Empathisch sein heißt nicht unbedingt verstehen

Netzwerke für Hineinfühlen und Perspektivenübernahme kooperieren

Würzburg/Leipzig (pte/28.04.2016/10:30) Menschen, die sich gut in andere hineinfühlen können, müssen diese nicht unbedingt auch gut verstehen. Im Gegenteil: Überbordendes Einfühlen kann das Verstehen sogar beeinträchtigen. Das zeigt eine neue Studie von Psychologen der beiden Universitäten Würzburg http://uni-wuerzburg.de und Leipzig http://uni-leipzig.de .

Experimente mit 200 Probanden

Anne Böckler: Hineinfühlen nicht gleich Verstehen (Foto: uni-wuerzburg/D. Peter)

„Eine erfolgreiche soziale Interaktion basiert auf unserer Fähigkeit, an den Gefühlen anderer teilzuhaben und deren Gedanken und Absichten zu verstehen“, erklärt die Würzburger Psychologie-Juniorprofessorin Anne Böckler. Unklar sei bislang allerdings gewesen, ob und wie diese beiden Fähigkeiten miteinander zusammenhängen – ob also beispielsweise Menschen, die sich sehr gut in ihr Gegenüber einfühlen können, ebenfalls in der Lage sind, dessen Gedanken und Absichten gut zu verstehen.

Auch die Frage, ob die für diese Leistungen zuständigen neuronalen Netze sich gegenseitig beeinflussen, war bislang unklar. In einer Studie mit 200 Teilnehmern konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass Menschen, die zu Mitgefühl neigen, nicht notwendigerweise diejenigen sind, die andere Menschen kognitiv gut verstehen. Soziale Kompetenz scheint also auf verschiedenen und eher unabhängigen Fertigkeiten zu beruhen. Auch was die Zusammenarbeit der verschiedenen Netzwerke im Gehirn betrifft, liefert die Studie Ergebnisse.

Überbordendes Mitgefühl unzuträglich

Laut Böckler interagieren Netzwerke, die für Empathie und kognitive Perspektivenübernahme wichtig sind, miteinander. In sehr emotionalen Situationen – beispielsweise, wenn jemand vom Tod eines Freundes erzählt – kann die Aktivierung in der Insula, eines Teils des Empathie-relevanten Netzwerkes, bei manchen Menschen einen hemmenden Einfluss auf Gehirnareale haben, die für die Perspektivenübernahme relevant sind. Das führt in vielen Fällen letzten Endes dazu, dass überbordendes Mitgefühl soziales Verstehen sogar beeinträchtigen kann.

Die Probanden sahen Videosequenzen, in denen der Erzähler mal mehr oder weniger emotional war. Anschließend sollten sie angeben, wie sie sich selbst fühlten, wie sehr sie mit der Person in dem Film mitgefühlt hatten und Fragen zu den Filmen beantworten – was die Personen gedacht, gewusst oder gemeint haben könnten. Nachdem die Psychologen auf diesem Weg Menschen mit einem hohen Maß an Empathie identifiziert hatten, untersuchten sie deren Anteil unter den Versuchsteilnehmern, die bei dem Test zur kognitive Perspektivübernahme gut beziehungsweise schlecht abgeschnitten hatten – und umgekehrt.

Magersucht: Externe Faktoren sowie Gene schuld

Wissenschaftler erforschen genaue Auslöser der Krankheit bei Mäusen

Von dick zu dünn: Gene und Umwelt beeinflussen (Foto: pixelio.de, Hofschlaeger)

New York (pte002/15.04.2016/06:00) – Das Columbia University Medical Center http://cumc.columbia.edu hat in einem neuen Mausmodell nachgewiesen, wie eine Kombination von genetischen und umweltbedingten Risikofaktoren Magersucht auslöst. Anorexia nervosa ist laut dem Team um Lori Zeltser die dritthäufigste chronische Erkrankung bei jungen Menschen in den USA. Die Sterblichkeit liegt bei acht bis 15 Prozent, die höchste bei allen psychiatrischen Erkrankungen.

