Psychisch Kranke Kinder und Jugendliche: Diagnoseprävalenz gestiegen

Der Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) hat gestern bei der Fachtagung „Psychische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen in der ambulanten Versorgung“ in Berlin neue Daten vorgestellt. Das Zi hat sich in diesem Jahr mit der Epidemiologie und der ambulanten Versorgung psychisch kranker Heranwachsender beschäftigt und dabei vertragsärztliche Abrechnungsdaten der Jahre 2009 bis 2017 herangezogen.

Die Diagnoseprävalenz sei in diesem Zeitraum um 21 Prozent angestiegen, erklärte Annika Steffen, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Zi. Mehr als jeder vierte Heran­wachsende (3,2 Millionen) erhielt demnach im Jahr 2017 in mindestens einem Quartal eine Diagnose einer psychischen Störung; jeder sechste (1,9 Millionen) in mindestens zwei Quartalen. Mit Ausnahme der Entwicklungsstörungen und affektiven Störungen habe sich die Prävalenz aber seit 2014 stabilisiert. „Die Diagnoseprävalenz ist stark geschlechts- und altersabhängig“, betonte Steffen. Jungen sind generell häufiger von psychischen Störungen betroffen.

Ärzte für Kinder- und Jugendmedizin und Hausärzte spielen nach Angaben des Zi eine zentrale Rolle in der Versorgung: 97 Prozent der Betroffenen hatten mindestens einmal jährlich Kontakt zu ihnen. 70 Prozent hatten Kontakt zu Kinder- und Jugendpsychiatern oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Die Veröffentlichung der Daten im Versorgungsatlas ist für Dezember geplant.

ADHS bei Jungen dreimal häufiger diagnostiziert

Ein spezieller Fokus des Versorgungsatlas lag auf der Prävalenz der Aufmerksamkeits­defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in der ambulanten Versorgung. „Grundsätzlich gibt es keinen ansteigenden Trend der Diagnoseprävalenz in dem untersuchten Zeitraum von 2009 bis 2016“, sagte Manas Akmatov vom Zi. Bei Jungen werde etwa dreimal häufiger ADHS diagnostiziert als bei Mädchen. Festzustellen sei aber, dass die Diagnosecodes spezifischer würden.

Kinder in dünn besiedelten ländlichen Kreisen haben dem Epidemiologen zufolge eine höhere Diagnoseprävalenz als Gleichaltrige in der Stadt. Es gebe Hinweise auf einen Rückgang der regionalen Unterschiede (raumzeitliche Cluster) in der Diagnose­prävalenz, aber die Unterschiede seien immer noch erheblich. „Es gibt Hinweise auf unterdurchschnittliche Diagnosehäufigkeit bei Kindern mit Migrationshintergrund sowie auf überdurchschnittliche Diagnosehäufigkeit in Kreisen mit höherer Facharztdichte“, betonte Akmatov.

Eine weitere Erkenntnis, die bereits der Versorgungsatlas 2015 bereithielt: Kinder, deren Geburtstag kurz vor der Einschulungsdeadline liegt und die in dem entsprechenden Schuljahr eingeschult werden, haben ein um 25 Prozent höheres Risiko für eine ADHS-Diagnose als Kinder, die ein Schuljahr zurückgestellt wurden.

Frühzeitig erkennen und koordiniert behandeln

„Psychische Erkrankungen belasten nicht nur die betroffenen Heranwachsenden, sondern auch deren soziales Umfeld. Sie können eine eingeschränkte soziale Kompetenz und einen geringeren Bildungsabschluss nach sich ziehen, sie können chronifizieren und hohe Versorgungs- und Folgekosten verursachen“, sagte Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bei der Fachtagung.

Eine frühzeitige Erkennung und koordinierte Behandlung sei deshalb entscheidend, um Leid zu reduzieren, einer Chronifizierung vorzubeugen und die langfristigen Folgen zu minimieren, betonte er.

Psychothera­peuten beschließen regelhafte Fernbehandlung mit Face-to-face-Diag­nostik

Der 33. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) hat entschieden, dass künftig eine Fernbehandlung ergänzend im Rahmen einer Psychotherapie grundsätzlich unter Beachtung besonderer Sorgfaltspflichten eingesetzt werden kann. Eine ausschließliche Fernbehandlung von unbekannten Patienten lehnten die Delegierten aber ab.

„Diagnostik, Indikationsstellung und Aufklärung der Patienten erfordern aber weiterhin den persönlichen Kontakt“, heißt es nun im neu beschlossenen Paragrafen 5 Absatz 5 der Musterberufsordnung (MBO) für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Damit folgten die Delegierten einem Antrag des Vorstands der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK).

Die bisherige Regelung sah vor, dass eine Behandlung über Kommunikationsmedien nur in begründeten Ausnahmefällen durchgeführt werden darf. Die Mitwirkung an Forschungsprojekten, in denen Psychotherapie ausschließlich über das Internet durchgeführt wird, bedarf auch mit der geänderten MBO der Genehmigung durch die Landespsychotherapeutenkammern.

