Antipsychotika fördern Adipositas und Insulinresistenz bei Kindern und Jugendlichen

Die Behandlung mit 3 häufig „off label“ verordneten Anti­psychotika führt schon in niedriger Dosierung bei Kindern und Jugendlichen nach wenigen Wochen zu einer Zunahme des Fettgewebes und zu einer Verschlechterung der Insulinwirkung, was laut einer Publikation in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/ jamapsychiatry.2018.1088) langfristig das Risiko auf einen Typ-2-Diabetes erhöht.

Die Antipsychotika (Neuroleptika) Aripiprazol, Olanzapin und Risperidon wurden ursprünglich zur Behandlung von Psychosen wie der Schizophrenie entwickelt. Sie werden heute jedoch häufig auch zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyper­aktivitätsstörung  (ADHS) und verwandter Verhaltensstörungen eingesetzt, wenn die Jugendlichen auf Stimulanzien wie Methylphenidat nicht ansprechen. Die Dosis ist dabei deutlich niedriger als zur Behandlung von Psychosen.

Von der Behandlung der Schizophrenie her ist bekannt, dass viele Patienten unter der Behandlung (teilweise beträchtlich) an Gewicht zunehmen. Epidemiologische Studien zeigen, dass diese Gewichtszunahme mit einem erhöhten Diabetesrisiko verbunden ist.

Ein Team um John Newcomer von der Florida Atlantic University in Boca Raton (nördlich von Miami) hat jetzt untersucht, welche Auswirkungen eine niedrig dosierte Behandlung mit Aripiprazol, Olanzapin und Risperidon bei Kindern und Jugendlichen hat. An der Studie nahmen 144 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 19 Jahren teil, bei denen die Ärzte ADHS oder andere Verhaltensstörungen diagnostiziert hatten. Die Patienten wurden über 12 Wochen mit Aripiprazol, Olanzapin oder Risperidon mit der in der Altersgruppe üblichen niedrigen Dosierung behandelt.

Vor der Behandlung sowie nach 6 und 12 Wochen wurde das Gesamtkörperfett mit der Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA) und das viszerale und subkutane Fett mit der Magnetresonanztomographie bestimmt. Außerdem wurde mit der hyperinsulinä­mi­schen-euglykämischen Clamp-Technik die Insulinsensitivität von Muskel-, Leber- und Fettgewebe gemessen.

Die Untersuchungen ergaben, dass die Zunahme des Körpergewichts – der Anteil der übergewichtigen und adipösen Patienten stieg innerhalb von 12 Wochen von 29,9 auf 46,5 % an – tatsächlich auf einer Zunahme des Fettgewebes beruhte.

Die größten Auswirkungen hatte Olanzapin. Der DXA-Anteil des Gesamtkörperfetts erhöhte sich um 4,12 %. Unter der Behandlung mit Aripiprazol kam es zu einer Zunahme um 1,66 % und bei Risperidon zu einer Zunahme um 1,18 %. Der Unterschied zu Olanzapin war jeweils signifikant. Olanzapin führte zu einer stärkeren Vergrößerung der subkutanen Fettdepots, während die Auswirkungen auf das viszerale Fettgewebe bei allen 3 Antipsychotika gleich waren.

Die Clamp-Untersuchungen ergaben, dass die Insulinsensitivität in allen 3 Geweben (Muskel-, Leber- und Fettgewebe) abnahm und zwar in allen 3 Gruppen gleich stark.

Die Studie kann nicht beweisen, dass die metabolischen Störungen langfristig das Diabetesrisiko erhöhen. Nach den Erfahrungen bei Erwachsenen muss aber damit gerechnet werden. Newcomer rät den Kinderpsychiatern, diese möglichen Folgen bei der Nutzen-Risiko-Abschätzung der „off label“-Verordnung zu beachten.

