Metaanalyse: Früher Cannabiskonsum erhöht Depressions- und Suizidrisiko im Erwachsenenalter

Während immer mehr Länder den Cannabiskonsum legalisieren und die THC-Droge zunehmend zu medizinischen Zwecken eingesetzt wird, warnen Epidemiologen vor den Folgen für die Gehirne jugendlicher Menschen. Eine Metaanalyse in JAMA Psychiatry (2019; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2018.4500) kommt zu dem Ergebnis, dass ein Cannabiskonsum vor dem 18. Lebensjahr das Risiko auf spätere Depressionen und Suizide erhöht.

Tetrahydrocannabinol (THC) und andere Bestandteile von Cannabis sativa oder indica wirken auf Cannabinoidrezeptoren in Hippocampus, Basalganglien und auch im Cortex. Dies mag für den Moment ein erhebendes Gefühl ergeben, das Sorgen und Schmerzen verdrängt und vielleicht auch kognitive Hemmungen beseitigt. Wie andere Pharmaka hat THC jedoch Risiken und Nebenwirkungen, zu denen möglicherweise Ängste und Depressionen gehören. Und da das Gehirn von Teenagern eine Entwicklungsphase durchläuft, könnten diese Risiken auch von Dauer sein. 

Da es kaum Ergebnisse aus randomisierten klinischen Studien gibt, in denen THC etwa mit anderen Schmerzmitteln verglichen würde, sind die Forscher bei ihrer Bewertung auf die Ergebnisse epidemiologischer Studien angewiesen. Diese sind prinzipiell fehleranfällig, da es natürlich sein kann, dass Menschen mit Depressionen und Ängsten eher dazu neigen könnten, sich durch den einen oder anderen „Joint“ zu entspannen. Eine Assoziation könnten dann Folge einer reversen Kausalität sein. 

Gabriella Gobbi von der McGill Universität in Montreal und Mitarbeiter nehmen jedoch für sich in Anspruch, von den zahlreichen seit 1993 publizierten Studien nur jene 11 ausgewählt zu haben, die den höchsten Qualitätsansprüchen an Metaanalysen genügen. Diese Studien hatten 23.317 Jugendliche im Alter von unter 18 Jahren nach ihrem Cannabiskonsum befragt und die Antworten dann mit späteren psychischen Erkrankungen in Beziehung gesetzt.

Für die Entwicklung einer späteren Depression fanden die Forscher eine Odds Ratio von 1,37, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,16 bis 1,62 signifikant war. Der Heterogenitätsindex I2 betrug 0 %. Das heißt: Die Zusammensetzung der Kohorten und die Messinstrumente waren ähnlich. Es wurden also nicht „Äpfel mit Birnen“ verglichen. Eine Odds Ratio von 1,37 bedeutet, dass das Risiko für den einzelnen Konsumenten relativ gering ist. Da der Cannabiskonsum weit verbreitet ist, kann aber auch ein geringer Anstieg des individuellen Risikos für eine größere Anzahl von Erkrankungen in einer Bevölkerung verantwortlich sein. Für die USA, wo jeder fünfte Jugendliche gelegentlich einen „Joint“ raucht, könnte der Anteil der Depressionen, der durch Cannabis verursacht wurde (attributables Risiko), 7,5 % betragen (für Deutschland wären die Zahlen deutlich niedriger).

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Für Angstzustände ließ sich keine eindeutige Assoziation nachweisen. Die Odds Ratio von 1,18 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,84 bis 1,67 nicht signifikant, was an der hohen Heterogenität (I2 = 42 %) zwischen den Studien gelegen haben könnte.

Eine Folge von Depressionen sind Suizide. Sowohl für Suizidgedanken (Odds Ratio 1,50; 1,11-2,03; I2 = 0 %) als auch für Suizidversuche (Odds Ratio 3,46; 1,53-7,84, I2 = 61,3 %) konnte Gobbi eine signifikante Assoziation nachweisen. Für einige Konsumenten könnte der leichtfertige Umgang mit der Droge deshalb tödliche Folgen haben – was den Ruf von Cannabis als eigentlich harmlose Droge infrage stellt – sofern den Assoziationen denn eine Kausalität zugrunde liegt.

Beweisen kann Gobbi dies nicht. Sie kann allerdings auf zahlreiche Tierversuche hinweisen, in denen die regelmäßige Exposition mit THC zu depressiven Verhaltensweisen geführt hat. Und in jüngster Zeit wurde in bildgebenden Verfahren (in der Regel Magnetresonanztomografie) ein Rückgang der grauen Substanz ausgerechnet in den Regionen (Hippocampus, Amygdala, präfrontaler Cortex) gefunden, in denen sich die meisten Endocannabinoid-Rezeptoren befinden). Ganz sicher können sich Jugendliche Cannabiskonsumenten deshalb nicht sein, dass die von der Forschung aufgetischten Daten für sie nicht relevant sind. 

Alkoholkonsum von Teenagern könnte emotionales Zentrum des Gehirns dauerhaft verändern

Menschen, die bereits als Jugendliche mit dem Alkoholkonsum begannen, wiesen bei ihrem Tod im Alter von Ende 50 Veränderungen in den Amygdalae auf, die nach Ansicht von Forschern in Translational Psychiatry (2019; 9: 34) die emotionalen Probleme und die erhöhte Suchtneigung erklären, die mit einem frühen und exzessiven Alkoholkonsum verbunden sind.

Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass Menschen, die als Jugendliche zu Alkoholexzessen neigen („Binge-Trinken“), später 4-mal häufiger alkoholabhängig werden als Menschen, die erst als Erwachsene regelmäßig Alkohol trinken. Hirnforscher vermuten deshalb, dass der Alkoholkonsum in einer Zeit, in der das Gehirn einem Umbauprozess unterworfen ist, nachhaltige Schäden anrichten könnte. Eine mögliche Folge, die ebenfalls in epidemiologischen Studien beobachtet wurde, ist eine emotionale Labilität.

Ein wichtiges Hirnzentrum für die Verarbeitung emotionaler Signale sind die beiden Corpora amygdaloideum (kurz Amygdalae). In diesen kleinen Hirnregionen werden eintreffende Informationen einer Gefahrenanalyse unterzogen. Bei einer Bedrohung wird ohne weitere Rückfrage in höheren kognitiven Zentren eine Angst- und Alarmreaktion ausgelöst. Menschen, bei denen die Amygdalae beidseitig geschädigt sind, kennen keine Angst. Selbst in lebensbedrohlichen Situationen machen sie keine Anstalten zu einem Rettungsversuch.

Ein Team um Subhash Pandey von der Universität von Chicago hat die Amygdalae von 44 Personen untersucht, die im Alter von Ende 50 gestorben waren und deren Lebensgeschichte bekannt war: 11 Personen hatten bereits als Jugendliche (vor dem 21. Lebensjahr) mit einem starken Alkoholkonsum begonnen. Weitere 11 Personen hatten erst im Erwachsenenalter zu trinken begonnen. Beide Gruppen waren bei ihrem Tod alkoholabhängig. Die dritte Gruppe von 22 Personen hatte keine Alkoholprobleme.

In den Amygdalae der Personen, die bereits als Jugendliche Alkohol getrunken hatten, wiesen die Forscher zu 30 % mehr BDNF-AS nach. Es handelt sich um ein Steuergen für den Wachstumsfaktor BDNF („brain-derived neurotrophic factor“). BDNF ist ein wichtiger Faktor für die Entwicklung des Gehirns, im Erwachsenenalter beeinflusst er die Plastizität des Gehirns. Da das Steuergen BDNF-AS die Produktion von BDNF hemmt, war die BDNF in dem Gehirn der „früheren Trinker“ vermindert. Ähnliche Veränderungen waren bei den „späten Trinkern“ und in der Kontrollgruppe nicht nachweisbar.

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Eine verminderte BDNF-Konzentration in den Amygdalae könnte auf eine verminderte emotionale Lernfähigkeit hindeuten, schreibt Pandey. Dies würde erklären, warum Menschen, die als Jugendliche exzessiv Alkohol trinken, im Erwachsenenalter häufiger emotionale Probleme haben und zum Alkoholabusus neigen.

Pandey führt die Langzeitwirkung auf epigenetische Störungen zurück. Dabei handelt es sich um Veränderungen in der DNA-Methylierung. Mit der Anheftung von Methylgruppen können Gene dauerhaft abgeschaltet werden. Im Fall BDNF-AS scheint bei frühen Trinkern eine notwendige DNA-Methylierung nicht zu erfolgen. 

Common alcoholic beverages
Von TrafficJan82
Eigenes Werk, Gemeinfrei,
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SpiFa fordert Aufspaltung des KV-Systems

Der Spitzenverband der Fachärzte prescht mit einem ungewöhnlichen Vorschlag zur Psychotherapeutenausbildung vor. Bei den Psychotherapeuten herrschte am Donnerstag vor allem Kopfschütteln.

Die Verbändeanhörung zur Reform der Psychotherapeutenausbildung am kommenden Montag hat bereits im Vorfeld Wellen geschlagen.

Der Vorsitzende des Spitzenverbands Fachärzte Deutschlands (SpiFa) , Dr. Dirk Heinrich, hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstag aufgefordert, alle Konsequenzen aus der geplanten Reform zu ziehen. Wenn mit dem Gesetz ein „neuer approbierter psychologischer Heilberuf und die Basis für ein neues psychologisches Versorgungssystem neben und in Teilen konkurrierend mit dem ärztlich-medizinischen Versorgungssystem“ geschaffen werden solle, solle der Gesetzgeber dies konsequent tun. Dann müssten in allen Bundesländern auch „Kassenpsychologische Vereinigungen“ sowie auf Bundesebene eine „Kassenpsychologische Bundesvereinigung“ errichtet werden, so Heinrich weiter.

„Es wird überhaupt kein neuer Heilberuf geschaffen“, sagte dazu Benedikt Waldherr, Vorsitzender des Berufsverbands der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) am Donnerstag der „Ärzte Zeitung“. Eine Integration der Berufe habe vor 20 Jahren mit dem Psychotherapeutengesetz stattgefunden. Eigene Vereinigungen für die Psychotherapeuten zu fordern, sei nicht seriös.

Haltlose Behauptung

Die Behauptung, es entstehe ein neuer akademischer Heilberuf, sei haltlos, sagte auch Peter Andreas Staub, dritter Vorstand bei der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz. Die Polemik des SpiFa sei insofern nicht zu verstehen.

Das sieht man in der Bundespsychotherapeutenkammer ebenso. Ärzte und Psychotherapeuten seien aufeinander angewiesen und müssten ohnehin zusammenarbeiten, auch im ambulanten Bereich. Dass hier ein Spaltpilz gestreut werde, sei nicht nachzuvollziehen.