Große Entfernungen können überbrückt werden

Zuvor erläuterte Peter Lehndorfer, Mitglied im Vorstand der BPtK, die Chancen und Risiken der Psychotherapie über Videobehandlung: „Große Entfernungen zwischen Patienten und Psychotherapeut können so überbrückt werden. Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen werden erreicht, die keine Praxis aufsuchen können. Bei einem Umzug des Patienten kann eine Fernbehandlung den Therapeutenwechsel verhindern helfen.“

Die Evidenz rechtfertige inzwischen den Einsatz von Fernbehandlungen – „aber längst nicht für alle“. Auf der anderen Seite könne Onlinepsychotherapie nicht die Probleme der Bedarfsplanung lösen und bedeute auch keine Zeitersparnis für Psychotherapeuten.

Antrag zur ausschließlichen Fernbehandlung abgelehnt

Zur Abstimmung stand auch ein Antrag der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK), der eine ausschließliche Behandlung über Kommunikationsmedien „im Einzelfall“ erlauben wollte, wenn dies psychotherapeutisch vertretbar sei. Dem ablehnenden Votum der Delegierten war eine breite Debatte vorausgegangen.

„Wir wollen Psychotherapeuten zumuten, selbst zu entscheiden, ob sie den Patienten vor einer Fernbehandlung persönlich sehen wollen/müssen oder nicht“, sagte Andrea Mrazek, Präsidentin der OPK.

„Wir sollten uns der Möglichkeit der ausschließlichen Fernbehandlung nicht verschließen“, erklärte Cornelia Beeking, Delegierte aus Nordrhein-Westfalen (NRW). „Der Schaden für die Patienten ist größer, wenn wir sie gar nicht erreichen, dadurch, dass sie in die Praxis kommen müssen“, ergänzte die Berliner Delegierte Eva-Maria Schweitzer-Köhn.

„Zur Diagnostik gehört immer auch das persönliche Gespräch. Der klinische Eindruck ist wichtig, der sich auch im Geruch und im Händedruck zeigt“, sagte hingegen Petra Adler-Corman, NRW, beispielsweise für die Vertreter der Face-to-face-Diagnostik.

„Die Krankenkassen sind sehr erpicht auf die OnlinePsychotherapie ohne uns – wir können uns auch selbst abschaffen“, erklärte Rudi Bittner, Delegierter aus Bayern. „Wir müssen unsere Macht nutzen“, warb BPtK-Vizepräsident Nikolaus Melcop für den Antrag des Vorstands für die regelhafte Fernbehandlung, der schließlich mit großer Mehrheit angenommen wurde.

Meditation unterstützt Traumatherapie

Meditation könnte dazu beitragen, den Schweregrad einer post­trauma­tischen Belastungsstörung (PTBS) zu verringern. Das berichten Wissenschaftler um Sanford Nidich in der Fachzeitschrift The Lancet Psychiatry (2018; doi: 10.1016/S2215-0366(18)30384-5).

Aktuelle evidenzbasierte Behandlungen für PTBS umfassen laut den Autoren kognitive Verhaltenstherapie, Gruppentherapie, Medikamente und traumabasierte Psycho­therapie oder eine Kombination aus diesen Maßnahmen.

An der randomisierten kontrollierten Studie nahmen 203 US-Veteranen teil. Die meisten Teilnehmer der Studie hatten sehr schwere PTBS-Symptome, überwiegend aus kampfbedingten Traumata, mit hohen Komorbiditätsraten. 68 % der Teilnehmer nahmen während der Studie weiterhin Medikamente gegen PTBS ein.

Die Forscher randomisierten die Teilnehmer in 3 Gruppen: für transzendentale Meditation (68 Veteranen), für eine verlängerte Expositionstherapie (68 Veteranen) und für eine Kontrollgruppe, die Gesundheitsinformationen erhielt (67 Veteranen).

Nach 3 Monaten Behandlung stellte sich heraus, dass Meditation genauso effektiv war, um Symptome zu reduzieren, wie eine verlängerte Expositionstherapie und besser als Gesundheitserziehungskurse. Die Abbrecherquoten waren zwischen den 3 Gruppen nicht signifikant unterschiedlich.

„PTBS ist eine ernste und behindernde Erkrankung, von der schätzungsweise 14 % der US-Veteranen betroffen sind, die in Afghanistan und im Irak eingesetzt werden oder aus dem Kampf zurückkehren“, sagte Nidich.

Eine der am häufigsten verwendeten Behandlungen für PTBS sei die Langzeit-Psychotherapie, die sich auf die Wiedererfahrung des traumatischen Ereignisses durch Erinnerung und Beschäftigung mit Erinnerungen an das Trauma konzentriert, anstatt sie zu vermeiden.

