderungen bemerken, die auf eine Depression hindeuten. Sie können ihren Patienten eine Pharmakotherapie anbieten und die Betroffenen in fachärztliche oder psychotherapeutische Hände lotsen.

„Jedoch sind Hausärzte und deren Patienten häufig mit langen Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz oder Facharzttermin konfrontiert“, hieß es aus der Stiftung. Hier setzt die Online-Hilfe namens „iFightDepression“ an. Das Besondere an dem Programm sei, dass Hausärzte oder entsprechend geschultes Fachpersonal die Patienten bei der Nutzung des Tools begleiteten.

„Nachweislich sind begleitete Programme effektiver als solche, die keine Begleitung integrieren“, erläuterte Projektleiterin und Nicole Koburger den Hintergrund. Ärzte oder Psychotherapeuten könnten das Programm im Rahmen einer regulären Behandlung oder beim Warten auf einen Therapieplatz als ergänzenden Behandlungsbaustein einsetzen. Das Programm beruht auf den Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie. Es bietet einen Verlaufsbogen zur Stimmungskontrolle und Arbeitsblätter für persönliche Übungen und Aufgaben zu Hause.

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Um sich für den Einsatz des iFightDepression-Tools als begleitender Arzt oder Psychotherapeut zu qualifizieren, bietet die Stiftung Deutsche Depressionshilfe kostenfrei ein Online-Training von etwa 70 Minuten an. Alle Teilnehmer erhalten nach einem abschließenden Test ein Zertifikat sowie einen persönlichen Programmzugang und können ab sofort ihre Patienten zur kostenfreien Nutzung des Tools einladen. Auch für die betreuenden Ärzte ist die Nutzung von iFightDepression kostenfrei.

Das Gehirn kann sich beim Lernen selbst belohnen

Marburg/Barcelona – Das menschliche Gehirn kann mittels eines eigenen Signals feh­len­de äußere Belohnung ersetzen und so das Erlernen neuer Informationen selbst­gesteuert verstärken. Das berichten Wissenschaftler der Universitäten Magdeburg und Barcelona in der Zeitschrift eLife (2016; doi: 10.7554/eLife.17441).

„Menschen und Tiere lernen, wenn sie für ihr Verhalten belohnt werden und auch dann, wenn sie eine Belohnung lediglich erwarten“, erläutert Tömme Noesselt vom Institut für Psychologie der Otto-von-Guericke- Universität Magdeburg und Senior-Autor der Studie. Die möglichen Belohnungen seien dabei auch Lob und soziale Interaktionen. „Im Alltag eignen wir uns jedoch oft neues Wissen an, ohne belohnt zu werden. Daher haben wir uns die Frage gestellt, wie unbelohntes Lernen im Gehirn zu stabilen Gedächtnis­inhalten führt“, umreißt Noesselt den Ansatz der Studie.

Für die Untersuchung wurden Versuchspersonen mittels funktioneller Magnet­resonanz­tomographie untersucht. Die Probanden lasen Satzpaare, die neue Worte enthielten und versuchten, die Bedeutung neuer Worte zu verstehen. Wenn sie erfolgreich eine neue Wortbedeutung erschlossen, waren Gedächtnisareale wie der Hippocampus zusammen mit Belohnungsarealen wie dem Nucleus accumbens aktiviert. Je stärker diese Areale kooperierten, umso besser war die individuelle Lernleistung. „Offenbar aktiviert das neue Wissen um die Bedeutung eines Wortes das Belohnungsnetzwerk“, berichten die Wissenschaftler. Das führte zur Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin, der wiederum die Bildung von Gedächtnisspuren verstärkt.

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Zusätzlich fragten die Forscher die Versuchspersonen, wie angenehm sie jedes neue Wort, also jeden Lernzuwachs empfanden. Dazu wurde die Hautleitfähigkeit gemessen. Größere Freude und damit eine Veränderung des Hautleitwiderstands konnten sie während des Einprägens für die Worte beobachten, die anschließend auch noch nach einer Woche im Gedächtnis blieben.