Gestresste Kinder werden schneller erwachsen

Stress in der frühen Kindheit führt zu einer schnelleren Reifung bestimmter Hirnregionen während der Adoleszenz. Im späteren Leben führt Stress hingegen zu einer langsameren Reifung des heranwachsenden Gehirns. Dies ist das Ergebnis einer Langzeitstudie in Scientific Reports von Forschern der Radboud-Universität, die 37 Patienten über fast 20 Jahren beobachtet haben (2018; doi: 10.1038/s41598-018-27439-5).

1998 wurde die Gruppe, die damals 129 Einjährige und ihre Eltern umfasste, erstmals getestet (Nijmegen Longitudinale Studie). In den letzten 20 Jahren haben Forscher unter anderem Interaktionen beispielsweise beim Spielen mit Eltern, Freunden und Klassenkameraden untersucht. Die Kinder wurden auch MRI-Scans unterzogen, um zu untersuchen, wie Stress in verschiedenen Lebensstadien das jugendliche Gehirn beeinflusst und sich auf die zerebrale Reifung auswirkt. Während der Pubertät findet im Gehirn ein natürlicher Prozess statt, in dem Verbindungen zwischen Gehirnzellen verfeinert werden, um effizienterer Netzwerke zu schaffen.

Die Forscher untersuchten negative Lebensereignisse und negative Einflüsse aus dem sozialen Umfeld in 2 Lebensphasen ihrer Probanden: frühe Kindheit (0–5 Jahre) und Adoleszenz (14–17 Jahre). Stress aufgrund von negativen Erfahrungen in der Kindheit, wie Krankheit oder Scheidung, scheint demnach mit einer schnelleren Reifung des präfrontalen Kortex und der Amygdala in der Adoleszenz in Zusammenhang zu stehen.

In der Adoleszenz wirkt Stress anders als im Kindesalter

Hingegen war Stress aufgrund eines negativen sozialen Umfelds während der Adoleszenz, wie etwa ein geringes Ansehen in der Schule, mit einer langsameren Reifung des Hippocampus und einem anderen Teil des präfrontalen Kortex verbunden. Einen kauslen Zusammenhang können die Forscher mit ihrer Studie nicht mit Sicherheit nachweisen. Tierversuche würden dies aber nahelegen, sagt die Doktorandin und Erstautorin Anna Tyborowska.

„Dass Stress in der frühen Kindheit den Reifungsprozess während der Adoleszenz beschleunigt, stimmt mit den Theorien der Evolutionsbiologie überein“, sagt Tyborowska. Aus einer evolutionären Perspektive sei es nützlich, in einer stressigen Umgebung schneller zu reifen. Gleichzeitig verhindere es, dass sich das Gehirn flexibel an die aktuelle Umgebung anpasst. Mit anderen Worten, das Gehirn wird zu früh reif. Überrascht waren die Forscher jedoch, dass sozialer Stress im späteren Leben zu einer langsameren Reifung während der Adoleszenz führt. Interessant findet Tyborowska dabei den Aspekt, dass eine stärkere Wirkung von Stress auf das Gehirn auch das Risiko der Entwicklung von antisozialen Persönlichkeitsmerkmalen erhöht.

Tyborowska führt jetzt die 11. Runde der Messungen durch, wobei die Probanden mittlerweile in ihren Zwanzigern sind.

Depressionen häufige Nebenwirkung von Medikamenten

Die Polypharmazie führt dazu, dass immer mehr Patienten gleich mehrere Wirkstoffe verschrieben bekommen, zu deren Nebenwirkungen depressive Verstimmungen gehören. In einer Querschnittstudie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2018; 319: 2289–2298) war die Einnahme der Medikamente tatsächlich mit einer deutlich erhöhten Rate von Depressionen assoziiert.

Die Fachinformationen von mehr als 200 Wirkstoffen enthalten den Hinweis, dass es nach der Einnahme zu depressiven Verstimmungen kommen kann. Darunter sind einige häufig verordnete Antihypertensiva, Protonenpumpenhemmer, Analgetika und hormonelle Kontrazeptiva.

