Depressive Patienten: erhöhtes Risiko für Gewaltverbrechen?

Fazel S et al.
Depression and violence: a Swedish population study.

Lancet Psychiatry 2015;
2: 224-232

Nach dem vermutlich durch einen depressiven Piloten absichtlich herbeigeführten Flugzeugabsturz in den französischen Alpen Anfang diesen Jahres waren viele depressive Patienten plötzlich mit einer bislang nicht gehörten Befürchtung konfrontiert: „Du bist eine Gefahr für andere.“ Einige Patienten berichteten sogar, dass ihr Arbeitgeber sie nicht länger beschäftigen wollte, mit der Begründung „am Ende bringst Du uns alle um“. Vor diesem Hintergrund ist im Fachjournal Lancet Psychiatry eine Studie erschienen, die einige sachliche Argumente für diese erhitzte Debatte liefert.

Bereits seit Längerem ist bekannt, dass etwa Patienten mit einer Schizophrenie häufiger Gewaltverbrechen begehen. Die Studienlage bei depressiven Patienten war bislang weniger eindeutig. Seena Fazel von der University of Oxford und Mitarbeiter werteten daher Daten verschiedener schwedischer Behörden aus. Dabei verglichen sie fast 50 000 Patienten, bei denen ambulant mindestens 2-mal die Diagnose einer Depression gestellt wurde mit fast 900 000 alters- und geschlechts-gematchten Kontrollen, die nicht an einer Depression litten.

Sie erhoben für die Patienten und die Kontrollen die Häufigkeit von Verurteilungen für Gewaltverbrechen. Zu den Gewaltverbrechen zählten neben Mord und Körperverletzung auch sexuelle Übergriffe, Raub und Nötigung. Dabei muss man wissen, dass in Schweden im Gegensatz zum deutschen Recht auch Menschen als verurteilt gelten, wenn sie nach der Verurteilung in die forensische Psychiatrie eingewiesen werden. Eine Schuldunfähigkeit wegen psychischer Erkrankung gibt es in Schweden also nicht.

In einem Nachbeobachtungszeitraum von etwa 3 Jahren wurden 3,7 % der depressiven Männer und 0,5 % der depressiven Frauen wegen eines Gewaltverbrechens verurteilt. Das ist glücklicherweise nur ein kleiner Anteil der depressiven Patienten. Die Wahrscheinlichkeit, wegen eines Gewaltverbrechens verurteilt zu werden, war in den gematchten Kontrollen jedoch etwa 3-mal geringer (1,2 % bei Männern und 0,2 % bei Frauen). Das entspricht einer Odds Ratio (OR) von 3,0. Besonders häufig waren Gewaltverbrechen bei Männern, die vor der Diagnose einer Depression schon einmal wegen eines derartigen Verbrechens verurteilt waren. Von ihnen wurde im Nachbeobachtungszeitraum jeder 8. wegen eines Gewaltverbrechens verurteilt (12,5 %). Auch andere Faktoren wie das Bestehen von substanzbezogenen Störungen und selbstschädigendem Verhalten in der Vergangenheit erhöhten die Wahrscheinlichkeit, wegen eines Gewaltverbrechens verurteilt zu werden. Selbst Patienten, die keinen dieser 3 Risikofaktoren hatten, wurden häufiger als die gesunden Kontrollen wegen Gewaltverbrechen verurteilt (2,2 % der Männer und 0,3 % der Frauen).

Die beobachtete Häufigkeit von Gewaltverbrechen ist glücklicherweise gering. Sie ist beispielsweise geringer als die Häufigkeit bei schizophrenen Patienten in einem vergleichbaren Beobachtungszeitraum (10 % der Männer). Die Rate ist jedoch vergleichbar mit der Häufigkeit von selbstschädigendem Verhalten bei depressiven Männern in dieser Studie (3,3 %). Bei depressiven Frauen in dieser Studie war die Häufigkeit von selbstschädigendem Verhalten (4,3 %) jedoch deutlich höher als die Häufigkeit von Verurteilungen wegen Gewaltverbrechen (0,5 %). Wegen der geringen Häufigkeit von selbstverletzendem Verhalten und Tod durch Suizid bei den Kontrollen ist hier die OR besonders hoch (5,7 bzw. 6,7).

Fazit

Glücklicherweise kommen Gewaltverbrechen bei depressiven Patienten nur selten vor. Dennoch: Insbesondere bei depressiven Männern sollte neben dem Risiko für Selbstschädigungen immer auch das Risiko für fremdschädigendes Verhalten erhoben werden. Denn beides kommt bei Männern in etwa gleich häufig vor.

Dr. Jan Philipp Klein, Lübeck