Während eine Psychotherapie mit längerer Exposition für viele von Vorteil ist, zeigten laut den Autoren 30 bis 50 % der teilnehmenden Veteranen keine klinisch signifikanten Verbesserungen. Daher seien neue Behandlungen notwendig, einschließlich Optionen, die keine Exposition gegenüber der traumatischen Erfahrung beinhalten.

Die Studie könnte nach Hoffnung der Autoren den Ansatz für eine neue, nicht traumafokussierte Behandlung für Veteranen bieten, die eine hilfreiche Ergänzung zu anderen verfügbaren Behandlungen wie Medikamenten sein könnte. Allerdings seien dazu noch größere, standortübergreifende Studien erforderlich, so die Autoren.

Psychotherapeutentag bemängelt weitere Zugangssteuerung zur Psychotherapie

Der 33. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) fordert den Gesetzgeber eindringlich auf, von der Regelung im Kabinettsentwurf für ein Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) Abstand zu nehmen, mit der eine vorgeschaltete Stelle, in der Indikation und Dringlichkeit der Behandlung psychisch kranker Menschen geprüft würde, eingeführt werden soll.

In einer Resolution forderten die Delegierten vorgestern in Berlin die „ersatzlose Streichung“ dieser in Paragraf 92 Absatz 6a Sozialgesetzbuch (SGB) V vorgesehenen Regelung, in der von einer „gestuften und gesteuerten Versorgung für die psychothera­peutische Behandlung“ die Rede ist, die der Gemeinsame Bundes­aus­schuss ausgestalten soll.

„Die beabsichtigte Regelung zielt tatsächlich auf Rationierung, Priorisierung und Selektion psychotherapeutischer Behandlungen“, heißt es in der Resolution. Sie könne weder einen zeitnahen Behandlungszugang gewährleisten, noch die Qualität und Wirtschaftlichkeit der Leistungen verbessern.

Darüber hinaus diskriminiere die Regelung in Paragraf 92 psychisch kranke Menschen, indem sie neue Hürden für psychisch kranke Menschen vor einer psychotherapeu­tischen Behandlung aufbaue. Deren Teilhabe an der Entscheidung über die Behandlungs­form wäre unzulässig beschränkt.

„Die Patienten müssten sich gleich mehreren Ärzten und Psychotherapeuten öffnen und unnötig lange Versorgungswege beschreiten“, kritisieren die Delegierten des 33. DPT. Das konterkariere auch das Bemühen um einen niedrigschwelligen Behand­lungszugang.

Versorgungssteuerung „längst Realität“

„Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn fordert etwas, was es längst gibt. Mit der Strukturreform der ambulanten Psychotherapie zum 1. April 2017 ist die Versorgungs­steuerung doch längst Realität: Die psychotherapeutische Sprechstunde und die Koordination der Versorgung funktionieren gut“, erklärte Dietrich Munz, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) beim DPT.

Die Evaluation der mit der Strukturreform geänderten Psychotherapierichtlinie solle erst einmal abgewartet werden. „Meiner Ansicht nach ist dieser Passus im TSVG eine politische Strategie von Herrn Spahn, um von Problemen in der Versorgung abzulenken“, sagte der BPtK-Präsident.

BPtK fordert 5.000 zusätzliche Psychotherapeutensitze

Grund für die Versorgungsprobleme, also die langen Wartezeiten auf einen Psycho­therapie­platz vor allem in ländlichen Gebieten, ist nach Ansicht der BPtK keine unzureichende Steuerung der Patienten, sondern ein Mangel an Psychotherapieplätzen. Nach der Wartezeitenstudie betragen die Wartezeiten auf einen Therapieplatz im Bundesdurchschnitt rund fünf Monate.

Die BPtK fordert deshalb sofort 5.000 zusätzliche Vertragspsychotherapeutensitze in ländlichen Regionen, um ein Niveau wie in den Städten zu erreichen. „Diese Soforthilfe für psychisch Kranke sollte vor der Reform der Bedarfsplanung greifen“, erklärte Munz. Notwendig sei darüber hinaus eine partielle Aufhebung der Zulassungs­beschrän­kungen in Großstädten sowie die generelle Reform der Bedarfsplanung.

Reform der Bedarfsplanung zeitnah umsetzen

In einer weiteren Resolution fordert der 33. Deutsche Psychotherapeutentag deshalb den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss auf, die Reform der Bedarfsplanung „zeitnah umzusetzen“. Die aktuellen Wartezeiten seien vielerorts nicht mehr hinnehmbar.

Obwohl sich der Erstzugang zum Psychotherapeuten durch die Etablierung von Sprechstunden deutlich verbessert habe, fehle es nach der Erstabklärung in vielen Regionen an ausreichenden Kapazitäten für eine anschließende Psychotherapie, heißt es in dieser Resolution.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer ist nicht allein mit ihrer Forderung, die geplante Regelung in Paragraf 92 Absatz 6a SGB V im Kabinettsentwurf für ein TSVG zu streichen. Vorgestern hatte sich auch die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Niedersachsen auf ihrer Herbsttagung in Hannover „auf das Schärfste“ gegen diese Regelung ausgesprochen.