Von den Teilnehmern des National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES), einer Querschnittsstudie der US-Statistikbehörde zum Gesundheitsstatus der Bevöl­kerung, nahmen 2005–2006 bereits 35 % mindestens ein Medikament mit Depressionen als möglicher Nebenwirkung ein. In der NHANES-Stichprobe von 2013–2014 waren es 38,4 %. Der Anteil der Patienten, der 3 oder mehr Wirkstoffe mit Depressionen als mögliche Nebenwirkung erhielt, war von 6,9 auf 9,5 % gestiegen.

Auch Wirkstoffe, deren Fachinformationen einen Warnhinweis auf ein Suizidrisiko enthalten, werden in den USA immer häufiger verordnet. Der Anteil stieg von 17 auf 24 %. 2 beziehungsweise 3 % der Patienten erhielten 3 oder mehr Wirkstoffe mit einem erhöhten Suizidrisiko.

15 % der Patienten, die 3 oder mehr Wirkstoffe mit Depressionen als mögliche Nebenwirkung erhalten hatten, erreichten im Fragebogen PHQ-9, einem Screening­instrument zur Diagnostik einer Depressivität, 10 oder mehr Punkte, was eine zumindest mittelgradige depressive Symptomatik anzeigt. Bei den Patienten, die keine Medikamente mit depressiven Nebenwirkungen einnahmen, erreichen nur 4,7 % 10 oder mehr Punkte im PHQ-9. Die Differenz von 10,7 Prozentpunkten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 7,2 bis 14,1 Prozentpunkten hochsignifikant.

Die Beweiskraft von Querschnittsstudien ist begrenzt. Aufgrund der fehlenden Langzeitbeobachtung kann nicht von einer Kausalität gesprochen werden. Es bleibt möglich, dass die Erkrankung (etwa chronische Schmerzen), die Anlass für die Verordnung der Medikamente (Analgetika) war, die Ursache für die depressive Verstimmung ist. Es bleibt deshalb abzuwarten, ob weitere epidemiologische Untersuchungen die Assoziationen bestätigen. Angesichts der zunehmenden Häufigkeit von Depressionen in der Bevölkerung erscheinen den Autoren weitere Studien dringend notwendig.

Glücksspiel­prävention könnte bei Spielsüchtigen das Gegenteil bewirken

Eine geringe Gewinnwahrscheinlichkeit überschätzen pathologische Spieler deutlich mehr als der Rest der Bevölkerung. Umgekehrt resultiert der Hinweis auf einen drohenden Verlust gleichermaßen in Angst bei Spielsüchtigen wie auch bei Nichtspielern. Zu diesem Ergebnis kommt eine empirische Studie mit 74 Probanden, die im Journal of Experimental Psychology: General veröffentlicht wurde (2018; doi: 10.1037/xge0000418). Die derzeit gängige Glücksspielprävention, die ausschließlich geringe Gewinnchancen benennt, könnte somit bei Spielsüchtigen das Gegenteil bewirken, fürchten die Forscher vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel.

Ein Drittel der Studienteilnehmer wurde als pathologische Spieler klassifiziert, 23 als Gewohnheitsspieler und 26 als nichtspielende Kontrollgruppe. Im Laufe des Versuchs wurden sie mit insgesamt 29 Entscheidungssituationen konfrontiert. In einem Experiment, bei dem sie mehrmals die Wahl zwischen einer sicheren Auszahlung und dem Spielen einer Gewinnlotterie hatten, entschieden sich pathologische Spieler häufiger für die riskantere Variante. Wenn die Entscheidung aber zwischen einem sicheren Verlust und einer Verlustlotterie getroffen werden musste, ließ sich kein Muster erkennen, das Spielsüchtige von den Kontrollgruppen unterschied.

Spielsüchtige nehmen Gewinnchancen anders war, nicht aber Verluste

Die Studie stützt die These, dass Spielsüchtige eine wesentlich andere Wahrnehmung von Gewinnwahrscheinlichkeiten haben als Gelegenheitsspieler oder Nichtspieler. „Das ist besonders wichtig, wenn man die derzeitige Präsentation von Glücksspielen betrachtet, bei der meist nur auf die Gewinnwahrscheinlichkeit hingewiesen wird. Spielsüchtige reagieren darauf besonders anfällig, weil sie diese niedrige Gewinn­wahr­scheinlichkeit im Kopf höher wahrnehmen“, sagt der Erstautor Patrick Ring vom IfW.