„Insgesamt zeigten die Ergebnisse der Studie, dass selbstgesteuertes Lernen selbst­belohnend sein kann, also die Belohnungsgedächtnisschleife des Gehirns anschaltet, so das Fazit der Forscher. Eine wesentliche Frage für die künftige Forschung sei, wann selbstgesteuertes Lernen eine effektivere Lernmethode darstellt als Strategien, die auf externes Feedback und Belohnung bauen und unter welchen Umständen externe und interne Strategien optimal ineinandergreifen.

Unerkannt können Legasthenie und Dyskalkulie zu psychischen Störungen führen

Berlin ­– Kinder mit Legasthenie und Dyskalkulie sollten möglichst frühzeitig erkannt und differenziert diagnostiziert werden, damit sich keine psychischen Störungen daraus entwickeln. Darauf wies Michael von Aster, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugend­psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der DRK Kliniken Berlin bei einer Pressekonferenz am letzten Freitag in Berlin hin. Eingeladen hatten die Deutsche Kinderhilfe und der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL), um auf den Tag der Legas­thenie und Dyskalkulie aufmerksam zu machen, der am 30. September erstmalig ausgerufen wird.

„Chronisches Scheitern ohne angemessene Hilfen führt zu Angst, Vermeidung und anhaltendem Minderwertigkeitserleben, wodurch das Risiko für sekundäre psychische und psychosomatische Erkrankungen steigt“, betonte van Aster. Rund zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland seien von Legasthenie und Dyskalkulie betroffen. „Unerkannt sind diese Heranwachsenden massiv in ihrer Bildungsbiografie und Persönlichkeitsentwicklung benachteiligt“, erklärte der Kinder- und Jugend­psychiater. Die volkswirtschaftlichen Schäden seien immens.

S3-Leitlinie liefert fächerübergreifende Handlungsempfehlungen
Wissenschaftlich überprüfte Therapie- und Förderkonzepte sowie entsprechende unterrichtsdidaktische Methoden können Kindern mit Legasthenie und Dyskalkulie helfen. Mit der 2015 veröffentlichten S3-Leitlinie, die federführend von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psycho­therapie koordiniert wurde, liegen fächerübergreifende Handlungsempfehlungen zur Diagnostik und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreib­störungen vor.

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Bis diese Leitlinie indes in der Lehrerausbildung angekommen sei, brauche es jedoch „noch viel Zeit“, betonte Kinder- und Jugendpsychiater van Aster. Lehrer seien darüber hinaus häufig bei mehr als 30 Kindern in der Klasse „strukturell überfordert“. Tanja Scherle vom BVL wies darauf hin, dass die Fort- und Weiterbildung für Lehrer zu diesem Thema bisher freiwillig sei.

„Wir brauchen deshalb eine flächendeckende Vermittlung des aktuellen Wissens gemäß der Leitlinie im Lehramtsstudium in allen Bundesländern“, forderte sie. Bis dahin sollten schulintern Fortbildungen stattfinden, die unter anderem der BVL anbietet.

Psychotherapie-Richt­linie beanstandet: Ministerium will Sprechstunde verpflichtend einführen

Berlin – Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) verlangt Änderungen der Psycho­the­rapie-Richtlinie, die der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) am 16. Juni beschlossen hat. Darauf weist die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) in einer Pressemitteilung hin. In einem Brief an den G-BA macht das Ministerium demnach deutlich, dass es „zwin­gend er­forderlich“ sei, die psychotherapeutische Sprechstunde „nicht als Kann-Leistung“ ein­zu­führen.

Eine solche Regelung betreffe die vertragsärztlichen Pflichten des Vertrags­psy­cho­thera­peuten im Verhältnis zu seiner Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Eine Re­gelung, die es Vertragspsychotherapeuten ermögliche, ein für den Patienten essen­zielles Leistungs­an­gebot abzulehnen, „kollidiere“ mit dem Sicherstellungsauftrag der KVen.

Ferner stellt das BMG fest, dass die Sprechstunde für die Versicherten nach der ge­än­der­ten Richtlinie verpflichtend sein solle. Dann sei aber ein „hinreichendes, flächen­decken­des Angebot an Sprechstunden notwendig“, damit die Versicherten überhaupt eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen könnten. Dafür dürfte aus Sicht des BMG aber eine Übergangsregelung erforderlich sein.

