Erhöhte Suizidalität beim chronischen Erschöpfungssyndrom

London – Die Patienten eines führenden britischen Behandlungszentrums für das chronische Erschöpfungssyndrom (CFS) hatten in einer Studie im Lancet (2016; doi: 10.1016/S0140-6736(15)01223-4) kein erhöhtes Sterberisiko. Es kam aber zu einer ungewöhnlichen Häufung von Suiziden.

Die Ursachen des chronischen Erschöpfungssyndroms, das nach einem oft plötzlichen Beginn mit einer mindestens sechs Monate anhaltenden geistigen und körperlichen Erschöpfbarkeit einhergeht, sind nicht bekannt. Psychiater neigen dazu, die Symptome als Somatisierungsstörung zu betrachten, während viele Patienten davon überzeugt sind, dass es sich um eine primär organische Erkrankung handelt, die nicht nur die Psyche belastet, sondern auch zu körperlichen Schäden führt. In britischen Internetforen wurde zuletzt über eine erhöhte Sterblichkeit spekuliert. Von einer erhöhten Rate von Todesfällen an Krebserkrankungen war die Rede.Chronische Erschöpfung

Dies veranlasste Emmert Roberts vom King’s College London zu einer Nachbeobach­tung von 2.147 Patienten mit CFS, die seit 2007 an der CFS-Ambulanz des South London and Maudsley NHS Foundation Trust (SLaM) behandelt wurden. Die Auswertung der elektronischen Krankenakten ergab, dass bis Ende 2013 insgesamt 17 Patienten verstorben waren, darunter acht an Krebs, fünf durch Selbstmord und vier aus anderen Ursachen.

Die acht Krebstoten stellen laut der Analyse keinen Anstieg gegenüber der Krebs­sterblichkeit in der Allgemeinbevölkerung dar. Roberts ermittelte eine standardisierte Mortalitätsrate (SMR) von 1,39, die mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,60 bis 2,73 das Signifikanzniveau verfehlte. Auch die SMR der Gesamtsterblichkeit war mit 1,14 (0,65-1,85) nicht signifikant erhöht. Die fünf Suizide fallen jedoch aus dem Rahmen. Im Vergleich zur Suizidrate in der Allgemeinbevölkerung hätte in der Patientengruppe weniger als ein Suizid auftreten sollen. Die SMR von 6,85 war signifikant, wenn auch mit einem sehr weiten 95-Prozent-Konfidenzintervall von 2,22 bis 15,98.

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Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Patienten mit CSF eine psychiatrische (Ko)-Morbidität haben, was viele Betroffene, die organische Ursachen ihrer Erkrankung vermuten, nicht akzeptieren dürften. Viele Patienten lehnen eine psychiatrische Betreuung strikt ab. Die Beweiskraft der Studie, der bisher größten ihrer Art, sollte nach Ansicht von Nav Kapur vom Centre for Suicide Prävention an der Universität Manchester jedoch nicht überbewertet werden.

Zwei Suizide weniger hätten die statistische Signifikanz aufgehoben, schreibt der Psychiater im Editorial, der gleichwohl glaubt, dass es sich nicht um ein Zufallsergebnis handelt. Auch wenn das CFS organische Ursachen haben sollte, könnten die Einschränkungen im Alltagsleben, die mit der Erkrankung einher gehen, die Psyche der Patienten belasten und den Wunsch nach einem Freitod fördern. © rme/aerzteblatt.de

Online-Therapie hilft bei Körper­schemastörungen

Stockholm – Eine über das Internet gestützte kognitive Verhaltenstherapie könnte Patienten, mit der unbegründeten Angst, ein entstelltes Äußeres zu besitzen, künftig wertvolle Dienste leisten. Das berichtet einen Arbeitsgruppe um Jesper Enander und Christian Rück am Karolinska University Hospital im British Medical Journal (http://dx.doi.org/10.1136/bmj.i241)

Als „Dysmorphophobie“ bezeichnen Mediziner und Psychologen die krankhafte Angst, an einem entstellten oder unattraktivem Äußeren zu leiden. Darunter fallen auch Körper­schemastörungen wie die Muskelsucht (Adonis-Komplex) bei Männern. Andere Patienten sind der festen Überzeugung, an einer Hautkrankheit zu leiden oder unangenehm zu riechen, ohne dass es dafür einen objektiven Anhalt gibt.

Viele dysmorphophobe Störungen sind laut den Autoren durch eine kognitive Verhaltenstherapie gut behandelbar. Bei dieser Therapieform werden eingeschliffene negative Glaubenssätze und Gedankenmuster neu besetzt und umgedeutet. Ziel ist es, negative Gedankenspiralen und die damit assoziierten Verhaltensweisen dauerhaft zu durchbrechen.Psychotherapie

Problematisch ist der hohe Bedarf an dieser Therapieform. Patienten müssen in der Regel viele Monate auf einen Therapieplatz warten. Angesichts des hohen Leidens­drucks ist diese lange Wartezeit kaum vertretbar. Die Wissenschaftler berichten, dass maximal ein Drittel aller Patienten überhaupt eine kognitive Verhaltenstherapie beginnt. Online-Angebote, die zumindest eine zusätzliche Hilfe oder Überbrückung bis zu einer persönlichen Therapie bieten, könnten hier eine gute Ergänzung sein.

Die Forscher entwickelten eine online zugängliche kognitive Verhaltenstherapie, die speziell auf Patienten mit dysmorphophoben Störungen zugeschnitten war. Zusätzlich zu den interaktiven Modulen konnten die Teilnehmer regelmäßig mit Therapeuten über Mails kommunizieren. Insgesamt 94 Patienten randomisierten die Forscher in eine Interventions- und eine Kontrollgruppe. In der Kontrollgruppe hatten die Patienten nur regelmäßigen Mailkontakt mit Therapeuten, ohne ein spezielles Online-Programm zu absolvieren.

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Drei Monate nach der Therapie zeigten in der Interventionsgruppe insgesamt 56 Prozent der Patienten eine Symptomreduktion von wenigstens 30 Prozent, während dies in der Kontrollgruppe nur bei 13 Prozent der Patienten der Fall war. Die oft mit der Erkrankung assoziierte depressive Symptomatik verbesserte sich ebenfalls. Die von den Teilnehmern berichtete Zufriedenheit war insgesamt hoch.

Die Forscher halten Online-Therapieformen bei dysmorphophoben Störungen für eine effektive Interventionsmöglichkeit. In Australien und den Niederlanden seien kognitive Verhaltenstherapien über das Internet für andere psychische Erkrankungen bereits in der regelhaften Versorgung etabliert, berichten die Wissenschaftler. © hil/aerzteblatt.de