Wenn die Spielveranstalter ihrer Verantwortung nachkommen wollen, Glücksspielsucht vorzubeugen, dann müssen sie darüber nachdenken, nicht nur anzugeben, wie groß die Wahrscheinlichkeit auf den Hauptgewinn ist, sondern insbesondere, wie häufig Spieler leer ausgehen.Ulrich Schmidt, IfW Kiel

Bei der größten deutschen Lotterie sechs aus 49 wird beispielsweise die Wahrschein­lichkeit mit 1:140 Millionen für den Jackpot von meist mehreren Millionen Euro angegeben (bei einem Euro Einsatz). „Wenn die Spielveranstalter ihrer Verantwortung nachkommen wollen, Glücksspielsucht vorzubeugen, dann müssen sie darüber nachdenken, nicht nur anzugeben, wie groß die Wahrscheinlichkeit auf den Hauptgewinn ist, sondern insbesondere, wie häufig Spieler leer ausgehen“, ergänzt der Seniorautor Ulrich Schmidt, ebenfalls vom IfW.

Glücksspielsucht ist ein soziales Problem. Alleine in Deutschland gibt es nach aktuellen Studien etwa 200.000 pathologische Spieler. Die Symptome der Krankheit wirken sich massiv auf das Leben der Betroffenen aus. Ihnen droht Verarmung, der Verlust wichtiger Beziehungen und insgesamt eine Zerrüttung des sozialen Lebens. Um zu vermeiden, dass die Zahl der Glücksspielsüchtigen weiter steigt, existieren gesetz­liche Regelungen. Spielanbieter sollen, um dieser Pflicht nachzukommen, unter anderem alle spielrelevanten Informationen zur Verfügung stellen. Auf den Internet­seiten großer Lotterieveranstalter finden sich aus diesem Grund Angaben über Wetteinsatz, Gewinnwahrscheinlichkeiten und mögliche Jackpots – jedoch keine Angaben zur sehr hohen Verlustwahrscheinlichkeit.

Hunger allein reicht nicht aus, um sich „hangry“ zu fühlen

Wer hungrig ist, neigt dazu, Dinge schlechter zu bewerten als gesättigte Menschen. Im englischen Sprachraum nutzt man hierfür das Wort „hangry“. Ein leerer Magen allein hat die Stimmung jedoch nicht unter Kontrolle. In einer Studie bewerteten hungrige Menschen ein zweideutiges Bild nur dann negativ, wenn ihnen schon zuvor ein eindeutig negatives Bild gezeigt wurde. Die Ergebnisse haben die Forscher der University of North Carolina in Emotion publiziert (2018; doi: 10.1037/emo0000422).

Die Forscher führten zunächst 2 Onlineexperimente mit mehr als 400 Personen aus den USA durch. Den Teilnehmern wurde ein Bild gezeigt, das positive, neutrale oder negative Gefühle hervorrufen sollte. Anschließend konfrontierten die Forscher sie mit einem mehrdeutigen Bild, einem chinesischen Piktogramm, das sie auf einer 7-stufigen Skala von angenehm bis unangenehm bewerten sollten. Die Teilnehmer berichteten auch, wie hungrig sie sich fühlten.

Kontext und Selbstbewusstsein entscheiden

Hungrige Teilnehmer, die zunächst ein eindeutig negatives Bild betrachtet hatten, bewerteten im Anschluss das zweideutige Piktogramm eher negativ im Vergleich zu gesättigten Teilnehmern. Wer hingegen ein neutrales oder positives Bild zu Beginn betrachtet hatte, bewertete das chinesische Piktogramm ähnlich wie gesättigte Teilnehmer. Die Forscher leiten daraus die Theorie ab, dass erst das negative Bild den entsprechenden Kontext herstellt, sodass das Hungergefühl in einer vorwiegend negativen Interpretation resultiert.