„Eine vorgeschaltete Stelle, in der Indikation und Dringlichkeit der Behandlung psychisch kranker Menschen geprüft wird, würde eine neue Hürde vor einer ambulanten Psychotherapie einführen und so den Zugang nicht erleichtern, sondern erschweren“, heißt es in einer Resolution der KVN.

Am vergangenen Freitag hatten zudem drei Psychotherapeutenverbände eine neue Petition im Bundestag gestartet, mit der sie der Forderung, die umstrittene Regelung im Gesetzgebungsverfahren zu streichen, Nachdruck verleihen.

Zuvor hatten sich bereits die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundes­vereinigung, einige KVen, die Landespsychotherapeutenkammern sowie die Allianz fachärztlicher Berufsverbände gegen die Zugangsplanungen durch den Gesetzgeber ausgesprochen.

Bundeswehr hat Probleme bei Behandlung traumatisierter Soldaten

Die Bundeswehr ist offenbar nur unzureichend auf die steigende Zahl der im Einsatz psychisch erkrankten Soldaten vorbereitet. In den psychiatrischen Abteilungen der Bundeswehrkrankenhäuser sind derzeit nur knapp 76 Prozent der vorgesehenen Stellen besetzt, wie die Bundesregierung der Rheinischen Postzufolge auf eine parlamentarische Anfrage der AfD-Fraktion mitteilte. Zudem stehen nur 48 der eingeplanten 160 Betten auch tatsächlich zur Verfügung.

Seit 2011 wurden den Angaben zufolge 2.311 einsatzbedingte psychische Neuerkran­kungen diagnostiziert. Die tatsächliche Zahl der unter posttraumatischen Belastungs­störungen leidenden Soldaten dürfte aber höher sein. Die Zahl der Behandlungen von Soldaten durch zivile Psychiater hat sich von 1.564 im Jahr 2011 auf 7.836 im vergangenen Jahr mehr als verfünffacht. Diese Zivilisten dürfen jedoch keine wehrmedizinischen Untersuchungen durchführen.

Dafür fahren die Soldaten dann bis zu 138 Kilometer weit und müssen zwei bis drei Monate auf den ersten Termin warten. Der AfD-Sozialexperte René Springer forderte die Bundesregierung auf, „ihre Fürsorgepflicht endlich ernst zu nehmen“. Bis heute sei eine notwendige Strategie für die Behandlung und Versorgung psychisch erkrankter Soldaten „nicht im Ansatz vorhanden“.

 

Künstliche Intelligenz wird Ärzte nicht ersetzen

Experten haben betont, dass sich die Rolle des Arztes durch die Digitali­sierung des Gesundheitswesens deutlich wandeln werde. „Die künstliche Intelligenz wird unseren Berufsstand massiv verändern“, prognostizierte der Präsident des Hartmannbundes, Klaus Reinhardt, heute auf der Haupt­ver­samm­lung seines Verbandes in Berlin.

„Die Ärzteschaft wird ihr Wissensmonopol verlieren.“ Er habe jedoch keine Angst, dass der Arzt deshalb überflüssig wird. Denn die individualisierte Anwendung des medizinischen Wissens werde beim Arzt verbleiben. „Der Arzt muss aber seine Kompetenz auch in Zeiten der Digitalisierung unter Beweis stellen und darf nicht sagen: Ich mache da nicht mit“, betonte Reinhardt.

Der Wissenschaftsjournalist Boris Hänßler erklärte, dass es heute 325.000 Gesund­heits- und Fitness-Apps auf dem Markt gebe. Die Patienten könnten jedoch nicht einschätzen, ob eine App gut sei oder nicht. Es gebe auch noch zu wenige Studien, die die Qualität von Apps untersuchen.

Hänßler forderte die Ärzteschaft auf, sich besser in den Prozess der Bewertung von Apps einzubringen. In der Zukunft könnten „Ärzte bestimmte Apps empfehlen“, meinte er. „Sie können auf ihre Wirksamkeit oder Nichtwirksamkeit hinweisen.“

Ärzte sollen Qualitätskriterien definieren

Klaus Juffernbruch von der FOM-Hochschule in Düsseldorf rief die Ärzteschaft dazu auf, sich nicht gegen die Digitalisierung zu wehren, sondern sie aktiv mitzugestalten, zum Beispiel durch die Definition von Qualitätskriterien. „Wir sind in Deutschland keine Insel“, sagte er. „Wenn wir hier die Bedürfnisse der Patienten ignorieren, überlassen wir anderen das Feld und haben dann keine Kontrolle mehr über die Qualität digitaler Systeme.“

Reinhardt sprach die Sorgen an, die viele Ärzte in Bezug auf die Haftung haben, wenn sie digitale Systeme anwenden – oder wenn sie sie nicht anwenden. „Als Arzt kann man sich auf die Inhalte der elektronischen Patientenakte so wenig verlassen wie auf die Aussagen eines Patienten, der vor einem sitzt“, meinte er.

