Meditation und Psychotherapie lindern chronische Kreuzschmerzen

Seattle – Die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, eine in den USA verbreitete „westliche“ Meditationstechnik, hat in einer randomisierten klinischen Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2016; 315: 1240-1249) Kreuzschmerzen signifikant gelindert. Die Wirkung war genauso stark wie nach einer kognitiven Verhaltenstherapie.

Die „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR) wurde in den späten 1970er Jahren von dem Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn am University of Massachusetts Medical Center entwickelt. Die inzwischen standardisierte Therapie vermittelt in acht wöchent­lichen Gruppensitzungen relativ einfache Yoga-Übungen, die die Probanden im Anschluss daran täglich über 45 Minuten durchführen sollen. Die MBSR wird seit einigen Jahren zunehmend als medizinisch effektive Entspannungstherapie eingestuft, was sich in einer steigenden Anzahl von randomisierten klinischen Studien zeigt.

Ein Team um Daniel Cherkin vom Group Health Research Institute in Seattle hat die MBSR jetzt mit der kognitiven Verhaltenstherapie (CBT) unKreuzschmerzend einer Kontrollgruppe verglichen. Insgesamt 342 Erwachsene im Alter
von 20 bis 70 Jahren, die seit durchschnittlich 7,3 Jahren fast täglich unter Kreuzschmerzen litten, wurden auf die drei Studienarme randomisiert.

Beide Therapien wurden in acht wöchentlichen Gruppensitzungen von jeweils zwei Stunden vermittelt. Den Teilnehmern aller drei Gruppen stand es frei, nebenbei ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, die in der Kontrollgruppe die einzige Therapie war. Primärer Endpunkt war einmal der Anteil der Patienten, die 26 Wochen nach Beginn der Studie eine klinisch bedeutsame Verbesserung (um 30 Prozent oder mehr) ihrer funktionellen Fähigkeiten im modifizierten Roland Disability Questionnaire verzeichneten. Der andere primäre Endpunkt war eine Einschätzung der allgemeinen Störungen („bothersomeness“) durch die Kreuzschmerzen, die die Patienten auf einer Skala von 0 bis 10 bewerteten.

Wie Chefkin und Mitarbeiter jetzt berichten, erreichten in beiden Studiengruppen signifikant mehr Patienten die Behandlungsziele als in der Kontrollgruppe: Die funktionellen Einschränkungen besserten sich in der MBSR-Gruppe bei 60,5 Prozent der Patienten und in der CBT-Gruppe bei 57,6 Prozent der Patienten. In der Kontrollgruppe waren es 44,1 Prozent. Die „pain bothersomeness“ nahm in der MBSR-Gruppe bei 43,6 Prozent und in der CBT-Gruppe bei 44,9 Prozent deutlich ab gegenüber 26,6 Prozent in der Kontroll-Gruppe.

Die Vorteile waren umso bemerkenswerter, als in der MBSR-Gruppe nur 50,9 Prozent an mindestens sechs der acht Sitzungen teilgenommen hatten. In der CBT-Gruppe waren es 56,6 Prozent der Teilnehmer. Damit bleibt offen, ob ein Teil der Wirkung auf die Erwartung der Patienten zurückzuführen war, wie Madhav Royal und Jennifer Haythornthwaite von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore im Editorial anmerken. Für die Patienten dürfte dies allerdings keine Rolle gespielt haben. Für sie zählt, dass ihre Schmerzen gelindert wurden.

Die MBSR dürfte insofern eine nachhaltige Wirkung erzielen, als die Teilnehmer gebeten werden, die Übungen täglich zu wiederholen. Sie erzielten nach 52 Wochen in beiden primären Endpunkten ein besseres Ergebnis als die Kontrollgruppe. Für die CBT war zu diesem Zeitpunkt kein signifikanter Unterschied zur Kontrollgruppe mehr nachweisbar.

Die Ergebnisse einer weiteren randomisierten Studie wurden kürzlich in JAMA Internal Medicine (2016; 176: 329-337) publiziert. Natalia Morone von der University of Pittsburgh School of Medicine hatte 282 Senioren (Alter über 65 Jahre) auf acht wöchentliche Gruppensitzungen mit Meditationsübungen oder eine Gesundheits­aufklärung randomisiert. Endpunkt war eine Verbesserung der funktionellen Störungen im Roland and Morris Disability Questionnaire. Auch hier kam es zu Verbesserungen, die allerdings bei der Nachuntersuchung nach sechs Monaten nicht mehr signifikant waren, was Morone auf eine gewisse Wirkung in der Kontrollgruppe zurückführt. © rme/aerzteblatt.de

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Schmerzstörungen

Therapeutenkontakt auch bei Online-Psycho­therapie wichtig

Potsdam – Psychologische Onlineprogramme sind eine vielversprechende Option zur Selbsthilfe, Nachsorge und Therapieunterstützung, jedoch kein Ersatz für eine Psychotherapie. Darauf haben Experten anlässlich des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Mitte März hingewiesen. Studien zeigten, dass auch bei Onlineprogrammen der Kontakt zu einem Therapeuten entscheidend ist.

