Adipositas weniger tödlich als vor 40 Jahren

Kopenhagen – Zu dünne und zu dicke Menschen sterben früher. Dies führt in epidemiologischen Untersuchungen, die Body-Mass-Index und Sterberisiko in Beziehung setzen, zu einer U-Kurve. Der untere Scheitelpunkt des Body-Mass-Index lag in Kopenhagen im Zeitraum 1976/78 bei 23,7 kg/m². Im Zeitraum 1991-94 ist er auf 24,6 kg/m² und im Zeitraum von 2003/13 sogar auf 27,0 kg/m² gestiegen. Er liegt damit in einem Bereich, der allgemein als „übergewichtig“ (25,0-29,9 kg/m²) und damit als kontrollbedürftig eingestuft wird, auch wenn die Grenze zur Adipositas (ab 30 kg/m²), die als Krankheit betrachtet wird, noch nicht erreicht wurde.

Die Zahlen basierten auf drei Kohorten: Zwei Gruppen aus der Copenhagen City Heart Study von 1976-1978 (13.704 TeilnehmerAdipositas) und 1991-1994 (9.482 Teilnehmer) sowie der Copenhagen General Population Study von 2003-2013 (97.362 Teilnehmer). Die Kohor­ten sind in ihrer Zusammensetzung und der Erhebung von Risikofaktoren vergleichbar. Und die Auswertung ist komplett, da ein Abgleich mit den Sterberegistern in Dänemark leicht möglich ist. Aufgrund der hohen Teilnehmerzahl sind die Ergebnisse stichhaltig, so dass wenig Zweifel an den Ergebnissen möglich sind: Übergewicht scheint  heute weniger gefährlich zu sein als noch vor vier Jahrzehnten.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass Übergewicht gesund ist. Die Studie, die Børge Nordestgaard von der Universitätsklinik Kopenhagen jetzt im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2016; 315: 1989-1996) veröffentlicht hat, kann die Gründe für die wundersame Verschiebung des Scheitelpunktes nicht erklären. Da die gleichen ethnischen Gruppen untersucht wurden (ein Einfluss der Migration ist nicht erkennbar), lässt sich ein genetischer Einfluss ausschließen.

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Abstract der Studie
Pressemitteilung der Universität Kopenhagen
Pressemitteilung von JAMA

Eine mögliche Erklärung könnte in der besseren medizinischen Versorgung liegen. Übergewicht ist nicht an sich gefährlich. Es bedingt jedoch kardiovaskuläre Risikofak­toren wie Hypertonie und Hyperglykämie. Gegen Hypertonie und Hyperglykämie gibt es wirksame Medikamente, die das Sterberisiko senken (was für die Hypertonie besser belegt ist als für die Hyperglykämie).

Nordestgaard hat diese beiden Risikofaktoren in seiner Untersuchung nicht berück­sichtigt (während Rauchen, Cholesterin und Bewegungsmangel keinen Einfluss auf das Sterberisiko hatten). Auffällig ist, dass die Verschiebung des Body-Mass-Index mit dem niedrigsten Sterberisiko vor allem auf den Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen ist. Beim Sterberisiko durch Krebs liegt der Scheitelpunkt unverändert im Bereich des Normalgewichts.

Sollte tatsächlich die medizinische Versorgung für die Verschiebung des Scheitelpunktes verantwortlich sein, was derzeit reine Spekulation ist? Dann würde sich die Frage stellen, warum Normalgewichtige davon offenbar nicht profitieren. Sollten am Ende Übergewichtige ein stärkeres Problembewusstsein haben und häufiger zum Arzt gehen als Normalgewichtige, die sich ihrer kardiovaskulären Risikofaktoren weniger bewusst sind? © rme/aerzteblatt.de