Bundespsychotherapeutenkammer hält flexible Handhabung für besser
„Wir hätten begrüßt, wenn die Sprechstunde ausdrücklich ein freiwilliges Angebot ge­blie­ben wäre. Die übergroße Mehrheit der Psychotherapeuten wird die Sprechstunde ohne­hin anbieten“, erklärte BPtK-Präsident Dietrich Munz. „Als freiwilliges Angebot ist sie eine flexiblere Regelung und ermöglicht der einzelnen Praxis, ihre Schwerpunkte dem Bedarf angemessen festzulegen.“ Ob und welche Maßnahmen tatsächlich erforderlich seien, um die Sicherstellung der Versorgung zu gewährleisten, könne von den KVen geprüft und bei Bedarf geregelt werden, so Munz.

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Das BMG beanstandet außerdem den Einsatz von Dokumentationsbögen in der ambu­lanten Psychotherapie. Das Ministerium betrachtet insbesondere die geplante Angabe der Versichertennummer als „nicht erforderlich“ und „rechtswidrig“. Es mahnt den G-BAan, sich mit den Einwänden und Änderungswünschen, die als Stellung­nahmen einge­gan­gen seien, auseinanderzusetzen. Dabei bezweifelt es ausdrücklich die „fachliche Fun­diert­heit“ der vorgesehenen Dokumentationsparameter.

Stigmatisierende Sprache bei Testverfahren
Die BPtK hatte vor allem die geplanten Testverfahren als „ungeeignet“ bezeichnet, die Diag­nostik psychischer Erkrankungen zu unterstützen. Der G-BA habe bei der Änderung der Psychotherapie-Richtlinie Qualitätssicherungskonzepte ignoriert, die er selbst in Auf­trag gegeben hatte.

Die BPtK hatte außerdem kritisiert, dass die vorgeschriebenen Fra­gen und Antwortmöglichkeiten in einer zum Teil verletzenden und stigmatisierenden Spra­che verfasst seien. Als Faktoren, die eine Erkrankung gefördert haben, müssten Eltern gemeinsam mit dem Psychotherapeuten zum Beispiel „abnorme Erziehungs­be­din­gungen“ ankreuzen oder „abnorme intrafamiliäre Beziehungen“ angeben.

Psychische Krankheiten bei älteren Menschen sind häufiger als bisher angenommen

Bisherige Studien gingen davon aus, dass die Häufigkeit psychischer Erkrankungen im höheren Alter sinkt. Eine neue groß angelegte Untersuchung in sechs europäischen Ländern mit innovativen Diagnoseverfahren kommt nun zu dem Ergebnis, wonach rund ein Drittel der 65-85 Jahre alten Befragten rückblickend auf das letzte Jahr unter einer psychischen Erkrankung litt und rund ein Viertel der Befragten aktuell psychisch krank ist. Die Ergebnisse wurden nun im renommierten „British Journal of Psychiatry“ publiziert.

„Ausgangspunkt war die Annahme, dass die gültigen Diagnoseverfahren für Erwachsene schlechter für die Diagnose von psychischen Krankheiten bei älteren Menschen geeignet sind“, erläutert die Studienleiterin Sylke Andreas (Institut für Psychologie der Alpen-Adria-Universität), die gemeinsam mit Martin Härter, Jana Volkert und Holger Schulz (Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) die Untersuchung koordinierte. Ältere Menschen würden bei den herkömmlichen Diagnoseinstrumenten recht bald die Aufmerksamkeit verlieren. Hinzu kommt, dass die Fragen in den bisherigen Diagnoseverfahren oft recht lang und kompliziert waren, was zusätzlich älteren Menschen Probleme bereitete.

Das Forschungsteam, welches Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Spanien, Großbritannien, Deutschland, Italien, Israel und der Schweiz umfasste, entwickelte zunächst ein neues Diagnostikinstrument in Form eines computerbasierten Interviews mit vereinfachten Sätzen. Mit diesem Verfahren wurden dann 3.100 ältere Menschen (65 bis 85 Jahre) in Spanien, Großbritannien, Deutschland, Italien, Israel und in der Schweiz untersucht.