In einem zusätzlichen Laborexperiment mit mehr als 200 Studierenden mussten diese entweder fasten oder vorher essen. Einige Teilnehmer baten die Forscher, eine Schreibübung zu absolvieren, die den Fokus auf ihre Emotionen richtete. Anschließend erwartete alle Teilnehmer ein unangenehmes Szenario. Nach einer langwierigen Übung stürzte der Computer kurz vor Abschluss ab. Einer der Forscher kam in den Raum und beschuldigte den Studierenden für den Computercrash.

Die Teilnehmer wurden dann gebeten, Fragebögen über ihre Emotionen und ihre Wahrnehmung der Qualität des Experiments auszufüllen. Hungrige Personen berichteten dabei über größere unangenehme Emotionen. Sie waren häufiger gestresst und hasserfüllt, wenn sie sich zuvor nicht explizit auf ihre eigenen Emotionen konzentriert hatten. Den Forscher, der das Experiment durchführte, beurteilten sie ebenfalls eher schlecht. Anders fiel das Urteil der Teilnehmer aus, die sich zuvor in der Schreibaufgabe mit ihren Emotionen auseinandergesetzt hatten. Trotz Hungergefühl, berichteten sie nicht über negative Gefühle.

„Der Zweck unserer Forschung ist es, die psychologischen Mechanismen von hunger­induzierten emotionalen Zuständen besser zu verstehen – in diesem Fall, wie jemand zu einem ‚Hangry’ wird“, erklärt Hauptautorin Jennifer MacCormack, MA, eine Doktorandin in der Abteilung für Psychologie und Neurowissenschaften an der University of North Carolina in Chapel Hill. Wenn jemand hungrig ist, gibt es laut MacCormack 2 Schlüsselpunkte, die bestimmen, ob dieser Hunger zu negativen Emotionen beiträgt oder nicht: Kontext und Selbstbewusstsein.

Das Wort „hangry“ wurde inzwischen auch in das Oxford Wörterbuch aufgenommen. Die Definition beschreibt eine schlechte Laune oder Gereiztheit aufgrund von Hunger: „Bad-tempered or irritable as a result of hunger”.

Erektile Dysfunktion ist unabhängiger Risikofaktor für Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen

Eine erektile Dysfunktion ist bei älteren Männern häufig Zeichen einer fortgeschrittenen Gefäßerkrankung. Das Risiko, in den nächsten Jahren einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder plötzlichen Herztod zu erleiden, war in einer prospektiven Kohortenstudie in Circulation (2018; doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.118.033990) auch dann noch erhöht, wenn andere Risikofaktoren berücksichtigt wurden.

Eine Erektion setzt gesunde Blutgefäße voraus. Das Endothel in den Arterien im Corpus cavernosum muss in der Lage sein, innerhalb kurzer Zeit genügend Stickstoffmonoxid freizusetzen, damit über eine Vasodilatation der Penisarterien die Schwellkörper mit Blut gefüllt werden können. Wenn dies nicht gelingt, sind meist auch die Arterien an anderen Orten des Körpers geschädigt. Es war deshalb bekannt, dass eine erektile Dysfunktion häufig ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko anzeigt.

Bislang gingen die Epidemiologen davon aus, dass die männlichen Potenzstörungen eine Folge des metabolischen Syndroms sind. Dies ist eine häufige Konstellation von adipösen Männern (und Frauen), bei der es infolge einer Insulinresistenz zu einer Erhöhung von Blutzucker, Blutfetten und Blutdruck kommt.

Eine Analyse der MESA-Kohorte (Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis), die mehr als 6.000 Männer und Frauen aus 6 US-Städten begleitet, zeigt jetzt jedoch, dass die erektile Dysfunktion bei Männern unabhängig von den anderen Komponenten des metabolischen Syndroms das Herz-Kreislauf-Risiko erhöht.