Stress und Gene im Blick

Forscher nehmen an, dass sich das Risiko einer Erkrankung durch eine Kombination von genetischen, biologischen, psychologischen und soziokulturellen Faktoren erhöht. Eine Hürde bei der Entwicklung neuer Therapien war jedoch das Fehlen von Tiermodellen, die das Entstehen der Krankheit nachvollziehbar machen. Laut Zeltser haben bisherige Tiermodelle Faktoren wie sozialen Stress und genetische Komponenten von Angstgefühlen und Magersucht nicht berücksichtigt, die aber wahrscheinlich zum Entstehen einer Erkrankung beitragen.

Daher setzten die Experten heranwachsende Mäuse zumindest einer Kopie des Gens BDNF aus. Dieses wurde bereits mit Magersucht und Angst bei Mäusen und Menschen in Verbindung gebracht. In einem nächsten Schritt wurden die Tiere einer kalorienarmen Ernährung unterzogen, die laut dem Team beim Menschen einer Magersucht vorausgeht. Die Kalorienzufuhr wurde dabei um 20 bis 30 Prozent verringert. Laut Zelster ist einer der Einflussfaktoren beim Menschen der Gruppenzwang, vor allem der Wunsch, dünn zu sein.

Die Wissenschaftlerin geht davon aus, dass sich dieser Faktor bei Mäusen nicht herstellen lässt. Daher wurde er aus der Gleichung genommen. Die Forscher konzentrierten sich stattdessen auf sozialen Stress. Dieser kann schon dadurch hervorgerufen werden, dass die Tiere allein und nicht in Gruppen untergebracht werden. Wurden die Mäuse mit der BNDF-Genvariante sozialem Stress durch Isolation und einer eingeschränkten Ernährung unterzogen, mieden sie Futter eher als die Tiere der Kontrollgruppe.

Komplexes Zusammenspiel

Wurden diese Faktoren auf erwachsene Mäuse angewendet, kam es zu keiner derartigen Veränderung. Wurden die heranwachsenden Tiere mit der Genmutation nur einem Faktor ausgesetzt, veränderte sich ihr Fressverhalten kaum. Laut Zester ist damit klar, dass ein genetisches Risiko allein nicht ausreicht, um ein Verhalten wie bei einer Magersucht auszulösen. Es überträgt sich jedoch vor allem in der Jugend auf die Anfälligkeit für sozialen Stress und Diäten. „Alle diese Variablen müssen zusammenspielen, damit es zu grundlegenden Auswirkungen auf das Essverhalten kommt“, so Zelster.

Da die Studie mit Mäusen und nicht mit Menschen durchgeführt wurde, räumen die Forscher ein, dass es immer Fragen geben wird, inwieweit ein Tiermodell eine so komplexe Erkrankung wie Magersucht abbilden kann. Viele entscheidende Komponenten gäben jedoch jene Faktoren wieder, die zum Entstehen einer Essstörung beitragen. Derzeit würde das neue Mausmodell nur zur Erforschung von Signalwegen im Gehirn genutzt, die zu einem magersüchtigen Verhalten beitragen können. Sie hoffen, bald neue Therapien gegen Magersucht zu finden. Die Ergebnisse wurden in „Translational Psychiatry“ veröffentlicht.

Reform der ambulanten psycho­therapeutischen Versorgung geht in die Endphase

Berlin – Die ambulante psychotherapeutische Versorgung wird reformiert. Denn die Bedeutung psychischer Erkrankungen nimmt zu. Betroffene müssen aber häufig drei Monate und länger auf einen Ersttermin bei einem Psychotherapeuten warten. Der Gesetzgeber hat die Reform bereits mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz in die Wege geleitet und den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) beauftragt, bis zum 30. Juni die Psychotherapie-Richtlinie entsprechend zu überarbeiten. Im Mittelpunkt dieser Reform steht die Einrichtung einer psychotherapeutischen Sprechstunde zur schnellen diagnostischen Abklärung, um Patienten auch akut versorgen zu können. Das Antrags- und Gutachterverfahren soll überprüft werden. Die Kurzzeittherapie und die Gruppenpsychotherapie sollen gefördert werden.