Einen Keil zwischen ärztliche und psychologische Psychotherapeuten treiben zu wollen, sei nicht hilfreich, sagte Barbara Lubisch, Vorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) am Donnerstag der „Ärzte Zeitung“. Die Kooperation der Berufsgruppen habe sich positiv entwickelt.

Der am 3. Januar vorgelegte Entwurf aus dem Gesundheitsministerium stößt gleichwohl auf Kritik in der Ärzteschaft. Befürchtet wird unter anderem , dass auf der Ebene der Psychotherapeuten eine Art „Arzt light“ entstehen könnte.

So hat die Bundesärztekammer (BÄK) vorgebracht, dass die Psychologischen Psychotherapeuten das Versorgungsangebot zwar sinnvoll ergänzten, die ganzheitliche Diagnose und Therapie aber nicht ersetzen könnten. Sauer auf stößt den Vertragsärzten, dass die Haus- und Fachärzte über die Morbiditätsbedingte Gesamtvergütung (MGV) künftig die Weiterbildung der Psychotherapeuten möglicherweise mitfinanzieren sollen. Hierüber herrscht allerdings noch keine letzte Klarheit. Die Kammern und Verbände der Psychotherapeuten haben in diesem Zusammenhang darauf verwiesen, dass umgekehrt die Psychotherapeuten die Weiterbildung des ärztlichen Nachwuchses schon seit jeher mittrügen.

Die KBV wollte die Äußerungen des SpiFa am Donnerstag nicht kommentieren.

SpiFa will Druck aus Kessel nehmen

Der SpiFa fordert zudem, „Zeitdruck aus dem Verfahren“ zu nehmen. Die Ärzteschaft solle Gelegenheit erhalten, sich vom 28. bis 31. Mai auf dem 122. Deutschen Ärztetag 2019 in Münster mit „den sehr weit gehenden Veränderungen des Versorgungssystems zu beschäftigen“, hieß es in einer Pressemitteilung.

Ein Moratorium sei „kein prickelnder Gedanke“, sagte Waldherr. Nach zwölfjährigem Ringen um eine gesetzliche Regelung sei ein weiterer Aufschub nicht mehr nötig. Im Grundsatz halten die Verbände und Kammern den Gesetzentwurf für gelungen. Man hoffe auf einen baldigen Regierungsentwurf. Barbara Lubisch forderte den SpiFa auf, zu Dialog und und Kooperation zurückzukehren.Auch die Pläne, die Berufsgruppe perspektivisch mit der Erlaubnis, Psychophamaka zu verordnen, stoßen auf Widerstand.

Dass die Psychologischen Psychotherapeuten über Modellstudiengänge auch an das Verordnung von Psychopharmaka herangeführt werden sollen, gilt bei Ärzteverbänden und der Bundesärztekammer als Gefährdung der Patientensicherheit. Den Modellstudiengang Psychopharmakologie lehnen allerdings auch die derzeit aktiven Psychologischen Psychotherapeuten ab. „Das ist in dem dafür vorgesehenen Umfang des Studiums nicht leistbar, sagte Benedikt Waldherr, Vorsitzender des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten (bvvp).

Psychotherapeuten: Das soll sich ändern

  • Fünf Jahre Studium: Psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sollen ein 10-semestriges Studium mit anschließender Approbation absolvieren.
  • Weiterbildung: Sie soll künftig vergleichbar den Medizinern erfolgen und bezahlt werden.
Therapy conversation with the psychologist

Lauterbach will bessere Bezahlung für Psychotherapeuten

In der Debatte um Wartezeiten in der Psychotherapie fordert der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach eine höhere Bezahlung der Therapeuten. „Psychotherapeuten müssen für dringliche sowie besonders schwierige Fälle besser honoriert werden“, sagte Lauterbach dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (Donnerstagausgaben). Um die Wartezeiten zu reduzieren, müsse es zudem eine engere Vernetzung der Therapeuten untereinander und eine Kooperation mit Ärzten und Kliniken geben.

Lauterbach forderte zudem, die Zahl der zugelassenen Therapeuten zu erhöhen. „Wir haben in bestimmten Gegenden tatsächlich zu wenige Therapeuten. Darauf müssen wir reagieren“, sagte er. Die Aussage von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), wonach die Wartezeiten dort am längsten sind, wo es die meisten Therapeuten gebe, wies er zurück. „Man darf das nicht auf dieses platte Muster reduzieren“, sagte Lauterbach. Es könne zum Beispiel sein, dass die Menschen nicht dort zum Therapeuten gingen, wo sie wohnten, sondern wo sie arbeiteten. „Es lohnt also, genau hinzuschauen“, sagte er. Den Plan von Minister Spahn, zur besseren Steuerung die Patienten in extra Voruntersuchungen zu entscheiden, welche Hilfs- und Therapieangebote geeignet sind, lehnte Lauterbach erneut strikt ab. „Neue bürokratische Hürden würden vielmehr nur eines bewirken: Patienten abschrecken. Aber wahrscheinlich ist das auch genau der Sinn, der hinter dem Vorhaben steckt“, kritisierte er. „Wir wollen keine weiteren Hürden für seelisch hoch belastete Patienten schaffen, für die es ohnehin ein schwerer Schritt ist, sich behandeln zu lassen.“

Gesundheit: Lauterbach will bessere Bezahlung für Psychotherapeuten | wallstreet-online.de – Vollständiger Artikel unter:
https://www.wallstreet-online.de/nachricht/11206545-gesundheit-lauterbach-bessere-bezahlung-psychotherapeuten

Therapy conversation with the psychologist

WELCHE NEBENWIRKUNGEN HABEN PSYCHOTHERAPIEN?

