Systemische Psychotherapie wirkt – IQWiG veröffentlicht Prüfbericht

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen

(IQWiG) hat gestern einen Prüfbericht veröffentlicht, der zahlreiche Hinweise und Anhaltspunkte für den Nutzen von Systemischer Therapie bei Erwachsenen aufweist. Die beiden systemischen Fachverbände, DGSF und SG, begrüßen die positive Begutachtung und sind zuversichtlich, dass Systemische Therapie künftig in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen wird.

Nicht weniger als 780 Seiten lang ist der Vorbericht, in dem das IQWiG Studien zur Wirksamkeit von Systemischer Therapie gesammelt und ausgewertet hat. Fazit: in nahezu allen relevanten Störungsbereichen liegen Hinweise oder Anhaltspunkte für den Nutzen vor. Besonders klare Hinweise auf die Wirksamkeit Systemischer Therapie fanden die Forscherinnen und Forscher für die Störungsbereiche Angst- und Zwangsstörungen sowie Schizophrenie. Dabei handelt es sich um für die psychotherapeutische Versorgung besonders relevante Störungen: Angst- und Zwangsstörungen zählen zu den am stärksten verbreiteten und Schizophrenie zu den schwersten Störungen mit einem besonders hohen Leidensdruck für Patientinnen und Patienten und deren Angehörige.

„Damit bestätigt das IQWiG unsere Einschätzung der guten wissenschaftlichen Studienlage zu Systemischer Therapie“, freuen sich Dr. Ulrike Borst und Dr. Björn Enno Hermans, die Vorsitzenden der beiden Fachverbände für Systemische Therapie, Systemische Gesellschaft (SG) und Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF).

Im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), dem Selbstverwaltungsorgan von Krankenkassen und Leistungserbringern, untersucht das IQWiG derzeit, ob genügend Nachweise für die erfolgreiche Behandlung psychischer Störungen mit Systemischer Therapie vorliegen. Den Nachweis für den Nutzen eines Psychotherapieverfahrens zu erbringen, ist nicht leicht. Wirksamkeitsstudien sind im Bereich der Psychotherapie sehr viel schwerer durchzuführen als z.B. im Bereich von Pharmaprodukten, weil Psychotherapie nicht mit der Einnahme einer Tablette vergleichbar ist.

Dazu Stefan Lange, stellvertretender Institutsleiter, in der IQWiG-Pressemitteilung: „Aber auch hier sind aussagekräftige Studien machbar, wie die vorläufigen Ergebnisse zur Systemischen Therapie zeigen.“

Wie geht es weiter?

Von dem Ergebnis der Untersuchung beim IQWiG hängt ab, ob der G-BA Systemische Therapie in den Leistungskatalog gesetzlicher Krankenkassen aufnimmt. Bereits heute wollen einzelne Krankenkassen auf das Behandlungsangebot mit Systemischer Therapie nicht verzichten und haben Modellprojekte gestartet. Bis März 2017 wird das IQWiG dem G-BA seinen Abschlussbericht vorlegen. „Wir sind sehr zuversichtlich“, so Hermans und Borst, „dass der G-BA in Kürze allen Versicherten gesetzlicher Krankenkassen dieses effektive und effiziente Verfahren zur Verfügung stellen wird.“

verantwortlich:

Bernhard Schorn, DGSF
Jakordenstraße 23, 50668 Köln
Fon 0221 61 31 33 | Fax 0221 9 77 21 94
E-Mail: schorn@dgsf.org
www.dgsf.org

Sebastian Baumann, Vorstandsbeauftragter Psychotherapie SG Brandenburgische Str. 22, 10707 Berlin
Fon: 030 53 69 85 04 | Fax: 030 53 69 85 05
E-Mail: sbaumann@systemische-gesellschaft.de
www.systemische-gesellschaft.de

Weitere Informationen finden Sie unter

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Schizophrenie: Cannabis-Konsumenten erleiden häufiger Rezidive

London – Schizophrenie-Patienten, die nach der ersten Episode ihrer Psychose ihren Cannabis-Konsum fortsetzten, erlitten in einer prospektiven Beobachtungsstudie inLancet Psychiatry (2016; doi: 10.1016/S2215-0366(16)30188-2) deutlich häufiger ein Rezidiv als Patienten, die abstinent wurden. Besonders riskant könnte die Cannabis-Variante „Skunk“ sein, deren Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC) besonders hoch ist.