Die Ergebnisse zeigen eine deutlich höhere Häufigkeit von psychischen Erkrankungen bei älteren Menschen als bisher angenommen wurde: Bei einem Drittel der Befragten zeigte sich zum Zeitpunkt des Interviews eine psychische Erkrankung im letzten Jahr (Ein-Jahres-Prävalenz) und bei einem Viertel der Befragten wurde eine aktuelle psychische Erkrankung festgestellt. Am häufigsten waren es Angsterkrankungen (17 Prozent) und Depressionen (14 Prozent), an denen die befragten Personen im letzten vergangenen Jahr litten.

Die Ergebnisse seien insbesondere vor dem Hintergrund der bisher angebotenen Gesundheitsleistungen erschreckend, so Sylke Andreas. „Wir brauchen bessere und verlässlichere Wege, um zu eruieren, ob ein älterer Mensch an einer psychischen Erkrankung leidet. Damit einher geht auch die dringliche Notwendigkeit, bis dato beinahe gänzlich fehlende psychotherapeutische Versorgungsangebote für Menschen im höheren Lebensalter zu etablieren.“

Literaturangabe:

Sylke Andreas, Holger Schulz, Jana Volkert, Maria Dehoust, Susanne Sehner, Anna Suling, Berta Ausín, Alessandra Canuto, Mike Crawford, Chiara Da Ronch, Luigi Grassi, Yael Hershkovitz, Manuel Muñoz, Alan Quirk, Ora Rotenstein, Ana Belén Santos-Olmo, Arieh Shalev, Jens Strehle, Kerstin Weber, Karl Wegscheider, Hans-Ulrich Wittchen, Martin Härter (2016).

Prevalence of mental disorders in elderly people: the European MentDis_ICF65+ study. The British Journal of Psychiatry September 2016, bjp.bp.115.180463. DOI: 10.1192/bjp.bp.115.180463e

Weitere Informationen finden Sie unter der Homepage

Psychopharmaka sind keine Lösung: Forscher äußern Kritik

Medikamente helfen langfristig nicht gegen psychische Störungen – diese Meinung vertreten die Bochumer Psychologen Prof. Dr. Jürgen Margraf und Prof. Dr. Silvia Schneider in einem Kommentar in „EMBO Molecular Medicine“. Die Forscher der Ruhr-Universität haben zahlreiche Studien zusammengetragen, die die nachhaltige Wirkung von Psychopharmaka infrage stellen, teils sogar negative Folgen bei längerer Einnahme dokumentieren.

Dauerhaft wirksamer seien Psychotherapien. Die Autoren fordern, psychische Krankheiten nicht allein auf biologische Ursachen zu reduzieren, sondern Forschung zu biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren besser zu verzahnen.

Die derzeit verfügbaren Medikamente können die Symptome psychischer Störungen nicht dauerhaft lindern.  Zu diesem Schluss kommen die Psychologen Prof. Dr. Jürgen Margraf und Prof. Dr. Silvia Schneider von der Ruhr-Universität Bochum in einem Kommentar in der Zeitschrift „EMBO Molecular Medicine“.

Medikamente haben nur kurzfristigen Effekt

Margraf und Schneider tragen zahlreiche Belege zusammen, die gegen eine nachhaltige Wirkung von Psychopharmaka sprechen. Medikamente gegen Depression, Angststörungen und das Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom wirken nur kurzfristig; setzt der Patient sie ab, kehren die Symptome zurück. So lautet das Fazit der zitierten Studien. Ähnliche Befunde vermuten die Autoren auch für Schizophrenie-Medikamente.

Eine langfristige Einnahme der Arzneien könne sogar negative Folgen haben, etwa ein gesteigertes Risiko für eine chronische Erkrankung oder erhöhte Rückfallraten.