Psychotherapie heißt übersetzt: Behandlung der Seele. Dabei gibt es unterschiedliche Therapieformen, die bei unterschiedlichen Krankheitsbildern angewendet werden: wie Angstzustände, Depressionen, Esstörungen, Süchte oder Lebenskrisen. Lange wurde diskutiert, ob Therapien nachweisbare Effekte haben. Das ist heute unstrittig. Inzwischen wird um etwas anderes gestritten: um Risiken und Nebenwirken. Damit befaßt sich eine Tagung in Jena.

Es ist eine echte Premiere: In Jena findet vom 1. bis 2. Februar 2019 die Tagung unter dem Titel „Risiken und Nebenwirkungen der Psychotherapie“ statt. Es sei in der Tat die erste Tagung in Deutschland, die sich komplett mit diesem Thema beschäftigt, sagt Prof. Bernhard Strauß, der Leiter des Instituts für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie an der Universität Jena. Aus seiner Sicht hat es einen Grund, warum die Risiken und Nebenwirkungen hier bisher eine eher untergeordnete Rolle spielten:

Weil Psychotherapie bekanntlich immer etwas skeptisch gesehen wurde.Prof. Bernhard Strauß

Und wegen dieser Skepsis, so Strauß, musste man über viele Jahrzehnte immer zeigen, dass man gut ist. „Und da wäre natürlich so eine offene Diskussion von riskanten Aspekten der Psychotherapie, die natürlich am Rande immer schon erfolgt ist, aber nicht in dieser Breite, eher schwierig gewesen.“

WAS GEHÖRT DENN AUF EINEN THERAPIE-BEIPACKZETTEL?

Risiken und Nebenwirkungen sind im allgemeinen Bewusstsein wohl eher in der klassischen Medizin zu Hause. Dort, wo operiert wird und wo Medikamente und Arzneimittel ins Spiel kommen. Genau so wie in diesen Bereichen gilt aber auch bei der Behandlungsmethode Psychotherapie: Positive Effekte gehen immer auch mit der Möglichkeit von Nebenwirkungen einher. Die Frage ist deshalb: Welche klassischen Nebenwirkungen würden auf einem Beipackzettel für Psychotherapie stehen, wenn es einen gäbe?

Für den Psychologen Strauß gehören dazu etwa die Bildung von neuen Symptomen, oder die Verstärkung von vorhandenen Symptomen. Auch das Gefühl von Überforderung kann eine Nebenwirkung sein.

In bestimmten sozialen Kreisen gilt es möglicherweise als schwierig, wenn man sich in Psychotherapie begibt.Prof. Bernhard Strauß

„Stigmatisierung kann also eine Nebenwirkung sein“, weiß Strauß, „oder dass sich eine psychotherapeutische Behandlung im sozialen Umfeld auswirkt. Dass man in der Therapie herausfindet, dass möglicherweise die aktuelle Partnerbeziehung für die Beteiligten nicht gut ist. Dass sich dann Veränderungen im sozialen Umfeld beispielsweise Trennungen ergeben.“

WERDEN PATIENTEN ÜBER DIE RISIKEN AUFGEKLÄRT?

Das sind natürlich ganz andere Nebenwirkungen als Durchfall oder Juckreiz. Wenn eine Möglichkeit der Behandlung eine zeitweise Verstärkung der Symptome oder gar die Ehescheidung ist, dann geraten viele Patienten sicher in eine enorme Zwickmühle. Findet vor einer Psychtherapie immer eine entsprechende Aufklärungt statt?

Wenn man das vorab nicht tut, würde man gegen das Patientenaufklärungsgesetz verstoßen.Prof. Bernhard Strauß

Mit einem depressiven Patienten muss man das natürlich besprechen, erklärt Prof. Strauß. Denn eine Therapie kann auch zu einer Krise führen, und diese möglicherweise zu Selbstmordgedanken. Auch hier ist es wie mit dem Beipackzettel. Die erwartete positive Wirkung der Behandlung steht meist einer überschauberen Aufzählung schrecklicher Nebenwirkungen gegenüber.

Professor Bernhard Strauss
Bildrechte: Uniklinik Jena / Szabor

Prävention: Was tun, wenn die Fantasie Gewalt fordert?

In Hannover gibt es ein besonderes Angebot, Sexualstraftaten zu verhindern. An dem Programm „I can change“ nehmen Männer aus allen Gesellschaftsschichten teil.

Ein beruflich erfolgreicher Manager, der seine schlafende Ehefrau nachts anal vergewaltigt und sich danach unendlich schämt. Ein Firmeninhaber, den sexuelle Gewaltfantasien erregen und der befürchtet, diese irgendwann in die Tat umzusetzen und dabei eine Frau zu verletzen oder gar zu töten.

Mit solchen Männern hat es die Psychotherapeutin Charlotte Gibbels zu tun. Sie ist Mitarbeiterin eines nach eigenen Angaben bundesweit einmaligen Projektes: Der Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Sexualmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) bietet Menschen mit unkontrollierter Sexualität und sexuellen Gewaltfantasien kostenlos das Therapieprogramm „I can change“ an, um sexuelle Gewalt zu verhindern.