„Verschiedene Studien zeigen, dass bei zahlreichen psychischen Problemen, etwa Depression oder Angststörungen, Teilnehmer von psychologischen Onlineprogrammen deutlich profitieren und zwar vergleichbar mit klassischen Therapieangeboten“, sagte Manfred Beutel, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der UniversPsychotherapieitätsmedizin Mainz.

Dennoch seien die internetbasierten Angebote mit Text-, Chat- oder Videomodulen in Deutschland noch nicht Teil der Routineversorgung. „Das liegt auch daran, dass Betroffene ihnen oft noch skeptisch gegenüberstehen, sei es aus mangelnder Vertrautheit mit dem Medium oder wegen Bedenken im Hinblick auf die Daten­sicherheit“, so Beutel.

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Doch es gebe noch andere Einschränkungen: „Die Behandlung psychischer Störungen erfordert eine fachgerechte Diagnostik, Indikationsstellung und Behandlungsplanung“, sagte der Mediziner. Die Berufsordnung für Ärzte gebe zudem vor, dass mindestens bei Diagnostik und Indikationsstellung ein persönlicher, physischer Kontakt zum Patienten bestehen muss. Beutel: „Auch deshalb sind psychologische Onlineprogramme nicht als Ersatz, sondern vielmehr als Ergänzung zur Psychotherapie zu verstehen.“

In Deutschland werden psychologische Onlineprogramme den Experten zufolge derzeit vor allem im Rahmen von Forschungsprojekten an Universitätskliniken angeboten und sind noch kein Teil der Routineversorgung. „Wer im Netz nach Programmen sucht, sollte darauf achten, von wem das Programm entwickelt wurde, wie es evaluiert wird und ob es fundierte Angaben zum Datenschutz enthält“, sagte Beutel.

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Depressionen erhöhen das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen: Cortisol spielt dabei eine Rolle

Potsdam – Psychische Leiden und Herzkrankheiten bedingen sich oft gegenseitig. Auf welchen Mechanismen dieser Zusammenhang beruht, zeigt eine neue Studie von Christiane Waller, Universitätsklinikum Ulm, die auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DGPM) vorgestellt wurde, der noch bis zum 19. März in Potsdam stattfindet. Das Stresshormon Cortisol könnte dafür verantwortlich sein, dass Depressionen mit einem erhöhten Risiko für koronare Herzkrankheiten einhergehen und diese bei depressiv Erkrankten zudem häufiger tödlich verlaufen.

„Wir wissen heute, dass psychosoziale Belastungsfaktoren das Risiko für eine koronare Herzkrankheit ähnlich stark erhöhen wie etwa das Rauchen oder Störungen im Fettstoffwechsel“, sagte Christiane Waller, die sich als Leitende Oberärztin an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm mit dem Thema befasst. „Im Vergleich zu den klassischen Risikofaktoren ist der Einfluss psychosozialer Faktoren lange Zeit unterschätzt worden. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Depressionen, beruflicher und privater Stress oder auch der kürzlich zurückliegende Verlust eines geliebten Menschen für etwa jeden dritten Herzinfarkt verantwortlich sind.“Depression

Vor allem Depressionen, die aufgrund von chronischem Stress auftreten können, erhöhen das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, so Waller. Und auch Patienten, die bereits an einer koronaren Herzerkrankung (KHK) leiden und eine Depression entwickeln, haben ein deutlich erhöhtes Risiko, früher zu versterben als Nicht-Depressive mit Herzleiden. Welche Mechanismen diesem Zusammenhang zugrunde liegen, war bislang ungeklärt. Waller ist mit ihrer Arbeitsgruppe am Ulmer Klinikum auf einen möglichen Erklärungsansatz gestoßen: Sie fand Hinweise darauf, dass das Stresshormon Cortisol dabei eine wichtige Rolle einnimmt.