„Wir wissen doch, dass nicht alles zutrifft, was Patienten uns sagen. Das ist auch legitim. Bei der Digitalisierung leben wir aber in der Vorstellung, dass alles zu 100 Prozent richtig sein muss. Und wir glauben, wenn wir auf der Grundlage digitaler Informationen Fehler begehen, seien wir in einem höheren Maße haftbar. Das ist aber nicht so.“

Reinhardt: Entspannter mit der Digitalisierung umgehen

Er rief dazu auf, pragmatischer und entspannter mit dem Thema Digitalisierung umzugehen. „Wenn ich als Hausarzt zum Beispiel Hinweise auf Arzneimittel­interaktionen durch die moderne Technik erhalte, bin ich doch heilfroh, darauf zurückgreifen zu können“, sagte er. Es gehe ja nicht darum, dass diese Informationen vollständig oder zu 100 Prozent richtig sein müssen. Doch alle Instrumente, die die Patientenversorgung leichter oder besser machten, seien für Ärzte doch hochwill­kommen.

Auch Thomas Lipp aus dem Vorstand des Hartmannbundes bezeichnete digitale Systeme wie Gesundheits-Apps als „gute Diagnosehilfsmittel“ für Ärzte. „Früher habe ich bei meinen Patienten noch Blutdruck gemessen, heute bringen sie mir diese Daten mit“, sagte er. Solche Daten unterstützten die Arbeit des Arztes, sie ersetzten ihn aber nicht. „Zukünftig wird der Arzt sogar noch eine wichtigere Rolle in der Gesundheits­versorgung spielen als heute“, prognostizierte er. „Denn der Arzt muss die ganzen Daten patientenindividuell bewerten.“

Patienten brauchen die Vergewisserung durch den Arzt

„Ärzte haben seit Jahrtausenden Instrumente benutzt, um ihre Patienten zu behandeln“, sagte Hans-Jürgen von Lücken vom Marienkrankenhaus Hamburg. „Digitale Systeme sind solche Instrumente. Wir müssen keine Angst davor haben, durch sie ersetzt zu werden. Stattdessen sollten wir uns für die Möglichkeiten der Digitalisierung öffnen. Dann können wir die Instrumente, die wir benutzen, auch selbst mitbestimmen.“

„Wenn es mir schlecht geht, suche ich den Kontakt zu einem Arzt“, sagte Cristina Koehn vom Unternehmen Kry Deutschland. „Das wird keine Maschine und keine künstliche Intelligenz übernehmen können.“ Es gebe mittlerweile zahlreiche Möglichkeiten für Patienten, sich zu orientieren. Doch diese würden alle letztlich keine Diagnose stellen können. „Und ich brauche als Patient schon die Gewissheit zu erfahren: Das ist es jetzt“, meinte sie. „Und dafür suche ich mir als Patient die Vergewisserung durch den Arzt.“

KI als Qualitätsmerkmal einer Behandlung

Koehn zeigte sich überzeugt, dass digitale Systeme die Versorgung aber besser machen könnten. „Wenn mein Kind morgens mit Hautausschlag aufwacht, muss ich wissen, ob ich mit ihm zum Arzt fahren soll oder ob ich es zur Schule schicken kann. Mit einem Video kann man so etwas abklären“, sagte sie. „Ich glaube auch, dass wir die Notfallambulanzen entlasten können, wenn die Patienten mithilfe digitaler Systeme eine Orientierung erhalten, ob sie ins Krankenhaus gehen sollen oder nicht.“

Hänßler meinte, dass künstliche Intelligenz (KI) auch eine Möglichkeit für Ärzte sein könne, sich im Wettbewerb abzuheben. „Chronisch kranke Menschen werden künftig einen Bogen um Praxen machen, in denen diese Technik nicht eingesetzt wird“, meinte er. Auch Reinhardt glaubt, dass die Verwendung von KI-Systemen künftig ein Qualitätsmerkmal für Ärzte werden könnte. „Es könnte passieren, dass unsere Patienten uns eines Tages fragen werden, weshalb wir die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz nicht genutzt haben, als wir sie hätten nutzen können.“

 

Bundesregierung will Digitalisierung im Gesundheitsbereich vorantreiben

Die Bundesregierung hat ihre Umsetzungsstrategie zur Gestaltung des digitalen Wandels vorgelegt. Sie enthält Maßnahmen, mit denen die Politiker die Lebensqualität für alle Menschen in Deutschland steigern, die wirtschaftlichen und ökologischen Potenziale entfalten und den sozialen Zusammenhalt sichern wollen. Etliche Vorhaben der Strategie beziehen sich auf den Gesundheitsbereich, wie etwa das Modellvorhaben „Smarte LandRegionen“.