„Das sind keine Monster, sondern Menschen, die teilweise weinend vor mir sitzen und unter ihrer Sexualität leiden. Ihre erste Frage ist, warum sie diese Fantasien haben. Es gibt nicht die eine Begründung dafür“, sagt Gibbels, die jüngst auf der MHH-Tagung „Sex, art & violence. Prävention ist möglich!“ in Hannover sprach. „Bei dem Mann, der seine Frau mehrfach vergewaltigte, stellte sich in Gesprächen heraus, dass der Druck umso größer ist, je weniger er sich seinen eigenen Problemen stellt. Seit zwei Jahren ist er bei mir, seitdem hat er seine Frau nicht mehr vergewaltigt“, berichtet Gibbels.

Einzelgespräche zur Prävention sexueller Gewalt

Die Empathiefähigkeit erhöhen, die Kommunikation verbessern, den Umgang mit Emotionen üben, soziale Beziehungen ausbauen, Aktivitäten fördern, die den Betroffenen guttun (wie Sport oder Yoga) – dies soll in den alle ein bis zwei Wochen stattfindenden Einzelgesprächen zur Prävention sexueller Gewalt beitragen. Dazu gehört auch die Aufstellung eines Notfallplans. „Viele der Männer waren bereits in einer Psychotherapie, wo sie sich aber nicht getraut haben, über ihre Sexualität zu sprechen“, sagt Gibbels.

Ihr Kollege Jonas Kneer weiß aus vielen Gesprächen, dass Betroffene oft versuchen, ihre Fantasien zu unterdrücken und sie dann umso stärker werden. „Für uns ist das Handeln entscheidend. Es kann Menschen helfen zu lernen, ihre sexuellen Fantasien zu akzeptieren, damit diese gerade nicht zur Realität werden“, sagt Kneer.

Nach seinen Angaben haben seit Beginn des Programms vor zwei Jahren 25 Männer mit einer Therapie begonnen, von denen 17 zuvor bereits sexuelle Übergriffe begangen hatten. Die Betroffenen kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Zwei Drittel leben in einer festen Partnerschaft. Manche wohnen außerhalb Niedersachsens und nehmen teils lange Anfahrtswege nach Hannover auf sich.

Psychologie: Hilfesuchende kommen freiwillig

„Wir stehen unter Schweigepflicht und dürfen sie nur brechen, wenn uns gegenüber schwerste Straftaten angekündigt werden. Solche Fälle hatten wir bisher noch nicht“, sagt Professor Tillmann Krüger, ärztlicher Projektleiter. Für den Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde ist wichtig, dass die Hilfesuchenden freiwillig kommen.

Nicht aufgenommen werden Personen, gegen die aktuell ein Ermittlungsverfahren wegen eines sexuellen Übergriffs läuft oder bei denen eine Behandlungsauflage aufgrund einer verübten Sexualstraftat besteht. Das Therapieangebot richtet sich auch an Menschen mit exzessivem Konsum von Pornografie, die sich häufig selbst befriedigen. „Für manche ist das der Anfang von sich steigernden Gewaltfantasien“, sagt Krüger. Nach seinen Angaben werden in einem Viertel der Fälle vorübergehend auch Medikamente eingesetzt.

Mehr als 56.000 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung

Im Sommer läuft das vom niedersächsischen Sozialministerium unterstützte Programm aus. Krüger: „Bei ein bis zwei Personen steht der erfolgreiche Abschluss der Therapie bevor. Bei anderen hören die Probleme nicht auf. Deswegen ist die weitere Förderung nötig.“

Mehr als 56.000 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wurden 2017 in Deutschland registriert – Experten gehen davon aus, dass nur in fünf Prozent der Fälle von sexueller Gewalt überhaupt eine Anzeige erstattet wird.

Weitere Informationen gibt es unter praevention-sexueller-gewalt.de. Für Personen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, bietet die MHH ein weiteres Therapieprogramm an. Näheres dazu unter kein-taeter-werden.de.

Psychotherapie hilft am besten bei Binge-Eating-Störungen

Ein Forschungsteam der Leipziger Universitätsmedizin hat in einer Studie gezeigt, dass Psychotherapie die größten und langanhaltendsten Effekte bei der Behandlung einer Binge-Eating-Störung hat. Andere Behandlungsmethoden schnitten im Vergleich schlechter ab.

Eine Studie der Universität Leipzig hat die Wirksamkeit von Psychotherapie bei der Behandlung von Binge-Eating-Störungen bestätigt. Laut Universität schnitten Gewichtsreduktions-, pharmakologische und Selbsthilfebehandlung im Vergleich schlechter ab. Das Team um Anja Hilbert vom IFB AdipositasErkrankungen untersuchte in einer groß angelegten Analyse die Effektivität der unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten. „Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Zahl der Studien zur Behandlung der Binge-Eating-Störung fast verdoppelt. Unsere Studie fasst zusammen und bestätigt, verfeinert und erweitert frühere Erkenntnisse“, so Hilbert.

Vor allem die Kognitive Verhaltenstherapie erwies sich in der Behandlung der unkontrollierten Essanfälle als besonders effektiv. Im Vergleich zu unbehandelten Probanden litten mit Psychotherapiebehandelte Patienten mit einer zehnfachen höheren Wahrscheinlichkeit nicht mehr unter Essanfällen. „Auch langfristig waren die Therapie-Erfolge nachweisbar“, sagte Hilbert.

Die anderen Therapieformen schnitten im Vergleich schlechter ab. Die Adipositasverhaltenstherapie zur Gewichtsreduktion war deutlich uneffektiver und auch die Selbsthilfe, bei der Patienten Informationsmaterial zur Essstörung erhielten, hatte schwächere Effekte. Bei der Behandlung mit Pharmaka gab es nur eine zweifach erhöhte Wahrscheinlichkeit, nach Behandlungsende nicht mehr unter Essanfällen zu leiden.