Von den 1.914 männlichen Teilnehmern, die zu Potenzstörungen befragt worden waren, hatten 877 im mittleren Alter von 69 Jahren Erektionsstörungen angegeben. Wie zu erwarten, gab es in dieser Gruppe mehr Menschen mit Diabetes mellitus sowie weitere Familienmitglieder mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Männer mit erektiler Dysfunktion nahmen auch häufiger Blutdruckmedikamente (darunter Betablocker), Lipidsenker und Antidepressiva ein.

Diese Faktoren erklärten jedoch nicht vollständig, warum die Männer mit erektiler Dysfunktion in den knapp 4 Jahren der Nachbeobachtungszeit zweieinhalbfach häufiger einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten als Männer ohne Potenzstörungen. Ein Team um Michael Blaha von der Johns Hopkins School of Medicine in Baltimore ermittelte eine Hazard Ratio von 2,5 (95-%-Konfidenzintervall 1,3 bis 4,8) für eine koronare Herzkrankheit und eine Hazard Ratio von 2,6 (1,6–4,1) für Herzinfarkt, Herzstillstand und Schlaganfall.

Entgegen der Erwartung ließ sich das Risiko nicht vollständig auf die anderen Risikofaktoren zurückführen. Das Risiko blieb in verschiedenen Modellberechnungen weiterhin erhöht. Für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse berechnet Blaha eine Hazard Ratio von 1,9 (1,1–3,4), für eine koronare Herzkrankheit betrug betrug die Hazard Ratio 1,8 (0,8–4,0). Für die kardialen Ereignisse war der Zusammenhang damit nicht mehr signifikant, was aber an der geringen Teilnehmerzahl und der kurzen Nachbeobachtung gelegen haben könnte.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass eine (nicht psychogene) erektile Dysfunktion bei älteren Männern immer ein ernster Hinweis auf ein drohendes kardiovaskuläres Ereignis ist. Die erektile Dysfunktion lässt sich zwar mit Sildenafil gut behandeln. Es gibt jedoch keine Hinweise, dass der PDE-5-Hemmer, der kurzzeitig die Konzentration von Stickstoffmonoxid erhöht, die Männer langfristig auch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt.

Depressionen bei älteren Menschen hartnäckiger

Depressionen haben bei älteren Menschen eine schlechtere Prognose. Die Episoden dauern länger und laut einer Langzeituntersuchung in Lancet Psychiatry(2018; doi: 10.1016/S2215-0366(18)30166-4) kommt es häufiger zu einer chronischen Majordepression, von der viele ältere Patienten sich nicht erholen.

Jeder fünfte Erwachsene erleidet im Verlauf seines Lebens eine depressive Episode. Die meisten erholen sich mit der Zeit und bleiben danach häufig psychisch gesund. Eine Gruppe um Roxanne Schaakxs vom VU Medisch Centrum in Amsterdam hat jetzt in einer Langzeitstudie untersucht, welchen Einfluss das Alter auf den Verlauf der Erkrankung hat.

Grundlage der Studie sind die Daten aus 2 Kohortenstudien, die Patienten mit Depressionen über einen Zeitraum von 2 Jahren begleitet haben. An der NESDA(„Netherlands Study of Depression and Anxiety“) hatten 2.981 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren teilgenommen, bei denen eine Depression oder eine Angststörung diagnostiziert worden war. An der NESDO („Netherlands Study of Depression in Older Persons“) hatten 510 Senioren im Alter von 65 bis 90 Jahren teilgenommen, bei denen eine Depression (aber keine Angststörung) diagnostiziert worden war. Beide Studien hatten ein ähnliches Design, sodass Schaakxs die Daten zusammen auswerten konnte.

Ergebnis: Mit zunehmendem Alter kam es im Verlauf von 2 Jahren häufiger zur Diagnose einer Majordepression. Pro 10 Jahre Lebensalter ermittelt Schaakxs eine Odds Ratio (OR) von 1,08, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,00 bis 1,17 signifikant war. Die Depressionen neigten mit zunehmendem Alter der Patienten auch zu einem chronischen Symptomverlauf (OR 1,24; 1,13–1,35), es kam seltener zu Remissionen (Hazard-Ratio HR 0,91; 0,87–0,96) und der Schwergrad nahm zu (Regressionskoeffizient 1,06; p < 0,0001).