Der Bundesregierung zufolge ist insbesondere in zukunftsrelevanten Bereichen wie Mobilität, Gesundheit, Versorgung mit Waren und Dienstleistungen bis hin zu sozialen Angeboten und dem Vereinsleben auf dem Land der Einsatz neuer technischer Möglichkeiten entscheidend für den Erhalt eines attraktiven Lebens- und Arbeits­umfelds. Diese Chancen will das Modellvorhaben ausloten und gewinnbringend für die Menschen vor Ort verwirklichen.

Dazu wird im Rahmen des Vorhabens eine Forschungseinrichtung gefördert, die in einem Pilotprojekt ein solches digitales Ökosystem und die zugrunde gelegte Softwareplattform konzipiert und entwickelt. In einem Wettbewerb werden die teilnehmenden Landkreise ausgewählt. Sie entwickeln unter Einbezug der Bürger gemeinsam mit der Forschungseinrichtung entsprechend ihrer konkreten Bedarfe digitale Dienste und führen diese vor Ort ein.

Eine weitere Maßnahme der Umsetzungsstrategie ist ein Ideenwettbewerb „Blockchain“. Im Rahmen dessen will die Bundesregierung dazu aufrufen, innovative Anwendungskonzepte für Blockchain-Technologien im Gesundheitswesen einzureichen.

Darüber hinaus plant die Bundesregierung, die Marktzugänge für gute digitale Anwendungen im Gesundheitswesen zu erleichtern. Vorgesehen ist, dass innovative Unternehmen ihre medizinischen Produkten schneller in den ersten Gesundheitsmarkt bringen können.

Konkret sieht die Umsetzungstrategie vor, bis 2019 einen Metakatalog von Kriterien zur Bewertung von Gesundheits-Apps fertigzustellen und bis 2021 Kriterien für den Nachweis des Nutzens sowie der Erstattungsfähigkeit digitaler Produkte seitens der Kranken- und Pflegekassen zu entwickeln.

 

Bundeskabinett verabschiedet Strategie zur Künstlichen Intelligenz

Heute präsentierte die Bundesregierung ihre Strategie zur Künstlichen Intelligenz. Sie wurde auf Grundlage von Eckpunkten erstellt, die das Kabinett am 18. Juli 2018 beschlossen hatte. Auch der Gesundheitssektor wurde dabei bedacht. Vergleichbare Strategien haben die meisten anderen Länder in Europa bereits vorgelegt.

Bis 2025 will der Bund insgesamt etwa drei Milliarden Euro für die Umsetzung der Strategie zur Verfügung stellen. Das Geld soll vor allem in die Forschung fließen. Die Bundesregierung geht davon aus, dass private Investitionen in gleicher Höhe hinzukämen, so dass bis 2025 insgesamt sechs Milliarden Euro zusätzlich investiert würden.

„Wir werden Forschungscluster bilden und vernetzen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Dieses Netzwerk werde sich gemeinsam mit Frankreich den Auswir­kungen Künstlicher Intelligenz auf die Arbeitswelt, im Bereich Datenschutz und Datenverfügbarkeit widmen.

Ziele für das Gesundheitswesen

Die KI-Strategie beschreibt zentrale Ziele der Bundesregierung und benennt dabei 12 Handlungsfelder. Eines davon lautet, die Forschung zu stärken. Eine zentrale Herausforderung sei dabei die umfassende Zusammenführung und Interoperabilität von Gesundheitsdaten aus Versorgung und Forschung, heißt es im Strategiepapier.

Konkreter: Es sollen beispielsweise bilaterale KI-Cluster mit einem Anwendungsfokus auf bestimmte Branchen zum Beispiel Gesundheit, Umwelt, Robotik, oder Mobilität, realisiert werden.

Potenziale sieht die Bundesregierung bei personenbezogenen Daten – zum Beispiel, um individuelle Gesundheitsrisiken zu identifizieren. Im Interesse der Patienten müsse es gelingen, Daten aus Versorgungs- und Abrechnungsprozessen datenschutz­konformkonsequenter und in für lernende Systeme geeigneten Formaten zu erschließen.

„Daten verfügbar machen“ und deren „Nutzung erleichtern“ lautet daher ein weiteres der 12 Handlungsfelder. Dabei solle auch erforscht werden, mit welchen rechtskon­formen Pseudonymisierungs- oder Anonymisierungsverfahren und wie weit Daten der öffentlichen Hand und der Wissenschaft geöffnet werden könnten. „Die Rede ist von einem Kulturwandel bei der Zusammenarbeit zwischen Gesundheits- und IT-Berufen“.