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Waller und Kollegen unterzogen vier Patientengruppen – Gesunde, Patienten mit KHK, depressive Patienten ohne KHK und depressive Patienten mit KHK – einem sozialen Stresstest. Dieser bestand darin, vor unbekanntem Publikum eine freie Rede zu halten und verschiedene schwere Rechenaufgaben zu lösen. Üblicherweise schnellt unter einer solchen Anspannung der Wert des Stresshormons Cortisol im Blut in die Höhe.

„Cortisol erfüllt bei Stress eine wichtige, schützende Aufgabe im Körper: Es wirkt dämpfend auf Entzündungsvorgänge und Autoimmunprozesse“, erklärt Waller. Eine Blutanalyse der Studien-Probanden ergab: Bei depressiven Menschen ohne KHK lagen die Cortisolwerte am höchsten. Deutlich weniger stiegen die Werte bei KHK-Patienten an. Am geringsten war der Cortisolspiegel in der Gruppe, die sowohl unter Depressionen als auch unter einer Koronaren Herzerkrankung litten.

„Depressionen gehen mit einer erhöhten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol einher“, erklärt Waller. „Ein Zuviel des eigentlich schützenden Cortisols führt langfristig allerdings zu einer vermehrten Fettablagerung in den Gefäßen und zur Arterien­verkalkung. Damit steigt für Betroffene, also für depressive Patienten, das Risiko, eine koronare Herzerkrankung zu entwickeln.“

Die aktuelle Studie zeigt: Bei Vorliegen einer KHK verkehrt sich die Cortisolausschüttung – sie nimmt ab. „Warum dies so ist, ist bislang noch nicht geklärt“, so Waller. Die Folge ist jedoch, dass durch eine verminderte Cortisolausschüttung wiederum entzündliche Prozesse begünstigt werden, die zu einer Verschlechterung der Herzerkrankung beitragen und das Risiko für akute Gefäßverschlüsse und Herzinfarkte erhöhen.

In weiteren Studien soll nun geklärt werden, ob eine medikamentöse Behandlung zur Normalisierung des Cortisolspiegels eine koronare Herzerkrankung günstig beeinflussen kann. Christiane Waller wurde für ihre Studie auf dem DGPM-Kongress mit dem Roemer Preis des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin ausgezeichnet.

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„Aufschieberitis“ betrifft vor allem junge Männer

Mainz – Die Verbreitung und Risikomerkmale für die sogenannte Prokrastination – also ein ausgeprägtes Aufschiebeverhalten von wichtigen Tätigkeiten – haben Wissen­schaftler der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz untersucht.

Die Studie bestätigt, dass die „Aufschieberitis“ mit Stress, Depression, Angst, Einsamkeit und Erschöpfung einhergeht sowie die Lebenszufriedenheit verringert. Menschen, die Tätigkeiten häufig aufschieben, leben seltener in Partnerschaften, sind häufiger arbeits­los und verfügen über ein geringes Einkommen. Betroffen sind offenbar vor allem männliche Schüler und Studierende.

Die Untersuchung ist in der Zeitschrift Plos One erschienen
(doi:10.1371/journal.pone.0148054). Ein Ziel der Mainzer Wissenschaftler war es, eine Antwort auf folgende Frage zu finden: Warum schieben Menschen Tätigkeiten auf, wenn dies absehbar zu Stress und negativen gesundheitlichen Folgen führt? Die Studien­kohorte umfasste 2.527 Personen im Alter von 14 bis 95 Jahren.

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Prokrastination ist laut den Mainzer Wissenschaftlern ein erlerntes Verhalten, das unmittelbar durch Vermeidung unangenehmer Tätigkeiten verstärkt wird. Warum bestimmte Tätigkeiten negative Gefühle hervorrufen, wird von den Betroffenen zu wenig hinterfragt. Leistungsanforderungen sind häufig mit Versagensängsten verbunden, eigene Leistungsansprüche sind möglicherweise zu hoch gesteckt und Zielsetzungen unrealistisch. Ersatzhandlungen wie Medienkonsum haben überdies häufig vordergründig unmittelbar positive Konsequenzen. Nachteilige negative Konsequenzen wie Versagen, Depression oder Einsamkeit treten hingegen erst langfristig auf und sind damit weniger verhaltensbestimmend.

Für Studienleiter und Klinikdirektor Manfred Beutel sind die Studienergebnisse Anlass, um zu handeln: „Aufgrund der steigenden Häufigkeit derartiger Krankheitsverläufe haben wir ein spezielles Behandlungsangebot für junge Erwachsene mit Prokras­tinationsverhalten entwickelt“, erläutert er. © hil/aerzteblatt.de