Im Vergleich zur jüngsten Altersgruppe (18–29 Jahre) wurde bei Patienten im Alter ab 70 Jahre 2-mal häufiger die Diagnose einer Majordepression gestellt (OR 2,02; 1,18–3,45), es kam 3-mal so häufig zu einem chronischen Symptomverlauf (OR 3,19; 1,74–5,84) und zu 40 % seltener zu Remissionen (HR 0,60, 0,44–0,83). Der Schweregrad der Depression wurde in einem Score mit 12,64 Punkten ungünstiger eingestuft.

Die schlechtere Prognose konnte laut Schaakxs nur zu einem geringen Teil auf die im Alter häufigere Einsamkeit, den Mangel an sozialer Unterstützung oder auf chronische Erkrankungen, funktionelle Einschränkungen oder die Einnahme von Antidepressiva zurückgeführt werden (die den älteren Patienten häufiger verordnet wurden als den jüngeren). Der einzige wichtige Faktor, den Schaakxs nicht ausreichend berück­sichtigen konnte, waren die nachlassenden kognitiven Leistungen (unterhalb der Schwelle zur Demenz), die nach Einschätzung von Schaakxs durchaus dazu beitragen könnten, dass ältere Menschen sich von depressiven Episoden schlechter erholen.

USA: Starke Zunahme der Suizide

Immer mehr US-Amerikaner scheiden durch Freitod vorzeitig aus dem Leben. Die Suizidrate hat sich laut einer Studie in Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR2018; 67: 617–624) seit 1999 um fast 30 % erhöht. Mentale Erkrankungen lagen nur bei etwa der Hälfte der Personen vor.

Laut der Aufstellung der Centers for Disease Control and Prevention haben sich 2016 fast 45.000 Menschen das Leben genommen. Die Suizidrate liegt damit bei 15,6 pro 100.000 Einwohner (in Deutschland 13,0/100.000). Betroffen von der Zunahme sind alle Staaten außer Nevada, wo die Suizidrate traditionell über dem Durchschnitt liegt. Der Anteil der Männer liegt bei 84 % und die am stärksten betroffene Altersgruppe sind die 45- bis 64-Jährigen. Die bevorzugte Suizidmethode sind Handfeuerwaffen, gefolgt von Erhängen und der Einnahme von Gift.

Gründe für den Anstieg konnte die Studie nicht ermitteln. Auffällig ist jedoch, dass nur 54 % zum Zeitpunkt ihres Todes in psychiatrischer Behandlung waren (allerdings hatten zwei Drittel einen Drogenkonsum oder eine mentale Erkrankung in der Vorgeschichte). Bei der Hälfte der Suizide ließen sich  Lebensstressoren (50,5 versus 47,2 % in 1999) ermitteln, dazu gehörten strafrechtliche Probleme (10,7 versus 6,2 %) oder eine Zwangsräumung/Verlust des Hauses (4,3 versus 3,4 %).

Es gibt Hinweise, dass neben der Opiatkrise auch die Verschlechterung der wirtschaft­lichen Lage weiter Teile der Bevölkerung für die Zunahme der Selbsttötungen verantwortlich ist. In der letzten Immobilien- und Finanzkrise von 2007 haben viele Amerikaner ihr Wohneigentum verloren. Dieser negative „Wealth Shock“ hat laut einer jüngst im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2018; 319: 1341–1350) veröffentlichten Studie zu einem Anstieg des Sterberisikos geführt.

Nebenwirkungen – die am häufigsten verdächtigten Arzneimittelgruppen

Spitzenreiter unter den Arzneimittelgruppen, die verdächtigt wurden, Neben­wirkungen ausgelöst zu haben, sind antithrombotische Mittel (8,4 %), Antibiotika zur systemischen Anwendung (8,4 %) und dämpfend wirkende Psychopharmaka (7,9 %). Zu diesem Ergebnis kommen Bernhardt Sachs und Co-Autoren vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in der aktuellen Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes (Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 393–400) nach einer Analyse von 345.662 Verdachtsmeldungen über Nebenwirkungen, die beim BfArM in den Jahren 1978 bis 2016 eingegangen sind.