Berlin könnte dabei eine besondere Rolle zukommen. Wie der Tagesspiegel heute berichtete will Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) in der Hauptstadt und Umgebung ab 2020 den Einsatz ausgewählter digitaler Anwendungen in der Praxis testen – bevor sie in ganz Deutschland zur Anwendung kommen sollen. Die Pläne dafür soll Spahn bei der Digitalisierungsklausur des Kabinetts in Potsdam diese Woche vorgelegt haben.

Digitalisierung: Wie lässt sich die Gesundheitskompetenz fördern?

Die Gesundheitskompetenz in Deutschland ist verbesserungsbedürftig. Das gilt vor allem für Versicherte und Patienten, aber auch für Ärzte, wie ein Symposium der Gesellschaft für Wirtschaftlichkeit und Qualität bei Krankenkassen (GWQ) in Berlin jetzt deutlich machte. Die Veranstaltung zeigte auch, welche Chancen die Digitali­sierung im Gesundheitswesen bietet, um gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen und kritisch zu beurteilen.

Das Wissen der Versicherten in Deutschland werde derzeit von Informationsdefiziten, Fehlinformation und Überfluss an Informationen bestimmt, betonte Johannes Thormälen, GWQ-Vorstand. Mit der Digitalisierung gebe es jedoch neue Möglichkeiten für die Versichertenkommunikation und -information, die die Krankenkassen nutzen könnten.

Evidenz verstehen

Wie kann Gesundheitskompetenz gefördert werden? Für ein effizientes Gesundheits­system seien zwei Kompetenzen erforderlich, betonte Gerd Gigerenzer, Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin. „Ärzte und Gesundheitspersonal, die Evidenz verstehen, sowie Patienten, die mitdenken möchten. Wir haben beides noch nicht.“

Nach Studien Gigerenzers verstehen rund 80 Prozent der Ärzte in Deutschland keine Gesundheitsstatistiken, weil Evidenz im Medizinstudium nicht gelehrt wird. Darüber hinaus wissen ihm zufolge die meisten Patienten nicht, wo sie verlässliche Informationen im Internet finden. Zudem können sie oftmals nicht zwischen Information und Werbung unterscheiden.

Gigerenzer empfiehlt daher Positivlisten mit verlässlichen Quellen für Gesundheits­informationen sowie Faktenboxen, in denen die beste Evidenz zu einem Themengebiet verständlich und patientenorientiert dargestellt wird. Diese Faktenboxen sollten beispielsweise auf Internetseiten der Krankenkassen und in den Wartezimmern der Ärzte verfügbar sein.

Die AOK hat ihm zufolge als erste Krankenkasse diese Form der evidenzbasierten Patienteninformation umgesetzt. Zudem sollte die Aus- und Fortbildung von Ärzten und Pflegekräften auch Gesundheitsstatistik und Risikokommunikation umfassen. Schließlich sei Gesundheitsbildung bereits im Kindergarten und in der Schule notwendig.

Großes Informationsbedürfnis der Patienten

Ein etwas anderes Bild von den Patienten als Gigerenzer zeichnete Marion Grote-Westrick von der Bertelsmann-Stiftung. Es gebe ein hohes Informationsbedürfnis der Patienten, doch werde diesem nicht entsprochen, kritisierte sie. Ein Beleg dafür sei, dass 50 Prozent der Patienten vor einem Arztbesuch und 60 Prozent danach im Internet zu ihrem Gesundheitsproblem recherchierten – aus den unterschiedlichsten Motiven heraus.

„Viele Patienten kennen gute Seiten im Internet nicht, die Bekanntheit von evidenzbasierten Quellen ist gering – sowohl bei Patienten als auch bei Ärzten“, betonte sie. Daher könnten Ärzte die Patienten auch nicht gut beraten. Gesundheits­informationen seien immer noch eine „Holschuld“ des Patienten, es gebe in Deutschland keine „Bringschuld“ des Gesundheitssystems. Darüber hinaus sei aber auch zu fragen: „Was bietet das System denjenigen, die schon kompetent sind?“

Kommunikation am Patienten vorbei

„Viele Patienten wollen mitdenken“, meinte auch Gertrud Demmler, Vorständin der Siemens-Betriebskrankenkasse. „Die fehlende Gesundheitskompetenz ist eigentlich eine Krise der Wissenschaftskommunikation.“ Eine Übersetzung fehle häufig, „alterna­tive Fakten“ gehörten zum Medizinalltag. Die Arzt-Patienten-Kommunikation in Deutschland sei zudem stark expertengetrieben, der Praxisbezug fehle häufig, und die Betroffenensicht werde zu wenig berücksichtigt.

Krankenkassen könnten auf Basis von Versichertenkontakten und -daten in die Bresche springen und dieses vorhandene Wissen nutzen, um relevante personalisierte Informationen zur Verfügung stellen, nur: „Wir dürfen es nicht.“ Rechtlich seien den Kassen derzeit die Hände gebunden. Künftig könnten Informationen nicht mehr nur per Internet, etwa über Gesundheits­portale oder andere Quellen, zur Verfügung gestellt werden, sondern auch über die elektronische Patientenakte.