Psychotherapien nicht schnell genug verfügbar

Psychotherapien wie die Kognitive Verhaltenstherapie erzielen laut den Autoren hingegen langfristig deutlich besser anhaltende Effekte. „Das Hauptproblem mit der Psychotherapie sind nicht die Wirksamkeit oder Kosten“, sagt Silvia Schneider. „Es ist die mangelnde Verfügbarkeit.“ Während Psychopharmaka schnell verabreicht werden könnten, müssten Betroffene oft lange auf einen Therapieplatz warten.

Biologische Konzepte reichen nicht

Die Bochumer Psychologen befassen sich in ihrem Artikel auch mit der Frage, warum es nach 60 Jahren intensiver Forschung keine besseren Therapieoptionen gibt. Verantwortlich ist ihrer Meinung nach die weit verbreitete Vorstellung, psychische Störungen könnten sich allein mit biologischen Konzepten erklären lassen.

„Es ist heute Standard, den Patienten und der Öffentlichkeit zu erzählen, dass ein aus dem Lot geratenes Neurotransmittersystem die Ursache für psychische Erkrankungen ist“, erklärt Jürgen Margraf. Dabei sei nach wie vor nicht klar, ob dieses Phänomen Ursache oder Folge sei. Soziale Faktoren dürften nicht vernachlässigt werden. Auch die starren Kategorien von „krank“ und „gesund“ seien bei psychischen Störungen mit ihren vielen unterschiedlichen Ausprägungen nicht hilfreich, so Schneider und Margraf.

Weniger Pharmamarketing, mehr Psychotherapie

Die Autoren fordern, die Forschung zu biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren besser zu verzahnen und den engen Blick auf mögliche biologische Ursachen zu weiten. Große Pharmaunternehmen müssten das Marketing im Bereich Psychopharmaka zurückfahren. Außerdem sollten Betroffene schneller Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten bekommen.

Originalveröffentlichung

Jürgen Margraf, Silvia Schneider: From neuroleptics to neuroscience and from Pavlov to psychotherapy: More than just the “emperor’s new treatments” for mental illnesses?, in: EMBO Molecular Medicine, 2016, DOI: 10.15252/emmm.201606650

http://embomolmed.embopress.org/cgi/doi/10.15252/emmm.201606650

Prof. Dr. Jürgen Margraf

Klinische Psychologie & Psychotherapie

Fakultät für Psychologie

Ruhr-Universität Bochum

Tel.: 0234 32 23169

E-Mail: juergen.margraf@rub.de

 

Prof. Dr. Silvia Schneider

Klinische Kinder- und Jugendpsychologie

Fakultät für Psychologie

Ruhr-Universität Bochum

Tel.: 0234 32 23168

E-Mail: silvia.schneider@rub.de

Psychische Erkrankungen: Studie weist auf Defizite in der Bedarfsplanung hin

Berlin – Ein Blick auf die aktuelle Versorgungslage zeigt: Je nach Region sind Arzt- undPsychotherapeutensitze in Deutschland sehr unterschiedlich verteilt. Doch die unter­schiedliche Dichte bei den Versorgungsangeboten lässt sich nicht ausreichend auf re­gionale Unterschiede in der Häufigkeit der Erkrankungen oder Risikofaktoren zurück­führen.

Dies zeigt eine epidemiologische Studie, die an der Psychologischen Hochschule Berlin in Kooperation mit dem Robert Koch-Institut, der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) und dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung durchgeführt wurde, und die bereits online veröffentlicht ist (Der Nervenarzt 2016; doi: 10.1007/s00115-016-0147-4).

„Anhand epidemiologischer Daten aus Bevölkerungsstudien und Daten der Kassen­ärzt­li­chen Bundesvereinigung konnten wir zeigen, dass die regionalen Unterschiede in der Häufigkeit psychischer Erkrankungen weitaus geringer sind als die regionalen Unter­schie­de im Versorgungsangebot, welches die aktuelle Bedarfsplanungvorsieht“, sagte Frank Jacobi, Professor an der Psychologischen Hochschule Berlin und Leiter der Stu­die. Sie ergänze durch „einen innovativen methodischen Zugang hinsichtlich ihrer Re­gio­nal­analysen“ die bisherige Versorgungsforschung, die ausschließlich auf Abrech­nungs­da­ten der Krankenkassen basiert, betonte Jacobi.