Bei einer Binge-Eating-Störung leiden Betroffene unter regelmäßig wiederkehrenden Essanfällen. Sie nehmen innerhalb kurzer Zeit deutlich mehr Nahrung zu sich und haben das Gefühl, die Kontrolle über ihr Essverhalten zu verlieren. Begleiterscheinungen sind häufig ein geringes Selbstwertgefühl, andere psychische Störungen sowie Fettleibigkeit.

„Depression ist ein Massenthema“

Jeder zweite Psychotherapie-Patient bekommt keine Behandlung. Nora Blum hat ein Online-Portal zur Selbsthilfe aufgebaut.

Frau Blum, wie geht’ s Deutschland, psychisch gesehen?

Nora Blum: Verbesserungswürdig. Es gibt in Deutschland noch immer sehr viele Menschen, die unter psychischen Erkrankungen leiden. Um die zehn Millionen Menschen haben Angststörungen und Depressionen. Diese Zahl ist seit Langem in etwa konstant, nur die Offenheit ist größer geworden. Die Anzahl derer, die Hilfe in Anspruch nehmen wollen, steigt. Viele davon bekommen diese Hilfe aber nicht.

Sie kommen aus einer Familie von Psychologen, richtig?

Meine Mutter ist Psychotherapeutin, mein Onkel Psychoanalytiker. Mein Bruder ist mittlerweile Life-Coach. Bei uns zu Hause am Esstisch war Psychologie ständig Thema. Meine Mutter hat uns schon früh Techniken beigebracht, wie wir es selbst schaffen, uns besser zu fühlen. Zum Beispiel, wenn ich nicht schlafen konnte.

Was haben Sie dann gemacht?

Viele Menschen geraten in eine Gedankenspirale. Das kennt jeder: Was muss ich morgen alles machen, hab ich dies und jenes bedacht? Es ist ein einfacher Trick, aber er hilft: vor dem Schlafengehen seine Gedanken externalisieren. Alles aufschreiben, dann ist das Wirrwarr nicht im Kopf, und auch hinzufügen, was man tun will, damit alles funktioniert. Ich war immer schon proaktiv, um zu schauen, wie ich Dinge ändern kann. Ich habe zum Beispiel eine Liste meiner Ressourcen angelegt, die half mir, wenn ich traurig war. Ich bin davon überzeugt, dass das eine gute Präventivarbeit gegen psychische Erkrankungen ist.

Was kam noch am Esstisch zur Sprache?

Gefühle wurden immer ausdiskutiert. Ich habe das als Privileg empfunden. Ich wurde zwar bedauert, schließlich ist meine Mutter auch Paar- und Sexualtherapeutin. Aber wenn meine Freundinnen bei uns anriefen, wollten sie oftmals nur mit ihr sprechen. Sie meldeten sich wegen ihres Liebeskummers, und dann schrieb meine Mutter mit ihnen Listen.

Ihr Berufswunsch war also früh klar?

Ich konnte gar nicht verstehen, wie jemand etwas anderes als Psychologie machen wollen könnte. Für mich gab es immer schon nichts Spannenderes als herauszufinden, warum wir uns so verhalten, wie wir uns verhalten. Ich habe die Entscheidung nie bereut, das Fach zu studieren. Ich fand alles spannend.

Dafür brachten Sie ein gutes Abitur mit?

Ich war schon immer eine Streberin. Ich habe einfach gerne gelernt. Ich habe die Abiturnote 1,0 gemacht und wurde deshalb für ein Stipendium vorgeschlagen. Ich habe dann im englischen York meinen Bachelor gemacht und bin für den Master nach Cambridge gegangen. Dort hatten viele Psychologen, die ich bewunderte, studiert. Ich habe mich auf Sozialpsychologie und Hirnforschung fokussiert. Um das Stipendium zu behalten, musste ich stets zu den besten zehn Prozent gehören.

Was kam danach?

Ich wollte nicht direkt in die Klinische Psychologie. Und eigentlich wollte ich erst einmal etwas anderes, Aufregendes machen. So bin ich beim Startup-Inkubator Rocket Internet gelandet, in der Abteilung, die die unterschiedlichen Unternehmen aufbaut.

Ganz ohne betriebswirtschaftliche Kenntnisse?

Ich musste in kurzer Zeit sehr viel lernen. Das hat mir als Gründerin später sehr geholfen. Mein erstes Projekt war gleich Foodora. Die wuchsen rasend schnell, jede Woche verdoppelte sich die Mitarbeiterzahl. Meine Mutter meinte schon zu mir: Es ist ja in Ordnung, wenn du viel arbeitest, aber muss es unbedingt ein Essens-Lieferservice sein? Und auch ich dachte mir, dass ich eigentlich gerne wieder etwas mit Psychologie machen wollte.

Sie bekamen die Idee für Ihr Online-Soforthilfe-Portal gegen psychische Belastungen.

An Selfapy arbeitete ich zu der Zeit schon intensiv am Wochenende. Das Versorgungsdefizit in Deutschland ist riesengroß. Jeder zweite Patient bekommt keine Behandlung. Die Wartezeit beträgt im Schnitt fünf Monate. In der Psychia­trie, in der ich ein Praktikum gemacht hatte, wurden Menschen nur aufgenommen, wenn sie knapp vorm Suizid standen.