Zu den aktiven Wirkungen der Cannabis-Drogen können psychotische Symptome und kognitive Störungen gehören. Nach dem Rausch normalisiert sich die Hirnfunktion, doch viele Psychiater vermuten, dass ein häufiger Cannabis-Konsum die Entwicklung einer dauerhaften Psychose begünstigt. Auffällig ist ein hoher Cannabis-Konsum von Patienten, die mit der ersten Episode einer Schizophrenie hospitalisiert wurden.

Ein kausaler Zusammenhang ist freilich nicht erwiesen, und nach der sogenannten Selbstmedikationshypothese könnte der Cannabis-Konsum ein (letztlich fehlge­schlagener) Versuch der Patienten sein, ihre Symptome durch Cannabis zu lindern. Nach dieser Hypothese sollten Patienten, die nach der Entlassung aus der Klinik weiterhin Cannabis konsumieren, ein vermindertes Risiko auf ein Rezidiv der Psychose haben.

Das Gegenteil war allerdings der Fall in einer Gruppe von 256 Patienten, die Psychiater aus dem Süden Londons nach der ersten Episode ihrer Psychose betreuten. Die Patienten wurden in der Klinik intensiv nach ihrem Cannabis-Konsum befragt. Ein zweites Interview fand bei einer erneuten Hospitalisierung statt. Wie Tabea Schoeler vom King’s College und Mitarbeiter berichten, trat die zweite Episode der Patienten früher ein, wenn sie ihren Cannabis-Konsum nach der Entlassung aus der Klinik fortgesetzt hatten. Besonders riskant scheint hier der Konsum von „Skunk“ zu sein. Es handelt sich um eine Variante der Cannabis-Droge, die aus Pflanzen mit einem besonders hohen THC-Gehalt hergestellt wird.

Patienten, die täglich „Skunk“ konsumierten, hatten in einer multivariaten Analyse ein 3,28-fach erhöhtes Risiko auf ein Rezidiv. Bei ihnen war es in einem Zeitraum von etwa zwei Jahren 1,77-fach häufiger zu mehreren Rezidiven gekommen und sie benötigten 3,16-fach häufiger eine intensive psychiatrische Therapie. Diese Risiken bestanden, wenn auch etwas abgeschwächt, auch bei Patienten, die regelmäßig ihre Medikamente eingenommen hatten.

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PDF der Studie in Lancet Psychiatry

Die Ergebnisse schließen nicht völlig aus, dass Patienten, bei denen die Medikamente nicht die erhoffte Wirkung erzielten, eher geneigt waren, den Drogenkonsum fortzu­setzen. Rachel Rabin von der Universität Toronto erscheint es jedoch wahrscheinlicher, dass der Drogenkonsum den Rückfall begünstigt hat. Für diesen kausalen Zusammen­hang spricht nach Ansicht der Editorialistin, dass Patienten, die THC-ärmere Varianten wie Haschisch konsumierten, ein geringes Rückfall-Risiko hatten. Haschisch hat einen niedrigeren THC-Gehalt. Die Konzentration von Cannabidiol (CBD) ist dagegen höher. CBD werden antipsychotische Eigenschaften nachgesagt.

Allerdings erkrankten in der Studie auch Haschisch konsumierende Patienten häufiger an einem Rückfall als solche, die keine Drogen einnahmen. Die Odds Ratio war jedoch geringer als bei „Skunk“-Konsumenten und nicht signifikant. Eine wissenschaftlicheEvidenz für eine ärztliche Empfehlung zum illegalen Haschisch-Konsum kann aus den Studienergebnissen sicher nicht abgeleitet werden. Rabin argumentiert aber, dass Haschisch das geringere Übel sein kann, wenn ein fortgesetzter Cannabis-Konsum zu erwarten ist.

Mikroglia im Gehirn beeinflusst die Entstehung neuropathischer Schmerzen

New Brunswick – Wenn nach einem peripheren Trauma frühzeitig im Gehirn die Bildung von Mikroglia unterbunden wird, könnte dies die Entwicklung chronischer Schmerzen ver­hindern oder dämpfen. Long-Jun Wu und Forscher der Rutgers University berichten in Nature Communications, dass die Proliferation der ungünstigen Mikroglia unter­brochen werden kann (2016; doi: 10.1038/ncomms12029).