An Patienten gerichtete schriftliche Informationen wie Aufklärungsbögen oder Flyer „sind oft meilenweit weit von Verständlichkeit entfernt“, erklärte Ansgar Jonietz, Mitgründer und Geschäftsführer der Webseite „Was hab ich?“, über die sich Patienten Arztbriefe von Medizinstudierenden übersetzen lassen können. 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland haben ihm zufolge Schwierigkeiten beim Verständnis von Texten auf Grundschulniveau. Nach Studien sind dies in vielen Fällen gerade diejenigen, die am meisten von guten Gesundheitsinformationen  profitieren würden.

Aber auch in der mündlichen Kommunikation hapert es. „Viel hängt dabei an der Kommunikationskompetenz des Arztes“, meinte Jonietz. Es sei viel zu wenig, was dem Arzt als sprechenden Beruf in der Ausbildung vermittelt werde. Ein großes Potenzial liegt ihm zufolge in der Individualisierung der schriftlichen Informationen. „Der Patient braucht  das, es fällt ihm schwer, allgemeine Informationen für sich einzuordnen und auf sich zu beziehen.“

Medizinkultureller Wandel

Für Attila Altiner, Universitätsmedizin Rostock, ist Empowerment  auf ärztlicher Seite nötig, um googelnden Patienten gerecht zu werden. Manche Ärzte beurteilten googelnde Patienten negativ, dabei seien sie „eine Chance“ und böten einen Anknüpfungspunkt für den Arzt im Kontakt mit seinem Patienten. Es gelte, schon Medizinstudierende zu sensibilisieren und auch die Weiterbildung zu nutzen, damit Ärzte mit den informierten Patienten umzugehen lernen. Eine „intelligente Vereinfachung“ der medizinischen Informationen erfordere zudem viel Aufwand.

Alexander Schachinger, Geschäftsführer der EPatient RSD GmbH, verwies auf Bildung und Alter als häufig unterschätzte Einflussfaktoren für die digitale Gesundheits­kompetenz. Nach dem EPatient Survey 2018wünschen sich die Patienten, digitale Versorgungsangebote direkt von ihrem Arzt oder von medizinischem Fachpersonal zu erhalten. Studien haben ergeben, dass sich die hohen Abbruchraten von Apps oder Coachingprogrammen dadurch um den Faktor fünf verringern, so der Marktexperte.

Laut Schachinger ändern sich die Vertriebskanäle für digitale Gesundheits­anwen­dungen beziehungsweise die Wege zum Patienten („touch points“) zunehmend. So gibt es immer mehr Außenwerbung, etwa U-Bahn-Plakate (etwa für „Ada Health“), und  Printkampagnen, die auf neue Anwendungen hinweisen (wie „Dipat“, die Online-Patientenverfügung).

Die Evidenz und der Nutzennachweis der Gesundheits-Apps gewinne an Fahrt, „Studien hierzu explodieren förmlich“, meinte er. Außerdem werden Apps nicht mehr nur in den App-Stores angeboten, sondern ebenso wie Coaching­programme verstärkt über herkömmliche Versorgungsstrukturen, etwa über Apotheken oder von den Krankenkassen.

Psychotherapeuten starten Petition gegen Terminservicegesetz

Der Kabinettsentwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) sieht vor, dass besonders qualifizierte Ärzte und psychologische Psychotherapeuten künftig in Voruntersuchungen festlegen, zu welchem Hilfe- oder Therapieangebot Betroffene gehen dürfen. Das hat bereits zu heftiger Kritik von Psychotherapeuten und Ärzten geführt. Ihrer Forderung, die Regelung im Gesetzgebungsverfahren zu streichen, verhelfen drei Psychotherapeutenverbände nun mit einer neuen Petition an den Bundestag Nachdruck.

Aus Sicht des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten (bvvp), der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) und der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (VAKJP) werden psychisch kranke Menschen mit der geplanten „gestuften Steuerung“ diskriminiert.

Eine derartige, vorgeschaltete Selektion hebe den freien Zugang der Patienten zum ärztlichen, psychologischen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten auf und verlängere unnötig das Leiden der Betroffenen, hieß es. Die freie Auswahl des Behand­lers nach eigenem Vertrauen werde Patienten damit genommen oder zumindest massiv eingeschränkt. Kritik üben sie auch daran, dass Psychotherapeuten nach der neuen Regelung nicht mehr entscheiden dürften, ob und wie der betroffene Patient behandelt wird.

„Die beabsichtigte Neuregelung kann nur als der unangemessene Versuch einer Rationierung von Behandlungsleistungen aufgefasst werden, der die Nöte psychisch erkrankter Menschen nicht nachvollzieht“, resümieren die Verbände.