Nun geht es ja nicht allen Therapiebedürftigen so schlimm.

Jeder zweite Mensch erkrankt mindestens einmal im Leben an einer depressiven Episode. Das ist ein Massenthema. Meine Mitgründerin Katrin Bermbach arbeitete in der Charité Berlin. Ihre Hauptaufgabe war es, Therapieplätze abzusagen! Obendrein ist die Hemmschwelle groß. Im Studium habe ich erlebt, wie viele abgebrochen haben, weil der psychische Druck zu groß wurde. Wir haben uns gedacht: Es muss eine nie­drigschwellige Beratung geben, die sofort hilft, ein Online-Programm mit psychologischer Begleitung. An der Charité fing Katrin dann an, erste Kurse zu ­schreiben.

Ihr Online-Portal fing also ganz analog an?

Wir haben Bücher gewälzt und forschungsbasierten Content geschrieben, den wir mit den Charité-Professoren abgeglichen haben. Dann haben wir den Fragebogen kostenlos auf einer E-Learning-Plattform angeboten. Schon damals haben wir den Patienten angeboten, zusätzlich einmal die Woche ein Telefongespräch mit PsychologInnen führen zu können. Das waren damals nur wir beide. Das wurde sehr gut angenommen. Schließlich haben wir den Sprung ins kalte Wasser gewagt und ich habe bei Rocket Internet gekündigt. Die Tage waren lang, aber es hat unglaublich viel Spaß gemacht.

Ist das nicht eine Krankheit unserer Zeit, dass keiner mehr weiß, wo die Arbeit aufhört und wo die Freizeit anfängt?

Der Job soll heutzutage Selbstverwirklichung sein. Das ist schon so. Da muss man ein gutes Mittelmaß finden. Ich nehme mir mittlerweile auch mal Tage, an denen ich keine Mails beantworte. Aber Selfapy ist meine große Liebe, das Unternehmen habe ich immer im Kopf. Das ist gut, wenn es gut läuft, aber wenn es Probleme gibt, fällt es mir schwer, mich davon zu lösen.

Nun sind Sie Geschäftsführerin, mit 27 Jahren.

Der Titel bedeutet eigentlich nur, dass ich für alles zuständig bin. Heute fokussiere ich mich auf die Zusammenarbeit mit den Investoren und Krankenkassen. Wir müssen denen 113 gesetzliche Verträge vorlegen, dazu kommen 30 private. Ich tingele dafür durch das ganze Land. Es gibt ja so viele Kassen! Bisher übernimmt nur ein Teil davon die Kosten unserer Programme.

Im Schnitt kosten Ihre begleiteten Programme 100 Euro im Monat. Was ist, wenn Bedürftige das nicht zahlen können?

Wer es sich wirklich nicht leisten kann, der bekommt Rabatt. Wir wollen keine Abstriche machen, was die Wirksamkeit der Programme angeht. Wir sind kein Social-Profit-Unternehmen, aber unser Hauptziel ist auch nicht die Profitmaximierung. Investoren sind meist nicht begeistert davon, dass wir die kostenintensive telefonische Betreuung anbieten. Aber wir wollten nie ein reines Tech-Produkt machen. Menschlicher Kontakt ist wichtig.

Sie werben mittlerweile nicht mehr mit dem Begriff „Online-Therapie“.

Das ist kein geschützter Begriff, aber wir wollen nicht missverstanden werden. Wir bieten keine Psychotherapie an, das können nur approbierte Therapeuten face-to-face leisten. Für uns arbeiten Psychologen in Ausbildung, die parallel in Kliniken arbeiten. Für die ist das ein guter, flexibler Nebenjob.

Können denn unfertige Therapeuten mit schwerkranken Patienten umgehen?

Wir fragen immer mögliche Suizid-Absichten ab. Wer apathisch wirkt oder bestimmte Schlüsselwörter äußert, wird gleich an Kliniken weitergeleitet. Die Gespräche sollen keine Psychotherapie ersetzen, das ist per Telefon gar nicht zu leisten. Wir geben so eine Rückmeldung zum Online-Programm und motivieren, weiterzumachen. Es ist ein Selbsthilfeprogramm, das nur durch aktive Mitarbeit des Nutzers funktioniert und nachhaltig ist, weil man sich die Strategien selbst aneignet.

Was macht man so in Ihren Programmen?

Man lernt Strategien, die einem helfen, sich besser zu fühlen, zum Teil ganz banale Dinge, die aber viele nicht hinbekommen. Sich mit seinen Stärken befassen! Wer in einer Krise ist, vergisst die positiven Dinge um sich herum.

Sie haben auch ein Programm gegen Burn-Out. Ist das nicht bloß ein Modewort für „Depression“?

Das beobachten wir auch. Viele Nutzer buchen unser Burn-Out-Programm, und dann schieben wir sie im Verlauf in das Depressions-Programm. Burn-Out ist keine diagnostizierte Krankheit, aber es ist eine Sub-Form einer Erschöpfungsdepression.

Sie bieten auch Unternehmen psychologische Unterstützung an.

Es sind schon einige auf uns zugekommen, denn psychische Erkrankungen sind mittlerweile der zweithäufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit. Das Angebot von Betriebspsychologen wird oft nicht wahrgenommen. Unser Programm ist niederschwellig und anonym. Und die Firma zahlt.

Hätten Sie ein Problem, wenn es auf einmal genug reguläre Therapieplätze für alle gäbe?