Chronische Schmerzen entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel peripherer und zentraler Sensibilisierungsprozesse. Diese Schmerzform beginnt jedoch meist mit einem akuten Schmerzereignis. Den Übergang vom akuten zum chronischen Schmerz zu ver­steh­en und zu blockieren, ist einer der Schwerpunkte in der Schmerzforschung. In der Peripherie lösen Makrophagen durch die Ausschüttung von Zytokinen eine Sensibilisie­rung der Nerven aus, während im zentralen Nervensystem die Mikroglia hierfür verant­wort­lich sein könnten. Mikroglia sind spezialisierte Makrophagen, welche Hirn und Rücken­mark immunologisch überwachen.

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Abstract zur Studie in Nature Communications
Long-Jun Wu
Gliazellen: Unterschätzte Gehirnzellen

Die Forscher nutzten genetisch modifizierte Mäuse und verabreichten ihnen eine Che­mo­therapie, sodass die Proliferation der zentralen Mikroglia unterdrückt wurde. Sie setz­ten bei den Mäusen periphere Nervenverletzungen und beobachteten bei den Tieren die Entwicklung einer posttraumatischen Hypersensitivität oder Schmerzen.

In der folgenden Beobachtungszeit stellten die Wissenschaftler fest, dass die Tiere durch die Unterdrückung der Mikrogliareaktion keine chronischen Schmerzen oder eine Hyper­algesie entwickelten. Auch nachdem sich die Mikroglia-Population wieder erholte, ent­wickel­ten die Tiere dennoch keine neuropathischen Schmerzen.

Aus den Ergebnissen schließen die Forscher, dass Mikroglia in einer kurzen kritischen Phase nach einem Trauma die Entstehung von chronischen neuropathischen Schmer­zen induziert. Bei der Entwicklung von Schmerzmitteln sollte daher künftig auch die spezielle Mikrogliareaktion im Gehirn berücksichtigt werden, meinen die Wissen­schaftler. Mög­lich­er­weise könne man durch eine Unterdrückung der Mikrogliareaktion die Ent­steh­ung von chronischen Schmerzen verhindern.

Einjährige Adipositastherapie für Kinder und Jugendliche in Bonn

Bonn – Das Zentrum für Kinderheilkunde am Universitätsklinikum Bonn bietet gemeinsam mit dem Förderverein Psychomotorik Bonn und der Katholischen Familienbildungsstätte Bonn einjährige Gruppenlehrgänge für Kinder und Jugendliche mit Adipositas. Ziel des Programms „Durch dick und dünn“ ist der nachhaltige Gewichtsverlust der Teil­nehmer.

Bewegungs- und Sporttherapie, Ernährungslehre sowie medizinische und psycholo­gi­sche Betreuung sollen helfen, deren Lebensgewohnheiten zu verändern und damit die Ursachen des Übergewichts zu bekämpfen. „Neben Erfolgen bei der Gewichtsabnahme ist es uns wichtig, das positive Selbstwertgefühl und die Eigenverantwortung der Kinder und Jugendlichen zu fördern sowie Frustration und Leidensdruck zu senken“, sagte Joachim Wölfle, Leiter des Schwerpunktes pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie am Bonner Universitätsklinikum.

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Dabei soll der Schwerpunkt statt auf ständiger Gewichtskontrolle eher auf Bewegung und Fitness im Alltag liegen. Zur Unterstützung ihrer Kinder und zum besseren Verständnis der Krankheit erhalten auch die Eltern Schulungen und individuelle Beratung in Psycho­lo­gie, Ernährung, Sport und Medizin. Für die Kinder und Jugendlichen umfasst das Pro­gramm Kochveranstaltungen, Besuche im Kletterwald und in Bonner Sportvereinen. Das Programm richtet sich an Jungen und Mädchen im Alter von acht bis sechzehn Jahren, deren Body Mass Index (BMI) über der 99,5 Perzentile liegt.

Gamescom 2016: Drogenbeauftragte warnt vor Suchtpotenzial

Köln/Berlin – Anlässlich der international größten Computerspielmesse Gamescom, die heute in Köln gestartet ist, haben die Drogenbeauftragte der Bundesregierung und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) auf die Risiken einer exzessiven Nutzung von Computerspielen, Internet und Smartphone hingewiesen.