Bei einer Veranstaltung des Bundesverbands Managed Care heute in Berlin wurden die zum Teil recht unterschiedlichen Positionen zwischen Psychotherapeuten und Psychiatern auf der einen Seite und den Krankenkassen auf der anderen Seite deutlich. Dabei zeigte sich der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), Dietrich Munz, „optimistisch, dass der G-BA die Psychotherapie-Richtlinie bis Ende Juni fertig haben wird“. Das Stellungnahmeverfahren – Bundesärztekammer und BPtK müssen Stellung zur Richtlinie beziehen – sei am heutigen Tag eingeleitet worden.

Bessere Bedarfsplanung und mehr Befugnisse für Psychologische Psychotherapeuten
Munz wies noch einmal auf die Punkte hin, die über die Richtlinie hinausgehen, aber für eine Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Versorgung erforderlich sind und vom Gesetzgeber auch eingefordert werden: mehr Transparenz und Vernetzung der Versorgungsangebote, eine Korrektur der Defizite in der Bedarfsplanung „für Psychotherapeuten aber auch für Psychiater und Nervenärzte“, stellte Munz klar, sowie neue Befugnisse für Psychologische Psychotherapeuten wie stationäre Einweisungen und Verordnung von Heilmitteln und Soziotherapie. Eine Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung mittels „Home-Treatment“ für schwer psychisch Kranke hält der BPtK-Präsident indes für „keine gute Lösung“.

Kurzzeitpsychotherapie ohne Antrags- und Gutachterpflicht
„Der Gesetzgeber hat uns sehr detaillierte Anweisungen gegeben, das war fast schon übergriffig“, sagte der Vertreter des GKV-Spitzenverbands, Thomas Uhlemann. Eine psychotherapeutische Sprechstunde und eine Stärkung der Gruppenpsychotherapie sei natürlich auch im Sinne der Krankenkassen. „Bei der Kurzzeitpsychotherapie wollen wir von der Antrags- und Gutachterpflicht absehen“, berichtete er. Diese stellen sich die Kassen künftig „akzentuierter“ vor: Nach maximal sechs Stunden Sprechstunde oder Probatorik sollen zwölf Stunden Richtlinien-Psychotherapie zur Akutversorgung ange­boten werden und bei Bedarf dann noch einmal maximal zwölf Stunden – für alle Verfahren. Daran soll sich, wenn nötig, eine Langzeitpsychotherapie anschließen können, der dann ein Gutachterverfahren vorgeschaltet ist.

zum Thema

„Nach unserer Ansicht müssen Patienten direkt Anspruch auf 25 Stunden Kurzzeit­therapie haben“, betonte Barbara Lubisch, Vorsitzende der Deutschen Psychothera­peuten Vereinigung (DPtV). „Die nochmalige Aufteilung sei „sinnfrei“ und bedeute zusätzliche Unsicherheit für die Patienten und mehr bürokratischen Aufwand für die Therapeuten. „Die Indikationsstellung für Verfahren und Behandlungsumfang muss in den Händen der Psychotherapeuten bleiben“, forderte Lubisch. „Und grundsätzlich wünschen wir uns die Krankenkassen als Partner und nicht als Alleinentwickler von Konzepten, die uns betreffen“, kritisierte die DTtV-Vorsitzende.