Es wird immer einen Bedarf für Online-Therapie geben. Wir behandeln auch Menschen, die normalerweise keine Therapie machen würden. Die schätzen die Flexibilität und brauchen gar keine richtige Gesprächstherapie. Unsere Übungen kann man per App auf dem Weg zur Arbeit machen.

Was haben Sie noch vor mit Selfapy?

Wir wollen das Thema Sucht angehen, aber auch Zwangsstörungen. Schizophrenie würden wir gerne behandeln, auch wenn es schwierig ist. Posttraumatische Belastungsstörungen würden sich dagegen gut online behandeln lassen.

Haben Sie selbst Zwänge und Süchte?

Eigentlich nicht. Ich fühle mich durch meinen Hintergrund sehr gut gewappnet. Ein kleiner Zwang vielleicht: Ich telefoniere noch immer jeden Tag mit meiner Mutter. Da bin ich ganz Mamakind.

Sie wohnen und arbeiten mittlerweile in Berlin. Da sind Sie ja in guter Start-Up-Gesellschaft.

Ich wohne seit vier Jahren in einer Siebener-WG. Alle meine MitbewohnerInnen sind selbständig. Das Berliner Umfeld hat mich schon geprägt: Mach dein Ding, und wenn du fällst, dann fällst du eben – und machst was anderes.

Haben Sie auch das Nachtleben der Hauptstadt für sich entdeckt?

Die Techno-Szene ist nicht so meine. Ich höre vor allem deutschen Schnulzpop, also Philipp Poisel und Co. Meine Freunde meinen, davon würden sie depressiv werden. Aber ich finde das schön.

Krankenkasse muss Barthaarentfernung bei Transsexueller bezahlen

Wenn eine Transsexuelle ihre Barthaare bei einer Kosmetikerin entfernen lässt, muss die Krankenkasse die Kosten dafür übernehmen. Das geht aus einem heute veröffentlichten Urteil des Sozialgerichts Hannover hervor (Az.: S 86 KR 384/18). Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Zugrunde lag das Verfahren einer 1972 als Mann geborenen Frau aus Hannover, der 2015 von einem Arzt Transsexualität bescheinigt worden war. Die Krankenkasse hatte ihren Antrag auf Kostenübernahme abgelehnt und geltend gemacht, dass die Frau einen Vertragsarzt in Anspruch nehmen müsse.

Starker Bartwuchs habe der Klägerin in der Bewältigung der neuen Rolle Schwierig­keiten bereitet, teilte das Gericht hingegen mit. Eine Nadelepilationsbehandlung durch einen Hautarzt habe zu einem deutlich verschlechterten entzündlichen Hautbild geführt. Dagegen habe das Entfernen der Barthaare bei einer Elektrologistin – also einer Kosmetikerin mit entsprechender Ausbildung – keine entzündlichen Hautreaktionen mit sich gebracht.

Das Sozialgericht Hannover folgte der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts, wonach transsexuelle Versicherte Anspruch auf geschlechtsangleichende Behandlungen zur Minderung ihres psychischen Leidensdrucks haben. Der Hautarzt hatte der Frau den ausgeprägten Bartwuchs im Gesicht bescheinigt. 

Barthaare

Online-Therapie gelingt Schritt in den GKV-Markt

E-Health-Startups kann es durchaus gelingen, im GKV-Markt Fuß zu fassen. Bei der Vorstellung mehrerer Angebote von Startups beim BMC-Kongress wurde deutlich, dass der Weg über die Erstattung als Kassen-Satzungsleistung am leichtesten gangbar ist. Dafür ein Beispiel ist die psychologisch begleitete Online-Therapie des Berliner Unternehmens Selfapy.

Das Startup ist mit dem Ziel aufgebaut worden, Versorgungslücken zu schließen, indem Wartezeiten auf einen Therapieplatz durch die Online-Therapie überbrückt werden, berichtete Farina Schurzfeld, Gründerin von Selfapy beim BMC-Kongress.

„Wir wollen die Psychotherapie nicht ersetzen, wir wollen, dass die Wartezeit für die Patienten nicht verloren ist, dass die immer noch vorhandene Hemmschwelle, einen Psychotherapeuten zu konsultieren, abgebaut wird, und wir wollen eine bessere Nachsorge über unser Angebot ermöglichen“, so Schurzfeld. Das Besondere an diesen Angebot: Zusätzlich zum Online-Angebot sprechen Patienten bei Selfapy einmal wöchentlich auch mit einem Psychologen.

30 Psychologen seien mittlerweile im Team von Selfapy. Das Resultat seien hohe Durchhaltequoten bei der Online-Therapie von über 90 Prozent sowie eine Symptomreduktion um 35 Prozent, was vergleichbar mit klassischer Psychotherapie sei.

Das Angebot sei bei den Krankenkassen zunächst auf wenig Resonanz gestoßen. Doch sei klar gewesen: „Ohne Unterstützung der Kassen erreichen wir die Patienten nicht“, erläuterte Schurzfeld. Mit Hilfe von Gesundheitsminister Jens Spahn habe man am Ende auch das zunächst blockierende Bundesversicherungsamt überzeugt.

Mittlerweile könnten sich 14 Millionen gesetzlich Versicherte die Kosten für die Leistung erstatten lassen. Auch Hausärzte wolle das Unternehmen ansprechen, um mehr Patienten zu erreichen. Immerhin würden 80 Prozent der psychischen Diagnosen in Hausarztpraxen gestellt, sagte die Startup-Gründerin.