„Die Digitalisierung verändert unser Leben wie kaum eine andere Neuerung, bei aller Euphorie müssen wir aber auch die Risiken im Blick haben“, sagte Drogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU). Sie betonte, dass aktuellen Zahlen zufolge allein in Deutschland etwa 560.000 Menschen nicht mehr vom Computer oder Smartphone loskommen.

„Häufig sind Computerspiele der Grund, einige der populären Online-Rollenspiele weisen ein erhebliches Suchtpotenzial auf“, warnte Mortler. Wenn es um eine vernünftige Online-Offline-Balance gehe, seien alle gefragt: Eltern, Schulen und natürlich auch die Politik, so die Drogenbeauftragte.

Aktuelle Studien zeigen laut BZgA, dass rund 80 Prozent der 12- bis 19-Jährigen täglich online sind und etwa 92 Prozent ein Smartphone besitzen. „Deshalb ist es wichtig, die Risiken zu kennen, die gerade von Internetspielen, aber auch von sozialen Netzwerken ausgehen“, sagte BZgA-Leiterin Heidrun Thaiss. Wer permanent im Internet unterwegs sei und dabei Freunde, Familie und Hobbies vernachlässige, könne bereits suchtge­fährdet sein.

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Zur Prävention der exzessiven Computerspiel- und Internetnutzung hat die BZgA ein Programm entwickelt. Es richtet sich an Jugendliche ab 12 Jahren und ihre Eltern sowie an Lehrkräfte. Im Rahmen des Programms werden unter anderem Schüler der Jahr­gangs­stufe acht speziell geschult, um jüngeren Mitschülern Informationen rund um Computerspiele und Internetangebote, deren Risiken und Wirkungen sowie Informa­ti­onen zum verantwortungsvollen Umgang näherzubringen. „Aufgrund der positiven Ergebnisse der Testphase plant die BZgA, die ‚Net-Piloten‘ in den nächsten Jahren auch bundesweit anzubieten“, so Thaiss.

Depressionen nach Behandlung auf Intensivstation häufig

Baltimore – Jeder dritte Intensivpatient leidet nach der Entlassung unter Depressionen, die nach den Ergebnissen einer Meta-Analyse in Critical Care Medicine (2016; 44: 1744-1753) auch ein Jahr später noch bestanden.

Vielen Menschen fällt es nach der Behandlung auf einer Intensivstation schwer, im normalen Leben wieder Fuß zu fassen. Dies kann an den Folgen der Erkrankung liegen, die die intensivmedizinische Behandlung notwendig gemacht haben. Eine Rehabilitation der Patienten ist häufig nicht möglich. Es kann aber auch sein, dass die Behandlungen selbst die Psyche stark belastet haben.

Die Studien, deren Ergebnisse ein Team um Joseph Bienvenu von der Johns Hopkins University School of Medicine, Baltimore, in einer Meta-Analyse zusammengefasst hat, können die Ursache der Störungen nicht klären. Sie zeigen aber, dass Depressionen kein seltenes Phänomen sind.

Die Symptome wurden in den Studien meistens mit der Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS-D) bestimmt. Der Score reicht von 0 bis 21 Punkten, wobei ein Wert von 0 bis 7 Punkten ein Normalbefund ist. Von 8 bis 10 Punkten könne eine leichte, bei mehr als 11 Punkten eine mittelschwere bis schwere Depression vorliegen. Die Diagnose selbst erfordert eine fachärztliche Untersuchung.

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Abstract der Studie in in Critical Care Medicine
Pressemitteilung von Johns Hopkins Medicine

In den 42 Studien mit 4.113 Patienten, die Bienvenu in die Meta-Analyse einfließen ließ, hatten zwei bis drei Monate nach der Behandlung 29 Prozent der Patienten noch 8 oder mehr Punkte im HADS-D. Bei ihnen bestand somit Verdacht auf eine Depression. Wider Erwarten erholten sich nur wenige Patienten in den folgenden Monaten. Die Prävalenz der Depression betrug nach sechs Monaten 34 Prozent und nach 12 bis 24 Monaten noch 29 Prozent.

Auch mittelschwere bis schwere depressive Symptome (HADS-D größer oder gleich 11) waren keineswegs selten. Die Prävalenz lag zwei bis drei Monate nach der Entlassung bei 17 Prozent, nach sechs Monaten ebenfalls bei 17 Prozent und nach 12 bis 14 Monaten noch bei 13 Prozent.