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Die Studie zeigt, dass eine Region mit gut ausgebauten Versorgungsstrukturen nicht un­bedingt einen größeren Bedarf hat und eine Region mit besonders vielen Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht automatisch auch über mehr Ärzte und Psycho­thera­peu­­ten verfügt. „Diese Ungerechtigkeit muss dringend behoben werden – dazu brauchen wir eine Bedarfsplanung, die ihren Namen auch wirklich verdient“ forderte Iris Hauth, Präsidentin der DGPPN. Gleichzeitig müssten die vorhandenen Versorgungs­angebote besser gesteuert, vernetzt und koordiniert werden.

Kritik am sogenannten Ist-Soll-Prinzip
„Kritisch hinterfragt werden sollte in diesem Zusammenhang die Orientierung der Be­darfs­planung am sogenannten Ist-Soll-Prinzip“, so Studienleiter Jacobi. Er schlägt vor, in Zukunft verstärkt mit prävalenzbasierten Schätzern zu arbeiten, also auch die regionale Verteilung von Erkrankungshäufigkeit und Risikofaktoren einzubeziehen. Darüber hinaus sollten auch die Variationen der Behandlungsumfänge pro Praxis bei der Zuweisung von Arztsitzen berücksichtigt werden.

Die Studie macht keine Aussagen zum absoluten Bedarf an Arztsitzen für Psycho­thera­peu­ten und Psychiater. „Welchen Stellenwert wir der psychischen Gesundheit in Zukunft einräumen und wieviel Ressourcen wir als Gesellschaft dafür aufbringen wollen, wird nach wie vor ein heiß diskutiertes Thema bleiben“, betonte Jacobi.

Betablocker könnte Knochenabbau durch Antidepressivum verhindern

New York – Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) haben eine biphasische Wirkung auf den Knochen. Zunächst stärken sie ihn durch Hemmung der Osteoklasten. Doch schon nach wenigen Wochen überwiegt ein Knochenabbau, der laut einer Studie inNature Medicine (2016; doi: 10.1038/nm.4166) auf eine Steigerung des Sympathi­kotonus zurückzuführen ist. Die gleichzeitige Gabe eines Betablockers konnte dies im Tierversuch verhindern.

Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI gehören in westlichen Ländern zu den am häufigsten verordneten Medikamenten. Zu den Nebenwirkungen gehört ein Knochenabbau, der bei älteren Patienten das Auftreten von Knochenbrüchen bezum Themagünstigt. Die Ursache für den Knochenabbau ist nicht genau bekannt. Experimente, die ein Team um Patricia Ducy von der Columbia University in New York durchgeführt hat, liefern jetzt neue Einsichten.

Die Forscher behandelten Mäuse mit Fluoxetin, dem ersten und einem der am häufigsten verordneten SSRI. Zu ihrer Überraschung stellten sie fest, dass die Knochenmasse in den ersten drei Wochen der Behandlung nicht ab-, sondern zunahm. Erst danach kam es zu einem allmählichen Knochenabbau.

Die initiale Zunahme der Knochenmasse konnten die Forscher auf eine hemmende Wirkung von Fluoxetin auf die Osteoklasten zurückführen. Osteoklasten sind im Knochen für den Abbau zuständig, während Osteoblasten Knochen aufbauen. Beide Zelltypen sind für den ständigen Umbau des Knochens zuständig, der damit flexibel auf äußere Einflüsse, etwa Veränderungen der Belastung reagiert.

Weitere Experimente ergaben, dass Fluoxetin nicht auf Serotonin-Rezeptoren der Osteoklasten wirkt, sondern direkt den Kalziumstoffwechsel in der Zelle stört. Diese Wirkung bleibt in der weiteren Behandlung bestehen. Sie wird aber mehr als aufge­hoben durch eine Hemmung der Osteoblasten. Diese Wirkung entsteht jedoch nicht vor Ort im Knochen. Sie ist vielmehr Folge der Fluoxetin-Wirkung im Gehirn. SSRI erhöhen im Gehirn die Aktivität des sympathischen Nervensystems, erkennbar an einem Anstieg der Konzentration von Adrenalin und Noradrenalin im Urin der Mäuse.