Mehr Flexibilität, multimodale Therapien und vernetzte Versorgung
Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Iris Hauth, wies auf die Bedeutung der koordinierten Versorgung „zwischen Soma und Psyche“ hin. Die Hilfebedarfe für psychisch Kranke seien sehr unterschiedlich und nicht allein mit der Richtlinien-Psychotherapie zu beheben. „Wir brauchen mehr Flexibilität und wir brauchen multimodale Therapie als state-of-the-art. Außerdem müssen Kombinationsbehand­lungen (psychotherapeutisch und medikamentös) auch ambulant möglich sein können, nicht nur stationär“, forderte Hauth.

Möglich sei dies mit einer koordinierten und strukturierten Versorgung verschiedener Fachgruppen. „Das haben wir aber leider immer noch nicht hinbekommen“, sagte die DGPPN-Präsidentin. Abgesehen von einigen kleinen Projekten, wie beispielsweise dem Projekt zur Versorgung von neurologischen und psychiatrischen Patienten (NPV) in Nordrhein, sei von Vernetzungen nicht viel in der Regelversorgung angekommen. © PB/aerzteblatt.de

Adipositas weltweit auf dem Vormarsch

Paris – Immer mehr Menschen weltweit haben Übergewicht. AdipositasLaut einer am Freitag veröffentlichten Studie sind heute mehr als 640 Millionen Erwachsene adipös, das sind 13 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung. Sollte sich an der gegenwärtigen Lebens- und Ernährungsweise nichts ändern, könnten es im Jahr 2025 mehr als 1,1 Milliarden (20 Prozent) sein.

Vor 40 Jahren habe es zwei Mal so viele Untergewichtige wie Adipöse gegeben, heute gebe es dagegen mehr Fettleibige als Untergewichtige, sagte Majid Ezzati vom Londoner Imperial College, der die im Lancet (2016; 387: 1377–96 ) erschienene Studie koordinierte. Für die nach seinen Angaben umfassendste Untersuchung zu dem Problem hatten die Forscher die Daten von etwa 19 Millionen Menschen im Alter ab 18 Jahren aus 186 Ländern ausgewertet.

Nach den Berechnungen der Forscher leiden heute 641 Millionen Menschen – 375 Millionen Frauen und 266 Millionen Männer – unter extremem Übergewicht. 1975 waren es 105 Millionen Menschen. Grund für die explosionsartige Steigerung sind neben den veränderten Ernährungsgewohnheiten auch genetische Veranlagungen.

aerzteblatt.de

Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge gilt ein Mensch, dessen Body-Mass-Index den Wert von 25 übersteigt, als übergewichtig. Liegt dieser Index bei über 30, gilt ein Mensch als adipös. Bei einem Wert von mehr als 35 ist die Rede von schwerer Fettleibigkeit. Der Index berechnet sich aus dem Gewicht in Kilogramm, geteilt durch die Größe in Metern im Quadrat.

In 40 Jahren wird der durchschnittliche Body-Mass-Index der WHO zufolge bei Männern von 21,7 auf 24,2 und bei Frauen von 22,1 auf 24,4 gestiegen sein. Das entspricht einer durchschnittlichen Zunahme von 1,5 Kilogramm alle zehn Jahre.

Ernährungswissenschaftler führen Übergewicht und Fettleibigkeit in den Industriestaaten vor allem auf zu viel, zu süßes und zu fettes Essen, verbunden mit zu wenig Bewegung, zurück. Übergewicht gilt als Risikofaktor unter anderem für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes und bestimmte Arten von Krebs.

Die Studie warnt, in vielen Regionen mit mittlerem Einkommen – Pazifik, Nahost, Nordafrika, einige südamerikanische und karibische Staaten – sei Fettleibigkeit mittlerweile ein „ernstes Problem für die Volksgesundheit“. Ezzati sagte, ohne „rasche“ internationale Maßnahmen zum Kampf gegen die Fettleibigkeit drohten „gesundheitliche Folgen unbekannten Ausmaßes“. © afp/aerzteblatt.de

Online-Seminare:

Essstörungen

Essstörungen 2.0