Die wichtigsten Risikofaktoren für eine spätere Depression waren eine vorbestehende psychische Erkrankung sowie ein „Distress-Syndrom“ während der Behandlung mit Wut, Nervosität, akuten Stresssymptomen, emotionaler Distanzierung oder Flashbacks. Das Alter des Patienten, der Schweregrad der Krankheit, die Liegedauer auf Intensivstation oder im Krankenhaus sowie die Dauer der Sedierung hatten dagegen keinen Einfluss auf spätere Depressionen.

Suizidrisiko: Potenzieller Biomarker entdeckt

Grand Rapids – Menschen, die versucht haben, sich das Leben zu nehmen, könnten eines Tages anhand eines Bluttests identifiziert werden. Forscher aus Australien, Schweden und den USA haben bei Betroffenen einen potenziellen Marker gefunden. Das Enzym mit reduzierter Aktivität spielt eine wichtige Rolle bei der Entzündungs­regulation: Amino-ß-Carboxymuconat Semialdehyd Decarboxylase (ACMSD). Die Ergebnisse wurden in Translational Psychiatry (doi:10.1038/tp.2016.133) publiziert.

Frühere Studien haben fortlaufende Entzündungsprozesse bei suizidgefährdeten und depressiven Menschen identifiziert. Die Autoren untersuchten daher das Blut und den Liquor von 137 Menschen, die sich das Leben nehmen wollten und 71 gesunden Probanden auf Komponenten des Immunsystems: Cytokine, den Kynurenin-Metabolit Quinolinsäure (QUIN) und dessen Kompetitor Picolinsäure (PIC). Die Suizid-Gruppe hatte reduzierte PIC-Level und ein höheres Verhältnis von PIC/QUIN. Daraus leiten die Forscher eine verminderte Aktivität des regulatorischen Enzyms ACMSD ab, das für ein Gleichgewicht der beiden Proteine sorgt.

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Studie in Translational Psychiatry 2016
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Infektionen könnten Suizid auslösen
Die Kynurenin-Metabolite könnten sich folglich nicht nur als Biomarker für das individuelle Suizidrisiko eignen. Sie stellen auch einen therapeutischen Angriffspunkt dar. Die Autoren sind sich sicher, dass Menschen mit einer reduzierten ACMSD-Aktivität besonders vulnerabel für Depressionen oder Suizidgedanken sind, wenn eine Infektion oder Entzündung vorliegt. Zudem könnten Entzündungen leichter chronifizieren. Genetische Varianten des ACMSD-Enzyms konnten kürzlich auch bei Parkinson-Patienten gefunden werden.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation nehmen sich weltweit jährlich mehr als 800.000 Menschen das Leben.

Neue Leitlinie soll Interventionen bei Suizidalität im Jugendalter verbessern

Marburg – Eine umfassend überarbeitete Leitlinie zur Intervention bei Suizidalität im Kin­des- und Jugendalter haben die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsy­chia­trie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) und die Philipps-Universität Marburg vorgelegt. Koordinatorin der Neuauflage ist Katja Becker, Direktorin der Klinik für Kinder- und Ju­gendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Marburg. „Klassifikation, Epidemiologie, spezifische Diagnostik und die verschiedenen Interventionen wurden umfassend dargestellt“, erklärte Becker. Zudem habe die Leit­li­nien­arbeitsgruppe ein Kapitel zur Vor- und Nachsorge neu aufgenommen.

Suizidalität ist nach Unfällen die häufigste Todesursache im Jugendalter. Zur Suizidge­dan­ken und -absichten liegen laut Leitlinie in Deutschland nur begrenzt Daten vor. „Aber Gedanken an den Tod oder Suizidgedanken unter Kindern und Jugendlichen scheinen relativ häufig zu sein“, heißt es in der Leitlinie. In der sogenannten Heidelberger Schul­stu­die von 2007 berichteten 14,4 Prozent der 14 bis 15-jährigen Schüler von Suizid­ge­danken in der Vergangenheit.