Die Katecholamine wirken auf den Beta2-Rezeptor von Osteoblasten. Die Aktivität dieser Zellen wird gehemmt und der Knochenaufbau wird gestoppt. Diese Beobachtung brachte die Forscher auf die Idee, die Tiere mit einem Wirkstoff zu behandeln, der den Beta2-Rezeptor blockiert. Dies ist mit dem Betablocker Propanolol möglich, ein bekann­ten Blutdruckmedikament.

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Abstract der Studie in Mature Medicine
Pressemitteilung des Columbia University Medical Center

Schon geringe Dosierungen von Propanolol waren in der Lage, den Knochenabbau zu stoppen. Ob diese Behandlung auch beim Patienten die negativen Wirkungen von Fluoxetin auf den Knochen verhindern würde, lässt sich aus tierexperimentellen Studien nicht sicher ableiten. Da Propanolol jedoch seit längerem zugelassen ist, stünde klinischen Studien nichts im Weg.

Ducy warnt davor, die Ergebnisse auf andere SSRI zu übertragen. Citalopram hatte in ihren Experimenten keine nachteilige Wirkung auf die Osteoklasten, andere Forscher­gruppen hatten dies zuvor bereits für Escitalopram gezeigt. In den Fachinformationen dieser beiden SSRI wird jedoch ebenfalls vor einem erhöhten Knochenbruchrisiko gewarnt, das in epidemiologischen Studien für die Gesamtgruppe aller SSRI (und auch der älteren urizyklischen Antidepressiva) beobachtet wurde. Die tierexperimentellen Studien stellen diese generelle Einstufung infrage. Belegen lässt sich dies jedoch nur in klinischen Studien.

Posttraumatische Belastungsstörung könnte kognitive Funktion verschlechtern

New York – Menschen, die an einer posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) leiden, zeigen im Langzeitverlauf häufiger Einschränkungen der kognitiven Funktion. Dies könnte eventuell ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz sein, berichten For­scher um Sean Clouston an der Stony Brook University in Alzheimer’s & Dementia: Diagnosis, Assessment & Disease Monitoring (dx.doi.org/10.1016/j.dadm.2016.08.001).

Die Studienkohorte bestand aus überlebenden Rettungskräften, die während und nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001  in New York im Einsatz waren. Dies betraf bei­spiels­weise Feuerwehrmänner, Rettungssanitäter, Suchtrupps und Aufräumkräfte. Mehr als 33.000 Menschen, die von den Angriffen und den Rettungsaktionen betroffen waren, nehmen am World Trade Center Health Programm des Center for Disease Con­troll teil.

Das Programm bietet den Betroffenen eine medizinische und psychologische Be­treuung sowie regelmäßige Kontrolluntersuchungen an. Sinn des Programms ist es, psychische und andere Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu behandeln.

818 Teilnehmer dieses Programms konnten die Forscher in die vorliegende Studie ein­schließen. Die Teilnehmer wurden zwischen Januar 2014 und April 2015 während ihrer jährlichen Kontrolltermine von erfahrenen Ärzten untersucht. Die Ärzte führten mit den Teilnehmern das Montreal Cognitive Assessment durch. Dieser Screening-Test umfasst Aufgaben, die das Konzentrations-, Erinnerungs- und Problemlösungsvermögen der Teil­nehmer testen. Der Test kann auch leichte kognitive Einschränkungen erfassen.

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Von den Teilnehmern hatten 12,8 Prozent kognitive Einschränkungen und 1,2 Prozent wa­ren laut des Tests bereits dement. Die Forscher stellten hierbei fest, dass eine PTBS oder eine schwere depressive Episoden in den Jahren nach den Ereignissen das Risiko für kognitive Einschränkungen deutlich erhöhte. Das relative Risiko für kognitive Ein­schrän­­kungen war um den Faktor 2,88 größer, wenn die Teilnehmer unter sogenannten Flashbacks litten. Bei den Flashbacks durchleben Patienten mit einer PTBS wieder Ge­fühle und Situationen, die sie zum Zeitpunkt des Traumas erfahren mussten.