In diesen sogenannten Spontanberichten wurde beispielsweise im Zusammenhang mit Antithrombosemitteln am häufigsten über Blutungen und eine zu geringe Thrombo­zytenzahl, bei Anwendung von Antibiotika über Durchfall, Ausschlag und Juckreiz sowie beim Einsatz von Psychopharmaka über Arzneimittelabhängigkeit, eine vermin­derte Anzahl weißer Blutkörperchen und Fieber berichtet. 4 der 10 am häufigsten im Zusammenhang mit Nebenwirkungen genannten Arzneimittelgruppen lassen sich den „Arzneimitteln zur Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems“ (23,1 %) zuordnen.

Die 3 im gesamten Beobachtungszeitraum insgesamt am häufigsten berichteten Nebenwirkungen sind Übelkeit, Juckreiz und Schwindelgefühl. Unter den 15 häufigsten Nebenwirkungen finden sich viele weitere unspezifische Allgemeinsymptome (zum Beispiel Erbrechen, Kopfschmerz, Fieber oder Hautveränderungen), die – so die Vermutung der Autoren – assoziiert mit der führenden Nebenwirkung auftreten und mitgemeldet würden, daher in der Auswertung übermäßig häufig erschienen.

Die Gesamtzahl der pro Jahr beim BfArM eingehenden Spontanberichte, die zumeist (64,1 %) von Ärzten stammten, habe seit 1978 kontinuierlich zugenommen, berichten die Autoren. Dies sei insbesondere darauf zurückzuführen, dass die pharmazeutischen Unternehmen zunehmend verpflichtet worden seien, ihnen zugehende Meldungen an das BfArM weiterzuleiten.

Künftig neue Warnhinweise auf Schmerzmittel­packungen

Bei Schmerzmitteln wie Paracetamol, Ibuprofen Diclofenac oder Acetyl­salicylsäure, die ohne Rezept in der Apotheke zu erhalten sind, sollen neue Hinweise vor einer zu langen Einnahme warnen. „Bei Schmerzen oder Fieber ohne ärztlichen Rat nicht länger anwenden als in der Packungsbeilage vorgegeben“, muss künftig auf der Außenpackung aufgedruckt werden. Das sieht die Analgetica-Warnhinweis-Verordnung von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) vor, die der Bundesrat heute billigte.

„Nicht zu lange anwenden! #Schmerztabletten wie #Paracetamol, #Ibuprofen und #ASS gibt es künftig nur noch mit #Warnhinweis“, twitterte der Bundesrat heute. Der ver­pflichtende Warnhinweis solle Verbraucher davon abhalten, die Medikamente über die empfohlene Höchstdauer hinaus einzunehmen, hieß es vom Bundesrat.

Studien zufolge würden ein Fünftel der Frauen und fast ein Drittel der Männer solche Analgetica länger als die vorgegebenen vier Tage einehmen. Dies könne zu Magen­darmblutungen und Nierenschäden führen, aber auch Schlaganfälle verursachen. Darauf wird bisher schon auf dem Beipackzettel hingewiesen.

Die Deutsche Schmerzgesellschaft begrüßte die Verordnung als richtigen Ansatz zum Verbraucherschutz. Mit der Verordnung würden die „in Bezug auf die Dosis und Anwendungsdauer auch rezeptfreier Arzneien sensibilisiert und von einer Einnahme­dauer ohne ärztlichen Rat von über vier Tagen abgehalten“, sagte Martin Schmelz, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft. Er betonte, vielen Menschen sei nicht klar, dass auch rezeptfreie Schmerzmittel gefährlich sein könnten. Die Fachgesellschaft mahnt an, zu evaulieren, wie und ob der Warnhinweis seine beabsichtigte Schutz­wirkung entfaltet.