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Offenbar bestehen deutliche Geschlechtsunterschiede hinsichtlich der Prävalenzvon Suizidgedanken im Jugendalter. Während in der Heidelberger Schulstudie 19,8 Prozent der Mädchen Suizidgedanken angaben, waren es bei den Jungen nur 9,3 Prozent. Nach den Angaben der Befragten werden diese Gedanken aber deutlich weniger als im Er­wachsenenalter in konkrete Suizidpläne umgesetzt. Allerdings berichten in stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Populationen 70,4 Prozent der jungen Menschen über konkrete Suizidgedanken.

„Wichtig für die Praxis ist zu wissen, dass insbesondere im Kindes- und Jugendalter nicht vorschnell von der Methode eines Suizidversuchs auf die Ernsthaftigkeit beziehungs­wei­se den Schweregrad der Suizidalität geschlossen werden kann“, heißt es in der Leitlinie – insbesondere bei Jüngeren oder unterdurchschnittlich begabten Jugendlichen. Selbst einer aus ärztlicher Sicht objektiv nicht lebensbedrohlichen Handlung könne ein starker Suizidwunsch zugrunde liegen, so die Autoren.

Opioide: Abhängigkeitsrisiko bei erstmaliger Verschreibung

Portland – Verlangen Patienten eine höhere Dosierung oder einen sofortigen Nachschub einer Opiodtherapie, sollte jeder Arzt hellhörig werden. Vor allem bei Patienten, die zum ersten Mal Opiode zur Schmerzlinderung einnehmen, ist Vorsicht geboten. Ab wann der Opiodeinsatz das Risiko einer längerfristigen Einnahme birgt, haben Forscher der Oregon Health and Science University in einer retrospektiven Kohorten-Studie erforscht. Die Ergebnisse haben sie kürzlich im Journal of General Internal Medicine (doi:10.1007/s11606-016-3810-3) publiziert.

In den USA verschrieben Ärtzte in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich mehr Opiode als in den Jahren davor. Gleichzeitg stieg auch der Bedarf an Therapien aufgrund von Opiod-Übderdosierungen und -Abhängigkeiten. Der Staat Oregon ist laut einer Erhe­bung aus dem Jahr 2012 am stärksten betroffen. Hier haben die Autoren um Richard Deyo vond er Oregon Health and Science University in Portland daher auch ihre Studie mit Daten von 3,6 Millionen Opdioid-Rezepten bei 874.765 Patienten in einem Zeitraum von Oktober 2012 bis September 2013 durchgeführt. Am häufigsten wurden kurz­wirksame Opiate verordnet.

Fast 537.000 (61,4 %) Teilnehmer erhielten zum ersten mal Opiode, sogenannte opioid-naive Patienten. Etwa 5 % davon setzten die Opiodtherapie langfristig fort mit steigender Tendenz mit zunehmendem Alter, das heißt sie nahmen innerhalb eines Jahres mindestens sechs Rezepte in Anspruch. In ländlichen Regionen war der Trend noch deutlicher erkennbar als in den Städten (6,1 versus 4,4 %; Odd-Ratio: 1,37).

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Journal of General Internal Medicine 2016
Overdoses of Prescription Opioid Pain Relievers, Morbidity and Mortality Weekly Report 2011
A Flood of Opioids, a Rising Tide of Deaths, NEJM 2010
CDC Guideline for Prescribing Opioids for Chronic Pain—United States, JAMA 2016
Chronischer Opioid-Gebrauch: Diese Operationen erhöhen das Risiko
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Opioid-Schmerzmittel: In Deutschland die meisten Präparate
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Patienten, die jünger als 45 Jahre waren und zwei Rezepte im ersten Monat erhielten, hatten ein erhöhtes Risiko langfristig auf das Schmerzmedikament angewiesen zu sein als jene, mit nur einem Rezept (Odd-Ratio: 2,25). Diese junge Gruppe repräsen­tierte 243.427 Schmerzpatienten, jedoch kaum Krebs- oder Palliativ-Patienten. Ebenfalls steigerte eine initiale Behandlung mit Morphium, dem wichtigsten Opiat in der Schmerz­therapie, in den ersten 30 Tagen zwischen 400 und 799 mg das Risiko verglichen mit geringeren Dosierungen (Odd-Ratio: 2,96). Patienten, die zu Beginn kurzwirksame Opiodie einnahmen hatten verglichen mit langwirksamen Opioden ein geringeres Risiko für eine langfristige Anwendung.