Eine PTBS könnte den Forschern zufolge das Risiko für kognitive Einschränkungen lang­fristig erhöhen. Behandelnde Ärzte sollten daher bei diesen Patienten auch die kognitiven Funk­tionen im Auge behalten, empfehlen die Autoren.

Onlinesucht wird oft erst sehr spät erkannt

Berlin – Auf das zunehmende Problem der Onlinesucht weisen Ärzte und Suchtexperten auf dem heute beginnenden Deutschen Suchtkongress 2016 in Berlin hin. „Jugendliche kommen immer früher in Kontakt mit einem potenziell abhängig machenden Verhalten“, sagte dessen Leiter Falk Kiefer von der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie zum Auftakt des Kongresses. Viele Eltern nähmen eine ausufernde Inter­net­nutzung von Jugendlichen aber noch zu selten als Problem wahr.

Laut einer Ende 2015 vorgestellten Studie der DAK-Gesundheit und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen reagiert jeder fünfte Heranwachsende in Deutschland ruhelos und gereizt auf Einschränkungen der Internetnutzung. Elf Prozent der 12- bis 17-Jähri­gen haben mehrfach erfolglos versucht, ihren Konsum in den Griff zu bekommen.

„Die Zunahme von Internetabhängigkeit, gerade unter Jugendlichen und jungen Er­wachse­nen, stellt uns vor neue Herausforderungen und erfordert passgenaue Präven­tion und Hilfsangebote“, sagte die Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler, heute zur Eröffnung des Kongresses. Ein Beispiel dafür sei eine neue Online­sucht-Ambulanz namens „OASIS“.

Das vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) geförderte Projekt an der Universität Bochum richtet sich an Betroffene, die unter einer problematischen Internetnutzung leiden sowie an Angehörige. Bei einem Verdacht auf Onlineabhängigkeit können Be­troffene ab 18 Jahren sich auf der Website selber testen und einen Termin für eine Erstberatung per Webcam vereinbaren: „Wie Streetworker bei Drogensüchtigen holen wir die Internet­ab­hängigen dort ab, wo ihre Sucht entstanden ist, nämlich im Netz selbst“, sagte Projekt­lei­ter Bert te Wildt vom Universitätsklinikum für psychosomatische Medizin und Psycho­the­ra­pie der Ruhr-Universität Bochum.

Laut Kiefer ist für die Onlinesucht nicht die Zeit vor dem Bildschirm ausschlaggebend, sondern die negativen Konsequenzen durch Onlinespiele oder das Surfen in sozialen Netzwerken, welche die Betroffenen für ihren Konsum in Kauf zu nehmen bereit seien. Sie ließen zum Beispiel in der Schule nach und zögen sich von Familie und Freunden zurück. Anders als bei Alkohol fehlten aber Effekte wie Trunkenheit, die das Umfeld auf das Problem aufmerksam machten, so der Suchtexperte. Entsprechend spät kämen Jugendliche und ihre Eltern in Beratungsstellen. „Gerade Mädchen, die sich in sozialen Netzwerken verlieren, werden noch viel zu wenig erreicht“, so Kiefer.

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Wichtig sei, frühzeitig mit Betroffenen zu reden und Grenzen auszuhandeln. Wenn Ju­gend­liche bemerkten, dass sie eigene Vorsätze wie eine gewisse Spieldauer pro Tag nicht einhalten könnten, sei das ein Ansatz, ins Gespräch zu kommen. Entscheidend sei, dass die Verhaltensänderung nicht verordnet, sondern nachvollziehbar und mit positiven Konsequenzen verbunden sei, so Kiefer.

Zum Deutschen Suchtkongress 2016 werden vom 5. bis 7. September rund 600 Be­su­cher in Berlin erwartet. Sie diskutieren über neue Behandlungsformen, Möglichkeiten der Prävention und Früherkennung sowie die zunehmende Abhängigkeit von Internet und sozialen Netzwerken.