Am sichersten sei es daher von Beginn an ein kurzwirksames Opioid einmalig zu verschreiben. Die Morphium-Dosis sollte unter 120 mg Morphinäquivalenten liegen, schlussfolgern die Autoren aus ihren Ergebnissen. Die Empfehlungen des Centers for Disease Control (CDC), die Opiod-Therapie auf drei bis maximal sieben Tage zu beschränken, sehen sie in ihrer Studie bestätigt.

Traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit oft Grund für psychische Symptome

Die Abteilung für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung der Theodor Fliedner Stiftung konnte an Hand einer Studie zeigen, dass die psychischen Symptome vieler Patienten überaus häufig auf traumatische Erlebnisse zurückgehen. Das stellt besondere Anforderungen an Diagnose und Therapie im klinischen Alltag. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitung „Trauma & Gewalt“ veröffentlicht.

„Die Seele des Menschen ist ein sensibles Konstrukt“, weiß Dr. Claudia Gärtner, Leiterin der Abteilung für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung in der Theodor Fliedner Stiftung. Traumatische Erlebnisse, sei es aus frühster Kindheit, dem Heranwachsen oder im Erwachsenenalter, können sich vielfältig niederschlagen und bemerkbar machen. Die Folgen reichen von Depressionen, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen bis zu körperlichen Erkrankungen, chronischen Schmerzen oder Asthma. So unterschiedlich die Symptome sind, so vielfältig ist auch die Bandbreite an traumatischen Ursachen. „Häufig haben wir es mit sogenannten komplexen Traumafolgestörungen zu tun, die aber in den gängigen Diagnosemanualen, wie sie im klinischen Alltag verwendet werden, nicht abgebildet sind“, betont Dr. Claudia Gärtner. „Patienten bleiben dadurch diagnostisch namenlos und heimatlos.“

Festhalten lassen sich jedoch fünf zentrale Bereiche traumatischer Erfahrungen, die emotionale Vernachlässigung, die emotionale Gewalt, körperliche Gewalt sowie sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt.

„Rund 90 Prozent der untersuchten Patienten in psychiatrischen oder psychosomatischen Einrichtungen haben eine traumatische Biografie, das hat unsere Studie gezeigt“, so Lena Schifferdecker, Mitarbeiterin in der Abteilung für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung in der Theodor Fliedner Stiftung.

Die Ergebnisse der Studie „Traumatisierte Patienten in der stationären psychiatrisch, psychotherapeutischen Versorgung – Die Belastungssymptomatik als Ausdruck traumatischer Erfahrungen“ sind nun in der Fachzeitung „Trauma & Gewalt“ erschienen. Neben den Wissenschaftlerinnen aus der Theodor Fliedner Stiftung arbeiteten Dr. Michael Schifferdecker und Prof. Dr. Peer Abilgaard an der Studie mit.

„Das Problem ist, dass in vielen Einrichtungen oftmals nur die Behandlung aktueller Symptome im Vordergrund steht“, bedauert Dr. Claudia Gärtner.

Kaum jemand gehe direkt von einer traumatischen Biografie aus. „Dabei sollten Behandler genau das tun, wenn man sich unsere Ergebnisse anschaut.“ Die Schlussfolgerung basiert auf Patientenbefragungen, durchgeführt von Januar bis März 2014 in den Fachkliniken der Theodor Fliedner Stiftung in Ratingen, Gevelsberg und Düsseldorf sowie in der Helios St. Vinzenz Klinik in Duisburg. Der Problematik ist man sich in den eigenen Einrichtungen bewusst. „Wir schauen noch genauer hin und können die Behandlung unserer Patienten besser anpassen“, so Dr. Claudia Gärtner.

Die Erfahrungen in der Psychotraumatherapie geben die Experten der Theodor Fliedner Stiftung am 9. November 2016 bei dem Symposium „Fliedner Update Psychotraumatherapie“ weiter. Zu der kostenlosen Veranstaltung im Fliedner Krankenhaus Ratingen können sich interessierte Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte sowie Mitarbeitende aus sozialen und helfenden Berufe anmelden unter Telefon (0208) 48 43-135.

 

Kontakt:

Theodor Fliedner Stiftung

Dr. Claudia Gärtner

Tel.: (0208) 48 43-151

Fax: (0208) 48 43-2494

claudia.gaertner@fliedner.de

www.fliedner.de

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter

http://www.fliedner.de/de/ausbildung_forschung/forschung/home_forschung.php